Das Weglaufen : einen Alarm und ein Risiko!

9 April 2013 par fso

Die Vorzeichen einer Flucht können vielfältig sein, aber jegliche Veränderung des Verhaltens oder der Haltung muss ernstgenommen werden, insbesondere schulisches Versagen und Isolierung. Eltern welche solche Veränderungen feststellen oder mit einem Weglaufen konfrontiert sind, können um Hilfe anfragen, wie dies auch ihre Kinder können.

Synthese der Soirée Sarah Oberson 2012, Working Report

In den allermeisten Fällen von Verschwinden von Kindern in westlichen Ländern handelt es sich um Weglaufen. Zahlen aus der Schweiz fehlen. Jedoch ist bekannt, dass es sich um ein weit verbreitetes Phänomen handelt, welches in den letzten Jahren in den Nachbarländern immer öfter auftritt. Die Stiftung Sarah Oberson, welche gegründet wurde, um Familien, welche mit dem Verschwinden eines Kindes konfrontiert sind, helfen zu können, wollte im Rahmen der Soirée Sarah Oberson 2012 mit einer Reflexion über die verschiedenen Arten, mit denen diesem zunehmenden Phänomen begegnet werden kann, beitragen.

Das Weglaufen von Jugendlichen ist «ein impulsiver, brutaler, meistens einsamer Abschied, zeitlich beschränkt, im Allgemeinen ohne genaues Ziel» (übersetzt nach Halfon, S. 13). Die zu diesem Abend eingeladenen Experten sind sich einig, dass das Konzept einer Flucht als Übergangsritus überholt ist. Das Kind vermeidet ein feindliches, schmerzhaftes und/oder konfliktbeladenes Umfeld. Es vermeidet ein Unwohlsein, eine existentielle Angst und äussert seinen Schmerz, indem es flieht (nach Halfon, S. 13-14).

Der typische Flüchtende ist ein Kind zwischen 12 bis 18 Jahren. In diesem Altersabschnitt erleben alle Menschen „eine Scharnierperiode der zerebralen Entwicklung“ (übersetzt nach Boutrel, S. 7). Zwei „zeitlich versetzte Phänomene (entstehen und) verursachen einen explosiven Cocktail jugendlicher Entgleisungen; einerseits, ein ziemlich heftiges und abruptes Gefühlserwachen welches sich in einer deutlichen Erhöhung der Triebe äussert; anderseits die Selbstbeherrschungs- und Urteilsfähigkeit, welche nur nach und nach im Erwachsenwerden aufgehen und erst im Alter zwischen 20 bis 30 Jahre vollständig wirksam werden“ (Boutrel, S. 6).

In der Tat drückt sich dieses Phänomen in einem kühnen Verhalten aus, welches aus Jugendlichen eine Risikogruppe macht (nach Boutrel, S. 10). Das Weglaufen ist eine der gewagten Handlungen, welche sich in dieses Entwicklungsschema einschreibt. Als solche kann sie nicht auf die leichter Schulter genommen werden, sei es während des Verschwindens als auch nach der Rückkehr des Kindes.

So ist die erste Reaktion, welche angesichts einer Abwesenheit eines Kindes ohne Zögern erfolgen sollte – nach der Rückversicherung durch die Nächsten und/oder die Schule, die Alarmierung der Polizei. Die Polizei erachtet jedes Verschwinden eines Kindes als ein beunruhigendes Verschwinden und handelt dementsprechend, indem sie ein gewichtiges Interventionsdispositiv einsetzt. Wenn eine Flucht angenommen werden muss, bleibt die Dringlichkeit gegeben, auch wenn sich die Mittel der Suche ändern (nach Lauber, S. 20).

Auch ist der Moment des Empfangs nach einer Rückkehr ein Scharniermoment. Es gilt, einen Raum zum Zuhören und Dialog zu öffnen, welcher es den Jungen erlaubt, die Gründe ihres Handelns zu äussern und es den verantwortlichen Erwachsenen ermöglicht, ihren Standpunkt mitzuteilen, ohne zu richten und ohne zu verurteilen (nach Halfon, S. 14). Dieses gegenseitige Zuhören kann dazu führen, falls notwendig und gemäss einem gemeinsamen Einverständnis, die Regeln des Zusammenlebens und die Beziehungen, welches dieses bestimmen, zu ändern.

In diesem Sinn, wenn die Polizei nach einer Rückkehr eines Kindes evaluiert, dass soziale Massnahmen notwendig sind, wird im Kanton Wallis das Dossier des Kindes dem Amt für Kindesschutz (AKS) (nach Lauber) übergeben, welches die zu unternehmenden Massnahmen bestimmt: Unterstützung der Familie, Platzierung oder Hospitalisierung. In Fällen von Schwierigkeiten, welche keine sofortige Intervention bedingen, wird dem Kind und seinen Eltern ein Handschreiben zugestellt, welches ihnen Unterstützung anbietet (nach Nanchen).

Das Weglaufen aus sozial-pädagogischen Institutionen ist am häufigsten. Im Jahr 2001 hat das Institut St-Raphaël, mit dieser Problematik konfrontiert, entschieden, sich über die Typen der Übernahmen zu hinterfragen. Zu dieser Zeit bestand die „Praxis darin, die Weggelaufenen nach ihrer  Rückkehr ausserhalb einzuschliessen“ (Hértier, S. 38). Professionelle erlebten diese Verschwinden wie berufliche Misserfolge.

Das Resultat dieses Hinterfragen hatte einen Wechsel der Philosophie zur Folge. St-Raphaël betrachtet nun «das Weglaufen als einen integralen Bestandteil einer Platzierung eines Jugendlichen » (Hértier, S. 38). Nach der Rückkehr wird das Kind in einem Raum des Zuhörens empfangen. Je nach Notwendigkeit kann sein erzieherisches Projekt angepasst werden. Auch wird der Jugendliche, welcher die Regeln des Instituts missachtet hat, Sanktionen unterworfen. Er „kennt die Sanktionierungsmassnahmen vom ersten Tag seiner Platzierung an und stellt sie nicht in Frage (Jordan, S. 37).

Kann man einer Flucht vorbeugen?

Die Fluchtprävention aber auch die der Nachwirkungen scheint möglich: insbesondere wenn eingerichtete Präventionsprogramme die Totalität sämtlicher relevanter Faktoren berücksichtigt: individuelle, elterliche, aus dem Umfeld als auch schulische und soziale. Zum Beispiel die Entwicklung „der sozialen Kompetenzen / des Kindes (Problemlöseverhalten, coping, prosoziales Verhalten…), emotionale (Umgang mit Wut, Verständnis der Emotionen), kognitive (Argumentationen, schulische Leistungen) ist eine der effizientesten Methoden, und dies umso mehr, wenn sie die Bildung der Eltern oder Lehrpersonen mit einbezieht“ (Halfon, S. 17).

Die Vorzeichen einer Flucht können vielfältig sein, aber jegliche Veränderung des Verhaltens oder der Haltung muss ernstgenommen werden, insbesondere schulisches Versagen und Isolierung. Eltern welche solche Veränderungen feststellen oder mit einem Weglaufen konfrontiert sind, können um Hilfe anfragen, wie dies auch ihre Kinder können (Runder Tisch).

Eines der Mandate des Amtes für Kindesschutz AKS ist „Unterstützung und Rat anzubieten, wenn dies Eltern oder Kinder verlangen“ (Tel. 027 / 606 48 40). Weitere Unterstützungsstrukturen existieren in sämtlichen Regionen der Schweiz.

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