Archive pour la catégorie ‘Kinderverschwinden’

Das Verschwinden von MNA : kein systematische Meldung an Polizei

5 September 2017

Wie im Rest von Europa, sind auch im Wallis die „Verschwinden von unbegleiteten Minderjährigen (MNA) häufig. Dem Asylamt nach waren es 5 2013-2014 und 16 in 2015-2016. Nur 4 der Fälle wurden in 2016 der kantonalen Polizei gemeldet.“

Auszüge aus den Arbeiten der Studierenden der HEVs, Herr Yannick FROSSARD und Herr Samuel MORARD (Bachelorarbeit), Frau Celia MACEIRAS und Frau Noémie MOREND (Wahlfacharbeit), im Auftrag des Stiftung Sarah Oberson.

„Keine Statistik wurde zu diesem Thema offiziell veröffentlicht. (Gemäß dem) Staatssekretariat für Migration (SEM), (…) befindet sich die Rate der unkontrollierten Weggänge aus den Bundeszentren zwischen 5 und 10% aller Asylantragender, Kinder mit inbegriffen. Dabei muss erwähnt werden, dass auf föderalem Niveau die Antragstellenden ihre Verfahren in einem Zentrum des SEM beginnen und im Schnitt 4 bis 5 Wochen dort bleiben. In dieser Zeitspanne zeigt sich ʻaus Erfahrung, dass einige Antragstellende das Zentrum verlassen, ohne anzugeben warum und wohinʼ.“ (TB, S. 70-71)

Den internen Daten des SEM zufolge „haben in 2015 2.739 MNA einen Asylantrag in der Schweiz gestellt und es gab 129 Verschwinden (4.7%); in 2016 waren es 1.999 Asylanträge und 400 Verschwinden (20%). Trotz der sinkenden Zahl der Antragstellenden kann festgestellt werden, dass das Verschwinden ein zunehmendes Phänomen ist. In 2015 wurden 115 getrennte Kinder dem Wallis zugeteilt und 92 in 2016: in diesen Jahren gab es jeweils 11 und 12 Verschwinden (gemäß den Zahlen des SEM).“ Dem Asylamt des Kanton Wallis zufolge (…) gab es 5 Verschwinden von MNA in 2013-2014 und 16 in 2015-2016 vom Wallis aus. „Diese Diskrepanz zu den Daten des SEM (N=23 in 2015-2016) erklärt sich dadurch, da das Asylamt nur jene Verschwinden von Kindern erfasst, die von en kantonalen Betreuungsinstitutionen angezeigt wurden, ʻohne die UMA zu berücksichtigen, die dem Kanton Wallis zugeteilt wurden, aber bereits aus den Registrierungszentren verschwunden sind und niemals im Kanton Wallis angekommen sindʼ“. (TB, S. 71)

„Es existiert (ebenso) eine große Diskrepanz zwischen der Anzahl der verschwundenen Kinder gemäß dem Asylamt und den erfassten Daten im RIPOL (digitalisiertes Fahndungssystem der Polizei). Daraus kann abgeleitet werden, dass die UMA, welche aus den Walliser Ankunftszentren verschwinden nicht systematisch (der Polizei) gemeldet werden. Diese Kinder werden demnach nicht gesucht. Dabei besteht die gesetzliche Meldepflicht auch für andere Bereiche des Lebens (…). Genau wie Hedjam (2010), denken wir, dass die Art und Weise der Behandlung der Verschwinden asylbeantragender Kinder durchaus als eine Form von “Diskriminierung” angesehen werden kann und somit eine Verletzung des Artikel 2 der KRK (UNO, 1989) darstellt.“ (TB, S.71).

Es gilt zu betonen, dass wir hier nur von einer eventuellen Diskriminierung hinsichtlich der Meldung bei der Polizei sprechen nicht aber hinsichtlich der gewährten Pflege und Behandlung der in den Zentren untergebrachten Kinder.

Dazu kommen alle nicht erfassten MNA. „Die Zahlen zu den verschwundenen asylantragstellenden Minderjährigen beziehen sich auf jene, die die Zentren, in denen sie platziert wurden, verlassen haben, ohne dass diese den Behörden gemeldet wurden. Diese Zahlen bleiben daher ungenau, da eine große Anzahl der jungen Personen nicht registriert wurden und demnach nicht als vermisst gemeldet werden können. (Cornaglia, 2016).“ (ML, S. 38)

„… Qualitative Studien werden zum besseren Verständnis des Phänomens der verschwundenen MNA im Wallis benötigt, damit passende Präventionsmaßnahmen umgesetzt werden und die Kinderrechte besser respektiert werden können.“ (TB, S. 70-71)

Die gesammelten Zahlen müssen durch andere Daten ergänzt werden, damit die Tragweite verstanden werden kann. Die Stiftung Sarah Oberson organisiert die Tagung zum Thema Weglaufen im Wallis: Röntgen des Phänomens (französich), 18.10.2017, 14h00-17:00, in Stiftung Kurt Bösch, Bramois/Sion. Eintritt frei und nach Anmeldung (email, fax).

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(1)   Yannick Frossard et Samuel Morard (2017), Fugues en sol valaisan : phénomène mineur ?, mandaté par la Fondation Sarah Oberson, Travail de Bachelor pour l’obtention du diplôme Bachelor of Arts HES·SO en travail social Haute École de Travail Social − HES·SO//Valais – Wallis

HEDJAM, S. (2010). Verschwinden, freiwilliges Verschwinden, Flucht. Zu viele Kinder in Europa? Studien geführt in Belgien, Spanien, Frankreich und der Schweiz zu den Verschwinden von ausländischen unbegleiteten Minderjährigen in Betreuungseinrichtungen. Terre des Hommes. Bern: Stämpfli Publications SA.

CORNAGLIA, A. (2016). Wie viele, wer, wo und warum? Bilanz zu den verschwundenen unbegleiteten ausländischen Minderjährigen in Europa. https://eulogos.blogactiv.eu/2016/05/11/combien-qui-ou-et-pourquoi-le-point-sur-les-mineurs-etrangers-non-accompagnes-disparus-en-europe/. (Besucht am 07.09.2016).

Weglaufen im Wallis: Röntgen des Phänomens

28 August 2017

Im Wallis gab es zwischen 2014 und 2016 insgesamt 1.074 Weglaufen, welche im nationalen Verzeichnis der elektronischen Fahndung der RiPol Polizei erfasst wurden. Dies bedeutet, dass permanent durchschnittlich 7 Weggelaufene als vermisst gemeldet werden.

