Die Aufrechterhaltung der Beziehungen zwischen dem Kind und seinen Eltern im Strafvollzug: von der Rechtsfrage in die Umsetzung

17 Januar 2012 par fso

In der Schweiz,  zwischen 7’000 und 8’000 Kinder von der Inhaftierung eines Elternteils betroffen. Diese Kinder, in vielerlei Hinsichten unsichtbar in unserem Land, sind dem Risiko einer doppelten Last ausgesetzt: die Abwesenheit eines Elternteils einerseits, eine Verletzung der Rechte andererseits.

Leitartikel von Frau Céline Morisod, Absolventin des Studienganges Droits de l‘Enfant (MIDE) des Universitären Instituts Kurt, Bösch.

Gemäss EUROCHIPS (www.eurochips.org) sind in der Europäischen Union 2010 schätzungsweise 800’000 und in der Schweiz  zwischen 7’000 und 8’000 Kinder von der Inhaftierung eines Elternteils betroffen. Diese Kinder, in vielerlei Hinsichten unsichtbar in unserem Land, sind dem Risiko einer doppelten Last ausgesetzt: die Abwesenheit eines Elternteils einerseits, eine Verletzung der Rechte andererseits.

Das Kind, von seinem Elternteil im Strafvollzug entfernt, ist zahlreichen Risiken hinsichtlich seines physischen, emotionalen, psychologischen und sozialen Wohlbefindens ausgesetzt. Oft verborgen, verursachen die Konsequenzen des Strafvollzug des fehlbaren Elternteils Störungen, welche eine gute Entwicklung des Kindes negativ beeinflussen und dieses selbst einer Art unsichtbarer Inhaftierung unterwerfen.

Nach der Konvention der Vereinigten Staaten vom 20. November 1989 betreffend der Rechte des Kindes verfügt jedes Kind über das Recht, von seinen Eltern aufgezogen zu werden (Artikel 7 und Artikel8) und persönliche Beziehungen mit diesen zu pflegen (Artikel 9). Im Fall des Strafvollzugs eines Elternteils erleben wir deshalb eine Eingrenzung dieser Rechte, da das Kind seinen Eltern teilweise beraubt ist. Ein solcher Moment beinhaltet oft eine brutale Trennung mit einem gewissen Potential einer Traumatisierung für das Kind, wenn es sich nicht gar um den Bruch einer bestehenden Beziehungen handelt.

Obwohl das Kind ein existierendes Interesse und Recht hat, eine Beziehungen mit seinem inhaftierten Elternteil zu pflegen, ist die Aufrechterhaltung von familiären Beziehungen heutzutage privilegiert. Der einstige Diskurs, welcher von der Haltung geprägt war, dass Kinder nicht in einem Gefängnis sein sollten, wurde durch einen Einbezug und einer angepassten Begleitung letzterer bis in das Herz des Freiheitsentzuges, ersetzt.

Eine Intervention zugunsten einer Beziehung wäre jedoch nicht auf Grund einer einzigen Handlung haltbar. In der Tat hat die Aufrechterhaltung von Beziehungen keinen absoluten Wert. Im Falle „schädlicher“ Familienverbindungen kann die Entfernung, welche sich durch die Inhaftierung des Familienmitgliedes aufzwang, manchmal einen Schutz- und Entfaltungsfaktor für das Kind darstellen.

In einer Perspektive zugunsten der Rechte des Kindes ist es überaus wichtig, dass die Beziehung für das Kind gut und förderlich ist, das heißt evaluiert und eingesetzt nach dem Kindeswohl, dem Grundprinzip der Kinderrechtskonvention von 1989 und in Artikel 3 benannt. Seine Bestimmung zeigt nicht nur eine materielle Dimension auf, sondern muss die Entwicklung des Kindes in seiner Gesamtheit, in einer Zukunftsperspektive, beinhalten, alles unter der Garantie der Partizipation/Mitsprache des Kindes, Herz des Artikels 12 der Kinderrechtskonvention. Die Bestimmung des Kindeswohls ist also ein dynamischer Vorgang welcher die Konsultation des Kindes als Akteur und die Gesamtbewertung seiner Lage impliziert.

Nachdem abgeklärt wurde, in welchem Masse und unter welchen Bedingungen die Aufrechterhaltung der Beziehung dem Kindeswohl entspricht, müssen von den Intervenierenden die Mittel überdacht werden, mit welchen konkret vor Ort auf die Situation eingegangen werden soll. Welche professionellen Praktiken und welche Ressourcen müssen mobilisiert werden, um das Kindeswohl im Falle einer Erhaltung der Beziehung zwischen dem Kind und seinem Elternteil im Strafvollzug zu garantieren?

