Archive pour la catégorie ‘Stiftung’

Die europäischen Entführungswarnsysteme unter der Lupe

23 Mai 2016

Am 25. Mai ist der internationale Tag der verschwundenen Kinder: Gedenken wir mit einer Blume allen vermissten Kindern und deren Familien.

Es wird hart dafür gearbeitet dieser Problematik entgegenzuwirken, was sich in der Bewilligung der Schriftlichen Erklärung, vorgeschlagen von AMBER Alert Europe (siehe Editorial SOS 22.02.16) und von einer Mehrheit der Abgeordneten im europäischen Parlament befürwortet, zeigt. Auch die kürzlich erschienene Studie der Universität Portsmouth behandelt dieses Thema und wir präsentieren hier die wichtigsten Ergebnisse.

Zum ersten Mal in Europa, hat sich eine Studie, wenn auch bisher nur vorläufig, mit den Stärken und Schwächen der europäischen Entführungswarnsysteme beschäftigt. Eingeführt in 2006 auf diesem Kontinent, wurde der Entführungsalarm 23 Mal in 2015 ausgelöst: 16 Staaten der Europäischen Union sowie die Schweiz verfügen über dieses System, aber nur 8 benutzen es.

Die Studie arbeitet mit 4 Staaten (Holland, Tschechien, Großbritannien und Polen), die 82% der Alarme ausgelöst haben und untersucht die Meinungen und Erfahrungen jener 14 Polizisten, die  das System mindestens einmal benutzt haben. Diese begrenzte Anzahl ergibt sich vor allem aus den limitierten ausgelösten Alarmen. Trotz des geringen Studienmaterials, welches definitive Aussagen nicht möglichen macht, gleichen sich die Hauptergebnisse mit ähnlichen amerikanischen Studien. Tatsächlich sind die Fälle, in denen der Alarm ausgelöst wurde sowohl in Europa als auch in Amerika ähnlich, was einen Vergleich möglich macht.

Die Studie suggeriert, dass der Entführungsalarm die Möglichkeit bietet, das Kind schnell und sicher wiederzufinden, was seine Hauptaufgabe ist. Aber nicht nur:

-    Er ist eine wertvolle Ergänzung in der Investigationsarbeit: er ermöglicht es, qualitativ wichtige Informationen zu erhalten; erleichtert die Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Polizeieinheiten und Staaten;…

-    Er verbessert die Beziehung zwischen der Polizei und den betroffenen Familien: er gibt die Sicherheit, dass alles in der Macht mögliche getan wurde; er macht ausreichend Druck, um den verantwortlichen Elternteil zu einer Aussage zu bringen;…

-    Er verbessert die Interaktion von Polizei und Öffentlichkeit: letztere hat den Eindruck helfen zu können; die Motivation ist höher; die Arbeit der Polizei kann so besser verstanden werden;…

Diese Analyse unterstreicht aber auch negative Aspekte, was die positiven Details nicht schwächen soll, welche aber berücksichtigt werden müssen:

-    Das Risiko, die Sicherheit des Kindes zu gefährden, indem der Entführer zu unvorhergesehenen Handlungen veranlasst wird.

-    Der hohen Anzahl an Anrufen nachzugehen und alle freiwilligen Helfenden zu verwalten.

-    Das Risiko von Missverständnissen oder Meinungsverschiedenheiten, wenn die veröffentlichten Informationen nicht mit der Familie abgesprochen wurden.

-    Die hohen Erwartungen der Öffentlichkeit an die Effizienz des Systems.

Diese Studie unterstützt bereits die Diskussion rund um die Anwendung nationaler Entführungsalarme und um die Einführung eines europäischen Alarms. Sie verlangt jedoch weitere profundierte Recherchen, damit die Wirksamkeit dieses Instruments verbessert werden kann.