Die Sarah Oberson Stiftung hat zusammen mit dem Studiengang Soziale Arbeit der HES-SO Valais-Wallis eine quantitative Studie zu dem Weglaufen im Wallis erstellt. Seit mehreren Jahren verlangt die Stiftung die Einführung nationaler Statistiken zu verschwundenen Kindern. Diese Studie ist ein erster Schritt in diese Richtung (1).

Ziel der Sarah Oberson Stiftung ist es das Ausmaß dieses Phänomens besser einzuschätzen, damit weitere wissenschaftliche Studien angeregt werden können, welche es möglich machen Präventionsstrategien und adäquate Antworten zu entwickeln.

Um die Wichtigkeit dieses Dokuments hervorzuheben und insbesondere die Diskussion zu diesem Thema in unserem Kanton anhand der Studienergebnisse anzuregen, organisiert die Sarah Oberson Stiftung am 18.10.2017 eine halb-halbtägige Tagung (14.00 – 17.00 Uhr) in der universitären Stiftung Kurt Bösch, Bramois (französich). Eintritt frei und nach Anmeldung (email, fax).

Die SOS nutzt diesen Artikel um den Studierenden für ihre sorgfältige Arbeit; der HES-SO Valais-Wallis für seine Kollaboration; der Walliser Kantonalpolizei sowie dem kantonalen Jugendamt für ihre Hilfe bei dem Zugang zu den notwendigen Daten sowie bei der Erklärung der entsprechenden Protokolle im Falle eines Weglaufens von Kindern, zu danken.

Weiter finden Sie das Resümee der Daten der Studie, durchgeführt von den Herren Yannick Frossard und Samuel  Morard im Rahmen ihrer Bachelorarbeit ((2), S. 75-76).

Zusammenfassung der Daten:

-    Im Wallis gab es zwischen 2014 und  2016 insgesamt 1.074 Weglaufen, welche im nationalen Verzeichnis der elektronischen Fahndung der RiPol Polizei erfasst wurden. Dies bedeutet, dass permanent durchschnittlich 7 Weggelaufene als vermisst gemeldet werden.

-    Diese Weglaufen ereignen sich hauptsächlich in Heimen (n=867, gleich 80,7%), von zu Hause aus (n=143, gleich 13.3%) und von pädopsychiatrischen Krankenhäusern aus (n=55, gleich 5.1%). Einige Fälle wurden von Schulen, Pflegefamilien und Aufnahmezentren von unbegleiteten Minderjährigen aus gemeldet.

-    Die Verschwinden von unbegleiteten Minderjährigen sind häufig. Gemäß dem Asylbüro gab es 5 in 2013-2014 und 16 in 2015-2016. Nur 4 Fälle wurden der WKP gemeldet, alle davon in 2016.

-    Die Weglaufen werden hauptsächlich von Jungen begangen (n=644, gleich 60%). Von zu Hause aus gibt es genauso viele Weglaufen von Mädchen (n=71) wie von Jungen (n=72), und aus Krankenhäusern viermal mehr Weglaufen von Mädchen (n=44) als von Jungen (n=11); es sind also die Weglaufen von zu Hause aus, welche einen Einfluss auf die maskuline Überrepräsentation haben (n=310; n=557).

-    Insgesamt sind die 1.074 Weglaufen ein Ergebnis von 373 Kindern: das Problem der Rückfälle ist also zentral. Das Weglaufen ist eine einmalige Periode für knapp die Hälfte der davongelaufenen Kinder (45.8%), aber die rückfällig werdenden Kinder machen den Hauptbestandteil der Fälle aus (84.1%). Im Schnitt werden Personen zweimal rückfällig.

-    Ein Anstieg kann im Laufe des studierten Zeitraums festgestellt werden (von 315 in 2014 auf 420 in 2016). Dieser Anstieg manifestiert sich nur in den Heimen (von 234 auf 356, sprich +52.1%).

-    Ein Weglaufen ereignet sich im Durchschnitt alle 30 Stunden von einem Heim aus (n=867).

-    Vom familiären Wohnsitz aus wird im Schnitt einmal pro Woche ein Weglaufen zur Anzeige gebracht (n=143). 91 Kinder sind von zu Hause weggelaufen, ein oder mehrere Male. Mindestens 28 von ihnen wurden danach in Heimen oder Krankenhäusern untergebracht, von wo aus sie wieder wegliefen.

-    Bezüglich des Alters der Weglaufenden befindet sich der Durchschnitt bei 15 Jahren. Es gibt wenige Weglaufen von Kindern unter 12 Jahren (n=8) und der größte Teil der Kinder unter 13 Jahren ist von Heimen aus weggelaufen (n42/45, sprich 93.3%).

-    Das Weglaufen dauert in der Regel 7.4 Tage (n=7919÷1.074): diese Daten sind signifikanten Abweichungen des Geschlechts unterworfen (8.2 Tage bei Jungen und 6.1 Tage bei den Mädchen). Das Alter des Weglaufenden spielt eine wichtige Rolle bei der Dauer eines Weglaufens und schwankt bei den 12-13 Jährigen bei rund 4 Tagen und bei den 17-jährigen bei mehr als 9 Tagen.

-    Die Meisten Weglaufen sind innerhalb einer Woche beendet (n=832, sprich 77.5%). 119 Fluchtmeldungen  wurden am gleichen Tag widerrufen. Ein Tag nach dem Weglaufen wurden ein Drittel der Meldungen widerrufen (n=357). Es gibt auch 16.4%, welche 7 bis 30 Tage dauern (n=176) und 6.1% mehr als 30 Tage (n=66). Der Anteil der langanhaltenden Weglaufen erhöht sich mit dem Alter: er steigt von 16.7% für die 12-14 Jährigen (n=45/269) auf 22.9% für die 15-16 Jährigen (n=137/597) bis zu 30% für die17-jährigen (n=60/200).

-    Die Anzahl der Meldungen hängt von den jeweiligen Monaten ab. So gibt es im Februar (n=62) und im Juli (n=62) zweimal weniger Weglaufen als im Monat Mai (n=119) und im September (n=117).

-    Die Nationalität scheint kein besonderer Risikofaktor zu sein: die Weglaufen sind Akte von Besitzern der schweizerischen Nationalität (61.5%), Bewohnern der Europäischen Union (22.4%), anderen europäischen Ländern (3.5%) und anderen Kontinenten (11.7%).

