Die Familie – die elementare Zelle der Gesellschaft

26 März 2012 par fso

Professor Teuscher erläutert in seiner Darstellung, dass im Laufe der Geschichte die Familie oft ihr Äusseres – insbesondere aus Gründen der vorhandenen Ressourcen, geändert hat. (…) “Früher waren die Beziehungen zwischen den Generationen überhaupt nicht intakter”. (…) Für Professor Szydlik ist es offenkundig, dass die Solidarität zwischen den Generationen bis heute funktioniert. Das Szenario, welches Werteverlust und Intoleranz suggeriert, widerspiegelt folglich nicht die Wirklichkeit, selbst wenn dieses von zahlreichen Autoren sowie von den Medien so gezeichnet wird.

Von Anina Lauber und Maja Hornik, Forum für Universität und Gesellschaft der Universität von Bern

Die Familie – kein anderer Begriff der Umgangssprache wird dermaßen kontrastiert interpretiert und auch nicht dermaßen ambivalent gelebt. Je nach religiösem und kulturellem Hintergrund zeigt sich die Zusammensetzung einer Familie anders; ihre Werte und Rituale unterscheiden sich. Zahlreiche Stimmen erheben sich dieser Tage um das Auseinanderfallen der Werte in den modernen Familien anzuprangern. Andere erklären ihre Erleichterung darüber, dass die starren sozialen Konventionen heute nicht mehr den gleichen Stellenwert haben. Andere wiederum sehen in der Familie immer noch die elementare Zelle der Gesellschaft. In seinen vier früheren Manifeste, welche unter dem Titel „Brüchiger Generationenkitt? Generationenbeziehungen im Umbau“ (ist die Verbindung zwischen den Generationen dabei, sich zu erschöpfen?) im Forum für Universität und Gesellschaft ist er bereits zu der Schlussfolgerung gelangt, dass die Solidarität zwischen den Generationen immer in mehreren wesentlichen Bereichen der Gesellschaft funktionierte. Aber gilt dies auch für den Fall der Familie? Ist diese nicht zu hohen Erwartungen ausgesetzt? Hat sie sich wirklich im Laufe der Modernisierung verändert? Und welches ist ihre Zukunft?

Die Familie – eine historische Konstruktion?

Wenn man die Familienstrukturen unter einem historischen Winkel betrachtet – insbesondere was ihren Einfluss auf die Gesellschaft betrifft – stellt man sofort fest: das Bild der Familie, so wie wir sie uns vorstellen dass sie früher ausgesehen hat, ist irreführend. Professor Simon Teuscher des Geschichtsseminars der Universität von Zürich erinnert daran, dass unser Bild der historischen Familie idealisiert ist und auf einer falschen Wahrnehmung basiert. In der Vergangenheit haben die Familienbeziehungen mehrmals Phasen gekannt, in denen es schien, als dass ihren Einfluss auf die Gesellschaft am Erblassen sei. Im 14. Jahrhundert in Italien war das „europäische Ehemodell“ die Regel: sich spät zu verheiraten und einen Haushalt ausserhalb der Ursprungsfamilie zu gründen ist also sicherlich keine moderne Erfindung. Die durchschnittliche Dauer der Ehen war folglich ziemlich dieselbe wie heute: ca. 8 bis 12 Jahre. Erklärung: eine hohe Sterblichkeitsrate. Konsequenz: zahlreiche Einpersonenhaushalte, Mehrfachehen und Patchworkfamilien. Die Kernfamilie ist erst im XX. Jahrhundert und nur für eine kurze Periode erschienen; sie wurde durch die Entwicklung des sanitären Systems, die Zunahme der Lebenserwartung und der Starrheit der ehelichen Sitten begünstigt.

Professor Teuscher erläutert in seiner Darstellung, dass im Laufe der Geschichte die Familie oft ihr Äusseres – insbesondere aus Gründen der vorhandenen Ressourcen, geändert hat. In der Tat haben die Ehe und der Nachlass beim Wandel der Familienstrukturen eine wesentliche Rolle gespielt. Während zu Beginn des Mittelalters die Erbschaftssteuer hauptsächlich egalitär war, war sie zu Ende dieses Zeitalters und aus politischen Gründen auf der Linie der Väter. Der älteste Sohn war einziger Erbe. Im XIX. Jahrhundert wurde der paritätische Grundsatz die Regel und die Leute heirateten oft innerhalb der Familie, da es überaus wichtig war, das Kapital innerhalb der Familie zu bewahren.

