Die wissenschaftlichen Kenntnisse schreiten voran, und die Praxis ?

28 Januar 2014 par fso

Seit 30 Jahren bleiben die Fragen dieselben: Kann man die Gefährlichkeit eines Gefangenen einschätzen? Die wissenschaftlichen Kenntnisse in diesen Bereichen schreiten vor, wie auch die Praxis, letztere aber deutlich langsamer. Abschliessend ist es wichtig zu präzisieren, dass die Abschaffung der bedingten Haftentlassung oder jede andere Form einer vorzeitigen Entlassung (Urlaub, …) keine Verletzung der individuellen Rechte eines Gefangenen darstellt, sondern nur das Ende eines Privilegs einer, durch ein rechtlich anerkanntes Gericht, zu einer Freiheitsstrafe verurteilten Person.

Zusammenfassung des Referats von Philip Jaffé, Direktor des IUKB, Verantwortlicher der Interdisziplinäre Lehr- und Forschungseinheit für Kinderrechte, Doktor in Psychologie, Spezialist in Rechtspyschologie FSP, anlässlich der Konferenz Sarah Oberson 2013, vom 13. November 2013 zum Thema: « Von Lucie zu Marie : von Null-Risiko zu der Wiedereingliederungsverpflichtung »

Seit den 90er Jahren, oder präziser seit dem Fall Dutroux, vertreten nur noch wenige Psychiater die Meinung, dass alle Gefangenen rehabilitiert werden können. Es gibt eine beschränkte Anzahl Personen, welche ernsthafte Vergehen begingen, wie zum Beispiel Vergewaltigung und Mord, die nicht in Freiheit entlassen werden können, weil sie eine dauerhafte Gefahr für die Gesellschaft darstellen.

Seit 30 Jahren bleiben die Fragen dieselben: wie können sie identifiziert werden? Kann man ein zu einem Rückfall neigendes Verhalten betreffend Vergewaltigung oder Mord bei bereits für die gleichen Vergehen verurteilten Personen vorhersehen? Kann man die Gefährlichkeit eines Gefangenen einschätzen? Die wissenschaftlichen Kenntnisse in diesen Bereichen schreiten vor, wie auch die Praxis, letztere aber deutlich langsamer.

Der aktuelle wissenschaftliche Konsens bevorzugt eine klinische Begutachtung ergänzt durch eine versicherungs- und wirtschaftsmathematische Einschätzung (mittels spezialisierten Fragebogen) der Bedrohlichkeit eines Gefangenen. Das klinische Gutachten soll von einem qualifizierten Experten durchgeführt werden, welcher während mehreren Jahren im Bereich der Praxis des Systems der Strafanstalt ausgebildet wurde und unter einer konstanten Überprüfung steht. Seine Beobachtungs- und Analysefähigkeit muss alle Informationen, welche über den Verurteilten zur Verfügungen stehen, mit einbeziehen. Diese Evaluation muss periodisch wiederholt werden. Keinesfalls jedoch soll ein Psychiater, welcher nur wenig oder gar nicht in diesem Bereich ausgebildet ist, die Möglichkeit erhalten, eine solche Untersuchung durchzuführen; und nie sollte diese Expertise von einem Therapeuten des Gefangenen durchgeführt werden.

Die versicherungsmathematische Dimension des Gutachtens (unter Einbezug von Statistiken) basiert auf gewichtigen wissenschaftlichen Recherchen, welchen bestimmte Kriterien, die die Gefährlichkeit eines Gefangenen zu beeinflussen scheinen, einen gewissen Stellenwert zuschreiben. Im Voraus definierte Fragebogen (DRAG, HCR 20, PCLR, …) berücksichtigen bis zu 150 Kriterien: gerichtliche Vergangenheit (Gewaltakte), Kenntnisse der Opfer, weibliche Opfer oder nicht, Gebrauch von Waffen, IQ des Gefangenen, Verhalten in Gefangenschaft, Art und Weise, über die eigenen strafbaren Handlungen zu räsonieren, usw.

Diese Fragebogen erlauben einen systematischen Einbezug der Risikofaktoren. Sie verhelfen zu einem Score, welcher ein Wahrscheinlichkeitsindiz für die Gefährlichkeit des Gefangenen darstellt.  Der PCLR zum Beispiel ist ein Instrument, welches den Grad der Psychopathie misst: eine Variable welche mit einer sehr hohen Wiederholungsgefahr assoziiert wird.

In der französischsprachigen Schweiz ist die Kombination der klinischen Begutachtung und der Einbezug der Statistik mehr und mehr eine gängige Praxis. Die klinische Begutachtung bleibt jedoch in der Schweiz vorherrschend und der Mangel an qualifizierten Experten bleibt spürbar.

Nicht desto trotz, die Entscheidung zur Freilassung ist nicht nur eine klinische oder statistische Frage. Sie ist ferner auf einem sozialen Konsens begründet. Die Psychiater, Psychologen und Weitere können massgeblich dazu beitragen, Personen, welche weiterhin über ein grosses Gefahrenpotenzial verfügen, zu bestimmen – sie können sich auch irren, aber sie sind nicht alleine. Zahlreich sind die Personen und Berufsverbände, die an dieser Entscheidung mitbeteiligt sind. Gemäss Jaffé sind in der Schweiz die Entscheidungskette wie auch ihre Organisation, aber auch die gesetzlichen Verfügungen, welche sie bestimmen, manchmal dysfunktional und sollten Gegenstand einer Nivauanpassung sein.

Die jüngste Entwicklung in den USA und Kanada zielt darauf ab, sich nicht ausschliesslich auf die Gefährlichkeit der Person zu konzentrieren – eine Einschätzung, welche jedoch trotzdem weiterhin wichtig bleibt. So arbeitet ein interdisziplinäres Team ebenfalls im Bereich des Risikomanagements, das heisst, in der Evaluation der Strukturen welche den Strafgefangenen ausserhalb der Strafanstalt umgeben. Diese Team arbeitet unter der Führung eines erfahrenen Projektverantwortlichen welcher nicht notwendigerweise ein Fachmann aus dem Bereich der Gesundheit sein muss, wie zum Beispiel ein Richter.

Abschliessend ist es wichtig zu präzisieren, dass die Abschaffung der bedingten Haftentlassung oder jede andere Form einer vorzeitigen Entlassung (Urlaub, …) keine Verletzung der individuellen Rechte eines Gefangenen darstellt, sondern nur das Ende eines Privilegs einer, durch ein rechtlich anerkanntes Gericht, zu einer Freiheitsstrafe verurteilten Person. Die Beweislast des guten Verhaltens obliegt somit dem Gefangenen.

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