Archive pour Juni 2010

Die Armut in der Schweiz : eine Kinderangelegenheit

21 Juni 2010

In der Schweiz, im Jahr 2006, schlägt die Eidgenössische Kommission für Kinder- und Jugendfragen (EKKJ) Alarm, als sie “die zunehmende materielle Unsicherheit [anprangert], von der ein wichtiger und unvermuteter Teil der Gesellschaft betroffen ist: (…) fast 45% der Sozialhilfeempfänger/innen in der Schweiz sind heute Kinder und Jugendliche. Um diese besorgniserregende und oft verkannte Realität zu erhellen, rückt die EKKJ Kinder und Jugendliche in den Mittelpunkt. Sie sollen nicht mehr nur als Teil einer armutsbetroffenen Familie, sondern für sich selbst wahrgenommen werden.”

2008 bleibt die Situation der Kinder (1) in der Schweiz besorgniserregend. Wie es die im April 2010 veröffentlichten Statistiken zeigen, sind 4,4% der Kinder zwischen 0 und 17 Jahren Sozialhilfeempfänger/innen und somit die von der Armut am stärksten betroffene Alterskategorie. Tatsächlich reduziert sich dieser Prozentsatz für die Gesamtheit der Bevölkerung auf 3,7% (BFS, April 2010, S.10).

In seiner am 30.03.2010 vorgestellten Gesamtschweizerischen Strategie zur Bekämpfung der Armut, zieht der Bundesrat diese Situation in Betracht. Die Priorität wird klar dem Kind gegeben. „Gerade der Aspekt der eingeschränkten Entwicklungsmöglichkeiten ist bei Kindern im Vergleich zu anderen armutsgefährdeten Bevölkerungsgruppen von besonderer Bedeutung, weil dadurch auch die Zukunftschancen der Kinder beeinträchtigt werden“.

Somit schlägt der Bundesrat in den ersten beiden Kapiteln (Kinder in armutsbetroffenen Familien, Übergang in die Berufsausbildung und ins Erwerbsleben) Massnahmen zur Verbesserung der Lage der selbigen Kinder vor. Im 3. Kapitel stellt er Empfehlungen zum Wohle der sich in Ungewissheitslage befindlichen Familien auf und berücksichtigt somit alle Aspekte im Leben der Kinder.

Die Strategie des Bundesrates beinhaltet einen weiteren wichtigen Aspekt. Sie wurde mit der Mitwirkung von in Armut lebenden Personen ausgearbeitet. ATD Vierte Welt hat diese Hinzuziehung koordiniert. Dank dieser Vorgehensweise konnten mehrere ihrer Forderungen erfasst werden (Pressemitteilung vom 31.03.2010).

Dennoch hat der Bundesrat bei dieser Hinzuziehung nicht nach der Meinung der betroffenen Kinder gefragt, wie dies von der Kinderrechtskonvention (Art. 12) gefordert wird. Umso mehr, als dass es sich um die am stärksten von diesem Phänomen betroffenen Alterskategorie handelt. Nur eine Gruppe von Jugendlichen wurde befragt, und dies noch auf indirekte Weise.

Die Teilnahme der Kinder zur Erarbeitung von Armutsbekämpfungsmassnahmen ist unerlässlich. Dass man diesen Kindern erlaubt ihre Ansicht mitzuteilen, trägt zu einem besseren Verständnis des Problems bei. Zudem setzt das Kind in seinem alltäglichen Leben Mechanismen um, die ihm helfen diese Situation zu verkraften. Aus der Untersuchung dieser Mechanismen kann man Schutz- und Risikofaktoren herausholen. Soziale Massnahmen, welche die Schutzfaktoren stärken und den Einfluss der Risikofaktoren minimieren, können dann extrapoliert werden, indem sie die Bekämpfungsstrategie wirksamer machen.

Die EKKJ gibt 2006 in ihrem Bericht „Jung und arm: das Tabu brechen!“ den in Armut lebenden Kindern das Wort. Das was daraus resultiert ist eine Sichtweise des Kindes, die abweicht von der des passiven Opfers das man sich vorstellt: „Diese Aussage verweist darauf, dass viele der befragten Kinder und Jugendlichen sich selbst nicht als „arm“ fühlen. Vielmehr betonen die (…) befragten Jugendlichen häufig die Ressourcen und Potentiale, die es ihnen ermöglichen, sich auch unter widrigsten Umständen zu behaupten“.

