Archive pour la catégorie ‘Kinderverschwinden’

Unterstützung von Familien, die ein Kind vermissen

10 September 2013

Es ist schwierig, einschlägige wissenschaftliche Texte dazu zu finden. Mit dem Ziel, Berufstätige zu unterstützen, die Familien vermisster Kinder betreuen, hat die Stiftung Sarah Oberson einen Überblick über die wissenschaftliche Literatur zu dem Thema in Auftrag gegeben. Dessen Schlussfolgerungen erschüttern die traditionellen Betreuungsformen und gehen über die obengenannten Unterstützungsmöglichkeiten hinaus.

Jedes Jahr verschwinden Kinder spurlos. Unabhängig davon, ob das Kind ausgerissen ist, von einem Elternteil entführt wurde oder ob es sich um ungeklärte Dramen handelt – der Schmerz des Verschwindens belastet die Familien.

Wie können Familien unterstützt werden, wenn ihr Kind verschwunden ist?

Es gibt wissenschaftliche Texte über die Trauer von Familien, wenn ein Kind verschwindet. Diese behandeln aber in erster Linie Situationen in einem Kontext von Gewalt (Balkankriege, Gewalt in Argentinien…). Ausgehend von den vorhandenen Unterlagen können aber einige Gemeinsamkeiten abgeleitet werden.

Gemäss einigen Autoren und Autorinnen bleiben die Familien in der Schwebe, in der größtmöglichen Ungewissheit, wenn ein geliebter Mensch verschwindet, sei es unter gewaltsamen oder ungeklärten Umständen. Sie verbleiben auf der Schwelle (limen auf Lateinisch) des Todes, der Witwenschaft, der Trauer. Diese Übergangsphase wird von der Stille ständig aufrechterhalten. (Verstraeten, S. 75–76)

Im Fall von Zwangsverschleppungen konnten die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen Faktoren ermitteln, die den betroffenen Personen helfen, wieder ein gewisses Wohlbefinden zu erreichen, zum Beispiel durch kollektive Rituale (wie zum Beispiel die Veranstaltungen der Mütter des Platzes der Mairevolution, die gemeinsamen Gedenkfeiern von Srebrenica, die Denkmäler für vermisste Soldaten) (Verstraeten und Probst Favret).

Zwangsverschleppungen lassen sich in eine historische Periode einbetten. Es handelt sich um eine von einer Gemeinschaft, einer Nation gemeinsam erlebte Situation, ein gemeinsam geteilter Schmerz, was Gedenkfeiern ermöglicht. Der Tod der Vermissten kann aus dem historischen Zusammenhang heraus als wahrscheinlich, wenn auch nicht als sicher, betrachtet werden. Der Sinn, der diesem Verschwinden so gegeben werden kann, kann auf den historischen Zusammenhang bezogen werden. Es muss aber unterstrichen werden, dass diese Faktoren, auch wenn sie den Abschiedsprozess unterstützen, keine Garantie für besseres Wohlbefinden sind (Probst Favret, S. 108).

Bei Kindern oder Erwachsenen, die unter ungeklärten Umständen verschwunden sind, gibt es keine gemeinschaftliche und historische Dimension. Der Schmerz kann nur mit den Angehörigen geteilt werden. Nichts bestätigt, dass der Tod als wahrscheinlich betrachtet werden kann. Die Suche nach dem Sinn des Verschwindens wird durch besondere Umstände geprägt.

Welche Faktoren erlauben es also den Familien, sich darauf einzustellen und durch passende Wege ihre Identität und den Lebenssinn wiederzufinden (Poretti)?

Es ist schwierig, einschlägige wissenschaftliche Texte dazu zu finden. Mit dem Ziel, Berufstätige zu unterstützen, die Familien vermisster Kinder betreuen, hat die Stiftung Sarah Oberson einen Überblick über die wissenschaftliche Literatur zu dem Thema in Auftrag gegeben. Dessen Schlussfolgerungen erschüttern die traditionellen Betreuungsformen und gehen über die obengenannten Unterstützungsmöglichkeiten hinaus.

Die Stiftung Sarah Oberson organisiert eine Konferenz, um die Ergebnisse dieser Untersuchung von Michele Poretti, leitender Wissenschaftler am IUKB und Berater, vorzustellen:

An der Schwelle zur Trauer? Die Ungewissheit der Familien vermisster Kinder

30. September 2013, von 10h00 bis 12h00, im universitären Institut Kurt Bösch in Sitten/Bramois

Der Anthropologe Marc-Antoine Berthod hält einen Vortrag zu dem Thema: „Die Familien gegenüber ihrer Gemeinschaft“ (Les familles face à leur communauté). Denn bei solchen Dramen sind die betroffenen Familien nicht nur ihrem Schmerz und ihrem Verlust ausgesetzt. Sie stehen auch in Austausch mit ihrer Gemeinschaft, mit den Medien und der Auslegung, die letztere des Dramas machen. Auch diese Faktoren beeinflussen die Fähigkeit, den Verlust zu überleben.

Referenz :

Poretti Michele (2013), Au seuil du deuil ? Les familles d’enfants disparus à l’épreuve de l’incertitude. Revue de littérature, Fondation Sarah Oberson, Sion.

Probst Favret Marie-Corinne (2009), «Enfants de père porté disparu: le deuil suspendu», in Betty Goguikian Ratcliff et Olivier Strasser (dir.), Clinique de l’exil. Chroniques d’une pratique engagée, Chêne-Bourg: Editions Georg, pp. 101-110.

Verstraeten Alice (2006), «La “ disparition forcée ” en Argentine. Occultation de la mort, empêchement du deuil, terreur, liminalité», in Frontières, vol. 19, n° 1.

Ein immer leistungsfähigeres Antwortsystem auf das Verschwinden von Kindern

24 Mai 2013

25. Mai, internationaler Tag der vermissten Kindern: dieser Tag will die Erinnerung an diese Kinder aufrechterhalten und den Eltern, welche ohne Nachricht sind, Hoffnung und Solidarität vermitteln.

Photo : http://camelia.fond-ecran-image.com/blog-photo/2008/04/19/myosotis/

Das Symbol, welches für diesen, Tag steht ist übrigens das Vergissmeinnicht.

Die ersten Stunden nach dem Verschwinden eines Kindes sind entscheidend. Die Schweiz hat sich mit einem Arsenal an schnellen Reaktionen auf das Verschwinden von Kindern ausgestattet, insbesondere auch mit dem Entführungsalarmsystem. Der Erfolg von Letzterem begründet unter anderem auf den strengen Kriterien, welche eine Auslösung des Alarms beschränken somit dazu beitragen, dass eine Überbeanspruchung und Ermüdung der Öffentlichkeit vermieden werden kann.