(1) KONTAKT : Guillaume Grand, Stiftung Sarah Oberson, Vizepräsident des Stiftungsrates, 076 421 39 71, info@sarahoberson.org

(2) Yannick Frossard et Samuel Morard (2017), Fugues en sol valaisan : phénomène mineur ?, mandaté par la Fondation Sarah Oberson, Travail de Bachelor pour l’obtention du diplôme Bachelor of Arts HES·SO en travail social Haute École de Travail Social − HES·SO//Valais – Wallis

Vermisste Kinder in Europa: ein schwer zu bezifferndes Phänomen

6 Juni 2017

Für eine bessere Kenntnis des Phänomens der vermissten Kindern, braucht Europa zuverlässige und vollständige Statistiken. Die Sarah Oberson Stiftung kämpft in der Schweiz für eine bessere Kenntnis des Phänomens der vermissten Kindern mithilfe von nationalen Statistiken, die es erlauben besser in der Lage zu sein die Verschwinden zu quantifizieren, diese anhand von wissenschaftlichen Recherchen besser zu verstehen, sowie die Präventionsmaßnahmen und adäquate Strategien zu planen.

Photo :  achrntatrps, flickr/creative commons

Anlässlich des Internationalen Tages der vermissten Kinder am 25. Mai, haben zwei Organisationen europäische Statistiken veröffentlicht. Eine spricht von 3.536 vermissten Kindern und die andere von 5.742 vermissten Kindern. Warum ein so großer Unterschied? Die Antwort ist einfach. Es gibt bis zum jetzigen Zeitpunkt keine offizielle europäische Statistik zu diesem Thema. Jedes Land klassifiziert und sammelt seine Daten anders. Aus diesem Grund sind Sammlung und Vergleich unmöglich. Diese beiden Organisationen versuchen daher ein Phänomen zu beziffern, das sehr schwer messbar ist.

2016 spricht Amber Alert Europe von 3.536 verschwundenen Kindern. Es handelt sich um Kinder[1], bei denen die Polizei beschlossen hat, das Verschwinden[2] publik zu machen. 22 Staaten haben diese Anzeigen veröffentlicht und 73% dieser Kinder wurden im darauffolgenden Monat wieder gefunden.

In 2016 wurden auch 29 Entführungswarnsysteme[3] in 5 Ländern ausgelöst in der Suche nach 33 Kindern, von denen 32 wiedergefunden wurden – 83% in den ersten 24 Stunden.

Diese Daten geben nur einen Bruchteil der Situation wieder, können aber nicht als Quelle für wissenschaftliche Studien dienen, da die Kriterien für eine öffentliche Anzeige und für die Auslösung des Entführungswarnsystems von Land zu Land unterschiedlich sind.

Auch in 2016 spricht Missing Children Europe von 5.742 verschwundenen Kindern. Sie schöpft ihre Daten aus den behandelten Fällen in 23 Staaten der Hotline 116 000[4]. Von den 5.742 verschwundenen Kindern sind 57% geflohene Kinder; 7% unbegleitete minderjährige Migranten; 23% sind Kinder, die von einem Elternteil entführt wurden; weniger als 1% wurden von Fremden entführt; 13% sind Verloren, Verletzt oder Sonstiges. Leider wird ein Rückgang der zurückkehrenden Kinder vermerkt: nur 42% der Kinder wurden in diesem Jahr wiedergefunden gegenüber 46% in 2015.

Noch einmal, diese Daten geben nur einen Bruchteil der Situation wieder. Die Quellen sind nicht offiziell und hängen von dem Willen der Familie ab, diesen Service zu nutzen. Dennoch können die Ziffern gesammelt und verglichen werden, da Missing Children Europe eine Vereinheitlichung der Datensammlung veranlasst hat.

Europa braucht zuverlässige und vollständige Statistiken. Die Sarah Oberson Stiftung kämpft in der Schweiz für eine bessere Kenntnis des Phänomens der vermissten Kindern mithilfe von nationalen Statistiken, die es erlauben besser in der Lage zu sein die Verschwinden zu quantifizieren, diese anhand von wissenschaftlichen Recherchen besser zu verstehen, sowie die Präventionsmaßnahmen und adäquate Strategien zu planen.

Clara Balestra, Stiftung Sarah Oberson, 06.06.2017

vollständiger Text auf Französich


[1] Unter 18 Jahre, nach Art. 1 der KRK

[2] Die Anzeigen werden gelöscht, sobald das Kind wieder zurück ist und wenn das Verschwinden länger als einen Monat andauert.

[3] Auf diesem Kontinent in 2006 eingeführt, wurde das Entführungswarnsystem 29 Mal ausgelöst in 2016: 17 Staaten der Europäischen Union sowie die Schweiz verfügen über solch ein System, aber nur 9 haben es bis heute genutzt.“

[4] Bedeutet in 23 Staaten. 31 europäische Länder profitieren von diesem Service, darunter die Schweiz.

Die europäischen Entführungswarnsysteme unter der Lupe

23 Mai 2016

Am 25. Mai ist der internationale Tag der verschwundenen Kinder: Gedenken wir mit einer Blume allen vermissten Kindern und deren Familien.

Es wird hart dafür gearbeitet dieser Problematik entgegenzuwirken, was sich in der Bewilligung der Schriftlichen Erklärung, vorgeschlagen von AMBER Alert Europe (siehe Editorial SOS 22.02.16) und von einer Mehrheit der Abgeordneten im europäischen Parlament befürwortet, zeigt. Auch die kürzlich erschienene Studie der Universität Portsmouth behandelt dieses Thema und wir präsentieren hier die wichtigsten Ergebnisse.

Zum ersten Mal in Europa, hat sich eine Studie, wenn auch bisher nur vorläufig, mit den Stärken und Schwächen der europäischen Entführungswarnsysteme beschäftigt. Eingeführt in 2006 auf diesem Kontinent, wurde der Entführungsalarm 23 Mal in 2015 ausgelöst: 16 Staaten der Europäischen Union sowie die Schweiz verfügen über dieses System, aber nur 8 benutzen es.

Die Studie arbeitet mit 4 Staaten (Holland, Tschechien, Großbritannien und Polen), die 82% der Alarme ausgelöst haben und untersucht die Meinungen und Erfahrungen jener 14 Polizisten, die  das System mindestens einmal benutzt haben. Diese begrenzte Anzahl ergibt sich vor allem aus den limitierten ausgelösten Alarmen. Trotz des geringen Studienmaterials, welches definitive Aussagen nicht möglichen macht, gleichen sich die Hauptergebnisse mit ähnlichen amerikanischen Studien. Tatsächlich sind die Fälle, in denen der Alarm ausgelöst wurde sowohl in Europa als auch in Amerika ähnlich, was einen Vergleich möglich macht.