Somit stellt die gesamtschweizerische Strategie zur Bekämpfung der Armut ein grosser Fortschritt in der Wahrnehmung der Armut allgemein und des übermittelten Kinderbildes dar: einer vollwertigen Person mit politischen, sozialen, wirtschaftlichen und juristischen Interessen, welche von denen ihrer Familie abweichen können. Der nächste Schritt wird es sein, ihre Partizipation in der Erarbeitung der sie betreffenden Politiken und Programme zu integrieren. Dies wird es ermöglichen, das Kind nicht nur als Erwachsenen im Werdegang zu betrachten, sonder auch als eine Person der Gegenwart und als einen aktiven Akteur der Gesellschaft.

Clara Balestra, 21.06.2010

Sozialhilfe 2010, 19.06.12

(1)   Das Wort “Kind” bezeichnet jeden Menschen, der das achtzehnte Lebensjahr noch nicht vollendet hat (Art. 1 KRK).

(2)   Die Jugendlichen aus der Welschen Schweiz von ATD Vierte Welt haben bei der Abfassung des Dossiers mitgewirkt, das Vertreter von in Armut lebenden Personen aus der ganzen Schweiz zum Anlass des „Welttags zur Überwindung der Armut“ zu Händen der Bundesratspräsidentin Micheline Calmy-Rey realisiert haben. Dieses Dokument wurde besonders in der schweizerischen Strategie zur Bekämpfung der Armut in Betracht gezogen.

(3)   Van der Hoek Tamara (2005), Trough Children’s Eyes : An Initial Study of Children’s Personal Experiences and Coping Strategies Growing Up Poor in a Affluent Netherlands, Innocenti Working Paper No 2005-05, Firenze, UNICEF Innocenti Research Centre, 2005.

Kinderrechte : Nachdenken über das Wohlwollen

15 Juni 2010

Blagena Ramoni, Assistentin-Doktorandin am Institut Universitaire Kurt Bösch.

Seit den 50er Jahren hat es die wissenschaftliche Forschung ermöglicht, auf die verheerenden Auswirkungen der Gewalt gegen Kinder aufmerksam zu machen. In der Kinderrechtskonvention (KRK) bezwecken die Artikel 19, 32, 33, 34, 35, 36, 37, 38 und 39, das Kind gegen jegliche Formen der Gewalt zu schützen. Experten aus verschiedenen Fachgebieten werden aktiv und der Schutz der Kinder ist heutzutage zu einer regelrechten Herausforderung für die Gesellschaft geworden.

Wie formuliert man die Begriffe „Wohlwollen“ und „Misshandlung“? Das Konzept des „Wohlwollens“ ist ziemlich neu, da es in den 90er Jahren gekeimt hat; eine solche Verhaltensweise war wiederum schon gut in der Erziehungspraxis verankert, auch wenn sie diesen Namen noch nicht trug. Das Wohlwollen zielt darauf ab, dem Kind die Bedingungen zu geben, die seine körperliche, seine moralische, seine geistige und seine soziale Entwicklung begünstigen. Für Francesca Flamand, Gründerin des Instituts des Wohlwollens, ist „der in die Tat umgesetzte Respekt des Kindes daher der, das Kind zu respektieren, indem man ihm die Mittel gibt, begehrendes Subjekt und Akteur seines Lebens zu sein und indem man es als eine sich entwickelnde Person betrachtet, als eine Ansprechperson die man empfängt, an die man sich wendet und mit der man sich mit geistigem, körperlichem und gefühlsmässigem Respekt gegenüber benimmt“. Es scheint grundlegend, dass man das Kind als einen sozialen Akteur betrachtet und dass man es respektiert. Die Verwirklichung der Kinderrechte würde darin bestehen, dass man jedem Kind die Möglichkeit bietet, sich zu entfalten, es miteinzubeziehen und es ihm jeden Tag zu ermöglichen, bei Beschlüssen die es betreffen dabeizusein, sowie entsprechend seinen Fähigkeiten und seinem Alter, sich selbst  verwirklichen zu können.