Die vergangenen Tage haben diese Kriterien einer strengen Prüfung unterzogen. Zwei Grenzfälle von Situationen von Vermisstmeldungen von Kindern haben diese Aktualität deutlich vor Augen geführt. Am 13. Mai 2013 wurde Marie im Kanton Waadt vermisst. Ein Zeuge behauptete gesehen zu haben, wie sie gezwungen wurde, in ein Auto einzusteigen. Sie hat gerade ihren 19. Geburtstag gefeiert.  Das Entführungsalarmsystem ist für Kinder bis 18 Jahren zuständig. Am 12 Mai 2013 verschwand Fiona, ein 5 jähriges Mädchen, in Frankreich in einem öffentlichen Park. Die Umstände, welchen in den ersten Stunden bekannt waren, wiesen nicht auf eine Entführung hin. Das Entführungsalarmsystem kann nur aufgrund konkreter Hinweise auf eine Entführung ausgelöst werden.

Niemand kann sagen, ob ein Auslösen eines Entführungsalarms etwas am Ausgang dieser Dramen geändert hätte. Es bleibt jedoch festzuhalten, dass die Kriterien regelmässig überprüft werden müssten um sie mit neuen Realitäten von Entführungen zu konfrontieren.

Nebenbei gehört die Schweiz zum europäischen Kontinent. Die Europäische Union (EU) müht sich mit der Operationalisierung eines immer leistungsfähigeren Reaktionssystems ab, insbesondere betreffend der Realisierung eines Entführungsalarms auf europäischem Niveau und der Einführung der gemeinsamen und gesamteuropäischen Rufnummer 116 000.

Aufgrund der grossen Mobilität der schweizerischen und europäischen Bürgern sollte die Schweiz mit der Optimierung ihres Systems weiterfahren und sie in das europäische Netzwerk einfügen um somit das Entführungsalarmsystem zu vervollständigen und die notwendigen Schritte der Eltern und der zuständigen Behörden zu erleichtern. Die Konferenz der kantonalen Polizeikommandanten KKPKS, als Beauftragte des Dossiers, stellt die Öffnung zur Europa in den Raum. Die Stiftung Sarah Oberson kann nur ihre Ermutigung zu diesen Schritten bekräftigen – die Stiftung Sarah Oberson ist für eine Integration der Schweiz in einen möglichen europäischen Entführungsalarm.

Damit das Verschwinden von Kindern nicht notwendigerweise in einem Drama endet muss das System sich immer wieder in Frage stellen und sich unter der Mitwirkung aller Akteure adaptieren.

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Gut zu wissen :

Die Soirée Sarah Oberson 2013, welche am 13. November im Kasino von Saxon stattfindet, widmet sich dem Thema « Von Lucie zu Marie – Wie können Rückfälle vermieden werden ? »

Weitere Literatur :

-        Rubrik Systems als Antwort auf das Verschwinden von Kindern, der Webseite der Stiftung Sarah Oberson

-        Rubriken Entführungsalarm und Kinderverschwinden des Blogs der Stiftung Sarah Oberson

Stiftung Sarah Oberson wiedersetzt sich gegen Babyklappen

28 Januar 2013

Die Stiftung Sarah Oberson möchte zu diesem gesetzgebenden Vorschlag Stellungnehmen und die Aufmerksamkeit auf dieses Konzept lenken, dessen Verwirklichung den Rechte des Kindes und den Rechte der Eltern widerspricht und dessen Wirksamkeit im Kampf gegen Kindstötung bis zu diesem Tag nicht erwiesen werden konnte.

Infolge der Annahme der Motion 1.232 betreffend des Schutzes vor Kindstötung und Aussetzung durch den Grossen Rat am 5. November 2012,, muss der Staatsrat nun einen Vorschlag zur Einrichtung einer Babyklappe im Wallis ausarbeiten.

Die anonyme Abgabe von Neugeborenen widerspricht zahlreichen internationalen Abkommen, darunter das Übereinkommen über die Rechte des Kindes (KRK) und der Europäischen Menschenrechtskonvention (EMRK). Sie verletzt die Rechte des Kindes, insbesondere das Recht, seine Herkunft zu kennen und durch seine Eltern grossgezogen zu werden (Art. 7 Para. 1 der KRK), wie auch das Recht, mit beiden Elternteilen in einer persönlichen Beziehungen zu stehen (Art. 9 Para. 1 & 3 der KRK); Rechte, welche für die Identitätsentwicklung eines Kindes entscheidend sind. Der Ausschuss für die Rechte des Kindes hat in seinen Empfehlungen an die Staaten gegen die Einsetzung von Babyklappen Stellung genommen.

Eine europäische Studie aus dem Jahr 2012 (1) warnt vor den möglichen Nebeneffekten einer solchen Anlage. Wie kann zum Beispiel überprüft werden, dass die Aussetzung mit dem Einverständnis der Mutter oder in Übereinstimmung mit ihren Rechten stattfand? Babyklappen stellen ein enormes Mittel zur Druckausübung auf die Mutter dar, ohne dass jegliche Art der Überprüfung oder auch Unterstützung möglich ist.

Während die Motion 01.232 akute Überforderungs- und Notsituationen der Eltern als Ursachen für Kindstötung oder seine Aussetzung an einem gefährlichen Ort nennt, erwähnt sie jedoch nicht, auf welche Art Babyklappen diese verzweifelten Eltern unterstützen können; tatsächlich bleiben die Eltern, aufgrund der Anonymität der Anlage, in ihrer Not alleine gelassen. Aus diesen Gründen sind wir der Auffassung, dass Babyklappen in der Lage sind, für das Kind, als auch für die Mutter, gefährliche Seitenwege zu eröffnen.

Solche Anlagen sind seit dem Mittelalter bekannt und wurden bis ins letzte Jahrhundert benutzt; sie wurden jedoch in dem Moment abgesetzt, als die Dienste zum Schutze des Kindes in Kraft traten. Es ist deshalb verwunderlich, dass sie nun wieder eingeführt werden, obwohl ihre Wirksamkeit im Kampf gegen Kindstötung (oder Aussetzung eines Neugeborenen an einem Ort, welcher für das Kind nur minime Überlebenschancen bietet) nie bewiesen werden konnte. In den europäischen Ländern, welche solche Anlagen zur Verfügung stellen, ist die Zahl der Kindstötung nicht gesunken.

