Wie leben mit einem vermissten Kind ?

18 Juli 2011 par fso

Wie leben mit einem vermissten Kind ? Um besser verstehen und helfen zu können, bessere wissenschaftliche Erkenntnisse betreffend der  spezifischen Besonderheiten dieser von Familien erlebten Situationen des Vermissens eines Kindes in ungeklärten Umständen und über eine lange Zeitdauer. Diese Fälle sind glücklicherweise selten, was andererseits aber auch die wissenschaftliche Forschung einschränkt. Die Fondation Sarah Oberson appelliert trotzdem an die Wissenschaft, sich dieser Frage anzunehmen.

Verschiedene Schritte wurden von der Fondation Sarah Oberson unternommen,  um wissenschaftliches Material bezüglich der „Trauer in der Schwebe“ zusammenzutragen. Eine Situation, welche von Familien, deren Kinder unter ungeklärten Umständen vermisst werden und welche seit langer Zeit auf Nachricht warten, erlebt wird.

Texte über die Trauer von Familien welche Angehörige vermissen existieren, aber sie greifen oft nur Gewaltsituationen auf – wie zum Beispiel Entführungen (Argentinien, Balkan). Trotzdem können solche Texte helfen, die Situation eines ungeklärten Verschwindens eines Menschen besser zu verstehen, da sie sich in einem Punkt ähnlich sind, nämlich im Mangel an Informationen über die Abwesenheit der geliebten Person.

“Im traditionellen Gedankengut haben die Trauerriten zum Ziel, die Seele des Verstorbenen zu beruhigen und sie in die Welt der Toten zu geleiten und dort zu belassen, damit sie nicht zurückkehrt, um die Überlebenden zu quälen und ihnen zum Nachteil zu gereichen ” (Probst Favret, S. 109).
Wenn jedoch ein geliebter Mitmensch vermisst wird “bleiben die Familien in der Schwebe, in der größtmöglichen Ungewissheit. Wenn ihre vermissten Angehörigen kein Lebenszeichen mehr geben, sind sie zweifellos gestorben. Aber nichts lässt den Tod als Tatsache, als Begebenheit festhalten: weder Sprache, noch Bilder, noch Ritual. (…) Die Familien verbleiben auf der Schwelle (in Latein limen) des Todes, der Witwenschaft, der Trauer. Und diese transitorische Etappe wird, von der Stille, ständig aufrechterhalten” (Verstraten, S. 75-76).
“Wie kann jedoch in dieser schwebenden Trauer eine mentale Auseinandersetzung mit der Trennung stattfinden?” (Probst Favret, S. 108) ” Kann man wirklich von Trauer sprechen, in dem Sinne als zu keinem Zeitpunkt der Tod erwiesen war, und insofern auch nicht als Ausgangspunkt für eine Trauerarbeit zur Verfügung stand?“ (Probst Favret, S. 102)

Betreffend Entführungen unterstreichen Verstraten und Probst Favret die Bedeutung der kollektiven Praktiken der Ritualisierung  welche den Familien helfen, den Verlust und die Ungewissheit zu überleben. Die Manifestationen von den Müttern de la Plaza de Mayo ermöglichten es während der Diktatur den Menschen, welche in der Stille des Regimes verschwanden, ein Gesicht und Wirklichkeit zu geben (Verstraten). Die gemeinsamen Gedenken in Srebrenica erlaubten es den Familien anhand einer Zeremonie, der Erinnerung an ihre geliebten Vermissten auch ohne Beerdigung Ausdruck zu verleihen (Probst Favret). Die zahlreichen Monumente der Erinnerung, welche überall auf dieser Welt errichtet wurden, sind ebenfalls Zeugen dieser Notwendigkeit, die Abwesenden zu repräsentieren.
Die gemeinsamen Praktiken der Ritualisierung unterliegen einem historischen Moment, einer von der Gemeinschaft, von der Nation erlebten Situation. Der Tod von Vermissten kann aus dem historischen Zusammenhang heraus, als wahrscheinlich, wenn auch nicht sicher, betrachtet werden.

So beschreibt Probst Favret in seinem Artikel den Prozess der Besänftigung einer Familie, deren Vater in Srebrenica verschwunden ist. Dieser Familie ist es gelungen ” durch einen Abschied- und Trauerprozess zu gehen, jedoch den einer besonderen Trauer, nämlich die “einer auf die Abwesenheit zentrierte Trauer” (…). Diese besondere Form der Trauer, die auf einer starken Vermutungen eines möglichen Todesfalles beruht, hat es in der Therapie erlaubt, ohne Zweideutigkeiten an den Vermissten zu erinnern und somit der Familie zu ermöglichen, psychisch wie auch sozial diese Abwesenheit, mit ihren Dimensionen von Verlust und von Vermutungen betreffend des Todes, zu verarbeiten.  Dieses Andenken erlaubte den Ausdruck von Gefühlen und Bindung, wie auch die Suche nach Erinnerungen, welche die Verinnerlichung des Bandes, trotz Abwesenheit in der Realität, ermöglichte” (S. 109).