Die Studie suggeriert, dass der Entführungsalarm die Möglichkeit bietet, das Kind schnell und sicher wiederzufinden, was seine Hauptaufgabe ist. Aber nicht nur:

-    Er ist eine wertvolle Ergänzung in der Investigationsarbeit: er ermöglicht es, qualitativ wichtige Informationen zu erhalten; erleichtert die Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Polizeieinheiten und Staaten;…

-    Er verbessert die Beziehung zwischen der Polizei und den betroffenen Familien: er gibt die Sicherheit, dass alles in der Macht mögliche getan wurde; er macht ausreichend Druck, um den verantwortlichen Elternteil zu einer Aussage zu bringen;…

-    Er verbessert die Interaktion von Polizei und Öffentlichkeit: letztere hat den Eindruck helfen zu können; die Motivation ist höher; die Arbeit der Polizei kann so besser verstanden werden;…

Diese Analyse unterstreicht aber auch negative Aspekte, was die positiven Details nicht schwächen soll, welche aber berücksichtigt werden müssen:

-    Das Risiko, die Sicherheit des Kindes zu gefährden, indem der Entführer zu unvorhergesehenen Handlungen veranlasst wird.

-    Der hohen Anzahl an Anrufen nachzugehen und alle freiwilligen Helfenden zu verwalten.

-    Das Risiko von Missverständnissen oder Meinungsverschiedenheiten, wenn die veröffentlichten Informationen nicht mit der Familie abgesprochen wurden.

-    Die hohen Erwartungen der Öffentlichkeit an die Effizienz des Systems.

Diese Studie unterstützt bereits die Diskussion rund um die Anwendung nationaler Entführungsalarme und um die Einführung eines europäischen Alarms. Sie verlangt jedoch weitere profundierte Recherchen, damit die Wirksamkeit dieses Instruments verbessert werden kann.

Photofdecomite, flickr/creative commons

Clara Balestra, Stiftung Sarah Oberson

Vermisste Kinder: die Schweiz gegen die europäische Tendenz

22 Februar 2016

In der Schweiz hat der Bundesrat entschieden, dass die Kriterien, die für die Auslösung einer Entführungsalarm gelten, nicht erbreitet werden müssen. Das geht gegen der europäischen Tendenz. Am 1. Februar 2016 haben tatsächlich 19 europäische Parlamentarier, Repräsentanten der 6 größten Politischen Gruppierungen, eine schriftliche Erklärung vorgelegt (DE 7/2016), welche „den 5 Punkte-Plan der AMBER Alert Europe unterstützt“.

Mit 22 Mitgliedern in 16 europäischen Ländern ist das AMBER Alert Europa „das europäische Warnsystemnetzwerk für vermisste Kinder und Polizeinetz im Bereich vermisster Kinder“.

European Parliament adopts action plan to save missing children in most successful Written Declaration since 2011, Amber Alert Europe, 10.05.2016

Der 5 Punkte-Plan fordert:

  1. Eine Erweiterung und Stärkung des nationalen Warnsystems bei Kindesentführung: Unterstützung weiterer europäischer Länder in der Entwicklung von nationalen Entführungswarnsystemen. Aktuell haben 16 Länder der europäischen Union und die Schweiz das System eingeführt.
  2. Höhere Flexibilität bei den Auslösekriterien der Warnsysteme: Lockerung der bestehenden Kriterien und Ermöglichung der Auslösung des Alarms, wenn spezielle Ermittler festgestellt haben, dass das Leben des Kindes in Gefahr ist, indem von den anderen bisherigen ordinären Kriterien Abstand genommen wird und es sich um eine bewiesene Entführung handelt (Bsp. Frankreich).
  3. Ein besserer Informationsaustausch zwischen den Staaten: Absicherung eines Informationsaustausch bezüglich eines Kindes in Gefahr bei angrenzenden Ländern: Erarbeitung von Protokollen, die einen sofortigen Informationsaustausch zwischen den Polizeikräften der Nachbarländer ermöglichen; Übermittlung der nationalen Warnhinweise an die Medien der benachbarten Länder, um so das breite Publikum jenseits der beiden Ländergrenzen zu informieren (Bsp.: Polen-Deutschland).
  4. Eine bessere Zusammenarbeit der grenzüberschreitenden Polizei: Schaffung eines offiziellen Expertennetzwerkes zu Kindesverschwinden und zu den Alarmsystemen auf nationalem Niveau. AMBER Alert Europe hat ein ähnliches Netzwerk (Police Network on Missing Children) aufgebaut, welches mittlerweile 34 Polizeifachkräfte aus 11 Ländern, inklusive der Schweiz, zählt.
  5. Eine bessere Identifizierung und Schutz von Kindern an den Grenzen: Kinder, die sich in Gefahr befinden, müssen sofort in die Datenbank des Schengen Information System (SIS II) aufgenommen werden, damit die Grenzkontrollen unmittelbar benachrichtigt werden können; Weiterbildung der Grenzkontrollen bezüglich dieses Sujets in Zusammenarbeit mit Frontex.

Die Sarah Oberson Stiftung begrüßt diesen Schritt, welcher dem Mandat und den Aktivitäten der Stiftung entspricht. Schließlich hat sich die Stiftung stark für die Einführung des Entführungswarnsystems in der Schweiz eingesetzt. Sie engagiert sich nun für:

-          Höhere Flexibilität bei den Auslösekriterien der Warnsysteme;

-          Integration der Schweiz in ein mögliches europäisches Entführungswarnsystem;

-          Eine besser Kenntnisnahme des Phänomens des Kindesverschwindens dank der Einführung von nationalen Statistiken zu verschwundenen Kindern und wissenschaftliche Studien, welche das Problem analysieren;

-          Einführung der Notrufnummer 116 000 in der Schweiz.

Gemeinsames Sorgerecht und Kinderrechte

17 November 2015

Im Rahmen eines Kolloquiums am 20. November in Genf, wollen das IDE und die Schweizerische Stiftung des internationalen Sozialdienstes (SSI) einen genaueren Blick darauf werfen, welche Bilanz aus Sicht der Kinderrechte gezogen werden kann. Dafür vereinigen sie Verantwortliche des Kindesschutzes aus der Westschweiz, Psychologen, Richter, Therapeuten, Mediatoren, Universitätsprofessoren sowie einen an der Gesetzgebung beteiligten Politiker.

