Trennung, ein gewöhnliches Erdbeben

10 Februar 2015 par fso

As’trame ist “überzeugt, dass die Auseinandersetzung mit den Eltern nützlich ist, um die gemeinsame Elternschaft konstruktiv mit ihnen zu erarbeiten und einzuführen. Die Qualität der Erziehung und die Fähigkeit, mit anderen Eltern zusammenzuarbeiten, sind unserer Meinung nach wichtige Schutzfaktoren.”

Von Charlotte Crettenand, Psychologin-Psychotherapeutin FSP, Präsidentin von As’trame Wallis, Vortrag in Konferenz Sarah Oberson 2014, 12.11.2014 : “Kinder und Trennung von den Gründen zu vorgeschlagenen Massnahmen!”

Aufgrund der Statistiken werden Trennungen häufig verharmlost. Die Familien, die bei uns Rat suchen, bezeugen selbst, dass es in den Klassen ihrer Kinder fast „anormaler“ ist, aus einer Familie zu stammen, in der Vater und Mutter zusammenleben, als aus einer Eineltern- oder Patchworkfamilie.

Wenn uns eine Trennung aber persönlich betrifft, ist es eine bedeutende Veränderung. Genau das drückt eine Mutter aus, der wir im Rahmen von As’trame begegnet sind: „Als mich mein Mann verlassen hat, war ich zerstört. Für mich war es das „Ende der Welt“. Ich hatte keinen Halt mehr. Ich war völlig verloren. Auch meine Kinder waren verloren. Sie schwankten zwischen Trauer, Wut und Unverständnis. Ich fühlte mich nicht stark genug, um all ihre Erwartungen zu erfüllen und ihre Fragen zu beantworten. (…) Eine Trennung erleben ist ein emotionales Erdbeben und wenn man darüber sprechen möchte, ist es manchmal schwierig, sich nicht beurteilt zu fühlen.“

Familienstruktur: Ehe und gemeinsame Elternschaft

Bei einer vereinten Familie ist es fast unmöglich, zwischen Ehe und gemeinsamer Elternschaft zu unterscheiden. Als Erwachsener ist man sowohl Ehepartner wie auch Elternteil. Beides ist vermischt.

Wenn die Familie auseinanderbricht, ist das eheliche Band kaputt. In solchen Situationen wird oft gesagt: „Auch wenn sich Papa und Mama nicht mehr lieben, bleiben sie doch immer dein Papa und deine Mama“. Genau darin liegt die Herausforderung gegenüber den Kindern bei einer Trennung: Wie kann man weiterhin als Eltern zusammenarbeiten, wenn man eine zerrissene, betrogene, enttäuschte Frau (oder Mann) ist?

Auf dem Schema sieht man, dass die Trennung die Ebene der Ehe betrifft. Das Kindesverhältnis bleibt bestehen. Die Entscheidung, welche die Erwachsenen getroffen haben, beeinflusst das Band zwischen zwei Elternteilen und ihren Kindern nicht. Wenigstens theoretisch.

In bestimmten Situationen dauert der Ehekonflikt nämlich an und wirkt sich auch auf die Beziehung zu den Kindern aus.

In allen Fällen müssen die Familienmitglieder den Verlust (der idealen, vereinten Familie) verarbeiten. Dieser Prozess gleicht der Trauer, ist aber nicht dasselbe, da es sich um einen „uneindeutigen Verlust“ handelt (Pauline Boss, 1999). Denn auch wenn der Partner und Elternteil nicht mehr physisch anwesend ist, gibt es ihn weiterhin (und er ist aktiv). Diese Anwesenheit-Abwesenheit ist eine weitere Herausforderung für Familien, wenn sich Paare trennen.

Folgen für das Kind

Nach einer Trennung werden bei Kindern verschiedene Reaktionen beobachtet, die sich je nach Lebenskontext unterscheiden können (Familie, Schule, ausserschulischer Bereich…). In einer 2012 herausgegebenen Broschüre („L’enfant et le divorce“) haben wir fünf wichtige Reaktionen hervorgehoben, die zu den üblichsten gehören und hier nicht im Detail vorgestellt werden.

Es soll nur kurz aufgezeigt werden, wie verschieden diese Reaktionen ausfallen können. Sie können:

•    emotional sein: Trauer, Wut, Unverständnis, Angst, Angst vor dem Verlassenwerden, vermindertes Selbstwertgefühl…

•    das Verhalten betreffen: Aggressivität, Konzentrationsschwierigkeiten, Änderung des Essverhaltens, Einschlafprobleme…

•    die Trennung betreffen: Schwierigkeiten bei Übergangsmomenten, Versöhnungsversuche bei den Eltern, Partei für einen Elternteil ergreifen…

Natürlich reagieren nicht alle Kinder gleich. Es können andere Schwierigkeiten auftreten, als die oben als Beispiele angeführten.

As’trame im Dienst der Familien

As’trame bietet jeder Familie, die es möchte im für sie richtigen Moment strukturierte und punktuelle Begleitung. Einige Familien nehmen kurz nach der Trennung mit uns Kontakt auf, andere mehrere Jahre später, einige noch bevor sie es den Kindern mitteilen, um Ansatzpunkte zu haben.

Wir erhalten häufig wegen den Kindern – die ihre Eltern (oder die Fachpersonen in ihrem Umfeld: Lehrkräfte, ErzieherInnen, SchulkrankenpflegerInnen…) durch ihr Verhalten beunruhigen – Zugang zu den Familien.

Wir greifen schon im Vorfeld ein, ab den ersten Anzeichen von Problemen, und sind für alle Fragen zum Trennungsprozess da. Wir sind überzeugt, dass dies in den meisten Fällen das Leiden nach und nach lindern kann und so vermieden wird, dass sich längerfristige Schwierigkeiten entwickeln.

Wir laden Kinder, Jugendliche und Erwachsene ein, einen «Parcours de Reliance» zu machen (allein, mit Geschwistern oder in einer Gruppe), um die Personen dabei zu unterstützen, ihre Ressourcen zu mobilisieren und Risiken vorzubeugen, die durch die Trennung von Familien entstehen.

Wir sind überzeugt, dass die Auseinandersetzung mit den Eltern nützlich ist, um die gemeinsame Elternschaft konstruktiv mit ihnen zu erarbeiten und einzuführen. Die Qualität der Erziehung und die Fähigkeit, mit anderen Eltern zusammenzuarbeiten, sind unserer Meinung nach wichtige Schutzfaktoren.

Referenzen:

As’trame (2012). L’enfant et le divorce. Comprendre ce qu’il vit et le soutenir dans les changements qu’il traverse.

Broschüre gratis bestellbar unter: http://www.astrame.ch/actu-et-documentation/commande-de-documents/ (FR)

Boss, Pauline (1999). Ambiguous Loss. (EN) Harvard University Press.

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