Die weibliche Genitalverstümmelung in der Schweizer Presse

19 Oktober 2010 par fso

“Die Analyse der journalistischen Diskurse betreffend die WGV kann ein nützliches Instrument sein, um sowohl die Sichtweise der Hauptinformationsübertragungsmittel und der Kenntnisse, wie auch das allgemeine Empfinden der Volksstimmung zu verstehen. (…) Ein die Verschiedenheit respektierender Diskurs, jedoch standhaft in Sachen Menschenrechte, wird sicherlich eine andere Wirkung erzielen als jener der rassistischen Rhetorik, welche nur auf die Bestrafung der Schuldigen, der Schuldzuweisung an ganze Bevölkerungsgruppen und der Viktimisierung der Frauen zentriert ist.”

Leitartikel von Frau Ilaria De Bortoli, Master in Soziologie und Forschung. Autorin mehrerer Untersuchungen zu Migration und Medien. Praktikantin am IRK.

Die Analyse der journalistischen Diskurse betreffend die WGV kann ein nützliches Instrument sein, um sowohl die Sichtweise der Hauptinformationsübertragungsmittel und der Kenntnisse, wie auch das allgemeine Empfinden der Volksstimmung zu verstehen.

Das Interesse für den journalistischen Text liegt nämlich nicht nur in seinem Aussagewert, bezogen auf die Ereignisse der Vergangenheit, sondern vor allem in der Fähigkeit, die in der grösseren Bevölkerung vorhandenen Dynamiken zu reflektieren und zu interpretieren. Die Medien beschränken sich nicht darauf, die Informationen zu liefern, sondern sie steigen in den Kreislauf der Erarbeitung und Umwandlung der Kenntnisse ein, indem sie der Öffentlichkeit bestimmte soziale Darstellungen anbieten. Sie bieten ebenfalls den Rahmen an, worin man diese Darstellungen hierarchisch platziert und dank welchem man sie gebrauchen kann, um sich im alltäglichen Leben orientieren zu können. Dieser Prozess verstärkt sich bezogen auf die Aspekte der Realität, wie die WGV, die von den Einzelnen zu wenig direkt bekannt sind. Aus diesem Grund sind die von ihnen vermittelten Aussagen und ihr Einfluss auf die Öffentlichkeit umso wichtiger.

Im Rahmen unserer Untersuchung der Europäischen Haupttageszeitungen, wollten wir den Schweizer Fall aufmerksam über die Artikel zweier Zeitungen analysieren, die als die seriösesten in französischer und deutscher Sprache gelten: Le Temps und die Neue Zürcher Zeitung. Für die Deutschschweiz wurde ein Vergleich mit dem bekannten Boulevardblatt Blick gemacht.

Die ersten beiden erwähnten Tageszeitungen behandeln die mit den WGV verbundenen Themen auf ähnliche Weise. Sie zeichnen sich durch eine massvolle und informative Sprache aus, die dazu dient, dem Leser den Inhalt der Artikel verständlich zu machen und nicht, wie im Fall von anderen Europäischen Tageszeitungen, zu schockieren, falsche Panikmache oder Wellen von Moralpanik zu schaffen. In den Überschriften, sowie in den Artikeln, vermeidet man die Kriminalisierung und Ethnisierung der Praxis: das Augenmerk aufs politically correct ist demnach dominierend.

Die behandelten Themen betreffen grösstenteils die rechtlichen Auswirkungen der WGV, insbesondere in Bezug auf die auf Landesebene aufgetretenen Rechtsfälle, um die man ganze Aufmerksamkeitshypes schafft. Die NZZ zeichnet sich unter anderem durch eine grössere Öffnung gegenüber dem internationalen Kontext aus, insbesondere in Bezug auf die Sensibilisierungskampagnen gegen die WGV, die von internationalen Organisationen oder humanitären Vereinigungen realisiert werden.

Die gleiche Themenwahl beeinflusst den Vorzug der verschiedenen sozialen Akteure, denen man das Wort erteilt: tatsächlich sind die Stimmen und Kommentare der Mitglieder der Zivilgesellschaft (NGO, Freiwillige, Aktivisten, etc.) massgebend, sowie jene von Richtern, Anwälten und aller anderen mit dem Justizmilieu verbundenen Berufe. Der politische Diskurs ist fast abwesend: die mit den WGV verbundenen rechtlichen und sozialen Thematiken in der Schweiz werden nur von den direkt in der Branche eingesetzten Experten vorgeschlagen und kommentiert, ohne dass den politischen Instrumentalisierungen Raum gelassen wird. Die Organisationen und Aktivisten fördern allgemein einen „positiven Diskurs“, der darauf abzielt, den erbrachten Fortschritt in gewissen örtlichen Gegebenheiten, dank der Arbeit auf dem Gelände zu unterstreichen. Es fehlt nicht an Kritik an die Schweizer Gesellschaft, an ihre bürokratischen Mechanismen, an ihre Tabus und an die Mängel gewisser Sozial- und Empfangsdienste.