Im Laufe von 20 Jahren hat der Kanton Wallis 4 Entdeckungsfälle von verstorbenen Neugeborenen verzeichnet : im Jahr 1992, 1994, 1998 und 2007. Niemand kann sagen, ob diese Neugeborenen durch eine Babyklappe hätten gerettet werden können, da es keine Hinweise darauf gibt, dass die Menschen, welche die kriminelle Handlung einer Kindstötung begehen, dieselben sind wie die, welche sie in einer Babyklappe aussetzen.

Ausserdem möchten wir Sie daran erinnern, dass der Nationalrat im Mai 2009 entschieden hat, nicht auf zwei Initiativen, welche erlaubt hätten, der anonymen Entbindung (Wehrli, 08.454) als auch der Entbindung in einem diskreten Rahmen (Tschümperlin, 08.493) einen legalen Rahmen zu geben, eingetreten ist. Der Nationalrat ist den Argumenten der Kommission für Rechtsfragen RK gefolgt. Einerseits unterstreicht die Kommission, sich auf das Französische Beispiel abstützend, dass die Statistiken nicht aufzeigen, dass durch Entbindungen in der Anonymität die Fälle von Aussetzungen verringert werden. Die „Gesetzgebung erfülle deshalb nicht die von den zwei Initiativen beabsichtigte Zielsetzung, der Schutz des Lebens”. Andererseits widersprechen die zwei Initiativen der Konstitution der Schweiz und mehreren internationalen Übereinkommen welche dem Kind das Recht zusprechen, seine Herkunft zu kennen.

Die Stiftung finde deshalb, dass sehr vorsichtig vorgegangen werden muss und dass das Wallis nicht in diese Stossrichtung eintreten sollte; wenn man Kindern und ihren Müttern in Not helfen will, sollten andere Mittel eingesetzt werden. Die Babyklappe ist sicher eine sehr schlechte Antwort auf ernstzunehmende Probleme (Kindstötung und Aussetzung von Kindern). Bereits existierende (oder im Falle von ungenügender Leistung weiter-zuentwickelnde) Dienste zur Unterstützung der Eltern, Dienste zur Familienplanung und vorläufige Aufnahmeorte verfügen über Handlungsweisen, welche sowohl die Kinder, ihre Eltern als auch ihre Rechte respektieren; diese sollten diesem falschen guten Konzept übergeordnet werden.

(1) Browne Kevin, (2012), Child Abandonment and its Prevention in Europe, The University of Nottingham, The European Commission Daphné Program, UK.

(Français) Soirée Sarah Oberson 2012

19 November 2012

Vom Amber Alert zu einem Europäischen Entführungsalarmsystem ?

6 November 2012

Das System Amber Alert als Antwort auf das Verschwinden von Kindern in den Vereinigten Staaten von Amerika, hat in den USA auf ganz direkte Art und Weise mitgeholfen, 572 Kinder gesund und wohlbehalten wiederzufinden seit 1998. Diese Entwicklung könnte den Europäischen Staaten helfen, einen modus operandi für die Begründung eines Europäischen Entführungsalarmsystems zu finden, ohne dass sie die Errungenschaften der nationalen Alarmsysteme durch eine Überbeschäftigung von diesen gefährdet würden.

http://www.risp.state.ri.us/amberalert/

Das System Amber Alert (Amber Alarm), der Vorläufer des Schweizer Entführungsalarmsystems, als Antwort auf das Verschwinden von Kindern in den Vereinigten Staaten von Amerika, wurde nach der Entführung und dem Mord an Amber Hagerman im Jahr 1996, einem 9 Jahre alten Kind, eingeführt. Seitdem wurde das Programm auf über 50 Staaten ausgeweitet und ist lokal in über 80 Regionen und Stammgebiete der USA verbreitet. Bis im März 2012 hat dieses Alarmsystem in den USA auf ganz direkte Art und Weise mitgeholfen, 572 Kinder gesund und wohlbehalten wiederzufinden. Seit seinen Anfängen wurden, gestützt auf die enorm grosse Erfahrung, viele Verbesserungen getätigt. Ein Handbuch zu den guten Umsetzungsmöglichkeiten wurde kürzlich veröffentlicht.

Gemäss diesem Ratgeber ist es unerlässlich, das Phänomen vermisster Kinder zu kennen, bevor überhaupt erst damit begonnen wird, Antworten zu geben: wer die Kinder sind, welche vermisst werden, was mit ihnen passiert, wer die Akteure der Entführung sind, welche Handlungen empfohlen werden, um sie wiederzufinden usw.

Nach Einschätzungen gibt es in den USA jedes Jahr 1.3 Millionen Kinder die vermisst werden. Die Mehrheit dieser Kinder wird wiedergefunden, aber diese grosse Anzahl beweist die Bedeutung dieses Problems und gibt eine Vorstellung der Arbeit, welcher die Institutionen und insbesondere die Ordnungskräfte gegenüber stehen.

Als Beispiel: im Wallis wurde die Polizei im Jahr 2011 in 344 Fällen von Vermisstmeldungen von Minderjährigen aktiv, welche glücklicherweise alle wiedergefunden wurden. Die menschlichen, finanziellen und emotionalen Mittel sind erheblich. Jedoch existiert keine nationale Statistik bezüglich des Verschwindens von Kindern und keine Studie wurde ausgeführt, um diese Problematik zu analysieren und zu verstehen.

Zusätzlich zur Kenntnis der Problematik sollte der Amber Alert sich in eine globale Strategie des Kinderschutzes einschreiben (1), welche auf ein starkes und wirksames Netz gründet. Die Schaffung und das Weiterbestehen eines wirksamen Netzwerkes ist für den Erfolg des Alarms wesentlich, sei es durch Einbezug der Massenmedien, die die Alarmnachricht verteilen, als auch der Instanzen des Kinderschutzes, der Opferhilfe-Beratungsstellen usw. Eine für das Verschwinden von Kindern geeignete Antwort ist eine informierte Antwort. Die Sorgfalt gegenüber diesem Netzwerk soll dementsprechend umfassend sein.

