Suizid bei Jugendlichen – gibt es wirksame Mittel zur Prävention?

21 August 2012 par fso

Die Forschung zeigt, dass das wirksamste Mittel um zu Suizide neigende Verhalten auf der gesellschaftlichen Ebene vorzubeugen darin besteht, in die Resilienz der Kinder zu investieren, so dass sie die Kompetenzen entwickeln, die sie brauchen, um Schicksalsschläge zu ertragen.

Von Dainius Puras (Litauen), Experte für die psychische Gesundheit von Kindern, ehemaliges Mitglied des Ausschusses für die Rechte des Kindes der Vereinten Nationen.

In den verschiedenen Regionen der Welt stellt man eine sich stetig erhöhende Anzahl von Suiziden bei Jugendlichen fest. Dieses Phänomen spiegelt weitestgehend eine traurige Realität des realen Wachstums wieder. Die gute Nachricht ist jedoch, dass dies zum Teil das Ergebnis eines besseren Bewusstseins und einer besseren Anerkennung eines rumfassenden Problems sein könnte, welches früher oft  ausgeblendet und übergangen wurde.

Das zu Suizid neigende Verhalten gehört zum erweiterten Bereich der psychischen Gesundheit und des emotionalen Wohlbefindens. Während zahlreiche Länder in ihren Antworten auf ansteckende und nichtansteckend somatische Krankheiten erhebliche Fortschritte gemacht haben, wenden sie sich nun den Problemen im Bereich der psychischen Gesundheit zu und stellen fest, dass diese Probleme eine große Belastung für die Gesellschaft darstellen. Es ist folglich offensichtlich, dass auch in den entwickelten Ländern die Investition in die mentale Gesundheit kein Luxus mehr darstellt sondern es eher ein Luxus ist, nicht in die psychische Gesundheit und das emotionale Wohlbefinden von Kindern und ihren Eltern zu investieren. Obwohl die Mittel zur Förderung der mentalen Gesundheit  und der Prävention bezüglich gesundheitlicher Probleme in diesem Bereich, einschließlich der Suizide, wohl bekannt sind, werden sie doch oft auf eine nicht adäquate Art und Weise in der Praxis verwirklicht. Die Suizidprävention, nach dem Vorbild aller Bereiche der psychischen Gesundheit und des emotionalen Wohlbefindens, ist oft Geisel von Stigma, Mythen und Tabus.

Das Problem der Erkennung eines zu Suizid neigenden Verhaltens, bevor es zu spät ist und bevor die Prävention, auf gesellschaftlicher, gemeinschaftlicher, familiärer und individueller Ebene erheblich erschwert wird, ist schwierig. Ein Umfeld von Verzweiflung und Ohnmacht umgibt dieses Phänomen. Um aus dieser Sackgasse heraus zu finden, braucht es die Befolgung von Grundprinzipien, im Gleichschritt mit den modernen Menschenrechte und den Prinzipien der Rechte des Kindes.

Zunächst ist es sehr wichtig, im Hinterkopf zu behalten, dass Selbstmord ein Problem des öffentlichen Gesundheitswesens ist und deshalb mittels der Benützung der Zugänge eines modernen öffentlichen Gesundheitswesens behandelt werden muss. Die Versuchung ist gross, die Prävention im Rahmen von Suiziden auf eine biomedizinische Betrachtungsweise zu limitieren, oder einem grosse Risiko ausgesetzt, dass Medikamente oder psychosoziale Therapien identifiziert und verschrieben werden, welche für Individuen, die unter eine Depression im medizinischen Sinne leiden, vorgesehen sind. Dieses Vorgehen, wenn es auch notwendig ist, kann nicht alleine das Problem eines zu Suizid neigenden Verhaltens lösen, da es nicht die sozialen Determinanten der Gesundheit und der Entwicklung des Kindes und des Jugendlichen berücksichtigt.

Auf interessante Art und Weise hat die Weltgesundheitsorganisation in ihrem brillanten Bericht “Gesundheit und Gewalt” (2002) klar deklariert, dass ein zu Selbstmord neigendes Verhalten eines der Gesichter der Gewalt ist und dass es somit auf die gleiche Art und Weise angegangen werden sollte wie die anderen Gewaltformen. Indem wir den Selbstmord wie eine gegen sich selbst gerichtete Gewalt behandeln entdecken wir, dass es eine große Anzahl von wirksamen und kreativen Lösungen gibt, um präventiv vorzugehen. Anstatt die Wurzeln des zu Selbstmord neigenden Verhaltens im Gehirn oder der Persönlichkeit der Individuen zu suchen, sollten wir die Qualität der Beziehungen unter den Individuen und den Gruppen fördern – und wir würden entdeckten, dass dies uns zu Respekt, zu Würde und zu den Menschenrechten führt.

Ein mächtiger Mythus ist auf die fatalistische Annahme gestützt, dass es fast unmöglich ist, das Leben von Menschen zu retten, welche sich veranlasst sehen, einen Selbstmord zu begehen. Diese Art zu Denken beweist, dass die wissenschaftliche Evidenz des Suizides als vorhersehbarer Zustand noch immer verkannt ist. Tatsächlich ist die Entscheidung, einen Selbstmord zu begehen, meistens impulsiv und ein kleines Detail kann der Erfüllung dieser Entscheidung vorbeugend entgegenwirken und ein Leben retten. Mehrere Länder haben wirksame Vorbeugungsstrategien bezüglich der Suizide, gemäss hochentwickelter Analysen der Bestimmung von wichtigen Schutz- und Risikofaktoren, eingerichtet.

Im Vergleich mit den Erwachsenen ist das zu Selbstmord neigende Verhalten von Kindern und Jugendlichen vor allem an sozialpsychologische Faktoren, welche die Jugendlichen umgeben, gebunden. Alles was um sie herum in der Familie, in der Schule, auf der Straße, in der Gemeinschaft und der Gesellschaft im Allgemeinen geschieht – all dies hebt oder senkt  die Schwelle der zerstörerischen oder selbstzerstörerischen Verhaltensweisen, einschließlich der Neigung zum Suizid. Die Forschung zeigt, dass das wirksamste Mittel um zu Suizide neigende Verhalten auf der gesellschaftlichen Ebene vorzubeugen darin besteht, in die Resilienz der Kinder zu investieren, so dass sie die Kompetenzen entwickeln, die sie brauchen, um Schicksalsschläge zu ertragen.

Zu guter Letzt sei erwähnt, dass der Menschenrechts- und Kinderrechtszugang, wenn er korrekt in den Bereichen der Gesundheit, der Erziehung, des sozialen Wohlseins und in weiteren Sektoren, über die respektvolle Behandlung der Kinder und über respektvolle Beziehungen zwischen den Mitgliedern einer Gesellschaft, und ihren  Kindern, umgesetzt wird, ein wirksames Gegenmittel gegen zu Suizid neigende Verhaltensweisen darstellt.

Dieser Artikel ist am 14.08.2012 in der Rubrik Edito-Actualité auf der Website Internationales Institut der Rechte des Kindes (IDE) erschienen.

1 résponse pour “Suizid bei Jugendlichen – gibt es wirksame Mittel zur Prävention?”

  1. Conduites suicidaires chez les jeunes - Fondation Sarah Oberson dit:

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