In diesem im Allgemeinen positiven Rahmen, erkennt man jedoch das völlige Fehlen der betroffenen Frauen und Mädchen. Dieses Fehlen ermöglicht es, die Viktimisierung und die Instrumentalisierung insbesondere der letzteren zu vermeiden. Es ist jedoch auch wahr, dass die Tatsache, dass man nur „Dritten“ wie Experten (juristische, medizinische, etc.), Mitgliedern von NGO oder anderen humanitären Institutionen und Vereinigungen das Wort gibt, oder ihre Meinung meldet, einzig und allein einen externen und westlichen Standpunkt über die Frage unterstützt. Dabei hilft es einem nicht, die Gründe der Akteure, sowie ihre Standpunkte oder ihre Werte voll und ganz zu verstehen.

Ausserdem  darf man nicht vergessen, dass trotz der Tatsache, dass der journalistische Überblick in der Schweiz eher beruhigend scheint – vor allem wenn man es mit dem anderer Europäischer Länder vergleicht – ein Grossteil der Bevölkerung keine der erwähnten Tageszeitungen als Informationsmittel wählt, sondern die beliebtere Skandalpresse, welche einen völlig anderen Kommunikationsstil anbietet. In diesem Fall werden die WGV nicht mehr als ein mit Ernst und Ausmass zu behandelndes Problem betrachtet, sondern als eine Barbarei, die man geradeheraus verurteilen muss und als eine schockierende Praxis, mit der man die Aufmerksamkeit der Leser gewinnt. Dank der Schuldgefühle der Betroffenen und der Verwendung einer rüden und morbiden Terminologie, tun Boulevardblätter wie der Blick nichts anderes, als dass sie zu Kommerzzwecken die niedrigsten menschlichen Instinkte ansprechen und so riskieren, irreführende und gefährliche soziale Darstellungen zu schaffen.

Ohne Zweifel sind die WGV Praktiken, welche die Rechte der Kinder und der Frauen verletzen und mit allen Mitteln bekämpft werden müssen. Die Art und Weise, wie dieses Thema von den Zeitungen angegangen und der öffentlichen Meinung unterbreitet wird, kann die öffentliche Debatte beeinflussen und darauf Einfluss nehmen, wie die verschiedenen Akteure (zuallererst die politischen Akteure, aber auch die Erzieher, die Lehrkräfte und alle durch diese Realität in verschiedenem Grad involvierten Personen; jene eingeschlossen, die sie praktizieren) im Geschehen gedenken, für sie einzuschreiten. Ein die Verschiedenheit respektierender Diskurs, jedoch standhaft in Sachen Menschenrechte, wird sicherlich eine andere Wirkung erzielen als jener der rassistischen Rhetorik, welche nur auf die Bestrafung der Schuldigen, der Schuldzuweisung an ganze Bevölkerungsgruppen und der Viktimisierung der Frauen zentriert ist.

2 résponses pour “Die weibliche Genitalverstümmelung in der Schweizer Presse”

  1. CHERIF FAIZA dit:

    Il est certain que les MUTILATIONS GENITALES FEMININES sont néfastes,
    et il y a une perte de tout désir sexuel aprés cette pratique,
    quand aux préjudice moral n’ en parlons pas,
    cependant j’ai une question à vous posez,
    les MGF se soignent elles eu europe,
    j’ai entendu parler

  2. CHERIF FAIZA dit:

    MA QUESTION EST LA SUIVANTE:
    les MGF se soignent elles? j’ai entendu parler de la SONOGRAPHIE, malheureusement elle n’éxiste pas ds mon pays, pouvez vous me renseigner encore plus;

    REPONSE :
    La réponse à votre question est complexe.
    Je vous renvoie à un article écrit dans LeTemps, quotidien suisse, sur Dr. Gabon Varadì, expert en chirurgie reconstructrice, qui a notamment collaborer avec l’IDE à l’élaboration du “Les mutilations génitales féminines – Manuel didactique à l’usage des professionnels en Suisse” (http://www.childsrights.org/html/site_fr/index.php?c=ins_pub#mgf_manu)
    Apprendre à réparer après une excision, Le Temps, 12.11.2010, p. 31
    http://www.letemps.ch/Page/Uuid/e26722a2-eddb-11df-9672-ef0f04753c78|1

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