Angesichts eines eventuellen europäischen Entführungsalarmsystems kann die amerikanische Erfahrung helfen. Die USA haben die Alarme bereits in mehreren Staaten erprobt. Im Juli 2011 haben sich 4 Staaten für die Suche nach Raymon Slocum, einem 4 Monaten alten Baby, welches von seinem Vater als Geisel genommen wurde, zusammengeschlossen und es gesund und wohlbehalten wiedergefunden. Die Vereinheitlichung der Kriterien, der Kompetenzen unter klar bestimmten Partnern, das Weiterbestehen eines guten Netzes innerhalb und außerhalb des Staates erleichtern im Notfall die Arbeit vor Ort. Die beständige Bildung der Fachleute betreffend der neusten Erkenntnisse bezüglich dieses komplexen Phänomens, der bestehenden Techniken, aber auch der Methoden, die erlauben, dem Druck der Familie, der Öffentlichkeit, der Massenmedien entgegenzutreten. Auch befürwortet das Handbuch das unverzügliche Einfügen der Daten eines vermissten Kindes auf die betreffende nationale Datenbank (National Crime Information Center, NCIC), um die die Suche auf ein noch grösseres Gebiet auszuweiten. Schlussendlich soll die Öffentlichkeit wissen, was von ihr erwartet wird und wie unter Umständen solche Dramen verhindert werden können.

Ambert Alert bringt so gute Ergebnisse, dass auf der anderen Seite des Ozeans drei andere Alarmtypen immer mehr Gewicht zu erhalten scheinen:

- The Blue Alert: für Polizist getötet oder in Gefahr .

- The Silver Alert: für vermisste Senioren.

- The Gold Alert: für gefährdete vermisste Erwachsene, eine Neuheit im Staat New York 2011.

Der potenziellen Gefahr bewusst, wurde ein Handbuch herausgegeben, um die getätigten Errungenschaften von Amber Alert nicht zu gefährden.

Diese Entwicklung könnte den Europäischen Staaten helfen, einen modus operandi für die Begründung eines Europäischen Entführungsalarmsystems zu finden, ohne dass sie die Errungenschaften der nationalen Alarmsysteme durch eine Überbeschäftigung von diesen gefährdet würden.

Clara Balestra, 6.11.12

(1) Im Jahr 2003 unterschrieb die höchste politische Instanz Amerikas, der Präsident, den PROTECT Act, der allen Staaten den Auftrag erteilt, globale nationale Strategien auszuarbeiten, um unter anderem gegen dieses Phänomen anzukämpfen und die für die Anwendung notwendigen Mittel zu gewähren, und bezeichnete einer der hohen gerichtlichen Instanzen eines jeden Staates als Koordinator dieses Alarmes. Diese Handlung beweist, daß es auf höchster politischer Ebene einen starken Willen gibt, sich dieser Problematik zu stellen.

USA : AMBER Alerts for missing children now in Google Search and Maps, 31.10.12

Nationalratsdebatte zur gemeinsamen elterlichen Sorge

24 September 2012

Im Hinblick auf die Nationalratsdebatte vom 25. September 2012 unterstützt der SSI, dass neu die gemeinsame elterliche Sorge zur Regel wird. Der SSI ist für Mediation im Konfliktfall

Von Scheizerische Stiftung des Internationalen Sozialdienstes (SSI)

Im Hinblick auf die Nationalratsdebatte vom 25. September 2012 unterstützt der SSI, dass neu die gemeinsame elterliche Sorge zur Regel wird. Ebenfalls unterstützt der SSI, dass vor einem geplanten Wegzug des Kindes ins Ausland oder ans andere Ende der Schweiz sich die Eltern künftig über dieses Projekt einigen müssen. Für den Konfliktfall unterstützt der SSI die Möglichkeit einer angeordneten Mediation.

Für weitere Informationen: Stellungnahme, die der SSI an die Nationalräte verschickt hat.

Le National soutient l’autorité parentale conjointe, Tribune de Genève, 25.09.12

Elterliche Entführungen und das Wohl des Kindes, eine Frage der Auslegung?

10 September 2012

Elterliche Entführungen : eine Unterbrechung der elterlichen Beziehung, nebst den direkten negativen Folgen auf das Kind und seine Entwicklung, die durch den Mangel an gesetzlichen Ergebnissen zur Verzweiflung gebrachten Eltern dazu bringen kann, die Sicherheit des Kindes zu gefährden indem sie es entführen oder schlimmer, unerlaubte Organisationen um Hilfe bitten. Das Abwägen jedoch zwischen einem Entführungsrisiko und möglicher schädlicher Folgen, welcher ein Kind ausgesetzt ist, wenn es nicht den Kontakt zu einem der beiden Elternteilen aufrecht erhalten kann, werden von Land zu Land und Gericht zu Gericht unterschiedlich eingeschätzt und gehandhabt.

Am 12. Juli 2012 wurde Olivier Karrer in Straßburg auf der Grundlage zweier Haftbefehle verhaftet, welche von Italien, beziehungsweise Deutschland ausgestellt wurden. Er wurde mit zwei mutmaßlichen Komplizen verhaftet mit denen er angeblich rund ein Duzend Entführungen von Minderjährigen überwacht und ausgeführt hat. Nach sieben Tagen hat Frankreich seine Auslieferung nach Italien und Deutschland genehmigt.

Die deutschen Behörden klagen ihn der Mitschuld in mindestens 7 Fällen elterlicher Entführungen von Kindern aus bi-nationalen Beziehungen zwischen 2004 und 2011 an. Italien klagt ihn “der mutmaßlichen Mitschuld an der Entführung zweier Kinder durch ihre italienische Mutter, Marinella Colombo, im Jahr 2010, als sie ihrem in Bayern wohnhaften Vater anvertraut waren,“ an. „Zudem wurde er auch angeklagt, die Kinder versteckt und 10.000 Euro von der Mutter für seine Rolle in der Entführung bekommen zu haben.”

Es muss auf die Tatsache bestanden werden, dass „im Falle einer Kindesentführung das Kind als Gegenstand, Ziel und auch Waffe im Kampf zwischen den Eltern dient.  Diese psychologische Aggression zerstört das Vertrauen des Kindes in die Welt, welches es umgibt. (…). Die Störungen um diese Kinder hat Terminologien erzeugt wie “die elterliche Entfremdung “, welche an mögliche negative Auswirkungen auf die Kinder als Opfer erinnert. Wie auch immer die Terminologie es darstellt, die übereinstimmende Meinung ist, dass Kinder die wahren Kosten solcher Entführungen als Opfer bezahlen.”

So sind Handlungen, wie die derer Herr Karrer und seine mutmaßlichen Komplizen angeklagt sind, unannehmbar.

Dieser Franzose hat seinen Sohn, damals 4 Jahre alt, nur einige wenige Male gesehen, seit er sich im Jahr 1999 von seiner deutschen Frau getrennt hat. Er klagt das deutsche System an, die deutschstämmigen Eltern bi-nationaler Paare, welche sich auf deutschem Gebiet trennen, in der Zuweisung der elterlichen Aufsicht und des Besuchsrecht zu bevorzugen. Diese zu erhalten, so Herr Karrer, sei fast unmöglich.