Photofdecomite, flickr/creative commons

Clara Balestra, Stiftung Sarah Oberson

Bericht über die Aktivitäten 2015

12 April 2016

Die Sarah Oberson Stiftung, ohne Erwerbszweck, ist eine Organisation, die mit dem Ziel gegründet wurde, das Schicksal von Kindern durch Anregung des Dialoges zu den Kinderrechten zu verbessern. Seinen Ursprüngen treu geblieben, engagiert sich die SOS auch in der Kollaboration und Intervention mit Schweizer Führungspositionen, damit landesweit ein leistungsstarkes System zur schnellen und wirksamen Bearbeitung von Kindesverschwinden sowie eine effektive Unterstützung für die Familien eingeführt werden können.

Der vollständige Tätigkeitsbericht 2015

1.    Beitrag zur Verbesserung des Antwortsystems im Fall von vermissten Kindern

Seit seiner Operationalisierung im Januar, wurde der Entführungsalarm in der Schweiz nicht ausgelöst: aus diesem Grund engagiert sich die Stiftung dafür, dass der Alarm ausgelöst werden kann, ohne dass ihn zu strenge Kriterien daran hindern. Das Kriterium der Gefährdung der physischen und psychischen Unversehrtheit des Kindes muss Priorität haben, einschließlich der Entführung durch einen Elternteil und des eigenständigen Entfliehens (siehe Tätigkeitsbericht 2015 zur Aktualität in der Schweiz und in Europa sowie den Hauptaufgaben der Stiftung in diesem Bereich).

Wallis

Die Sarah Oberson Stiftung hatte bereits im September 2012 die Chefs der kantonalen Ämter zu einem Arbeitstreffen zum Austausch über Verbesserungen des Antwortsystems auf kantonalem Niveau eingeladen. Die Ergebnisse dieses Treffens wirken noch nach:

  • 2013 haben die durchgeführten Vorgehen ein neues Bewusstsein in den verschiedenen Serviceämtern hervorgerufen, welches von großem Nutzen für das ganze Personal war.
  • In 2014 hat die öffentliche Informationskampagne zum Verschwinden von Kindern begonnen und
  • wird nicht vor 2016 enden.

Aufklärungskampagne: Ihr Kind ist nicht nach Hause gekommen?

Im November 2014 hat die Sarah Oberson Stiftung eine umfangreiche Informationskampagne in den frankophonen Walliser Schulen gestartet. Der Flyer,, welcher in enger Zusammenarbeit mit dem Kanton Wallis entstanden ist, wurde 45.000 Mal versandt. Ziel: Verhinderung einer Kindesentführung, eine schnelle Auslösung des Entführungsalarms wenn nötig, und vor allen Dingen die Beruhigung der Eltern.

Die Verteilung der Flyer konnte einen anderen Teil der Kampagne einleiten: Die Sensibilisierung für weitere Probleme im Zusammenhang mit dem Verschwinden eines Kindes. Demnach hatte die Sarah Oberson Konferenz 2014 folgendes Thema zum Inhalt: Trennung der Eltern, Verschwinden von Kindern. Ende Januar 2015 wurde eine Pressemitteilung zum Thema „wenn Kinder weglaufen“ veröffentlicht. Diese Mitteilung hat das Interesse der Politik (siehe unten) und der Presse – siehe Pressespiegel – auf sich gezogen. Zum internationalen Tag der vermissten Kinder am 25.05.2015 wurde eine weitere Pressemitteilung veröffentlicht, die sich mit dem Entführungsalarm-System befasst. Des Weiteren wurde auf die Notwendigkeit nationaler Statistiken und wissenschaftlicher Forschungen zum Verschwinden von Kindern hingewiesen – siehe Pressespiegel.

Diese letzte zweisprachige Mitteilung hat die Kampagne im Unterwallis beendet und im Oberwallis eröffnet. Im September 2015 wurden 15.000 Flyler in Oberwalliser Schulen verschickt. Am 21. März 2016 wurde eine letzte Pressemitteilung zum Thema weggelaufener Kinder auf Deutsch veröffentlicht. Mit dieser wurde die Aufklärungskampagne beendet.

Weglaufen – parlamentarische Intervention

Nach Erscheinen der Pressemitteilung zum Weglaufen der Kinder, hat Frau Véronique Coppey, Abgeordnete im walliser Grossrat, Kontakt mit der Stiftung aufgenommen, um zu wissen, wie die Politik bei diesem Problem helfen könnte. Seither gibt es parlamentarisches Vorgehen mit dem Ziel wirksame Maßnahmen anzubieten, die der Situation im Wallis entsprechen.