Editorial, von Stephan Auerbach (Transnationale Dienste – SSI), den 4. November 2015, in IDE website

Seit dem 1. Juli 2014 ist die gemeinsame elterliche Sorge zur geltenden Regel in der Schweiz geworden. Unverheiratete, verheiratete, getrennte oder geschiedene Eltern haben seither im Allgemeinen gemeinsam Verantwortung für ihre Kinder zu tragen. Die Öffentlichkeit begrüßt die gemeinsame elterliche Sorge, präsentiert sie immerhin einen Fortschritt für die Vater- und Kinderrechte.

Im Rahmen eines Kolloquiums am 20. November in Genf, wollen das IDE und die Schweizerische Stiftung des internationalen Sozialdienstes (SSI) einen genaueren Blick darauf werfen, welche Bilanz aus Sicht der Kinderrechte gezogen werden kann. Dafür vereinigen sie Verantwortliche des Kindesschutzes aus der Westschweiz, Psychologen, Richter, Therapeuten, Mediatoren, Universitätsprofessoren sowie einen an der Gesetzgebung beteiligten Politiker.

Denn es stellen sich zahlreiche heikle Fragen. Für eine Mehrzahl der Bevölkerung und manchmal selbst für Experten sind die Paragrafen des gemeinsamen Sorgerechts nicht eindeutig. Teilweise mit dem abwechselnden Sorgerecht oder dem geteilten Sorgerecht verwechselt, wird sie noch zu oft als Waffe gegen den anderen Elternteil verstanden.

Am 27. August 2015 hat das Bundesgericht (BG) eine Grundsatzentscheidung bezüglich der Zuteilungs- und Aufhebungskriterien der gemeinsamen elterlichen Sorge (ATF 5A_923/2014) getroffen. Begrüßt durch die einen, da es doch das Kind in den Mittelpunkt der Thematik rückt, wird es von anderen als ein unglücklicher Rückschritt beschrieben. Tatsächlich, so präzisiert das BG, ist das gemeinsame Sorgerecht inkompatibel mit einem andauernden elterlichen Konflikt. Es empfiehlt in einem solchen Fall, und zum Schutz des Kindes, das Sorgerecht einem Elternteil zuzuteilen.

Eine weitere aktuelle Frage stellt sich rund um das abwechselnde Sorgerecht: Sollte es per Gesetz gefördert werden, wie es das Postulat Vogler vom 23. Januar 2015 verlangt? Wenn ja, welche Kriterien sollten berücksichtigt werden, um abzusichern, dass die Interessen und Bedürfnisse des Kindes über denen der Eltern stehen? Ab welchem Alter und in welchen familiären Situationen kann das abwechselnde Sorgerecht eine optimale Lösung für das Kind sein und wann kann sie problematisch sein, wenn nicht sogar schädlich für das Kind? Welche Erfahrungen konnten in anderen Ländern gemacht werden (insbesondere Frankreich und Belgien)? Sollte ein Richter das abwechselnde Sorgerecht einem sich in Streit befindenden Elternpaar „aufzwingen“ oder sollte er das „Veto“ eines Elternteils berücksichtigen?

Zusätzlich beinhaltet das neue gemeinsame Sorgerecht auch wichtige Auswirkungen auf binationale Paare und alle jene (selbst Schweiz-Schweizer Paare), die eine Ausreise ins Ausland nach der Trennung geplant haben. Seit dem 1. Juli 2014 ist der Umzug in die Schweiz (in bestimmten Fällen) und ins Ausland durch beide Eltern bewilligungspflichtig (neuer Art. 301a Zivilgesetzbuch) und kann als Entführung des Kindes durch einen Elternteil angesehen und dadurch auch als Straftat betrachtet werden. Wie kann man also zu einer Übereinkunft kommen, wenn die Zeit drängt? Welche Rolle spielen die Richter und Mediatoren? Nach welchen Kriterien entscheiden die Richter? Das Team aus der Abteilung Länderübergreifende Dienste des SSI wird Fälle aufzeigen, in denen der transnationale Aspekt stärker berücksichtig hätte werden müssen, um die Interessen der Kinder zu wahren und die Bindung zu beiden Elternteilen zu sichern.

Bild: Petr Dosek, 2013, flickr/creative commons

Wenn Eltern ihre Kinder verbringen handelt es sich dabei um eine Verletzung der Kindesintegrität

2 November 2015

Die elterliche Kindesentführung selbst ist ein Angriff auf die psychische Integrität des Kindes und als solche ein Auslösekriterium des Entführungsalarm-Systems in der Schweiz. Letztere ist kein Wundermittel im Kampf gegen elterliche Kindesentführungen. Sie ist aber ein Instrument, welches der Schweiz zur Verfügung steht, um auf dieses Phänomen zu antworten. Außerdem hilft sie dabei Kindern Leiden zu ersparen, die weit über eine physische Gefährdung hinausgehen.

Erfahrungsberichte unten. Photo : © Steve C, Flickr/Creative Commons

In der Schweiz existiert das Entführungsalarm-System seit 2010. Damit es aktiviert wird, muss das Alarmsystem folgende Bedingungen erfüllen:

-       Es wurde konkret festgestellt, dass eine minderjährige Person entführt worden ist, oder es besteht der begründete Verdacht dafür;

-       Es muss angenommen werden, dass die entführte Person ernsthaft in ihrer physischen, sexuellen oder psychischen Integrität gefährdet ist;

-       Es liegen genügend gesicherte Informationen vor, damit der Alarm mit Aussicht auf eine erfolgreiche Lokalisierung von Täterschaft und/oder Opfer ausgelöst werden kann.

Die Bundebehörden unterstreichen, dass “ Der Alarm findet in der Regel keine Anwendung bei der Entführung durch einen Elternteil bzw. beim Entziehen von Unmündigen (Art. 220 StGB), da in diesen Fällen normalerweise keine Gefahr für Leib und Leben der entführten Person besteht.“

So wird während einer Kindesverbringung durch einen Elternteil der Alarm nicht ausgelöst. Jedoch tut die Schweiz auf der einen Seite alles dafür, um diese Form der Entführung zu verhindern und das Entführungsalarmsystem hat dabei positive Arbeit geleistet. Auf der anderen Seite hat die Kindesverbringung durch einen Elternteil schwere Auswirkungen auf die psychische Unversehrtheit des Kindes und fällt somit in die Schweizerischen Kriterien der Alarmauslösung.