Nach dem Vorbild Herr Karrers scheinen mehrere bi-nationale Paare durch diese Problematik betroffen zu sein. “Seit 2006 hat das europäische Parlament über 120 Petitionen erhalten, welche die deutschen Verfahrensweisen bezüglich einer Scheidung und der elterlichen Sorge anklagen, insbesondere, wenn ein ausländischer Elternteil darin involviert ist (…). Die Petitionssteller klagen die Tatsache an, dass im Falle einer Scheidung mit einem deutschen Elternteil das Sorgerecht fast systematisch letzterem gegeben wird und dass die deutschen Behörden, unter dem Motiv der Befürchtung einer möglichen Kindsentführung, den Zugang des ausländischen Elternteils zu seinen Kindern beschränkt oder sogar verbietet.”

Gemäss “Jean-Patric Revel, einem französischen, in Berlin praktizierenden Anwalt mit Spezialisierung in Familienrecht, interpretiert die deutsche Justiz das Prinzip (nach dem alles, was das Kind betrifft, von seinem Wohnort abhängig ist) auf sehr strenge Weise, im Namen “des Kindeswohl”. Im Verständnis eines deutschen Gerichts muss man das Kind da lassen, wo es sozialisiert wurde. (…) Und es ist unmöglich, es Deutschland verlassen zu lassen, sogar für Ferien, wenn das Gericht ein Entführungsrisiko für möglich hält.” Die französische Justiz im Gegensatz dazu ist der Meinung, dass “das Kind ein Anrecht auf beide Elternteile hat. Im Falle eines Konfliktes regelt es diesen auf eine Art und Weise, dass in keinem Fall die Verbindung des Kindes mit einem der Elternteile unterbrochen wird; in den wirklich schlimmen Fällen werden Besuche unter Aufsicht organisiert. “

Auf internationalem Niveau fordert die Konvention der vereinigten Staaten zu den Rechte des Kindes KRK die Teilnehmerstaaten, in diesem Fall die Justizbehörden,  auf, das Recht des Kindes zu achten, welches besagt, dass das von einem oder beiden Elternteilen getrennte Kind einen Anspruch auf eine regelmäßige persönliche Beziehung und einen unmittelbaren Kontakt zu beiden Elternteilen hat, soweit dies nicht dem Wohle des Kindes widerspricht (Art. 9. Absatz 3). Sowohl Deutschland ( 1 ) als auch Frankreich sagen übereinstimmend, dass ein Weiterbestehen der Beziehung zu beiden Elternteilen zum Wohle des Kindes ist. Sie sind sich auch einig bezüglich der unheilvollen Wirkung einer elterlichen Entführung auf Wohl des Kindes und seine Entwicklung. Das Abwägen jedoch zwischen einem Entführungsrisiko und möglicher schädlicher Folgen, welcher ein Kind ausgesetzt ist, wenn es nicht den Kontakt zu einem der beiden Elternteilen aufrecht erhalten kann, werden von Land zu Land und Gericht zu Gericht unterschiedlich eingeschätzt und gehandhabt ( 2).

Gemäss den zu Rate gezogenen Quellen gäbe es somit zwischen der deutschen und französischen Justiz eine Abweichung  in der Deutung des Kindeswohls (Art. 3 der KRK) im Falle einer Scheidung eines bi-nationalen Paares. Diese unterschiedliche Auslegung ist nicht außergewöhnlich. Der dem Kindeswohl zugeschriebene Sinn variiert nach Gebieten, Ländern, Epochen und Kulturen. Um diesem Problem zu begegnen, gibt die KRK keinem ihrer Artikeln eine Priorität. Auf diese Art und Weise stellt sie den Rahmen, in welchem dieses Prinzip be- und geurteilt werden soll. Das Kindeswohl soll somit jedem der Rechte der KRK Rechnung tragen – zum Beispiel dem Artikel 9 (Trennung von den Eltern), 10 (Familienzusammenführung), 5 (Respektierung des Elternrechts, Entwicklung seiner Fähigkeiten), 11 (Rechtswidrige Verbringung von Kindern ins Ausland), 18 (Verantwortung für das Kindeswohl), 19 (Schutz vor Gewaltanwendung, Misshandlung, Verwahrlosung) usw.

Es obliegt uns nicht zu entscheiden, wer im vorliegenden Fall Recht hat. Eine Aufforderung zu Aufmerksamkeit ist jedoch notwendig, da eine Unterbrechung der elterlichen Beziehung, nebst den direkten negativen Folgen auf das Kind und seine Entwicklung, die durch den Mangel an gesetzlichen Ergebnissen zur Verzweiflung gebrachten Eltern dazu bringen kann, die Sicherheit des Kindes zu gefährden indem sie es entführen oder schlimmer, unerlaubte Organisationen um Hilfe bitten.

Clara Balestra, 11.09.12

Zur Information:

In der Schweiz (hier ist gegenwärtig ist die elterliche Sorge noch immer nicht gemeinsam) wird die elterliche Sorge im Falle einer  Scheidung einem einzigen Elternteil zugesprochen (außer wenn beide Elternteile die gemeinsame elterliche Sorge verlangen). Letzterer kann wohnen, wo er/sie will und somit sein/ihr Kind mitnehmen, obwohl dies ein Risiko für das Wohl des Kindes darstellen kann. Die Tatsache, ob es sich um ein bi-nationales Paar handelt, bedeutet wenig. Tatsächlich haben schweizerische Gerichte im Rahmen der Zuteilung der elterlichen Sorge die Richter noch nie über die Sicherheit eines Kindes hinsichtlich einer möglichen Entführung gewarnt. In der Praxis scheint es offensichtlich, dass der Richter diese Tatsache berücksichtig, und im Interesse des Kindes, wenn er ein mögliches Risiko der Entführung, beispielsweise durch seinen Vater, für möglich hält, die elterliche Sorge der Ehefrau gewährt und, in Übereinstimmung mit der französischen Justiz, Besuche unter Aufsicht organisiert. (Herr Christophe JORIS, Bezirksrichter des Gerichts von Martigny und St-Maurice)

(1) “In Deutschland sind seit 1998 das gemeinsame Sorgerecht und die geteilte Aufsicht die Regel, aber die Eltern können verlangen, dass das gemeinsame Sorgerecht und die Aufsicht nur einem von ihnen gewährt wird. Die zuständigen deutschen Gerichte können also dem gemeinsamen Sorgerecht auf zwei Arten ein Ende setzen: im Falle der Uneinigkeit der Eltern oder wenn es das Wohl des Kindes rechtfertigt. ” Jaques Varone 2006, Quel type de garde et de relations personnelles pour les très jeunes enfants ? Diplomarbeit im Bereich Kindesschutz, S. 26.

