Die Kinderrechtskonvention (KRK), 20 Jahre für die Rechte des Kindes : Revolution von Status quo ?

11 März 2013 par fso

Nähert man sich gewissermassen, basierend auf einer gesetzlichen Grundlage, mit einem entwickelten Wortschatz und systematischen Aktivitäten der Verteidigung der gleichen Problematiken, welchen den karitativen Institutionen zu Beginn des Jahrhunderts am Herzen lagen?

Überlegungen von Clara Balestra angeregt durch den Artikel von Michele Poretti (2012), “Die Paradoxe der Institutionalisierung. Einen retroperspektivischen Blick auf zwei Jahrzehnte des internationalen Plädoyers für die Rechte des Kindes” (pdf) im Journal des Jeunes, N° 320, Dezember 2012, S. 30-36.

«Dieser Artikel (…) fasst die Resultate des interdisziplinären Forschungsprojektes «Living Rights», welches zwischen 2010 und 2012 über die zwei Jahrzehnte des internationalen Plädoyers für die Rechte des Kindes durchgeführt wurde, zusammen. Um die Faktoren, welche den Prozesse der Priorisierung beeinflussen, besser verstehen zu können, hat das Forschungsprojekt mehr als 300 Dokumente (Vereinbarungen, Verträge, Jahresberichte etc.), welche zwischen den Jahren 1989 und 2009 durch das System der Vereinten Nationen und einer Auswahl von internationalen nichtstaatlichen Organisationen (NGOs), verfasst wurden, zusammengetragen und analysiert» (S. 30).

Einer der interessanten Aspekte, die in diesem Artikel erwähnt werden, ist das Bild des Kindes, welches durch die Agenturen der Verteidigung der Rechte des Kindes verbreitet wird. Während die KRK, seit ihrem Inkrafttreten im Jahr 1989, das Kind als Träger von Rechte, als kompetent und als Akteur seines Leben erachtet, scheinen die Agenturen, welche die Interesse des Kindes verteidigen, Themen zu bevorzugen, welche «das Bild des Kindes als Opfer, welches es zu schützen gilt, verbreiten (…)» (S. 35).

Gemäss dem Autor ist eines der Ursprungselemente dieser Situation das Klima der zunehmenden finanziellen Konkurrenz zwischen den Akteuren aufgrund einer zunehmenden Anzahl von Institutionen zur Verteidigungen der Rechte des Kindes. Eine Anzahl, welche in den 90er Jahren explodierte und welche durch die Wirtschaftskrise in den gleichen Jahren verschärft wurde. «Dieser Druck hat sich in einer gesteigerten Notwendigkeit ausgedrückt, sich auf einem von Konkurrenz geprägten Markt klar zu positionieren, insbesondere indem thematische Nischen gefunden werden mussten, welche in der Lage waren, genügend finanzielle Mittel zu generieren» (S.35).

So entstand «ein starkes Gefühl der Dringlichkeit (…) zuoberst auf der Agenda (…): Millionen von Kindern sind in Gefahr und sie müssten schnellst möglich gerettet werden. In der Tat, im Gegensatz zu der Doktrin der Unteilbarkeit und der Interdependenz der Rechte des Menschen, scheinen die Verteidiger der Rechte des Kindes eine gut etablierte Hierarchie der Rechte zu teilen, an deren der Spitze das Recht auf Leben und Überleben steht» (S.34).

Die KRK versteht das Kind als vollwertigen Akteur der Gesellschaft, dies unteranderem indem die KRK für das Kind das Recht auf Teilnahme (Partizipation) einführte. Das Forschungsprojekt «Living Rights» beweist, dass diese Thematik weiterhin «eine relativ marginale Aktivität » bleibt. « Trotz den hartnäckigen Appellen, die Perspektiven von Kindern und Jugendlichen ernst zu nehmen (…) werden die Agenda und die Debatten weiterhin von Erwachsenen bestimmt. Die Kinder sind oft auch aus Prozessen der Beschlussfassung ausgeschlossen» (S. 31).

So tendiert das internationale Plädoyer der post-KRK, obwohl laut und stark der neue Status des Kindes als Träger von Rechte und Akteur der Gesellschaft ausrufend, in erster Linie dazu, seine Verletzlichkeit zu unterstreichen.

Eine weitere interessante Feststellung des Dokuments ist die Vereinheitlichung der Analyse der aufgegriffenen Themen, welche die strukturellen Faktoren der Problematiken für eine vermehrt individuelle und gesellschaftliche Prüfung der Ursachen in den Hintergrund stellt. Im Sinne dass,  «wenn die Beziehungen zwischen der Gewalt und den sozioökonomischen Bedingungen der Kinder und ihrer Familien verneint werden, die Akteure die Ursachen der Probleme vorwiegend in einer schädlichen Haltung und einem schädlichen Verhalten der Erwachsenen gegenüber den Kindern und in der sozialen oder kulturellen Toleranz dieser Praktiken identifizieren» (S. 34).

Der Autor schlussfolgert : «die Analyse der internationalen Agenda der Rechte des Kindes der letzten Jahrzehnte ergibt ein Bild eines Feldes, welches von Dringlichkeit dominiert wird und zunehmend unfähig wird, den politischen, wirtschaftlichen und sozialen Herausforderungen zu trotzen, von denen jedoch das Wohl des Kindes abhängig ist» (S. 36).

Nähert man sich gewissermassen, basierend auf einer gesetzlichen Grundlage, mit einem entwickelten Wortschatz und systematischen Aktivitäten der Verteidigung der gleichen Problematiken, welchen den karitativen Institutionen zu Beginn des Jahrhunderts am Herzen lagen? Und wenn dies der Fall ist, geht dies zu Lasten des neuen Status des Kindes, welcher dem Kind durch die KRK verliehen wurde?

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