Welches Zugehörigkeitsgefühl und was für eine Identität entwickeln Migranten im Tessin?

4 Juli 2017 par fso

Analyse der Kriterien, welche die Entwicklung eines Zugehörigkeitsgefühls und einer Identität bei minderjährigen Migranten die heute erwachsen sind, im Gastland möglich machen. (…) Der Konstruktivistische Ansatz und die vom Kind angenommene Sichtweise als sozialer Handelnder, ermöglichen es die aktive Rolle des Minderjährigen in der Konstruktion seiner Zugehörigkeiten aufzuwerten und dadurch auch in der Identitätsfindung vis-à-vis des aktuellen Sozialsystems.

Editorial, von Sara Camponovo, MIDE Studentin, 4. Juli 2017

Im Laufe der letzten Jahrzehnte sah sich die Schweiz einem ansteigenden Strom an Migranten aus verschiedenen Ländern gegenübergestellt. In der Hoffnung eine bessere Lebensqualität zu finden haben ganze Familien, Kinder inklusive, ihr Geburtsland verlassen und dabei alles zurückgelassen.

Die Migration verlangt von den Personen sich zwischen zwei  Welten zu positionieren: das Erlebte in ihrem Heimatland und das Neue in ihrem Gastland. Wie Zittoun (2007a) anmerkt, sieht sich das Individuum dadurch mit mehreren „Trennungen“ konfrontiert, welche eine Destabilisierung der Persönlichkeit zufolge haben. Dieses Ungleichgewicht führt zur persönlichen Infragestellung des „Ichs“ in dieser neuen Welt. Migration ist daher ein Phänomen, welches das Zugehörigkeitsgefühl in Frage stellt und die Identität verändert (Guilbert, 2005). Im neuen Land muss daher eine Reflexion zur Identifikation erfolgen, damit wieder ein Gleichgewicht hergestellt werden kann.

Diese Arbeit verfolgt ein doppeltes Ziel. Zuerst einmal versucht sie die von den damals jungen Migranten genannten Elemente zu beleuchten und dadurch ihr Zugehörigkeitsgefühl im Tessin zu definieren. Anschließend wird die Arbeit versuchen herauszufinden, welche Identifikationsstrategien aus jenen von Camilleri (1996/7), von den jungen Personen angewendet wurden um eine Identität im Gastland zu konstruieren oder eben nicht. Der Konstruktivistische Ansatz und die vom Kind angenommene Sichtweise als sozialer Handelnder, ermöglichen es die aktive Rolle des Minderjährigen in der Konstruktion seiner Zugehörigkeiten aufzuwerten und dadurch auch in der Identitätsfindung vis-à-vis des aktuellen Sozialsystems. In dieser Arbeit wird die minderjährige Person nicht als inaktives Subjekt aufgrund der Tortur durch die Migration betrachtet. Die Minderjährigen werden als aktive Personen wahrgenommen, die bewusst handeln und über Entscheidungskapazitäten verfügen, die nicht nur ihre Vergangenheiten beeinflussen, sondern auch in der Gegenwart gelten.

Die gesammelten Ergebnisse unterstreichen den einzigartigen Charakter der Erzählungen und die Besonderheiten der Erlebnisse, welche von den befragten Personen wiedergegeben wurden. Bezüglich des ersten Ziels dieser Recherche, welches sich auf das Zugehörigkeitsgefühl bezieht, bestätigen die Daten die These, dass sich dieses Gefühl individuell und durch eine beidseitige Interaktion des Individuums mit seiner Umgebung entwickelt. Das Zugehörigkeitsgefühl ist daher kein allgemeingültig definiertes  Konzept durch die Leute, sondern wird durch spezifische und persönliche Kriterien entwickelt. Die Befragten nannten die Familie, Schule und Freizeit (Freundesgruppen und soziale Aktivitäten) als die drei wichtigsten Kriterien, welche ihnen geholfen haben dieses Gefühl im Kanton Tessin zu bekommen. Die geographische Lage, Kultur und Religion haben allerdings keinen großen Einfluss auf die Konstruktion der Zugehörigkeit gehabt. Es ist interessant zu beobachten, dass die Teilnehmenden andere Kriterien genannt haben, die es ihnen ermöglicht haben ein Zugehörigkeitsgefühl in ihrem Gastland zu entwickeln.

Im zweiten Teil dieser Studie, wurde versucht zu untersuchen welche Strategie unter den dreien von Camilleri(1996/7) identifizierten am meisten von den Befragten angewendet wurde. Der Autor betont, dass Migranten, sobald sie im neuen Land angekommen sind, Verhalten und besondere Strategien zur Anpassung an das Land oder eben zur kompletten Abgrenzung an dieses entwickeln. Die gesammelten Daten zeigen, dass die „intermediäre“ Strategie am häufigsten von den Befragten angewendet wurde. Für die meisten Teilnehmenden ist es schwer ihre Vergangenheit komplett zu ignorieren, da sie ihr Heimatland, die dort erlangten Werte und Codes nicht vergessen können, denn diese sind ein Teil von ihnen. Sie haben vielmehr versucht eine Gleichgewicht zwischen ihrer Vergangenheit und der Gegenwart zu finden, indem sie zwischen den Werten und den Verhalten der neuen und der alten Welt hin und herwechseln.

Diese Arbeit hat es ermöglicht den subjektiven Charakter der Migration zu beleuchten, welcher oft von den Forschenden vergessen wird. Außerdem stützt sie die These, dass das Zugehörigkeitsgefühl und die Identität zwei Konzepte sind, welche sich aus der Zusammensetzung signifikanter Elemente ergeben und dadurch dem Menschen eine globale Vision zukommen lassen.

Siehe das vollständige Dokument mit bibliographische Referenzen (auf Französich)

Photo: Beth Scupham, flickr/creative commons

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