Professor Teuscher macht schließlich das Publikum darauf aufmerksam, Vorsicht vor Analysen zu walten, welche auf einer schematischen Repräsentation der Familie beruhen. Denn, so Teuscher: „Früher waren die Beziehungen zwischen den Generationen überhaupt nicht intakter“.

Die Solidarität zwischen den Generationen – zwischen Tradition und Moderne

Professor Marc Szydlik, Verantwortlicher des Projekt Generationen in Europa der Universität von Zürich, gibt anschliessend ein aktueller Überblick über die Generationen. Marc Szydlik führt insbesondere die Beziehung zwischen den Familienmitgliedern und ihren erwachsenen Kindern an indem er den Einfluss, welche die Bedürfnisse der einen und der anderen ausübt und die Möglichkeiten, welche sich ihnen eröffnen, unterstreicht. Heute balancieren die Beziehungen zwischen den Generationen zwischen Konflikt und Konsens –immer aber auf einer solidarischen Basis. Die Konflikte sind innerhalb der Kernfamilie akzentuierter und häufiger, insbesondere auch weil die Kontakte dort enger sind. Für die Qualität der Beziehung kann sich die finanzielle Lage der Familie als einen nicht unerheblichen negativen Faktor erweisen. Es geht aus den Studien, welche von Professor Szydlik durchgeführt wurden, hervor, dass die Konflikte zwischen den Generationen in den modernen Sozialstaaten seltener sind. Allerdings stellt man dort ebenfalls beträchtliche Abweichungen fest. So hat die Solidarität zwischen den Generationen unter den Staatsangehörigen eines Landes wesentlich bessere Chancen als unter den Immigranten.

Für den Spezialisten ist es offenkundig, dass die Solidarität zwischen den Generationen bis heute funktioniert. Das Szenario, welches Werteverlust und Intoleranz suggeriert, widerspiegelt folglich nicht die Wirklichkeit, selbst wenn dieses von zahlreichen Autoren sowie von den Medien so gezeichnet wird. Professor Szydlik unterstreicht im Übrigen, dass Konflikt und Solidarität sich nicht gegenseitig ausschließen, sondern dass sie, ohne die Solidarität zwischen den Generationen zu gefährden, gleichzeitig vorhanden sein können.

Rituale und Traditionen sind essentielle Elemente in den Familien; sie spielen eine wesentliche Rolle in Bezug auf die intergenerationelle Solidarität. Nach den Studien, welche von Professor Christoph Morgenthaler, Theologe an der Universität von Bern, durchgeführt wurden, variieren sie nicht nur bezüglich Kultur und religiöser Zugehörigkeit, sondern auch in der Mikro-Perspektive. Folglich werden die rituellen Praktiken nicht von allen auf dieselbe Art und Weise gelebt: das Weihnachtsfest, die Geburtstage, die Familienzusammenkünfte und sogar die gemeinsamen Wochenenden oder die Abendessen werden vom Kind, Vater und Mutter individuell verschiedenen geschätzt, auch was die Häufigkeit, den Verlauf und den symbolischen Wert betrifft. Die Mütter fühlen im Allgemeinen ein ausgeprägteres rituelles Bedürfnis als die anderen Familienmitglieder.

Die Familienrituale können für die einen oder anderen eine unterschiedliche Bedeutung haben: sie können ein Bedürfnis, einen Zwang oder eine harmonische Erfahrung darstellen. Allerdings sind es immer unentbehrliche Instrumente, um Verbindungen zwischen den Familienmitgliedern zu erzeugen. Sie sind am Anfang einer strukturierten, regelmäßigen Wechselwirkung und vor allem zwischen den Generationen und in schwierigen Zeiten können sie eine stabilisierende Wirkung einbringen. Außerdem und insbesondere für die Kinder begünstigen sie die Selbstbildung und den Erwerb kultureller Kompetenzen. Andererseits können Rituale, aufgrund ihres verbindlichen Charakters, auch einen Zwang darstellen. Es ist nicht selten, dass die Nicht-Befolgung oder die Überschreitung dieser Regeln soziale Sanktionen bewirken. Schließlich tragen die Rituale zum Austausch zwischen den Generationen bei, indem sie helfen „den zerbrechlichen Stoff der menschlichen Beziehungen zwischen einer Generation und der Folgenden zu weben.“

Dieser Artikel ist von Felix Bühlmann am 24.01.2012 in blog Intergenerations erschienen.

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