Das Kind der Schule oder die Schule dem Kind?

18 Januar 2011 par fso

Aber geht die Schule auch zum Kind? Komische Frage, und doch… Betrachten wir die Begriffe der aktuellen Debatte über die obligatorische Schulzeit und die Rolle, die das Kind darin spielt.

Leitartikel von Professor Daniel Stoeklin des Internationalen Instituts der Rechte des Kindes.

Das Kind geht zur Schule, nichts Normaleres. Aber geht die Schule auch zum Kind? Komische Frage, und doch… Betrachten wir die Begriffe der aktuellen Debatte über die obligatorische Schulzeit und die Rolle, die das Kind darin spielt. Zuallererst gibt es die Debatte über die Noten. In Dänemark sind die Noten vom 1. bis 7. Schuljahr verbannt; in Finnland können die Schüler mündlich durch ihre Lehrperson bewertet werden oder von 4 bis 10 benotet, währenddem die jungen Schweden keinerlei Noten vor ihrem letzten Schuljahr bekommen, d.h. mit 15 Jahren. Doch während die Debatte über das Zeugnisalter in Schweden wiedereröffnet ist und sie die Reform von 1993 in Frage stellt, wiegelt die Notenabschaffung Frankreich auf, wo zwanzig Persönlichkeiten im November einen Aufruf zur Beendigung der Benotung in der Grundstufe gestartet haben.

Es handelt sich ursprünglich um eine Initiative der Vereinigung „Studenten für die Stadt“ (Association de la fondation étudiante pour la ville, AFEV); bestehend aus Studenten, welche Jugendliche aus schwierigen Wohngegenden helfen. Dieser durch Wissenschaftler wie dem Ethologen Boris Cyrulnik, dem Soziologen François Dubet oder auch dem Genetiker Axel Kahn – um nur einige davon zu nennen – verbreitete Vorschlag, zielt darauf ab, die durch die meritorische Kultur und dem Klassierungswahn verursachte Misserfolgsspirale aufzuhalten, wo sehr früh ausgelesen und somit genauso verfrüht Schüler entmutigt werden, bei denen die Lehrer dann die grösste Mühe haben, in ihnen die Lust am Lernen zu wecken. Wäre das Ende der Noten das Allheilmittel? Andere Wissenschaftler lehnen diesen Vorschlag fest ab; wie z.B. der Linguist Alain Bentolila, für welchen das wahre Problem die Unterbesetzung an Lehrkräften ist: „Wenn wir den Kindern wirklich helfen wollen, muss man die Klassen zweiteilen, um den Lehrern zu ermöglichen, die
Kinder an die Hand zu nehmen“ 1. Die Bildungsqualität ist in der Tat auch eine Frage der zugewiesenen Kredite.

Man stellt fest, dass die Anhänger und Gegner der Notenaufhebung das Beispiel von Finnland, dem in der PISA (Programm zur internationalen Schülerbewertung)-Rangliste erstplatzierten Land nehmen, aber sie lesen es auf divergente Art: Für die Anhänger ist es ein folgenswertes Beispiel, da man sieht, dass dieses Land, das die Noten in der Grundstufe abgeschafft hat, bessere Ergebnisse aufzeigt, währenddem die Zweitgenannten unterstreichen, dass die Letzteren dies vielmehr damit erklären, dass man die Schwierigkeiten der Kinder feststellt und dass man ihren Fortschritt monatlich innerhalb von Arbeitsgruppen bemisst.

In der Schweiz teilen die Ergebnisse der PISA-Studie gleichfalls die politische Klasse und die betroffenen Umgebungen. Währenddem das Erscheinen der Studie vorderhand eine Progression der Schweiz in der Rangliste der letzten zehn Jahre aufzuzeigen schien, nuanciert eine verfeinerte Untersuchung dieser Ergebnisse diese Behauptung, denn die Fortschritte sind relativ schwach (im Lesen zum Beispiel, hat die Schweiz 501 Punkte erreicht, im Vergleich zu den 495 im Jahr 2000) und könnten sogar der statistischen Grauzone entsprechen. Was besorgniserregend bleibt, ist die Tatsache dass beim obligatorischen Schulabgang 17% der Schüler „sehr schlecht“ Lesen und Schreiben.

Gleichzeitig rufen Stimmen zu mehr Disziplin und zu einer Rückkehr zu „Grosspapi’s Schule“ auf; dabei verwechseln sie die Autorität der Lehrer mit dem Autoritarismus… Lebhafte Debatten in den Medien zeigen, dass man noch nicht fertig ist, sich nicht über die besten pädagogischen Strategien zu verstehen. Politiker, Philosophen, Minister, Lehrkräfte und Vertreter der Eltern von Schülern debattieren versessen über die Rolle der Schule, die Angleichung nach unten, die Integration, die Diskriminierung, die Leistung, die Kenntnisse, die Kompetenzen, die Disziplin, die Auslese, die Auszeichnung, etc….

Man hat wie das Gefühl, dass gewisse Akteure des Schullebens vergessen wurden: die Schüler. Warum fragt man sie nicht nach ihrer Meinung über das Umfeld worin sie den Grossteil ihrer Tage verbringen? Nicht reif genug, um sich über das Thema zu äussern? Erinnern wir daran, dass das Kind (und die „Kindergruppe“) das Recht hat, seine Meinung zu allen seine Person betreffenden Entschlüsse zu äussern (Art. 12 KRK), und dass die Last des Beweises der Unreife oder der Nichturteilsfähigkeit des Kindes den Erwachsenen obliegt. Erinnern wir auch daran, dass die Konvention und die allgemeinen Bemerkungen des UN-Kinderrechtskomitees ausgiebig die Bildungsziele (Art. 29) und das Recht des Kindes ohne jegliche Diskriminierung (Art. 2) auf Bildungszugang behandeln. Erinnern wir schliesslich daran, dass das Recht auf Bildung (Art. 28) auch das Recht auf eine sachgemässe Information (Art. 17) miteinschliesst.

Dies schliesst auch eine Information über die Kinderrechte als Schüler mit ein. In der Schweiz beispielsweise, bleibt sie am guten Willen der Lehrkräfte gebunden und es sind ziemlich wenige, die Stunden zu den Kinderrechten geben. Weshalb macht diese Information Angst? Ist es widersprüchlich den Kindern von denen man möchte, dass sie ihre Aufgaben besser machen, von Rechten zu erzählen? Genau da befindet sich womöglich der Knoten der Wissensautorität, denn das Beispiel macht die Autorität. Die Debatte über die Noten oder die pädagogischen Strategien wird also nur dann richtig und heilsam, wenn man die Erstbetroffenen über eine gerechte Information und eine ihrem Status würdige Aufmerksamkeit miteinschliesst: die der Rechtsthemen.

1 Zitiert in „Libération“, Freitag den 19. November 2010, S. 3.

Dieser Artikel ist am 04.01.2011 in der Rubrik Edito-Actualité auf der Website Internationales Institut der Rechte des Kindes ( IDE) erschienen.

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