Die UN-Kinderrechtskonvention (KRK) hat der Schweiz auferlegt, darüber zu wachen, „dass kein Kind gegen seinen Willen von seinen Eltern getrennt wird“ (Art. 9.1.). Die Konvention geht noch einen Schritt weiter, indem sie fordert spezifisch gegen Kindesentführung vorzugehen. Zudem hat sie dieser Problematik einen eigenen Artikel (Art.11) gewidmet. Dieser verordnet den Mitgliedsstaat dazu, „Maßnahmen [gegen] […] das rechtswidrige Verbringen von Kindern ins Ausland und ihre rechtswidrige Nichtrückgabe…“ zu treffen.

Das Entführungsalarmsystem ist eine der Möglichkeiten, die einem Land zur Verfügung stehen. Es hat sich in den United States of America, Gründungsland dieses Alarmtyps, bereits als hilfreich erwiesen, wo 2011 mehr als die Hälfte der aufgelisteten Alarme nach einer elterlichen Kindesentführung ausgelöst wurden: 80% der Fälle konnten positiv gelöst werden.

Zudem fordert die KRK in ihrem Artikel 19.1, dass ihre Vorgaben auf allen Verwaltungsebenen durchgesetzt werden, um gegen sämtliche physische, sexuelle oder psychische Verletzungen des Kindes vorzugehen „während es in der Obhut der Eltern oder eines Elternteils ist…“. Diese ist in den schweizerischen Kriterien des Alarmauslösers aufgegriffen worden, bezieht sich aber nicht auf die Eltern.

Kinder, die von einem Elternteil getrennt wurden, leiden auf emotionaler und manchmal auch auf physischer Ebene unter dem entführenden Elternteil. Viele der Kinder bekommen dann zu hören, dass der andere Elternteil nicht mehr am Leben ist oder sie nicht mehr liebt. Entwurzelt, getrennt von den Eltern und Freunden, bekommen entführte Kinder von dem entführenden Elternteil oft eine neue Identität zugeteilt und dürfen weder ihren Namen noch Informationen zu ihrem vorherigen Zuhause preisgeben.“ (Hoff)

Anzunehmen, dass die elterliche Kindesverbringung die Integrität des Kindes nicht angreift ist schlicht nicht mehr möglich. Die psychologischen Auswirkungen existieren und bestehen ein Leben lang. Ein Kind zu entführen ist eine Misshandlung, sei es nun durch einen Elternteil oder eine andere Person.

«Effects identified in this study by the abductees included loss of trust with the opposite sex, trouble making and keeping friends, feeling like they were in a dream-like world, trouble recalling important aspects of the abduction, and trouble sleeping and concentrating after the abduction The Family Journal July 2013 vol. 21 no. 3 313-317

Die elterliche Kindesentführung selbst ist ein Angriff auf die psychische Integrität des Kindes und als solche ein Auslösekriterium des Entführungsalarm-Systems in der Schweiz. Letztere ist kein Wundermittel im Kampf gegen elterliche Kindesentführungen. Sie ist aber ein Instrument, welches der Schweiz zur Verfügung steht, um auf dieses Phänomen zu antworten. Außerdem hilft sie dabei Kindern Leiden zu ersparen, die weit über eine physische Gefährdung hinausgehen.

“Do I think he should have served time for his abduction? Absolutely. Children should never be used as weapons and in most cases of abduction that is precisely the reason the act is committed.” http://takeroot.org/mics-story/

Clara Balestra, Stiftung Sarah Oberson, 29.10.15

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Témoignages d’enfants enlevés recueillis sur le site de la fondation Take Roots, « Our purpose is to add the collected wisdom of former missing children to the public and policy discussions on child-abduction, using the voice of victims to improve America’s missing child response.”

-       « For so long, I thought it stopped when I was found, but it only began. I have been unhappy for so long because of they things my mother did. I have feelings I don’t know how to deal with and anger towards her I don’t know how to let go of. And I am ready to let go, but for some reason I can’t. Sometimes I feel sorry for myself because what happened is not my fault, but then I tell myself this is my life and I have to take control. But I know I have issues because of what happened to me and I feel like I can’t move forward until I resolve them, and I don’t know always where to start.” http://takeroot.org/rebekah/

-       “I had never spoken to another person, other than my brother, who truly understood the ghosts that haunt me on a daily basis. (…)I learned how to avoid hurt . . . Don’t let anyone close enough and it’s not a problem. I learned how to avoid lies . . . Never trust that anyone is telling you the truth anyway. I learned to appear to the outside world that I was ok . . . No chance of hurting anyone’s feelings by not being ok then. I learned how to make others happy at my own expense.” http://takeroot.org/sheris-story/

Ist Ihr Kind nicht nach Hause gekommen?

15 September 2015

Die Sarah-Oberson-Stiftung, die seit vielen Jahren im Bereich des Kinderschutzes tätig ist, lanciert heute eine gross angelegte Informationskampagne in den Oberwalliser Schulen.

Ziel ist es, die Entführung von Kindern zu verhindern, wenn nötig rasch Entführungsalarm auszulösen, vor allem aber auch die Eltern zu beruhigen.

Ab morgen wird die Kampagne fortgesetzt, die letzten Herbst bereits in den Einrichtungen im Unterwallis durchgeführt wurde. Dazu werden 15’000 Flyer der Sarah-Oberson-Stiftung an die Krippen, Kindergärten, Primar- und Orientierungsschulen sowie Fachinstitutionen im Oberwallis verschickt. Der Flyer ist doppelseitig: Eine Seite richtet sich an die Eltern und Lehrpersonen (Ist Ihr Kind nicht nach Hause gekommen?), die andere an die Kinder (Tipps für Kinder). Erstellt wurde er in Zusammenarbeit mit dem Departement für Bildung und Sicherheit (DBS) (genauer gesagt mit der Kantonspolizei, der Dienststelle für Unterrichtswesen und der Kantonalen Dienststelle für die Jugend), der Dienststelle für Gesundheitswesen und der Staatsanwaltschaft des Kantons Wallis.

Der für das Ressort Bildung zuständige Visper Gemeinderat Michael Kreuzer begrüsst diese Aktion: «Es ist wichtig, die Kinder über die Gefahr einer Entführung aufzuklären. Da es auf dem Schulweg tatsächlich zu einer solchen kommen könnte, ist die Kampagne der Sarah-Oberson-Stiftung eine gute Sache. Ausserdem nehmen die Kinder den Flyer mit nach Hause, wodurch auch die Eltern informiert werden.» In Visp gibt es übrigens bereits ein mit der Gemeindepolizei koordiniertes Verfahren für Fälle, in denen ein Kind ohne vorgängige Abmeldung der Eltern nicht in der Schule erscheint.