2.    Anregung zum Dialog zu Verletzungen der Kinderrechte

Sarah Oberson Abend 2015

Der  Sarah Oberson Abend 2015 vom 11. November war ein voller Erfolg: mehr als 140 Personen haben  an der Debatte teilgenommen, die da hieß:  „Als Kind arm sein in der Schweiz“. Geht man von den letzten Zahlen aus, sind Kinder die Altersklasse, die am meisten von Armut betroffen ist. Im Rahmen dieses Abends hat die Sarah Oberson Stiftung über die tägliche Realität dieser Kinder nachgedacht und welche Konsequenzen sich aus diesen unsicheren Lebensverhältnissen für die Zukunft der Kinder ergeben sowie welchen Einfluss diese auf die Angemessenheit der gebrachten Antworten haben. Die gesamte Konferenz wurde aufgezeichnet und die qualitative Aufzeichnung AUDIO kann über die Internetseite der Stiftung aufgerufen werden.

Außerdem wurde im Frühling 2015 der Arbeitsbericht zu den Sarah Oberson Abenden 2011 und 2014 unter dem Titel: „Trennung der Eltern, Verschwinden von Kindern“ veröffentlicht. Nachdem das Thema 2011 unter juristischem Deckmantel behandelt wurde, hat die Sarah Oberson Stiftung das Sujet 2014 erneut aufgegriffen und seine psychosozialen Referenten miteinbezogen.

Internetseite der Stiftung

Über ihre Internetseite, möchte die Sarah Oberson Stiftung einen besonderen Bereich für Texte, Artikel, Dokumentationen und Aktionen zum Thema der Kinderrechte und zu verschwundenen Kindern geben, mit dem Ziel die Öffentlichkeit zu diesen Themen zu sensibilisieren. Es soll ein nationales Schaufenster zu den Fragen rund um die Kinderrechte und zum Kindesverschwinden sein. Immer aktualisiert, profitiert die Seite von mehr als 20.000 Besuchern im Jahr.

Blog

Mit einem Angebot von mehreren Editorials im Monat zu unterschiedlichen Themen der Stiftung, bereichert der Blog den Inhalt der Sarah Oberson Stiftung Internetseite.

Soziale Netzwerke

Die Stiftung verfügt nun über eine Seite auf Facebook; einem LinkedIn Konto mit einer Sarah Oberson Stiftung Seite und Zugang zu verschiedenen Gruppen; einem Twitter Account; und einem Google + Konto, welches am 16.06.2015 eröffnet wurde.

Über diese Kanäle kann sich die Öffentlichkeit über den Inhalt der Internetseite informieren ohne diese zwingend zu besuchen. Wir konstatieren zudem einen Anstieg der Besucherzahlen von 121% ausgehend von diesen sozialen Netzwerken.

FSO, April 2015

Vermisste Kinder: die Schweiz gegen die europäische Tendenz

22 Februar 2016

In der Schweiz hat der Bundesrat entschieden, dass die Kriterien, die für die Auslösung einer Entführungsalarm gelten, nicht erbreitet werden müssen. Das geht gegen der europäischen Tendenz. Am 1. Februar 2016 haben tatsächlich 19 europäische Parlamentarier, Repräsentanten der 6 größten Politischen Gruppierungen, eine schriftliche Erklärung vorgelegt (DE 7/2016), welche „den 5 Punkte-Plan der AMBER Alert Europe unterstützt“.

Mit 22 Mitgliedern in 16 europäischen Ländern ist das AMBER Alert Europa „das europäische Warnsystemnetzwerk für vermisste Kinder und Polizeinetz im Bereich vermisster Kinder“.