Ist Wohlwollen das Antonym von Misshandlung? Wenn man es genauer betrachtet, kann man behaupten, dass dies nicht der Fall ist. Wohlwollen geht weit über den Begriff der Misshandlung hinaus; folglich ist ein Kind, das keine Misshandlung erfährt noch lange kein Kind, dem Wohlwollen zukommt! Um wieder auf die Worte von Patricia Chalon zurückzugreifen: „Wohlwollen ist dieses kleine Extra, das den ganzen Unterschied ausmacht, dieses kleine winzige Detail, welches aus dem anderen, wer es auch sei, ein achtbares Individuum macht, dessen Bedürfnisse und Wünsche Gehör finden und denen man Rechnung trägt.“  Somit liegt zwischen den beiden Enden eines Kontinuums eine ganze Bandbreite an Einstellungen.

Dieser Begriff ermöglicht es, das Nachdenken über die Erziehung im Allgemeinen wirklich anzuregen. Aber wie kann man seinen Kindern gegenüber wohlwollend sein? Sie werden etwas enttäuscht sein festzustellen, dass es keine Gebrauchsanleitung oder Wunderrezept gibt, das man anwenden könnte, aber vielmehr gibt es mehrere Spuren zur Reflexion. Man würde damit beginnen, indem man das Wohl und die Gesundheit des Kindes ins Zentrum der menschlichen Prioritäten setzt. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse haben es ermöglicht aufzuzeigen, dass das Kind nicht nur physiologische Bedürfnisse hat, sondern ebenfalls affektive, kognitive, soziale und Wertbedürfnisse hat. Diese Bedürfnisse sind grundlegend für seine Entwicklung und verändern sich entsprechend dem Alter. Somit müsste eine wohlwollende Antwort auf die Entwicklung des Kindes Rücksicht nehmen, auf seine grundlegenden Bedürfnisse und sich am Rhythmus des Kindes anpassen. Das Wohlwollen ermöglicht es, die Selbständigkeit und die Ressourcen des Kindes zu vergrössern, um ihm zu gestatten, sich den Ereignissen des Lebens zu stellen. Diese Betrachtungen machen die Herausforderung Eltern zu sein, genauso spannend wie komplex. Vorsicht, dass man diese Äusserungen nicht ableitet, um sie missbrauchend gegen die Eltern anzuwenden. Ganz im Gegenteil, müssen die Eltern in den Genuss einer „wohlwollenden“ Unterstützung seitens der Gemeinschaft kommen, damit sie ihre Elternrolle bestmöglich ausüben können.

Abschliessend sei gesagt, dass das Wohlwollen nicht nur eine Familienangelegenheit ist, da sie auch die Schule, die Gemeinschaft, die Gesellschaft und die Kultur betrifft. Wir sind also alle direkt vom Wohlwollen betroffen!

Über die Kinderprostitution

8 Juni 2010

Leitartikel von Herr Jean Zermatten, Vizepräsident der Sarah Oberson Stiftung und des Kinderrechtskomitees der Vereinten Nationen, Leiter des Internationalen Instituts der Rechte des Kindes (IDE)

Der Druck auf das eidgenössische Parlament, damit dieses – endlich – die Prostitution der Minderjährigen ab dem 16. Lebensjahr verbiete, wird immer grösser. Mehrere parlamentarische Vorgehensweisen wurden vorgestellt, insbesondere von der Sozialistin Chantal Galladé, den CVPlern Luc Barthassat und Viola Amherdt und dem Grünen Luc Recordon. Natürlich muss man zuerst staunen, dass diese Situation möglich ist; was es einer welschen Zeitung ermöglicht hat, kürzlich einen Artikel mit den Worten „Die jüngsten Callgirls der Welt“ zu beginnen! Fabelhafter Rekord….

Man wundert sich, dass es parlamentarischer Interventionen bedarf, wo doch unser Land an seine internationalen Verpflichtungen gebunden ist, namentlich an die 1997 von der Schweiz signierten und ratifizierten Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen und and das Zusatzprotokoll zu dieser Konvention, über den Verkauf von Kindern, die Kinderprostitution und über die die Kinder in Szene setzende Pornographie. Dieses Zusatzprotokoll wurde 2006 ebenfalls von der Schweiz signiert und ratifiziert. In Bern hat man ein etwas kurzes Gedächtnis!