Das Gerücht des «weissen Kleinbusses»

Ausgangspunkt der Kampagne war eine Feststellung. «Sie können sich nicht vorstellen, wie oft wir von Müttern hören, dass sie einen weissen Kleinbus gesehen hätten, dass in der vorherigen Woche ein Kind vor der Schüle entführt worden sei, sie ihr Kind nicht mehr alleine heimlaufen lassen könnten usw.», erklärt Clara Balestra, wissenschaftliche und administrative Koordinatorin bei der Oberson-Stiftung. «Man kann also sagen, dass der Grundgedanke der Aktion eigentlich war, die Eltern zu beruhigen.»

Es gilt also in erster Linie zu beruhigen, denn die Statistiken sprechen eine klare Sprache: Die Walliser Polizei verzeichnet jedes Jahr durchschnittlich 3 bis 4 vermisste Kinder – die alle generell bei Freunden oder Angehörigen wieder gefunden werden – und 2 bis 3 Meldungen einer Entführung und/oder Freiheitsberaubung. Bis heute sind 7 Kinder (zwischen 0 und 18 Jahren) im Register der Polizei als vermisst registriert. Bei 6 von ihnen wird angenommen, dass sie weggelaufen sind, einen Unfall hatten oder Selbstmord begingen. Nur im Fall von Sarah Oberson, die am 28. September 1985 verschwand, wird vermutet, dass sie von einem Dritten entführt wurde. Eine andere aussagekräftige Statistik stammt von der Waadtländer Polizei: In 88% der Fälle ist für das Verschwinden der Kinder ein Elternteil verantwortlich. Eine Tatsache, die die Oberson-Stiftung kennt und mit der sie sich anlässlich ihrer jährlich stattfindenden Konferenzen 2011 und 2014[1] befasst hat.

Erste Abklärungen durchführen und das Auslösen des Entführungsalarms erleichtern

Die Oberson-Stiftung will also mit ihrer Aktion vor allem beruhigen, gleichzeitig aber auch informieren. Denn in der Stiftung, die nach dem Verschwinden der 5-jährigen Sarah in Saxon gegründet wurde, weiss man nur zu gut: Manchmal kommt es zu regelrechten Dramen. Und jedes Mal ist ein Mal zu viel. «Die Stiftung hat sich deshalb sehr dafür eingesetzt, dass ein nationaler Entführungsalarm in der Schweiz eingerichtet wird», erläutert Jean Zermatten, Präsident des Stiftungsrates. «Dieser besteht nun seit 2010, wurde jedoch noch nie ausgelöst.» Die Oberson-Stiftung erinnert auf dem Flyer daran, welche Abklärungen zuerst gemacht werden sollten, bevor die Polizei alarmiert wird: die Verantwortlichen in der Schule, die Familie, Freunde und Nachbarn anrufen. Ein wertvoller Schritt, der von jenen unternommen wird, die das Kind am besten kennen. Dadurch kann dann ein Verdacht auf Verschwinden und/oder Entführung bestätigt werden oder nicht und allenfalls rasch Alarm ausgelöst werden. Die Erfahrung zeigt nämlich, dass die Zeit gegen die Opfer arbeitet. Deshalb gilt es, Zeit zu gewinnen.

Anstoss für den Dialog in der Klasse und Zuhause

Schliesslich richtet sich der Flyer auch an die Kinder und gibt ihnen Tipps, wie sie sich in Gefahrensituationen verhalten sollen oder solche am besten vermeiden: nicht alleine unterwegs sein, immer den gleichen Weg zu oft besuchten Orten nehmen (z.B. zur Schule, zum Training, zu Freunden), schreien und sich wehren, wenn sie angegriffen werden.

«Rund hundert Einrichtungen werden diese Woche ein Paket mit Flyern und einem Schreiben erhalten mit der Aufforderung, diese in der Klasse zu verteilen», erklärt Guillaume Grand, Vizepräsident des Stiftungsrats. «Wir möchten, dass die Kinder diese Informationen den Eltern weiterleiten und so sowohl in der Klasse als auch Zuhause über dieses Thema diskutiert wird. Wir hoffen, dass die Direktionen und Lehrpersonen uns dabei unterstützen und unsere Botschaft ankommt.»

Lehrpersonen, die den Flyer nicht erhalten haben, können sich an info@sarahoberson.org wenden.


[1] «Trennung der Eltern, Verschwinden von Kindern», Bericht zu den Konferenzen der Sarah-Oberson-Stiftung 2011 und 2014.

Für einen verbesserten Entführungsalarm

21 Mai 2015

Anlässlich des Internationalen Tags der vermissten Kinder am 25. Mai setzt sich die Sarah Oberson Stiftung dafür ein, dass die Kriterien zur Auslösung des Entführungsalarms in der Schweiz gelockert und diesbezügliche nationale Statistiken erstellt werden.

MEDIENMITTEILUNG

Die ersten Stunden nach einer Entführung sind für den Fahndungserfolg entscheidend – von ihnen hängt die Wahrscheinlichkeit, das Opfer gesund und wohlbehalten zu finden, ab. Die jüngsten Ereignisse in Frankreich haben dies erneut am Fall der kleinen Berenyss gezeigt. Seit der Einführung des Entführungsalarmsystems in unserem Nachbarland im Jahr 2006 wurde es bereits zum 14. Mal in Folge erfolgreich eingesetzt. In der Schweiz gibt es dieses System seit 2010, doch wurde es noch nie aktiviert. Die Sarah Oberson Stiftung, die sich seit über 15 Jahren für die Verteidigung der Kinderrechte einsetzt, findet die aktuellen Kriterien zur Auslösung des Alarms zu restriktiv. Daher plädiert sie für eine Lockerung dieser Kriterien.

Kriterium der Gefährlichkeit muss im Vordergrund stehen

Nicht alle Entführungsfälle lösen einen Alarm aus. Das System wird nur aktiviert, wenn es sich um Notfallsituationen handelt, in denen die physische und psychische Integrität des Kindes gefährdet ist. «Dieses Kriterium muss die Priorität bilden», erklärt Clara Balestra, wissenschaftliche und administrative Koordinatorin der Stiftung. «Es geht nicht darum, auf Teufel komm raus Alarme auszulösen, sondern die Sache objektiv, unter Berücksichtigung der Gefahr und der Indizien, die der Polizei zur Verfügung stehen, anzugehen.»

