Armes Kind sein in einem reichen Land

26 Januar 2016 par fso

Die Herausforderung, welche sich bei dem Thema der Armut von Kindern in reichen Ländern stellt, beinhaltet die Suche nach einem Mittel um diesen Teufelskreis zu durchbrechen bzw. noch weiter zu durchbrechen.

Einblick in den Beitrag in Sarah Oberson Konferenz 2015 von Jean-Michel Bonvin, Professor im sozio-ökonomischen Institut der Fakultät für Sozialwissenschaften an der Universität Genf.  AUDIO

Der Begriff Armut kann drei verschiedene Bedeutungen haben: materielle Armut; Mangel an Möglichkeiten; Demokratiearmut.

Die materielle Armut

In den Industrieländern wird nicht von absoluter Armut gesprochen, (1) sondern von relativer Armut. Es wird angenommen, dass jede(s) Person/ Kind/ Familie, welche(s) weniger als 50% des Durchschnittsjahreseinkommen einer Gesellschaft erhält, unter relativer Armut leidet. Diese Armut hat Auswirkungen auf mehrere Lebensbereiche: Zugang zu ärztlicher Versorgung, zu Unterkunft, zu Freizeitbeschäftigungen, zu Bildung und Betreuungsstrukturen.

Um die Wirkung der relativen Armut in Bezug zu den Sozialleistungen zu verstehen, darf sie nicht als einzelner Bestandteil, sondern im Zusammenhang mit dem institutionellen Rahmen und der Sozialpolitik in der sie sich befindet, gesehen werden. Sollte ein Staat beschließen den Zugang zu Gesundheitsdiensten zu erleichtern, würde die Wirkung der Armut auf diesen Bereich gemildert werden. Es besteht in der Tat ein wichtiger Zusammenhang zwischen der Rate der relativen Armut von Kindern und dem Umfang der Sozialpolitiken zur Umverteilung (3).

Ebenso gäbe es ein höheres Risiko der Vererbung von Armut, wenn die Sozialpolitik weniger umverteilen würde (4).

Nach Angaben von Unicef (2) leben in den 41 untersuchten Industrieländern 76,5 Millionen Kinder in Armut. In allen diesen Ländern, sind die alleinerziehenden oder kinderreichen Familien am stärksten von Armut betroffen.

In diesen Ländern zeigt sich eine Tendenz weg von der Minimierung der Sozialleistungen  aber hin zur Erhöhung der Voraussetzungen des Zugangs zu den Hilfeleistungen. So wird eine Voraussetzung für die Sozialhilfe die ständige Anwesenheit der Kinder in der Schule sein. Bei Fehlbleiben des Kindes wird somit eine der Voraussetzungen nicht erfüllt. Für Familien in Armut, kann diese Art der Maßnahme eine erhebliche Verringerung der Sozialhilfe zur Folge haben.

Mangel an Möglichkeiten

Es besteht eine enge Verbindung zwischen der sozialen Herkunft von Personen und den Möglichkeiten, die sich ihnen bieten. Die Schule, welche eine Chancengleichheit herstellen sollte, konnte hier nicht adäquat eingreifen. Dafür gibt es mehrere Gründe.

Nach Bourdieu erkläre sich dies aufgrund dessen, da die Schule erschaffen wurde, um der Mittel- oder Oberschicht den Zugang zu Wissen zu öffnen. Die anderen sozialen Klassen, welche nicht die gleiche Ausdrucks- und Handlungsweisen beherrschen, werden daher vernachlässigt.

Wohingegen die Theorien zum sozialen Engagement, welche von der Entwicklungspsychologie inspiriert sind, diesen Umstand durch die Tatsache erklären, dass die Schule zu spät eingreift. Bereits vor der Schule wird eine Anzahl von diskriminierenden Faktoren festgelegt, die von der Schule nicht mehr beseitigt werden können. Drei Elemente sind ausschlaggebend:

-    Einkommensungleichheit: weniger Einkommen bedeutet auch weniger Möglichkeiten

-    Investition der Eltern in die Bildung: die Statistiken zeigen klar, dass Eltern der Oberschicht mehr Zeit in die Bildung ihrer Kinder investieren können (5).

