Mit Philosophie gegen die Gewalt

28 März 2011 par fso

“… Von Anfang an hat man in der Philosophie die Meinung vertreten, dass der Logos (Dialog) eine Art war, sich der Gewalt zu widersetzen…” (Sasseville, Haute définition, RSR, 29.08.10)

“Ende der 60er Jahre wird sich Lipman, Professor der Logik an der Universität Columbia, der Notwendigkeit bewusst, dass man mit dem Erlernen der Denkmethoden viel früher als an der Universität beginnen muss, damit die Schüler sie wirklich nutzen können, um nachzudenken.” (Loison Apter, Le Temps, 14.02.2011) Er entwickelt also eine Lehrmethode, die den Kindern bestimmt ist. Seit ihrer frühesten Kindheit lernen die Kinder zu denken, nachzudenken und, da die Philosophie eine Form des Dialogs ist, tun sie dies in Gruppen, über Themen die sie berühren, indem ihr Interesse und ihre Partizipation geweckt werden.

“Die Methode ist folgende: Am Ende der Lektüre eines philosophischen Romanausschnitts, stellen die Kinder fragen. Danach, mit der Mithilfe jedes einzelnen und der gegenseitigen Unterstützung aller, versuchen sie – mit Hilfe des Dialogs – auf eine ausgesuchte philosophische Frage unter den gestellten zu antworten. Die Rolle des Betreuers ist es, die für den philosophischen Charakter des Austauschs nötigen Instrumente zu liefern: helfen, die Voraussetzungen auszumachen, die Selbstverständlichkeiten zu hinterfragen, den Zusammenhang zu berücksichtigen, etc. All dies in einer Stimmung des Zuhörens, des Respekts des Denkens und der Äusserungen eines jeden.” (Université Laval)

Lipman erforscht die Auswirkungen dieses Unterrichts am Verhalten der Kinder, insbesondere am gewalttätigen Verhalten. Seiner Meinung nach erzeugt der Frust die Aggression, die Gewalt. Damit dieses Ursache-Wirkungs-Prinzip nicht in Gang kommt, muss man Ventile (siphoning off) finden. Zum Beispiel indem man den Frust in dem was Nietzsche creative rancor (1) nennt umwandelt oder in erlaubte Formen der Gewalt, wie dem Sport oder dem Geschäften. Ein weiteres ist das Betreiben der Philosophie für Kinder. Sie erlaubt es der Gemeinschaft – z.B. einer Schulklasse – den Frust eines oder mehrerer ihrer Mitglieder unterhalb der kritischen Schwelle zu reduzieren, in dem ihre Gründe und Ursachen gefunden werden: man spricht über dieses Gefühl und untersucht es.

“Sokrates und später Platon dachten, der Mensch handle aus Unwissenheit böswillig.” In der Annahme, dass wenn die Menschen die Gründe und die Tragweite  ihrer Taten besser verstünden, sie sich weniger der Gewalt bedienten, schlugen sie vor, durch Erziehung der Menschen, gegen die Gewalt zu kämpfen. Die Geschichte hat ihnen nicht immer Recht gegeben. Allerdings bringt das Philosophieren lernen ein Erlernen der Argumentation mit sich, ein Lernen, die Gedanken, die Gefühle und das Gelebte in zusammenhängende Worte zu fassen. (La traversée, Montréal)

Dieses Verfahren setzt “ein Vertrauen in das menschliche Denken”, in die Fähigkeit des Menschen “selbständig, für sich selbst und mit den anderen zu denken” voraus. Dies setzt seinerseits die Fähigkeit des Menschen zum Zuhören, zum Organisieren, zur Unparteilichkeit und zur Sorge um andere voraus. (Sasseville, Haute définition, RSR, 29.08.10)

Laut Lipman geht die Philosophie für Kinder weiter als die blosse Entwicklung des kritischen Denkens, das schon an sich sehr wichtig ist. In dem sie Themen behandelt, die Kinder stark interessieren, lehrt sie sie, dass das Denken auch Gefühle sind und dass diese ausgedrückt und untersucht werden können. Dass man den Dialog in der Gruppe führt, verbessert die Fähigkeit sich zu verstehen und sich zu schätzen, während man gleichzeitig die anderen besser versteht.

Somit liefert die Philosophie für Kinder diesen die nötigen Instrumente um ihren Frust in eine bestimmte Richtung zu lenken und ihn konstruktiv zu machen. Sie schafft eine Öffnung des Geistes, eine Toleranz gegenüber dem Denken des Anderen, der so zum Diskussionsteilnehmer und nicht mehr zum Feind wird. Sie gibt den Kindern ausserdem das nötige Rüstzeug mit, um den verschiedenen Herausforderungen und Gefahren denen sie in der Gesellschaft gegenüberstehen die Stirn zu bieten, indem sie ihnen einen kritischen Blick gewährt, der sie durch ihre Taten und Entscheidungen führt.

“Im Hinblick auf die Förderung einer Friedenskultur, der Gewaltbekämpfung, der Erziehung die auf die Ausrottung der Armut und auf nachhaltige Entwicklung abzielt, sichert die Tatschache dass die Kinder schon sehr früh ein kritisches Denken, die Selbständigkeit im Denken und eigenes Urteilsvermögen erlangen, sie gegen jede mögliche Manipulierung ab und bereitet sie vor, ihr eigenes Schicksal in die Hand zu nehmen.” (UNESCO, 1999)

Clara Balestra, 28.03.11

(1) « a non-aggressive sort of self-expression to be found in many different kinds of art. »

In der welschen Schweiz fördert, vermittelt und unterstützt die Vereinigung proPhilo die Anwendung der Philosophie für Kinder.

2 résponses pour “Mit Philosophie gegen die Gewalt”

  1. Dimitri Kas dit:

    Bonjour et surtout merci pour ce formidable billet !
    La philosophie me semble être en effet la base de toute possible relation humaine fondée sur le respect et la compréhension des valeurs et attentes d’autrui. Elle est nécessaire au plein développement de l’individu. Aussi il est plus que vital de l’aboerder dans la prime jeunesse, d’en orienter sa diffusion et d’en diriger sa compréhension afin qu’elle aboutisse à la formation intellectuelle et sociale de l’individu et du citoyen. La démarche dont vous parlez dans ce billet est en ce sens exemplaire. Merci !
    Dimitri Kas

  2. La philo à l’école primaire : et si c’était demain la veille ? - Fondation Sarah Oberson dit:

    [...] jeune public apprend à philosopher à Vevey, 24Heures, 26.02.15 La philosophie contre la violence, blog Fondation Sarah Oberson, [...]

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