(2) “Infolge der Reformen seit 1998 hat die deutsche Justiz sehr progressive Gesetze; es gibt das Prinzip des Modells des elterlichen Konsenses, der alle Experten verpflichtet, im Sinne der Beruhigung und der Lösung des elterlichen Konfliktes zu kooperieren, um die Beziehungen des Kindes mit den beiden Elternteilen zu sichern. Diese Paradigmaänderung hat leider noch nicht ihren Weg in alle Köpfe gemacht.

Der Begriff “Kindeswohl” in Deutschland entspricht dem Begriff Kindeswohl in Frankreich. Trotzdem ist die deutsche Verwaltung in gewissen Bereichen noch immer an die Auslegungen der Vergangenheit verhaftet: (…) Heute sind die Richter verpflichtet, die Ergebnisse ihrer Entscheidungen nach sechs Monaten zu überprüfen. ” Gespräch mit Ursula Kodjoe, einer deutschen Psychotherapeutin.

Babyklappen : nützlich oder gefährlich

10 Juli 2012

Die Anzahl von Kindstötungen und Abgaben in für das Überleben des Kindes gefährlichen Situationen bleibt, trotz Einführung der Babyklappen, beunruhigend. Die Grenzen und die möglichen Folgen dieser Praxis verlangen zumindest eine sorgfältige Handhabung. Forscher, Fachleute und Politiker kommen überein zu sagen, dass man gegenüber dem immer beunruhigerendem Phänomen der Abgabe von Kindern in Europa handeln muss. Als erstes müssen zuverlässige Daten gesammelt werden, um dieses Phänomen besser kennen lernen und angemessene Massnahmen verwirklichen zu können.

http://large.canalblog.com/archives/2012/03/21/23819026.html
Foto von Vigousse

Der Ausschuss für die Rechte des Kindes, ein Organ der UNO, welches die Umsetzung der Rechte des Kindes auf der ganzen Welt garantiert, erhebt sich gegen die immer grösser werdende  Anzahl von Babyklappen in Europa. Diese Praxis widerspricht den Rechten des Kindes. Unter anderem gegen die Rechte, seinen Ursprung zu kennen und persönliche Beziehungen zu seinen Eltern aufrecht zu erhalten – fundamentale Rechte für das Wohl des Kindes.

Der Ausschuss ersucht die zugehörigen Staaten inständig, alle Maßnahmen zu ergreifen, welche sich eignen, um dem Programm „Babyklappen“ in kürzester Frist ein Ende zu setzen und ohne Verzögerung alternative Programme zu fördern und verstärken, unter voller Berücksichtig der Verpflichtung, sich streng an alle Verfügungen des Übereinkommens zu halten. ” (CRC / C / CZE / 3-4 / punkt 50) (Übersetzung)

Die Studie von Browne von 2012 analysiert und vergleicht die in den unterschiedlichen europäischen Ländern angenommenen Normen und Verfahren bezüglich der Abgabe von Kindern, die Babyklappen wurden dabei ebenfalls überprüft. Nebst der Debatte zwischen dem Recht auf Leben und dem Recht, seine Ursprünge zu kennen – wie bereits in L’abandon anonyme des nouveau-nés  erwähnt wurde, zeigt diese Studie beunruhigende Punkte bezüglich gängiger Praktiken auf, ohne sich jedoch über seine Grundlagen zu äussern.

Über die Einführung dieser Babyklappen hinaus gibt es ein erschütterndes Defizit betreffend der Daten bezüglich der Abgabe von Kindern in Europa: die Anzahl von ausgesetzten Kindern und von Kindstötungen, die Gründe dieser Abgaben, die Probleme und die Bedürfnisse der abgegebenen Kindern, die Charakteristiken der Frauen, die ihre Kinder aussetzen oder töten, …. dieser Mangel verhindert ein umfassender und wirksamer Zugang, welcher ein erfolgreiches Voranschreiten im  Kampf gegen die Abgaben ermöglichen würde. Er trägt auch dazu bei zu glauben, dass gefundene Lösungen, um diesem Phänomen zu trotzen, wie unter anderem die Babyklappen, nicht Früchte von empirischen Erkenntnissen sondern von unbestätigten Theorien sind, welche im Dunkeln der Nacht entstanden.

Die Wirksamkeit
Die Babyklappen sind eine der Antworten, welche aus dem Mittelalter stammen, um, gemäss ihren Befürwortern, Kindstötungen, das Aussetzen von Neugeborenen in Kontexten, welche ihr Leben gefährden könnten, und eventuell, die Anzahl von Abtreibungen und von Misshandlungen von Kindern, zu verringern.

Frau Herczog, Mitglied des Ausschusses für die Rechte des Kindes, äussert sich wie folgt: “Just like medieval times in many countries we see people claiming that baby boxes prevent infanticide … there is no evidence for this.” Tatsächlich beweisen Studien, dass sich die Anzahl von Kindstötungen in Deutschland und in Österreich seit der Einführung von Babyklappen nicht verringert hat, ganz wie in der Stadt Budapest.

Diese Wirkungslosigkeit ist, nach Browne, ebenso durch die Tatsache bedingt, dass die Information des Vorhandenseins dieser Alternative zur Kindstötung nicht bis zu den betroffenen Frauen dringt wie man ignoriert, wer seine Kinder in die oben erwähnten Babyklappen legt. Des Weiteren zweifeln österreichische Studien die erstgenannte Hypothese, die besagt, dass die Frauen, die ihr Baby töten, dieselben seien, wie die, welche ihr Kind in einer Babyklappe abgeben würden, an.

Die Wirksamkeit der Babyklappen konnte nicht überprüft werden. Ohne empirische Daten ist es hinfällig, in der Analyse weiter voranzuschreiten.

Die Grenzen
Mit anderen Kindsabgabemethoden verglichen, wie z.B. die Entbindung unter X und das amerikanische Gesetz ‘safe haven laws‘, weist die Bereitstellung einer Babyklappe gewichtige Lücken auf. Sie berücksichtigt nicht die Gefahren einer einsamen Entbindung, sie erlaubt keine Überprüfung der Einwilligung der Mutter bezüglich der Abgabe des Neugeborenen – und noch schlimmer, sie entzieht der Mutter die Möglichkeit, eine professionelle Unterstützung zu erhalten.