-    Kultureffekt: in den wohlhabenderen sozialen Gemeinschaften zeigt sich eine Kultur, welche sich mehr um die Förderung der Kindesentwicklung bemüht. Dieses positive Umfeld bietet einen Zuwachs an Möglichkeiten für die begünstigten Kinder.

Nach eben diesen Theorien, ermöglichen eine Arbeit (positive Wirkung auf die Einkommensungleichheit) und  qualitative Betreuungsstrukturen (positive Auswirkung auf das elterliche Engagement und den Kultureffekt) die drei oben genannten Diskriminierungsmerkmale zu neutralisieren und somit den Zugang zu Möglichkeiten für Kinder zu egalisieren.

Demokratischen Armut

Diese Armut bezieht sich auf die Beteiligungsrechte von in Armut lebenden Kindern. Drei Fragen ermöglichen es, hier weiter zu präzisieren:

-    Welchen Platz haben Versuche und Fehler von Kindern, die sich in prekären Lebensumständen befinden – z.B. wenn man in der Volksschule scheitert, wird man früher vor Entscheidungen zur Karriere gestellt, als Schüler, die die obere Sekundarstufe beenden.

-    Welches sind aktuell die Beteiligungsrechte von Kindern in Armut in den für die jungen Menschen vorgesehenen Mitspracheplattformen (Jugendparlament,…)? Diese Einrichtungen werden überwiegend von Kindern aus wohlhabenden Verhältnissen genutzt.

-    Demnach stellt sich die Frage, inwiefern eine öffentliche Politik geschaffen werden kann, welche die Themen der am stärksten benachteiligten Kinder berücksichtigt, wenn niemand da ist, um sie sich anzuhören und um sich über die Dinge informieren zu lassen, die sie uns zu sagen haben.

Konklusion

Wenn der institutionelle Kontext und die bestehende Politik nicht adäquat sind, besteht eine enorme Gefahr, dass die drei Armutstypen kumulieren: jene die materieller Armut leiden, werden weniger Möglichkeiten und weniger Mitsprachrecht haben. Dieses Problem macht es umso schwieriger sich aus der Armut heraus zu kämpfen und beinhaltet daher eine hohe Gefahr, dass die Armut an die nächste Generation weiter getragen wird.

Die Herausforderung, welche sich bei dem Thema der Armut von Kindern in reichen Ländern stellt, beinhaltet die Suche nach einem Mittel um diesen Teufelskreis zu durchbrechen bzw. noch weiter zu durchbrechen.

(1)    Familien, die sich in einem Zustand der Auflösung befinden, sodass sie nur schwer für die Bedürfnisse der Familie aufkommen können.

(2)    Kind in den Industrieländern, 2014

(3)    Eine eindeutige Differenz zeigt sich zwischen den skandinavischen Ländern – welche für eine starke Umverteilungspolitik bekannt sind (die Rate für in Armut lebende Kinder liegt zwischen 5 und 10 %) und den angelsächsischen Ländern (die Rate für in Armut lebende Kinder liegt hier zwischen 25 und 30%).

(4)    Die Armut, welche von Generation zu Generation weitergetragen wird.

(5)    Man beobachtet eine Differenz von 20%.

2 résponses pour “Armes Kind sein in einem reichen Land”

  1. Daniel Stoecklin dit:

    Brillante intervention qui allie la profondeur de l’analyse à la formulation didactique. Félicitations!

  2. Journée internationale de la fille 11 octobre - Fondation Sarah Oberson dit:

    [...] Nous devons nous assurer que nos initiatives profitent à toutes les filles : les filles en situation de grande pauvreté, les filles vivant dans zones rurales isolées, les filles handicapées, les filles issues… [...]

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