European Parliament adopts action plan to save missing children in most successful Written Declaration since 2011, Amber Alert Europe, 10.05.2016

Der 5 Punkte-Plan fordert:

  1. Eine Erweiterung und Stärkung des nationalen Warnsystems bei Kindesentführung: Unterstützung weiterer europäischer Länder in der Entwicklung von nationalen Entführungswarnsystemen. Aktuell haben 16 Länder der europäischen Union und die Schweiz das System eingeführt.
  2. Höhere Flexibilität bei den Auslösekriterien der Warnsysteme: Lockerung der bestehenden Kriterien und Ermöglichung der Auslösung des Alarms, wenn spezielle Ermittler festgestellt haben, dass das Leben des Kindes in Gefahr ist, indem von den anderen bisherigen ordinären Kriterien Abstand genommen wird und es sich um eine bewiesene Entführung handelt (Bsp. Frankreich).
  3. Ein besserer Informationsaustausch zwischen den Staaten: Absicherung eines Informationsaustausch bezüglich eines Kindes in Gefahr bei angrenzenden Ländern: Erarbeitung von Protokollen, die einen sofortigen Informationsaustausch zwischen den Polizeikräften der Nachbarländer ermöglichen; Übermittlung der nationalen Warnhinweise an die Medien der benachbarten Länder, um so das breite Publikum jenseits der beiden Ländergrenzen zu informieren (Bsp.: Polen-Deutschland).
  4. Eine bessere Zusammenarbeit der grenzüberschreitenden Polizei: Schaffung eines offiziellen Expertennetzwerkes zu Kindesverschwinden und zu den Alarmsystemen auf nationalem Niveau. AMBER Alert Europe hat ein ähnliches Netzwerk (Police Network on Missing Children) aufgebaut, welches mittlerweile 34 Polizeifachkräfte aus 11 Ländern, inklusive der Schweiz, zählt.
  5. Eine bessere Identifizierung und Schutz von Kindern an den Grenzen: Kinder, die sich in Gefahr befinden, müssen sofort in die Datenbank des Schengen Information System (SIS II) aufgenommen werden, damit die Grenzkontrollen unmittelbar benachrichtigt werden können; Weiterbildung der Grenzkontrollen bezüglich dieses Sujets in Zusammenarbeit mit Frontex.

Die Sarah Oberson Stiftung begrüßt diesen Schritt, welcher dem Mandat und den Aktivitäten der Stiftung entspricht. Schließlich hat sich die Stiftung stark für die Einführung des Entführungswarnsystems in der Schweiz eingesetzt. Sie engagiert sich nun für:

-          Höhere Flexibilität bei den Auslösekriterien der Warnsysteme;

-          Integration der Schweiz in ein mögliches europäisches Entführungswarnsystem;

-          Eine besser Kenntnisnahme des Phänomens des Kindesverschwindens dank der Einführung von nationalen Statistiken zu verschwundenen Kindern und wissenschaftliche Studien, welche das Problem analysieren;

-          Einführung der Notrufnummer 116 000 in der Schweiz.

Armes Kind sein in einem reichen Land

26 Januar 2016

Die Herausforderung, welche sich bei dem Thema der Armut von Kindern in reichen Ländern stellt, beinhaltet die Suche nach einem Mittel um diesen Teufelskreis zu durchbrechen bzw. noch weiter zu durchbrechen.

Einblick in den Beitrag in Sarah Oberson Konferenz 2015 von Jean-Michel Bonvin, Professor im sozio-ökonomischen Institut der Fakultät für Sozialwissenschaften an der Universität Genf.  AUDIO

Der Begriff Armut kann drei verschiedene Bedeutungen haben: materielle Armut; Mangel an Möglichkeiten; Demokratiearmut.

Die materielle Armut

In den Industrieländern wird nicht von absoluter Armut gesprochen, (1) sondern von relativer Armut. Es wird angenommen, dass jede(s) Person/ Kind/ Familie, welche(s) weniger als 50% des Durchschnittsjahreseinkommen einer Gesellschaft erhält, unter relativer Armut leidet. Diese Armut hat Auswirkungen auf mehrere Lebensbereiche: Zugang zu ärztlicher Versorgung, zu Unterkunft, zu Freizeitbeschäftigungen, zu Bildung und Betreuungsstrukturen.

