Das Wohl des Kindes in der internationalen Adoption

18 April 2011 par fso

“Die internationale Adoption ist eine “soziologische Tatsache des 20. Jahrhunderts”. (…) Es wäre folglich angebracht zu definieren, aus was sich denn eigentlich das Kindeswohl zusammensetzt, auch um das Kind dadurch wieder in das Zentrum der Debatte zu setzen. Eine perfekte Lösung existiert nicht. Was aber sicher ist, ist dass jeder Akteur selbstverständlich die Meinung des Kindes in Erwägung ziehen (Art.12 KRK) und die Partizipation des Kindes im Adoptionsprozess bevorzugen sollte, wie dies auch die KRK wünscht und mittels der Erstellung eines neuen Sozialvertrages zwischen dem Erwachsenen und dem Kind begründet.”

Leitartikel von Frau Sandrine Rudaz, Absolventin des Studienganges Droits de l‘Enfant (MIDE) des Universitären Instituts Kurt, Bösch.

Die internationale Adoption, gemäß Ancel (1961, S. 563) eine „soziologische Tatsache des 20. Jahrhunderts“, ist eine soziale und legale Schutzmaßnahme einer besonderen Kategorie von Kindern, von Kindern „ohne Eltern“. Ihr Aufschwung begann nach dem 2. Weltkrieg und war von einem humanistischen Gefühl motiviert, welches in den industrialisierten Ländern stufenweise den Weg für den Wunsch nach Elternschaft ebnete. Diese gesellschaftsgeprägte Rolle, bestärkt durch die internationale Adoption, äußerte sich in einer immer stärker anwachsenden Nachfrage nach Kindern. Als Antwort auf diese steigende Nachfrage begannen sich neben den legalen und rechtmäßigen Adoptionen unzulässige Praktiken und internationaler Kinderhandel zu etablieren. Diese Feststellung hat in keinster Weise zum Ziel, an der ideologischen Debatte über die Adoption als gute oder schlechte Alternative teilzunehmen, sie dient vielmehr der Reflexion um festzustellen, ob die internationale Adoption wirklich zum Wohl des Kindes beiträgt, oder ob andere Interessen vorhanden sind, um diese Praktik zu favorisieren.

Seit mehreren Jahren existiert, in den Herkunftsländern wie auch in den Aufnahmeländern, ein „alarmierendes Vorherrschen von illegalen oder hinsichtlich Adoptionen zwanghaften Praktiken, welche auf den Verkauf von Kindern hinauslaufen“ (Petit, 2003, S. 2). Hinsichtlich dieser Realität balancieren die sozialen Repräsentationen der internationalen Adoption vor allem zwischen zwei extremen Konzeptionen, eine jede in Besitz von verschiedenen Strömungen und von antagonistischen Postulaten geformt. Die Adoptionsbefürworter, welche die internationale Adoption als humanistischer Akt sehen, welcher die Kinder aus dem Elend rettet, und die Adoptionsgegner, für welche die internationale Adoption gleichsam als Antwort auf einen ideologischen Humanitarismus steht.

Hinter den Stellungsnahmen dieser beiden Gedankenschulen versteckt sich eine divergente Wahrnehmung und Interpretation des Wohl des Kindes. Wobei Letzteres eines der vier Grundprinzipen der Kinderrechtskonvention von 1889 (KRK) darstellt und somit in allen Entscheidungen, welche Kinder betreffen, «eine äußerst wichtige Überlegung» sein muss. In jeder Adoption wird sie sogar als „DIE äußerst wichtige Überlegung“ (Art. 21 KRK) genannt. Einerseits scheinen jedoch die Logiken der verschiedenen Akteure der internationalen Adoption, als Hauptakteure die biologischen Eltern wie auch die zukünftigen Adoptiveltern und der Staat des Herkunftsland wie auch des Aufnahmelandes, das Wohl des Kindes auf den zweiten Rang zu verweisen, dies in Assimilisation der eigenen Interessen mit den Interessen des Kindes. Andererseits begünstigt paradoxerweise das von gewissen Akteuren angenommene Verhalten die Entwicklung von illegalen Praktiken, wenn auch die eigentlichen Absichten durchaus als löblich wahrgenommen werden könnten. Das Kindeswohl wird so eine Art „Superrecht“, eine „Blankunterschrift“, welche es ermöglichen würde, „für das Wohl des Kindes“ (Cantwell, 2010, S. 4) andere Rechte zu karikieren, ohne dass jedoch genau dieses Konzept hinterfragt würde.

Es wäre folglich angebracht zu definieren, aus was sich denn eigentlich das Kindeswohl zusammensetzt, auch um das Kind dadurch wieder in das Zentrum der Debatte zu setzen. Eine perfekte Lösung existiert nicht. Was aber sicher ist, ist dass jeder Akteur selbstverständlich die Meinung des Kindes in Erwägung ziehen (Art.12 KRK) und die Partizipation des Kindes im Adoptionsprozess bevorzugen sollte, wie dies auch die KRK wünscht und mittels der Erstellung eines neuen Sozialvertrages zwischen dem Erwachsenen und dem Kind begründet. Der neu verliehene Status sieht das Kind als Träger von persönlichen Rechten. Das Kind ist nicht das Eigentum eines Erwachsenen. Es ist ein eigenständiger Akteur und muss seine Rechte ausdrücken können. Folglich ist es unerlässlich, dass diese spezielle Kategorie von Kindern ermutigt und im Empowerment [1] bestärkt wird, um die aktuellen Abhängigkeitsbeziehungen zu destruieren. Denn wie bereits Rousseau (1762) behauptete, „die Kindheit hat Arten zu sehen, zu denken, zu hören, die ihr eigen sind; nichts ist weniger sinnvoll als sie durch die unseren ersetzen zu wollen“ (S.9), und dies ist umso mehr gültig für Kinder, welcher einer verwundbaren oder ausgegrenzten Gruppe angehören. Und durch das Bewusstsein dieser Realität könnten einige der illegalen Praktiken bereits teilweise eingedämmt werden….

Bibliographie
Ancel, M. (1961). Introduction. Revue internationale de droit comparé, 13(3), 563-567.
Cantwell, N. (2010, 20 novembre). La genèse de l’intérêt supérieur de l’enfant dans la Convention relative aux droits de l’enfant. Texte présenté lors de la journée d’études sur L’intérêt supérieur de l’enfant en question, Paris.
Convention relative aux droits de l’enfant, adoptée par l’Assemblée générale des Nations Unies le 20 novembre 1989. UN Doc. A/RES/44/25.
Eisen, A. (1994). Survey of neighborhood-based, comprehensive community empowerment initiatives. Health Education Quaterly, 21(2), 235-252.
Petit, J. M. (2003). Rapport sur la vente d’enfants, la prostitution des enfants et la pornographie mettant en scène des enfants, conformément à la résolution 2002/92 de la Commission des Droits de l’Homme. UN doc. E/CN.4/2003/796.
Rousseau, J. J. (1762). Emile ou De l’éducation (Ed. 2008). Paris : Larousse.


[1] Eisen (1994) definiert empowerment wie die Art und Weise, mit welcher das Individuum seine Geschicklichkeit steigert, indem es die Selbstachtung, die Selbstsicherheit, die Initiative und die Kontrolle begünstigt.

Laisser une réponse