Es muss erwähnt werden, dass die Anerkennung der Existenz dieser Vermissten, deren Gedenken und die innere Verbindung mit ihnen zwar erlaubt, in dem Abschiedsprozeß vorwärts zu schreiten, gleichzeitig aber keine endgültige Antwort bringen kann, da “die Abwesenheit (des Körpers) immer eine Hoffnung von Überleben erzeugt, wenn auch nicht immer im positiven Sinne” (Probst Favret, S. 108).

Für Kinder oder Erwachsenen, welche unter ungeklärten Umständen verschwanden, finden gemeinsame und historische Dimensionen nicht statt. Zudem kann der Tod weder als sicher noch als wahrscheinlich betrachtet werden.

Wie kann also das Warten ritualisiert werden, ohne symbolisch die verschwundene Person “zu töten”? Wenige Antworten konnten dazu zurzeit in der wissenschaftlichen Literatur gefunden werden.
Nach Bowers und Boss haben die Familien ohne Informationen bezüglich einer Klärung der Situation keine andere Wahl, als mit dem Paradox der Anwesenheit-Abwesenheit der geliebten Person zu leben. Der einzige Faktor, welcher die Eltern denken  lassen könnte, dass ihr Kind gestorben ist, ist ihr persönlicher Entscheid, dies zu tun. Wenn jedoch diese Wahl getroffen wird, besteht die Möglichkeit, dass die Eltern den Eindruck erhalten, dass sie selber ihr Kind „töten“. Und was wäre, bestände auch nur der kleinste Hoffnungsschimmer, ihr Kind lebend wiederzufinden? Nach Boss können diese Familien jedoch, durch Unterstützung und Widerstandskraft, die Fähigkeit zu betrauern, was verloren ging, und gleichzeitig anzuerkennen, was möglich ist, erlernen. (DeYoung,S. 359)

Gemäss Boss braucht es, um besser verstehen und helfen zu können, bessere wissenschaftliche Erkenntnisse betreffend der  spezifischen Besonderheiten dieser von Familien erlebten Situationen des Vermissens eines Kindes in ungeklärten Umständen und über eine lange Zeitdauer. Diese Fälle sind glücklicherweise selten, was andererseits aber auch die wissenschaftliche Forschung einschränkt. Die Fondation Sarah Oberson appelliert trotzdem an die Wissenschaft, sich dieser Frage anzunehmen.

Clara Balestra, 18.07.11


Boss, P. (1999). Ambiguous loss: Learning to live with unresolved grief. Cambridge, MA: Harvard University Press.

Bowers Duane T. (2007), A Child Is Missing : Providing Support for Families of Missing Children, National Center for Missing and Exploited Children, Alexandria, Virginia.

CICR (2003) «Les disparus: Action pour résoudre le problème des personnes portées disparues dans le cadre d’un conflit armé ou d’une situation de violence interne et pour venir en aide à leurs familles», Conférence internationale d’experts gouvernementaux et non-gouvernementaux Genève, 19 – 21 février 2003. http://www.icrc.org/fre/assets/files/other/irrc_849_disparus.pdf

Probst Favret Marie-Corinne (2009), «Enfants de père porté disparu: le deuil suspendu», in Betty Goguikian Ratcliff et Olivier Strasser (dir.), Clinique de l’exil. Chroniques d’une pratique engagée, Chêne-Bourg: Editions Georg, pp. 101-110.

Verstraeten Alice (2006), «La “ disparition forcée ” en Argentine. Occultation de la mort, empêchement du deuil, terreur, liminalité», Frontières, vol. 19, n° 1.

Young Robert, Buzzi Barbara (2003), Coping Strategies : the Differences among Parents of Murdered or abducted, Long-term Missing Children, Saint Thomas University, Miami, Florida, Omega, Vol. 47(4), p. 343-360.

Links
International Comittee of the Red Cross, Missing persons.

1 résponse pour “Wie leben mit einem vermissten Kind ?”

  1. gagnerdelargent.tv dit:

    J avoue qu il y a un bail que je n avais pas apprecie une lecture de cette qualite !!!

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