Diese Unterstützung scheint wirksam zu sein um gewisse Abgaben zu vermeiden, indem sie den  Frauen die Hilfe anbieten, die sie brauchen – wie eine rumänische Studie bei Frauen, welche offen ihre Kinder verlassen, vorschlägt. Die für die Bedürfnisse ihrer Kinder sensibilisierten Müttern sind manchmal einverstanden, einige persönliche, medizinische und/oder familiäre Daten zurückzulassen, die dem Kind erlauben, die Abgabe mit einem weniger gewichtigen Ausmass von Ängsten zu erleben.
Und schlussendlich geben die zwei anderen, gesetzlichen Kindsabgabemethoden dem Vater oder der erweiterten Familie die Möglichkeit, sich dem Kind zu widmen; Alternativen, die im Falle der Babyklappe nicht vorhanden sind. (Browne, p. 24)

Die Folgen
In einem ungarischen Krankenhaus haben die Portiers, trotz der Tatsache, dass dies eigentlich nicht möglich sein sollte, sehen können, dass von 16 abgegebenen Kindern in der Babyklappe 15 von Männer hineingelegt wurden. Anekdotische Situationen, die aber eine eigene Sprache sprechen. Wie kann überprüft werden, ob die Abgabe mit der Einwilligung der Mutter und im Einklang ihrer Rechte zustande kam? Die Babyklappen sind möglicherweise ein Druckmittel, ohne dass irgendeine Art der Überprüfung oder auch Unterstützung anvisiert werden. (Browne, p. 29)

Die Adaption, vor allem die internationale, ist zur Zeit ein einträgliches Geschäft. Die Praxis der Babyklappe kann Türen in verderbliche Dunkelzonen öffnen. ” Gegenwärtig (so Frau Herczog) bedient das System zuerst und vor allem die Interessen der zukünftigen Adoptiveltern.” Browne hat festgestellt, dass die Daten betreffend der Aussetzung von Kindern in diesen Strukturen nicht auf systematische Weise erfasst werden, was eine seriöse Betreuung in der Weiterbegleitung und des Werdegangs der Kinder verhindert.

Eine europäische Studie hat einen positiven Zusammenhang festgestellt zwischen der Anzahl von Kindern (unter 3 Jahren) in Institution und der Anzahl von erfolgten internationalen Adoptionen. Andere Studien haben aufgezeigt, dass Frauen ermuntert wurden, ihre Kinder wegzugeben, um der Nachfrage der internationalen Adoption zu entsprechen.

Die Babyklappen beinhalten in erster Linie sowohl für die Mutter als auch für das Kind gefährliche Nachfolgen.

Schlussfolgerung
Die Anzahl von Kindstötungen und Abgaben in für das Überleben des Kindes gefährlichen Situationen bleibt, trotz Einführung der Babyklappen, beunruhigend. Die Grenzen und die möglichen Folgen dieser Praxis verlangen zumindest eine sorgfältige Handhabung.

Forscher, Fachleute und Politiker kommen überein zu sagen, dass man gegenüber dem immer beunruhigerendem Phänomen der Abgabe von Kindern in Europa handeln muss. Als erstes müssen zuverlässige Daten gesammelt werden, um dieses Phänomen besser kennen lernen und angemessene Massnahmen verwirklichen zu können.

Der Ausschuss für die Rechte des Kindes ersucht die zugehörigen Staaten inständig, alle notwendigen Massnahmen zu ergreifen, um zu gewährleisten, dass die Eltern in erster Linie imstande sind, ihrer Pflicht ihren Kindern gegenüber Folge zu leisten; den Eltern zu helfen, ihre Pflicht zu erfüllen, besonders indem Mängel, Störungen und Ungleichgewichte gemildert werden, welche im Verdacht stehen, das Kind negativ zu beeinflussen und einzugreifen, wenn das Wohl des Kindes gefährdet sein könnte. Die zugehörigen Staaten sollen im Allgemeinen darauf abzielen, die Anzahl von abgegebenen Kindern oder Waisen und diejenige von Kindern, welche eine Unterbringung in einer Institution oder in einer anderen Formen der langfristigen Übernahme erfordern, zu verringern; mit Ausnahme der Fälle, wo diese dem Wohl des Kindes dienlich sind. (Siehe auch VI). » Point 18 Obs. Gén. N° 7 (Übersetzung)

Weglaufen: vom Ritus des Übergangs zum Ruf um Hilfe

21 Mai 2012

Die große Mehrheit des Verschwindens von Kindern in der westlichen Welt fällt unter den Aspekt Weglaufen, also Minderjährige. Das Weglaufen birgt aufgrund seiner Konsequenzen ein gewisses Risiko. Die Jugendlichen müssen folglich möglichst rasch wiedergefunden werden. Und danach? Über das Weglaufen als Übergangsritual hinaus scheint es, dass Kinder vor einer schwierigen Situation davonlaufen. So kann das Weglaufen als ein Ruf um Hilfe betrachtet werden, welcher sich an die Familie, die Institution und die Gesellschaft wendet. Über die Bedeutungen des Weglaufens von Jugendlichen zu nachdenken, um die Betreuung Weggelaufener zu verstärken.

25. Mai, dem Internationalen Tag der vermissten Kinder

Die große Mehrheit des Verschwindens von Kindern in der westlichen Welt fällt unter den Aspekt Weglaufen, also Minderjährige, welche “freiwillig ihr Wohnsitz, ihre Institution oder ihre Aufnahmefamilie ohne Genehmigung ihrer Eltern oder Erziehungsberechtigten, welche diese ersetzen” verlassen. Die Weglaufer sind hauptsächlich Kinder zwischen 12 und 18 Jahren. Nach internationalen Studien “pendelt die jährliche Anzahl von Minderjährigen, welche den Wohnsitz (elterlich oder Institutionell) verlassen, zwischen 1,1 % und 8,7 % ” (Glowaks, 2004). Gemäss BFS lebten im Januar 2011 in der Schweiz  610 ‘ 166 Kinder im Alter von 12 bis 18 Jahren. Das Delta weggelaufener Kinder läge in der Schweiz folglich zwischen 6 ‘ 712 und 53 ‘ 084 Kinder pro Jahr. Eine abgeleitete und nicht bestätigte Zahl, da es keine nationale Statistik zu diesem Thema (BFS) gibt. Ein weitverbreitetes Phänomen also welches in den letzten Jahren in den angrenzenden Ländern stetig zunahm.

