200 vermisste Kinder pro Tag in China

21 Februar 2011 par fso

Als Massnahme gegen die vielen Kindesentführungen in China schlägt das Rote Kreuz GPS vor.

In China ist die Kindesentführung zu einer wahren Landplage geworden. Nach der Meinung der Journalisten von Sept à Huit des Senders TF1, werden im gesamten chinesischen Raum täglich 200 Kinder geraubt. Nach Angaben des chinesischen Roten Kreuzes zählt man 60’000 Vermisstenfälle pro Jahr.

Der Kauf von Kindern durch chinesische Familien scheint die Hauptgewinnquelle dieses Schwarzmarktes zu sein. In einer Gesellschaft in der die Tradition verlangt, dass der Sohn sich um die betagten Eltern kümmert (die Tochter wird der Familie des Ehemannes gehören), sehen sich die Paare zwischen dem Wunsch eingezwängt Söhne zu bekommen und der Unmöglichkeit sie wegen der Unfruchtbarkeit – aber vor allem wegen der Einkindpolitik – zeugen zu können.

Diese seit 1979 in Kraft getretene Politik ist nunmehr wegen den Folgen (Altern der Bevölkerung, Gewalt gegen Frauen, Kind-Könige, Sans-Papiers-Kinder…), die sie nach sich gezogen hat wieder in Frage gestellt. Seit ihrer Einführung zum Beispiel, schätzt man die durchgeführten selektiven Schwangerschaftsabbrüche auf 40 Millionen. Das Ergebnis ist ein Mangel an Frauen im Heiratsalter. Eine weitere Möglichkeit die Einkindpolitik zu umgehen ist der Kauf und Verkauf von Kindern, mit deren verbreitetem Raub als Folge:

-    Um die Zufallsabhängigkeit der Schwangerschaften zu vermeiden, kaufen die Familien unter 4-jährige Jungen, die sich nicht an ihre ursprüngliche Familie erinnern werden;

-    Reiche Familien kaufen junge Mädchen, um dem Problem des Mangels an heiratsfähigen Mädchen auszuweichen. Sie ziehen sie bis zum Alter von 10 Jahren gross; das Alter in dem sie sie an ihre Söhne verheiraten können;

-    Sie kaufen auch ältere Mädchen, die sofort verheiratet und von ihrer Familie getrennt und die dann – die Erfahrung beweist es – grösstenteils missbraucht werden;

-    Schliesslich die unfruchtbaren Paare, die sich aus finanziellen Gründen den legalen Weg der Adoption nicht leisten können und Kinder auf dem Schwarzmarkt kaufen.

In China ist der Kindsraub unter Todesstrafe gestellt. Nach dem Artikel von Infancia Hoy, hat die Polizei zwischen 2009 und 2010 18’000 Schwarzhändler ergriffen und 3’000 Mafias zerschlagen. Manchmal gelingt es ihr, geraubte Kinder wiederzufinden; aber die Wiedervereinigungen sind verglichen mit den Fällen des Verschwindens selten. Im Gegenteil: der vom Sender TF1 vorgestellte Dokumentarfilm bemängelt, dass „die Polizei nicht viel tut, um die Schuldigen zu verhaften. (…) die Behörden möchten es möglichst vermeiden, ein Thema bekannt zu machen, das dem Image des Landes schadet“. Die Familien der Vermissten sehen sich durch diesen Verheimlichungswillen angesichts des Fahndungsvorgehens alleine gelassen. Manchmal  organisieren sie sich innerhalb von Zusammenschlüssen, um sich gegenseitig zu unterstützen (psychologische Unterstützung, Plakate, Kartenspiele mit den Fotos der vermissten Kinder, …). Der Sender TF1 spricht sogar von Mobbing der politischen Polizei gegen diese Familien, die sich weigern zum Verlust ihrer Kinder zu schweigen.

Angesichts der Grösse des Phänomens ist das Vertuschen schwierig, wie es die Mobilisierung des nationalen Roten Kreuzes zur Prävention des Kindsraubs aufzeigt. Diese wohltätige Organisation beweist Originalität. Nach geglückten Versuchen in verschiedenen Schulklassen der Landeshauptstadt, wird sie den Familien helfen, indem sie 20’000 Handy-Uhren mit GPS an Schüler die Primar- und Sekundarschulen besuchen verteilt.

Die Zahlen der Fälle von Kinderverschwinden in China verdankt man einer spezifischen politischen und sozialen Sachlage, welche die Anträge seitens der Familien schürt und somit einen Schwarzmarkt nährt.

Leider gibt es das Kinderverschwinden in der Schweiz. Man spricht jedoch von vereinzelten Fällen. Die Debatte über die Notwendigkeit unsere Kinder mit GPS auszustatten kommt regelmässig auf – ein Informatikchip, der unter die Haut des Kindes eingesetzt wird, GPS in den Schuhen, … – es bleibt jedoch ein Familienentschluss. Die Behörden, sowie auch die Sarah Oberson Stiftung, pflichten nicht dieser Richtung bei, die nur ein Klima der Panikmache heraufbeschwören würde, wozu kein Anlass besteht.

Clara Balestra, 21.02.2011

Quellen:

- Enfants volés, Emission Sept à Huit, TF1, 22.08.10

- Entregan celulares con GPS a niños para evitar secuestros, Infancia Hoy, 09.01.11

- Photographiez et sauvez des enfants mendiants !, Courrier international, 14.02.11

- Babies for sale: The scandal of China’s brutal single child policy, MailOnline, 06.10.07

- Des mères chinoises racontent l’abandon de leurs filles, Rue 89, 07.02.11

Links :

- Chine : Enfants disparus, une tragédie nationale, Courrier international, 01.10.12

- Reports of Forced Abortions Fuel Push to End Chinese Law, New Yorker Times, 22.07.12

- China’s stolen children: internal child trafficking in the People’s Republic of China, 2012

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