Um die Wirkung der relativen Armut in Bezug zu den Sozialleistungen zu verstehen, darf sie nicht als einzelner Bestandteil, sondern im Zusammenhang mit dem institutionellen Rahmen und der Sozialpolitik in der sie sich befindet, gesehen werden. Sollte ein Staat beschließen den Zugang zu Gesundheitsdiensten zu erleichtern, würde die Wirkung der Armut auf diesen Bereich gemildert werden. Es besteht in der Tat ein wichtiger Zusammenhang zwischen der Rate der relativen Armut von Kindern und dem Umfang der Sozialpolitiken zur Umverteilung (3).

Ebenso gäbe es ein höheres Risiko der Vererbung von Armut, wenn die Sozialpolitik weniger umverteilen würde (4).

Nach Angaben von Unicef (2) leben in den 41 untersuchten Industrieländern 76,5 Millionen Kinder in Armut. In allen diesen Ländern, sind die alleinerziehenden oder kinderreichen Familien am stärksten von Armut betroffen.

In diesen Ländern zeigt sich eine Tendenz weg von der Minimierung der Sozialleistungen  aber hin zur Erhöhung der Voraussetzungen des Zugangs zu den Hilfeleistungen. So wird eine Voraussetzung für die Sozialhilfe die ständige Anwesenheit der Kinder in der Schule sein. Bei Fehlbleiben des Kindes wird somit eine der Voraussetzungen nicht erfüllt. Für Familien in Armut, kann diese Art der Maßnahme eine erhebliche Verringerung der Sozialhilfe zur Folge haben.

Mangel an Möglichkeiten

Es besteht eine enge Verbindung zwischen der sozialen Herkunft von Personen und den Möglichkeiten, die sich ihnen bieten. Die Schule, welche eine Chancengleichheit herstellen sollte, konnte hier nicht adäquat eingreifen. Dafür gibt es mehrere Gründe.

Nach Bourdieu erkläre sich dies aufgrund dessen, da die Schule erschaffen wurde, um der Mittel- oder Oberschicht den Zugang zu Wissen zu öffnen. Die anderen sozialen Klassen, welche nicht die gleiche Ausdrucks- und Handlungsweisen beherrschen, werden daher vernachlässigt.

Wohingegen die Theorien zum sozialen Engagement, welche von der Entwicklungspsychologie inspiriert sind, diesen Umstand durch die Tatsache erklären, dass die Schule zu spät eingreift. Bereits vor der Schule wird eine Anzahl von diskriminierenden Faktoren festgelegt, die von der Schule nicht mehr beseitigt werden können. Drei Elemente sind ausschlaggebend:

-    Einkommensungleichheit: weniger Einkommen bedeutet auch weniger Möglichkeiten

-    Investition der Eltern in die Bildung: die Statistiken zeigen klar, dass Eltern der Oberschicht mehr Zeit in die Bildung ihrer Kinder investieren können (5).

-    Kultureffekt: in den wohlhabenderen sozialen Gemeinschaften zeigt sich eine Kultur, welche sich mehr um die Förderung der Kindesentwicklung bemüht. Dieses positive Umfeld bietet einen Zuwachs an Möglichkeiten für die begünstigten Kinder.

Nach eben diesen Theorien, ermöglichen eine Arbeit (positive Wirkung auf die Einkommensungleichheit) und  qualitative Betreuungsstrukturen (positive Auswirkung auf das elterliche Engagement und den Kultureffekt) die drei oben genannten Diskriminierungsmerkmale zu neutralisieren und somit den Zugang zu Möglichkeiten für Kinder zu egalisieren.

Demokratischen Armut

Diese Armut bezieht sich auf die Beteiligungsrechte von in Armut lebenden Kindern. Drei Fragen ermöglichen es, hier weiter zu präzisieren:

-    Welchen Platz haben Versuche und Fehler von Kindern, die sich in prekären Lebensumständen befinden – z.B. wenn man in der Volksschule scheitert, wird man früher vor Entscheidungen zur Karriere gestellt, als Schüler, die die obere Sekundarstufe beenden.

-    Welches sind aktuell die Beteiligungsrechte von Kindern in Armut in den für die jungen Menschen vorgesehenen Mitspracheplattformen (Jugendparlament,…)? Diese Einrichtungen werden überwiegend von Kindern aus wohlhabenden Verhältnissen genutzt.

