Themen : Als Kind arm sein in der Schweiz

21 September 2015 par fso

Gemäß der UN-Kinderrechtskonvention (KRK) hat „jedes Kindes (das Recht) auf einen seiner kör¬per¬lichen, geisti¬gen, seel¬is¬chen, sit¬tlichen und sozialen Entwick¬lung angemesse¬nen Lebens¬stan¬dard [...].” (Art. 27.1.). Im Februar 2015, im Rahmen der Prüfung des Berichts der Schweiz an das Kinderrechtekomitee, „65. (empfiehlt) der Ausschuss [...] dem Mitgliedsstaat (Schweiz) sein Sozialhilfeleistungssystem für Familien zu verbessern mit dem Ziel, dass alle Kinder im ganzen Land(…) einen angemessenen Lebensstandard genießen.”

Sarah Oberson Konferenz 2015 : Als Kind arm sein in der Schweiz, 11 November 2015, 19:00-21:00, Casino Saxon, Saxon


© D Sharon Pruitt, Flickr/Creative Commons

„Die Auswirkungen von Armut und prekärer Lebenssituation auf ein Kind sind bekannt: schlechter Gesundheitszustand, verminderte physische Entwicklung, schwache linguistische und kognitive Entwicklung, mittelmäßige Schulleistung, Verhaltensauffälligkeiten, so wie das Risiko in der Zukunft arbeitslos und/ oder kriminell und/oder abhängig zu werden.” (CSDH, 31.10.12)

Wie aus der Sozialhilfestatistik des Bundesamts für Statistik (BAS) hervorgeht ist in der Schweiz die Altersklasse 0-17 am stärksten von Armut betroffen. So liegt die Sozialhilfequote aller Altersklassen bei 3.2. Für die Kategorie 0-17 Jahre liegt sie bei 5.2 (aktuellste Datensätze, 2013). Diese Situation ist nicht neu. 2006 hat die Eidgenössische Kommission für Kinder- und Jugendfragen Alarm geschlagen und die materielle Verarmung von Kindern angeprangert, „knapp 45% der Sozialhilfeempfänger sind Kinder…”.

Das Wallis ist da keine Ausnahme. Gemäß der von dem Kanton Wallis lancierten Studie vom 01.06.2015 „ haben sich die Kosten der Sozialhilfe im Wallis zwischen 2011 und 2014 mehr als verdoppelt”. Laut Herrn Favre, Leiter der Dienststelle für Sozialwesen, sind „ die Alleinerziehenden mit 27% überrepräsentiert” (Le Nouvelliste, 02.06.15, S.4).

Die Schweiz reagiert. 2010 präsentiert der Bundesrat die Gesamtschweizerische Strategie der Schweiz zur Armutsbekämpfung. Ein Schwerpunkt wurde hier klar auf die Kinder gelegt. „Gerade der Aspekt der eingeschränkten Entwicklungs-möglichkeiten ist bei Kindern im Vergleich zu anderen armutsgefährdeten Bevölkerungsgruppen von besonderer Bedeutung, weil dadurch auch die Zukunftschancen der Kinder beeinträchtigt werden”. Aus diesem Grund genehmigt der Bundesrat 2013 das nationale Programm zur Prävention und Bekämpfung von Armut 2014-2018.

Nichtsdestotrotz hat sich der Bundesrat dazu entschlossen, die Armutsbekämpfung bei Kindern nicht unter dem Blickwinkel der Kinderrechte zu betrachten und gemäß internationaler Verträge (Ratifizierung der KRK durch die Schweiz 1997) zu handeln. Allerdings sollte nach dieser Methode gehandelt werden, da es sich dabei nicht nur um ein von der Schweiz festgelegtes politisch internationales Ziel handelt, sondern auch das Problem in einem holistischen Ansatz behandelt würde und so einige Schwächen der gebotenen Antworten aufwiegen könnte. Gemäß dem Schweizerischen Kompetenzzentrum für die Menschenrechte (SKMR): „ein Ansatz basierend auf der Umsetzung von Maßnahmen in Zusammenhang mit den Kinderrechten (…), könnte einen objektiveren Blick auf die Situation von Kindern in der Schweiz geben und Maßnahmen erlauben, die zielgerichteter und effektiver sind”.

Einerseits tragen wir zu nationalen Fünfjahresprogrammen bei, die das Ziel haben Antworten auf diverse Problematiken in Zusammenhang mit der Kindheit (Programme Jugend und Medien; Programm Jugend und Gewalt…)zu geben. Diesen fehlt es jedoch an Struktur und Einheitlichkeit. Es ist wichtig sich daran zu erinnern, dass die KRK keine Auflistung von zu befolgenden Regeln ist, sondern eine Gesamtheit von Rechten, (welche sich gegenseitig ergänzen und in Zusammenhang zueinander stehen) die es umzusetzen gilt. So gilt auch 2015 weiterhin, „11. Das Komitee empfiehlt dem Mitgliedsstaat (Schweiz)eine Politik und eine nationale Strategie zur gesamtheitlichen Umsetzung der Prinzipien und Dispositionen der Konvention in Abstimmung mit den Kindern und der Zivilgesellschaft zu entwickeln und umzusetzen, um so einen Rahmen für die Strategien und Pläne der Kantone zu bilden.”

Andererseits verhindern wir die Suche nach einer Lösung. Es besteht eine direkte Abhängigkeit zwischen der Gesellschaft in der Kinder leben und der Umsetzung ihrer Rechte. „Ganz allgemein beschränkt sich die Kinder-und Jugendpolitik auf sektorale und zielgerichtete Interventionen, als ob (…)Eingriffe in Bereiche wie das Soziale, Stadtplanung, Unterkunft, Mobilität oder Arbeit die Kinder, die Jugendlichen und ihre Familien nicht betreffen würden bzw. dass sie keine signifikanten Einfluss auf ihr alltägliches Leben haben würden.”(Poretti, S.27)

Die Kinderrechte sollten in allen Entscheidungen, die Kinder in irgendeiner Form betreffen, berücksichtigt werden. Es handelt sich dabei um die Schaffung eines „Kinderrechte-Reflexes” oder einer „Kultur der Kinderrechte”. Die Kinderarmutsproblematik könnte dadurch in ihrer Gesamtheit (soziologisch, politisch, wirtschaftlich, steuerlich, kulturell…) verstanden werden und aus ihrer aussichtslosen Situation „geholt” werden.

Es ist jedenfalls hervorzuheben, dass in den Maßnahmen der Schweiz zur Armutsbekämpfung die Beteiligung der Kinder selbst fehlt. Kinder haben das Recht darauf sich an der Kenntnisnahme, der Verständigung und der Lösungssuche dieses Phänomens zu beteiligen (Art. 12, KRK), da sie es sind die täglich damit leben müssen. Außerdem kann ihre Beteiligung die Erfolgschancen nur erhöhen.

Ausgehend von einer theoretischen Vision der Kinderrechte, wird der Konferenz Sarah Oberson zusammen mit Experten aus Theorie und Praxis zu den schweizerischen und lokalen Realitäten rund um das Thema „Kind in Armut” diskutieren.

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