Es scheint mir notwendig zu sein, daran zu erinnern, dass die Konvention in seinem 34. Artikel die Verpflichtung für die Vertragsstaaten fixiert hat, sich zum Schutz des Kindes vor allen Formen sexueller Ausbeutung und sexuellen Missbrauchs einzusetzen. Zu diesem Zweck treffen die Vertragsstaaten insbesondere alle geeigneten Massnahmen, um zu verhindern, dass Kinder zu Prostitutionszwecken oder zu anderen illegalen sexuellen Praktiken ausgebeutet werden.

Fürs Protokoll geht man noch weiter, da Artikel 2 ganz klar die Kinderprostitution als die Benutzung eines Kindes bei sexuellen Handlungen gegen Bezahlung oder jede andere Art der Gegenleistung beschreibt; und da Artikel 3 dieses Protokolls jedem Vertragsstaat auferlegt, die Handlungen und Tätigkeiten wie das Anbieten, das Beschaffen, das Vermitteln oder das Bereitstellen eines Kindes zu Kinderprostitutionzwecken, strafbar zu machen (also in vollem Umfang durch das Strafrecht erfasst) und verlangt, dass diese Straftaten mit angemessenen Strafen bedroht werden, die der Schwere der Taten Rechnung tragen.

Muss man wiederholen, dass von seiner Geburt an bis zum 18. Lebensjahr, das Kind als jeder Mensch erachtet wird? Dies besagt der erste Artikel der Konvention. Man argumentiert, dass die sexuelle Volljährigkeit in der Schweiz auf 16 Jahre festgesetzt ist und dass ein(e) Heranwachsende(r) frei sei, sich der Prostitution hinzugeben. Dies scheint mir sehr fragwürdig zu sein. Die Limite von 16 Jahren ist keine sexuelle Volljährigkeit, aber eine Limite des unbedingten Schutzes vor den Handlungen wider die sexuelle Integrität; es ist nicht eine offene Tür für x-beliebiges Verhalten. Ausserdem hat die Schweiz weder Vorbehalte zur Frage der Bezeichnung des Kindes (Art. 1) geäussert, noch eine interpretative Aussage gemacht. Infolgedessen, müssen alle Kinder bis zum 18. Lebensjahr, vollständig gegen jegliche Form von Ausbeutung, insbesondere gegen die sexuelle Ausbeutung, geschützt werden.

Weiterhin behauptet man, dass das Kind, das älter als 16 ist und sich prostituiert, sein Einverständnis gegeben hat. Dabei vergisst man, dass das Einverständnis zu Handlungen, die ein Kind seiner Rechte berauben irrelevant ist. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat mehrmals geurteilt, dass es unmöglich ist, rechtsgültig einer Praktik zuzustimmen, die als ein schwerwiegender Verstoss gegen die Menschenrechte erachtet wird. Dies gilt für Erwachsenen; folglich erst recht für Kinder; weit mehr, da diese ihre Rechte noch nicht voll ausüben können.

Man muss also nicht auf die Schweizer Unterschrift der Konvention des Europarates über den Schutz der Kinder gegen die sexuelle Ausbeutung von 2007 warten (alles in allem hervorragend und deren baldige Ratifizierung uns freuen würde), um Massnahmen zu treffen, die man schon seit 13 Jahren hätte anwenden sollen.

Glücklicherweise sind einige Parlamentarier auf der Hut und kantonale Parlamente haben Gesetze erlassen, wie Genf, das offiziell die Prostitution der Minderjährigen auf kantonaler Ebene seit dem 01.05.2010 verboten hat, oder wie das Wallis, dessen Parlament ein starkes Signal nach Bern gesandt hat, damit Mutter Helvetia ihre Kinder schütze, all ihre Kinder.

Wie lange werden wir noch warten müssen, um unsere Jugendlichen einem Unwesen entziehen zu können, welches von jedermann als untragbar anerkannt wird?

Dieser Artikel ist am 28.05.2010 im Le Peuple Valaisan erschienen.