Eine interdisziplinäre und explorative Forschung, welche in Zusammenarbeit mit der l’Association Carrefour Prison à Genève (www.carrefour-prison.ch) und dem Gefägnis von Champ-Dollon (www.ge.ch/champ-dollon) durchgeführt wurde, bietet erste Antwortspuren auf die Frage nach der Betreuung von Kindern mit einem inhaftierten Elternteil. Die erzielten Ergebnisse zeigen zahlreiche Elemente auf, welche die Umsetzung des Kindeswohl bestärken. Eine konstante Bewertung des aktuellen Wohlergehens des Kindes, ein Engagement und eine Zusammenarbeit aller Beteiligten zugunsten des Kindes, eine adäquate Informierung des Kindes, eine Vielfalt in der Methode und dem Rhythmus der Beziehungspflege, eine klare Positionierung der beteiligten Intervenierenden und eine Umwelt, die dem Kind in seiner Pflege der Beziehungen angepasst ist, sind praktische Modalitäten, welche die Anwendung des Kindeswohl im Falle des Freiheitentzuges eines Elternteils begünstigen können.

Die Handlungsmöglichkeiten zugunsten der Kinder, welche durch die Haftstrafe eines Familienmitgliedes betroffen sind, beschränken sich allerdings nicht auf die Begleitung letzterer in ihren familiären Beziehungen. Für eine globale Behandlung der schädlichen Auswirkungen der elterlichen Inhaftierung ist es notwendig, sowohl auf dem sozialpädagogischen Niveau als auch bei Behörden, Amtsstellen, Verwaltungen und politischen und wissenschaftliche Zuständigkeiten zu intervenieren.

In Anbetracht der Nichtexistenz von Zahlen auf schweizerischem Niveau müsste eine Systematisierung von Untersuchungen betreffend der Elternschaft der in der Schweiz inhaftierten Personen stattfinden, mit dem Ziel, auf eine nationale Statistik zurückgreifen zu können und um die betroffenen aber unsichtbaren Kinder sichtbar zu machen.
Aufgrund dieser Zahlen könnten gezielte Studien so realisiert werden, dass die spezifischen Bedürfnisse dieser Population identifiziert und auf diese somit anschliessend durch geeignete Strukturmaßnahmen geantwortet werden kann, sei es durch die Einführung von Begleitdiensten oder durch die Einrichtung von Räumen, die einem Empfang der Kinder innerhalb eines Gefängnisses angepasst sind.

Auf dem internationalen Niveau hat kürzlich ein einschneidendes Ereignis dazu beigetragen, die Sichtbarkeit der Situation der Kinder mit einem Elternteil im Strafvollzug zu begünstigen. Am vergangenen 30. September hat in Genf das internationale Kinderrechtskomitee  seine 58ste Diskussionssession dem Thema „Kinder mit Eltern im Strafvollzug“ und dem Austausch von „best practices“ und der Adoption von Empfehlungen betreffend der Bedürfnisse dieser spezifischen Population gewidmet. Auf nationalem Niveau wird die Schweizerische Gesellschaft für Rechtspsychologie (SGRP) ihrerseits am Mittwoch den 2. November 2011 in der Universität Bern eine Weiterbildungstagung zum Thema „Elternschaft im Strafvollzug“ abhalten. Doch trotz dieser Aktualität machen der Mangel an Daten und Strukturen die Schweiz bezüglich dieses Themas zu einem „schlechten Schüler“, wie z.B. das Beispiel von Carrefour Gefängnis zeigt. So ist dieses Gefängnis zur Zeit die einzige Infrastruktur dieser Art in der Westschweiz, welche den Kindern von inhaftierten Eltern und ihren Familien eine Begleitung anbietet.

Mehr Informationen und eine vollständige Bibliografie finden sie in der Arbeit: L’intérêt supérieur de l’enfant et le maintien des relations avec son parent incarcéré : Enjeux, difficultés et perspectives au regard d’intervenants, réalisé par Céline Morisod, diplômée Master en Droits de l’Enfant à l’Institut universitaire Kurt Bösch à Sion

1 résponse pour “Die Aufrechterhaltung der Beziehungen zwischen dem Kind und seinen Eltern im Strafvollzug: von der Rechtsfrage in die Umsetzung”

  1. fso dit:

    Miss America à l’aide des enfants de détenus :
    http://www.bluewin.ch/fr/index.php/1776,410175/fr/entertainment/people/?asset_id=105830

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