-    Demnach stellt sich die Frage, inwiefern eine öffentliche Politik geschaffen werden kann, welche die Themen der am stärksten benachteiligten Kinder berücksichtigt, wenn niemand da ist, um sie sich anzuhören und um sich über die Dinge informieren zu lassen, die sie uns zu sagen haben.

Konklusion

Wenn der institutionelle Kontext und die bestehende Politik nicht adäquat sind, besteht eine enorme Gefahr, dass die drei Armutstypen kumulieren: jene die materieller Armut leiden, werden weniger Möglichkeiten und weniger Mitsprachrecht haben. Dieses Problem macht es umso schwieriger sich aus der Armut heraus zu kämpfen und beinhaltet daher eine hohe Gefahr, dass die Armut an die nächste Generation weiter getragen wird.

Die Herausforderung, welche sich bei dem Thema der Armut von Kindern in reichen Ländern stellt, beinhaltet die Suche nach einem Mittel um diesen Teufelskreis zu durchbrechen bzw. noch weiter zu durchbrechen.

(1)    Familien, die sich in einem Zustand der Auflösung befinden, sodass sie nur schwer für die Bedürfnisse der Familie aufkommen können.

(2)    Kind in den Industrieländern, 2014

(3)    Eine eindeutige Differenz zeigt sich zwischen den skandinavischen Ländern – welche für eine starke Umverteilungspolitik bekannt sind (die Rate für in Armut lebende Kinder liegt zwischen 5 und 10 %) und den angelsächsischen Ländern (die Rate für in Armut lebende Kinder liegt hier zwischen 25 und 30%).

(4)    Die Armut, welche von Generation zu Generation weitergetragen wird.

(5)    Man beobachtet eine Differenz von 20%.

Wenn Eltern ihre Kinder verbringen handelt es sich dabei um eine Verletzung der Kindesintegrität

2 November 2015

Die elterliche Kindesentführung selbst ist ein Angriff auf die psychische Integrität des Kindes und als solche ein Auslösekriterium des Entführungsalarm-Systems in der Schweiz. Letztere ist kein Wundermittel im Kampf gegen elterliche Kindesentführungen. Sie ist aber ein Instrument, welches der Schweiz zur Verfügung steht, um auf dieses Phänomen zu antworten. Außerdem hilft sie dabei Kindern Leiden zu ersparen, die weit über eine physische Gefährdung hinausgehen.

Erfahrungsberichte unten. Photo : © Steve C, Flickr/Creative Commons

In der Schweiz existiert das Entführungsalarm-System seit 2010. Damit es aktiviert wird, muss das Alarmsystem folgende Bedingungen erfüllen:

-       Es wurde konkret festgestellt, dass eine minderjährige Person entführt worden ist, oder es besteht der begründete Verdacht dafür;

-       Es muss angenommen werden, dass die entführte Person ernsthaft in ihrer physischen, sexuellen oder psychischen Integrität gefährdet ist;

-       Es liegen genügend gesicherte Informationen vor, damit der Alarm mit Aussicht auf eine erfolgreiche Lokalisierung von Täterschaft und/oder Opfer ausgelöst werden kann.

Die Bundebehörden unterstreichen, dass “ Der Alarm findet in der Regel keine Anwendung bei der Entführung durch einen Elternteil bzw. beim Entziehen von Unmündigen (Art. 220 StGB), da in diesen Fällen normalerweise keine Gefahr für Leib und Leben der entführten Person besteht.“

So wird während einer Kindesverbringung durch einen Elternteil der Alarm nicht ausgelöst. Jedoch tut die Schweiz auf der einen Seite alles dafür, um diese Form der Entführung zu verhindern und das Entführungsalarmsystem hat dabei positive Arbeit geleistet. Auf der anderen Seite hat die Kindesverbringung durch einen Elternteil schwere Auswirkungen auf die psychische Unversehrtheit des Kindes und fällt somit in die Schweizerischen Kriterien der Alarmauslösung.

