Glücksforschung aus der Sicht der Ökonomie

13 Dezember 2011 par fso

Gut die Hälfte der Schweizerinnen und Schweizer bezeichnen sich in Umfragen als glücklich und mehr als ein Drittel sogar als sehr glücklich. Aber was ist «Glück»? Was unter «Glück» verstanden wird, ist sicherlich personen-, kultur- und zeitabhängig. Glück ist ein so schwer fassbares Konzept, dass es wenig Sinn macht, Glück definieren zu wollen. Anstatt zu beschreiben, was Glück ist, erscheint es sinnvoller, die einzelnen Menschen zu fragen, wie glücklich sie sich fühlen. Jede Person kann gut beurteilen, ob sie glücklich oder unglücklich ist. Und Kinderarmut ?

Artikel von Bruno S. Frey, Universität Zürich, in Sozial Sicherheit CHSS 6/2011, p. 294-298

Zusammenfassung
Materieller Wohlstand ist für die meisten Menschen eine wich¬tige Bedingung für ihre Lebenszufriedenheit. Personen mit höhe-rem Einkommen geben eine höhere Lebenszufriedenheit an als ärmere. Zusätzliches Einkommen erhöht das subjektive Wohlbe-finden nur beschränkt. Die materiellen Werte dürfen nicht über¬interpretiert werden. Menschen streben auch immaterielle Ziele an. Glück lässt sich nicht einfach mit Geld kaufen. Wichtig sind intensive soziale Kontakte, insbesondere in der Familie und mit Freunden.

Auf der anderen Seite ist die anzutreffende Verherrlichung vom Armsein nur eine romantische Vorstellung. Höheres Einkommen führt gerade auch in armen Ländern zu einer Zunahme der durch¬schnittlichen Lebenszufriedenheit. Die Effekte nehmen jedoch mit steigendem Einkommen ab. Andere Faktoren sind wichtiger, wenn es darum geht, Unterschiede in der Lebenszufriedenheit verschiedener Länder zu erklären. Mit zunehmendem Durch¬schnittseinkommen sind die Demokratien stabiler, die Menschen¬rechte sicherer, die durchschnittliche Gesundheit höher und die Einkommensverteilung gleichmässiger. Damit steigt auch die Lebenszufriedenheit.

In vielen Ländern kann ein erstaunliches Phänomen beobachtet werden: Obwohl das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen in den vergangenen Jahrzehnten stark angestiegen ist, blieb das durch¬schnittliche Glücksniveau konstant oder sogar rückläufig. Wir Menschen fällen keine absoluten Urteile. Wir vergleichen uns mit unserem sozialen Umfeld, mit der Vergangenheit oder mit den Erwartungen für die Zukunft. Der Vergleich mit anderen Personen und der Gewöhnungseffekt formen die individuellen Erwartungen und lassen die (unersättlichen) Menschen nach immer mehr stre¬ben. Die Erwartungen nehmen laufend zu. Damit entsteht eine Lücke zwischen dem, was man erreicht hat, und dem, was man gerne erreichen würde. Wegen dieser Diskrepanz nimmt die Le¬benszufriedenheit im Zeitablauf kaum zu – trotz der Einkommens¬zunahme.

Weitere Hinweise zur modernen Glücksforschung mit Literaturhinweisen finden sich im Taschenbuch von Bruno S. Frey und Claudia Frey Marti, Glück. Die Sicht der Ökonomie. Rüegger Verlag. Zürich und Chur, 2011.
Eine wissenschaftliche Darstellung findet sich in Bruno S. Frey, Happiness. A Revolution in Economics. MIT Press, Cambridge, Mass. und London, 2008.

Die Armut in der Schweiz : eine Kinderangelegenheit, Stiftung Sarah Oberson, 21.06.2010

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