Eine Lockerung der Kriterien würde zudem ermöglichen, das Alarmsystem auch bei gefährdeten Ausreissern oder bei elterlicher Kindesentführung zu aktivieren. «In der Schweiz ist dieser Faktor momentan nicht ausschlaggebend – ganz anders in Übersee. In den USA[1] beispielsweise wurden 2011 mehr als die Hälfte der Entführungsalarme infolge einer elterlichen Kindesentführung ausgelöst. Dieser Punkt darf in unserem Land nicht länger vernachlässigt werden, wenn man bedenkt, dass zwischen 2010 und 2012 für das Verschwinden von 85% der im Kanton Waadt registrierten vermissten Kinder ein Elternteil verantwortlich war[2]

Da fast die Hälfte der Ehen geschieden werden und eine von zehn Trennungen mit Streitigkeiten vor Gericht endet, sind diese Verschwindungsfälle oftmals auf den Zerfall des familiären Rahmens zurückzuführen. Für die Kinder, die aus ihrem gesellschaftlichen Umfeld gerissen werden und die eines der beiden Elternteile nicht mehr sehen können, kann das verheerende und traumatisierende Folgen haben.

Statistiken fehlen

Ein anderes Thema, das der Sarah Oberson Stiftung seit mehreren Jahren am Herzen liegt, ist die Schaffung nationaler Statistiken zum Verschwinden von Kindern. In einem jüngeren Bericht über die Situation in der Schweiz hat der Ausschuss für die Rechte des Kindes der Vereinten Nationen darauf hingewiesen, dass es in der Schweiz keinerlei zentralisiertes System zur Sammlung von Daten gibt, insbesondere nicht was die Gruppe von Kindern am Rande der Gesellschaft oder in schwierigen Situationen anbelangt. Guillaume Grand hofft, dass die Schlussfolgerungen des Ausschusses Früchte tragen werden: «Hierbei handelt es sich um eine verkannte Realität. Durch die Schaffung eines zentralisierten Systems, wie vom Ausschuss vorgeschlagen, könnten wir die Verschwindensfälle besser in Zahlen fassen, sie wissenschaftlich beurteilen sowie Präventionsmassnahmen und geeignete Reaktionsstrategien planen.» Wie der Präsident der Sarah Oberson Stiftung, Jean Zermatten, sagt: «Wir dürfen nicht meinen, die Kinderrechte würden in der Schweiz gänzlich respektiert werden. Auch bei uns gibt es noch Einiges zu tun.»


[2] Zahlen aus dem «Projet de recherche sur la faisabilité d’une étude sur les disparitions de mineurs dans le canton de Vaud»: http://www.sarahoberson.org/images/upload/pdfs/apport__131022.pdf

photo : http://angolodellamicizia.forumfree.it/?t=65584523

Abstract von “Trennung der Eltern, Verschwinden von Kindern”

11 Mai 2015

Ob wir es wollen oder nicht, Familientrennungen sind ein integraler Bestandteil unserer Gesellschaft. Auch wenn in der Anzahl bisher unerheblich, führt eine Trennung zu einem familiären Ungleichgewicht und kann, insbesondere für Kinder, gravierende Folgen haben. Ein wichtiger Aspekt für jene, die im Kindesschutz tätig sind, ist die Aufrechterhaltung der Beziehung zwischen den Eltern nach der Trennung. Dieser Prozess ist besonders für die Kinder signifikant.

Aus dem Working Report Konferenzen Sarah OBerson 2011 un 2014 zum Thema “Trennung der Eltern, Verschwinden von Kindern”,

Bei einer Scheidung handelt es sich um ein soziales Ereignis, auf welches sich die Gesellschaft vorbereiten muss. Nur so kann sie sich den Herausforderungen stellen. Ob vor, während oder nach der Trennung.

Die Familie als Institution sowie geltende sozio-ökonomische und kulturelle Faktoren (Arbeitswelt, Möglichkeiten zur Vereinbarung von Arbeit und Familie, Rollenverteilung innerhalb der Familie) fördern ein traditionelles Familienbild, dass auf lange Zeit existieren soll. Dieses Bild von Familie ist mit einer Trennung nicht vereinbar. Es kann die Schwierigkeiten, die Trennungskinder erfahren, wie bspw. Verarmung (Annexe II), nicht vorhersehen. Diese Schwierigkeiten können Konflikte zwischen den ehemaligen Paar fördern und in manchen Fällen gewalttätige Folgen haben.

Es braucht eine Umstrukturierung familiärer Normen, um sich den verschiedenen Phänomenen, die innerhalb einer Familie entstehen können, insbesondere einer Scheidung, zu stellen.

Die schweizerischen Autoritäten, aber auch die schweizerische Zivilgesellschaft, haben verschiedene Instrumente entwickelt, die den Übergang während und nach einer Trennung erleichtern sollen. Experten sind sich einig, dass es kein Wundermittel gibt und die verschiedenen Maßnahmen auf den Kontext hin angewendet werden müssen. Denn jede Situation ist besonders.

Dieses vielfältige Angebot existiert und versucht sich den neuen Realitäten anzupassen, indem es sich stets evaluiert und verbessert. Es wird daher empfohlen die betroffenen Paare über diese verschiedenen Möglichkeiten zu informieren, damit sie dadurch potentielle Konflikte vermeiden können. In diesem Dokument wird u.a. von einer einheitlichen Anlaufstelle (Rossier) gesprochen.

Es existieren somit Möglichkeiten, die es verhindern, dass die Trennung der Eltern für die Kinder in einem Drama endet. Dennoch bleibt eine Trennung Privatsache. Dank sozio-ökonomischer Änderungen auf der einen und juristisch, psychosozialer Maßnahmen auf der anderen Seite, verfügt die Gesellschaft über einen Handlungsrahmen, der es ermöglicht den Übergang zwischen Zusammenleben und Trennung für  Kinder, aber auch für Eltern zu erleichtern.

„In der Tat übertreten eine Trennung und ihre Auswirkungen das mikro-soziale Niveau der Einheit Familie: sie haben ihre Wurzeln in strukturellen Faktoren (Paar- und Erziehungsstile, Infrastrukturen, Familienpolitik, etc.), die den individuellen Eigenschaften einer Person (Vater, Mutter, Kinder) gegenübergestellt werden müssen und sich an ihren Absichten orientieren sollten, um dann im Interesse der Personen umgesetzt zu werden. Nur so können wir die Interessen und Rechte eines jeden Individuums respektieren.“ (Stoecklin)

Clara Balestra, 05.05.15