Die UN-Kinderrechtskonvention (KRK) hat der Schweiz auferlegt, darüber zu wachen, „dass kein Kind gegen seinen Willen von seinen Eltern getrennt wird“ (Art. 9.1.). Die Konvention geht noch einen Schritt weiter, indem sie fordert spezifisch gegen Kindesentführung vorzugehen. Zudem hat sie dieser Problematik einen eigenen Artikel (Art.11) gewidmet. Dieser verordnet den Mitgliedsstaat dazu, „Maßnahmen [gegen] […] das rechtswidrige Verbringen von Kindern ins Ausland und ihre rechtswidrige Nichtrückgabe…“ zu treffen.

Das Entführungsalarmsystem ist eine der Möglichkeiten, die einem Land zur Verfügung stehen. Es hat sich in den United States of America, Gründungsland dieses Alarmtyps, bereits als hilfreich erwiesen, wo 2011 mehr als die Hälfte der aufgelisteten Alarme nach einer elterlichen Kindesentführung ausgelöst wurden: 80% der Fälle konnten positiv gelöst werden.

Zudem fordert die KRK in ihrem Artikel 19.1, dass ihre Vorgaben auf allen Verwaltungsebenen durchgesetzt werden, um gegen sämtliche physische, sexuelle oder psychische Verletzungen des Kindes vorzugehen „während es in der Obhut der Eltern oder eines Elternteils ist…“. Diese ist in den schweizerischen Kriterien des Alarmauslösers aufgegriffen worden, bezieht sich aber nicht auf die Eltern.

Kinder, die von einem Elternteil getrennt wurden, leiden auf emotionaler und manchmal auch auf physischer Ebene unter dem entführenden Elternteil. Viele der Kinder bekommen dann zu hören, dass der andere Elternteil nicht mehr am Leben ist oder sie nicht mehr liebt. Entwurzelt, getrennt von den Eltern und Freunden, bekommen entführte Kinder von dem entführenden Elternteil oft eine neue Identität zugeteilt und dürfen weder ihren Namen noch Informationen zu ihrem vorherigen Zuhause preisgeben.“ (Hoff)

Anzunehmen, dass die elterliche Kindesverbringung die Integrität des Kindes nicht angreift ist schlicht nicht mehr möglich. Die psychologischen Auswirkungen existieren und bestehen ein Leben lang. Ein Kind zu entführen ist eine Misshandlung, sei es nun durch einen Elternteil oder eine andere Person.

«Effects identified in this study by the abductees included loss of trust with the opposite sex, trouble making and keeping friends, feeling like they were in a dream-like world, trouble recalling important aspects of the abduction, and trouble sleeping and concentrating after the abduction The Family Journal July 2013 vol. 21 no. 3 313-317

Die elterliche Kindesentführung selbst ist ein Angriff auf die psychische Integrität des Kindes und als solche ein Auslösekriterium des Entführungsalarm-Systems in der Schweiz. Letztere ist kein Wundermittel im Kampf gegen elterliche Kindesentführungen. Sie ist aber ein Instrument, welches der Schweiz zur Verfügung steht, um auf dieses Phänomen zu antworten. Außerdem hilft sie dabei Kindern Leiden zu ersparen, die weit über eine physische Gefährdung hinausgehen.

“Do I think he should have served time for his abduction? Absolutely. Children should never be used as weapons and in most cases of abduction that is precisely the reason the act is committed.” http://takeroot.org/mics-story/

Clara Balestra, Stiftung Sarah Oberson, 29.10.15

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Témoignages d’enfants enlevés recueillis sur le site de la fondation Take Roots, « Our purpose is to add the collected wisdom of former missing children to the public and policy discussions on child-abduction, using the voice of victims to improve America’s missing child response.”