Für gewisse Forscher kann das Weglaufen “als integral zum Entwicklungsprozess gewisser Jugendlicher dazugehörend wahrgenommen werden” (Di Turro, 2009). Das Weglaufen als Übergangsritus; wie ein Ruf zum geheimnisvollen und anziehenden Unbekannten, ohne Autorität und Verantwortlichkeiten; das Weglaufen wie eine Art und Weise, sich der Autorität der Familie oder der Institution zu entziehen um schließlich auf eigenen Beinen zu stehen. Nach dieser Deutung soll das Weglaufen nur in Verbindung zu potentiellen Risiken auf  der Straße begleitet sein.

Die Daten stimmen überein: je länger ein Minderjähriger auf der Straße bleibt, umso mehr sind seine körperliche und psychische Integrität Risiken ausgesetzt. Das Weglaufen birgt also aufgrund seiner Konsequenzen ein gewisses Risiko. Die Jugendlichen müssen folglich möglichst rasch wiedergefunden werden.

Über das Weglaufen als Übergangsritual hinaus scheint es, dass Kinder vor einer schwierigen Situation davonlaufen. Die unterschiedlichen wissenschaftlichen Studien über das Thema zeigen gleichartige Risikofaktoren: eine schwierige Situation innerhalb der Familie, welchem vom Desinteresses der Eltern zu einem offen Konflikt reicht, oder schlimmer noch bis zu Misshandlungen. Man stellt “im Vergleich eine 6 bis 8 Mal höhere Erscheinung von Misshandlungen bei den Weggelaufenen als bei der Kontrollgruppe“ fest (Nervure, 2008). Außerdem “ist die Anzahl von den Weggelaufenen aus Institutionen  höher als diejenige aus  dem elterlichen Umfeld” (Glowaks, 2004). Schliesslich nehmen sie auch Risikofaktoren in Kauf wie Schwierigkeiten in der Schule, eine niedrige Selbstachtung, depressiven Verstimmungen und Selbstmordgedanken.

So kann das Weglaufen als ein Ruf um Hilfe betrachtet werden, welcher sich an die Familie, die Institution und die Gesellschaft wendet, um zu sagen: ” ich brauche Hilfe. Die Situation, in der ich lebe ist zu schwer, als dass ich sie länger ertragen kann und ich habe keine Kraft mehr, ihr zu trotzen, also handle ich, ich fliehe”.

Ansonsten ist das Jugendalter zweifellos eine Durchgangszeit zwischen der Kindheit und dem Erwachsenenalter. Die Jugendlichen beginnen den Prozess der Individualisierung und des Umsetzens von Autonomie. In dieser Periode sind nicht nur die Beziehungen mit der Familie und der Gesellschaft Veränderungen unterworfen, auch körperliche Umwälzungen finden statt, unter anderem in Form neurobiologischer Änderungen im Gehirn eines Jugendlichen. Diese Letzten eröffnen den Jugendlichen zwar große Aktionsmöglichkeiten, geben ihnen jedoch noch nicht die Kompetenz, die Folgen der Handlungen voll und ganz abzuschätzen.  So werden Risikoverhalten, Entscheidungsschwierigkeiten etc. gefördert. (1)

Alle diese Elemente müssen im Falle eines Weglaufens berücksichtigt werden. Jedes Weglaufen ist unterschiedlich und man kann sie nicht auf eine lineare Weise interpretieren.

Die Stiftung Sarah Oberson, welche gegründet wurde um Familien, welche mit dem Verschwinden eines Kindes konfrontiert sind, zu unterstützen, will zur Reflexion über die Bedeutung des Weglaufens von Kindern beitragen. Sie organisiert deshalb am 14. November 2012 eine Soirée de réflexion zum Thema „Weglaufen: Ritus des Übergangs oder Ruf um Hilfe ?
Sie will über die Bedeutungen des Weglaufens von Jugendlichen nachdenken. Dies mit dem Ziel, das Verständnis und die Kenntnis der Eltern und der Fachleute zu erweitern, um die Betreuung Weggelaufener zu verstärken, indem die Erwartungen angepasst werden.

Clara Balestra, 21.05.2012

(1) Boutrel Benjamin (2012), “Vulnérabilité individuelle et vulnérabilité collective à l’origine de la consommation excessive d’alcool à l’adolescence. Point de vue neurobiologique, in Jaffé Ph. et Lachat M., Adolescents et alcool, un cocktail détonnant, IUKB et IDE, p. 37.

Lucie ist ein zweites Mal ermordet worden! ..

3 März 2012

Mit Erstaunen nehmen wir Kenntnis vom Urteil, welches gegen den Mörder von Lucie vom Regionalgericht Baden ausgesprochen wurde.

Wir sind mit der Familie von Lucie voll und ganz solidarisch.

Wir sind der Ansicht, dass dieses Urteil überhaupt nicht weder im Geist, noch inhaltlich der vom Volk angenommenen Initiative entspricht, welche eigens verlangt, dass gefährliche rückfällige Sexualstraftäter lebenslänglich interniert werden sollen! Und es steht ausser Zweifel, dass Daniel H. zu Letzteren gezählt werden muss.

Muss darauf gewartet werden, dass dieser Mörder an seinem ersten Gefängnisausgang nochmals extrem schwerwiegende Verbrechen begeht, um nicht heute die Entscheidung zu treffen, die sich aufdrängt?

Die Gesellschaft muss aller erstens ihre Kinder schützen. Der Staatsanwalt Dominik Aufdenblatten hat dies sehr gut begriffen. Im Übrigen hat er soeben beschlossen, gegen dieses unerträgliche Urteil Rekurs einzulegen. Und hatten nicht bereits die zwei beauftragten unabhängigen Psychiater ihrerseits eine ungünstige Diagnose gestellt?

Sehr geehrte Herren Richter, sie wissen genau, an Lucie wurde massive Gewalt angewendet. Es darf nicht sein, dass andere „Lucie“ dasselbe entsetzliche Schicksal erfahren!

Im Wissen, dass Daniel H. nach seiner ersten Verurteilung im Jahr 2004 für versuchten Mord bereits ohne Erfolg eine erste Therapie von 4 Jahren im Massnahmenzentrum Arxhof (BL) durchgeführt hat, folgere ich nach dem Beispiel des Staatsanwaltes, dass „ein extremer Fall extreme Lösungen fordert“!..

Dr. Bernard COMBY

Präsident der Stiftung Sarah Oberson

Sitten, der 3. März 2012.