-       « For so long, I thought it stopped when I was found, but it only began. I have been unhappy for so long because of they things my mother did. I have feelings I don’t know how to deal with and anger towards her I don’t know how to let go of. And I am ready to let go, but for some reason I can’t. Sometimes I feel sorry for myself because what happened is not my fault, but then I tell myself this is my life and I have to take control. But I know I have issues because of what happened to me and I feel like I can’t move forward until I resolve them, and I don’t know always where to start.” http://takeroot.org/rebekah/

-       “I had never spoken to another person, other than my brother, who truly understood the ghosts that haunt me on a daily basis. (…)I learned how to avoid hurt . . . Don’t let anyone close enough and it’s not a problem. I learned how to avoid lies . . . Never trust that anyone is telling you the truth anyway. I learned to appear to the outside world that I was ok . . . No chance of hurting anyone’s feelings by not being ok then. I learned how to make others happy at my own expense.” http://takeroot.org/sheris-story/

Themen : Als Kind arm sein in der Schweiz

21 September 2015

Gemäß der UN-Kinderrechtskonvention (KRK) hat „jedes Kindes (das Recht) auf einen seiner kör¬per¬lichen, geisti¬gen, seel¬is¬chen, sit¬tlichen und sozialen Entwick¬lung angemesse¬nen Lebens¬stan¬dard [...].” (Art. 27.1.). Im Februar 2015, im Rahmen der Prüfung des Berichts der Schweiz an das Kinderrechtekomitee, „65. (empfiehlt) der Ausschuss [...] dem Mitgliedsstaat (Schweiz) sein Sozialhilfeleistungssystem für Familien zu verbessern mit dem Ziel, dass alle Kinder im ganzen Land(…) einen angemessenen Lebensstandard genießen.”

Sarah Oberson Konferenz 2015 : Als Kind arm sein in der Schweiz, 11 November 2015, 19:00-21:00, Casino Saxon, Saxon


© D Sharon Pruitt, Flickr/Creative Commons

„Die Auswirkungen von Armut und prekärer Lebenssituation auf ein Kind sind bekannt: schlechter Gesundheitszustand, verminderte physische Entwicklung, schwache linguistische und kognitive Entwicklung, mittelmäßige Schulleistung, Verhaltensauffälligkeiten, so wie das Risiko in der Zukunft arbeitslos und/ oder kriminell und/oder abhängig zu werden.” (CSDH, 31.10.12)

Wie aus der Sozialhilfestatistik des Bundesamts für Statistik (BAS) hervorgeht ist in der Schweiz die Altersklasse 0-17 am stärksten von Armut betroffen. So liegt die Sozialhilfequote aller Altersklassen bei 3.2. Für die Kategorie 0-17 Jahre liegt sie bei 5.2 (aktuellste Datensätze, 2013). Diese Situation ist nicht neu. 2006 hat die Eidgenössische Kommission für Kinder- und Jugendfragen Alarm geschlagen und die materielle Verarmung von Kindern angeprangert, „knapp 45% der Sozialhilfeempfänger sind Kinder…”.

Das Wallis ist da keine Ausnahme. Gemäß der von dem Kanton Wallis lancierten Studie vom 01.06.2015 „ haben sich die Kosten der Sozialhilfe im Wallis zwischen 2011 und 2014 mehr als verdoppelt”. Laut Herrn Favre, Leiter der Dienststelle für Sozialwesen, sind „ die Alleinerziehenden mit 27% überrepräsentiert” (Le Nouvelliste, 02.06.15, S.4).

Die Schweiz reagiert. 2010 präsentiert der Bundesrat die Gesamtschweizerische Strategie der Schweiz zur Armutsbekämpfung. Ein Schwerpunkt wurde hier klar auf die Kinder gelegt. „Gerade der Aspekt der eingeschränkten Entwicklungs-möglichkeiten ist bei Kindern im Vergleich zu anderen armutsgefährdeten Bevölkerungsgruppen von besonderer Bedeutung, weil dadurch auch die Zukunftschancen der Kinder beeinträchtigt werden”. Aus diesem Grund genehmigt der Bundesrat 2013 das nationale Programm zur Prävention und Bekämpfung von Armut 2014-2018.

Nichtsdestotrotz hat sich der Bundesrat dazu entschlossen, die Armutsbekämpfung bei Kindern nicht unter dem Blickwinkel der Kinderrechte zu betrachten und gemäß internationaler Verträge (Ratifizierung der KRK durch die Schweiz 1997) zu handeln. Allerdings sollte nach dieser Methode gehandelt werden, da es sich dabei nicht nur um ein von der Schweiz festgelegtes politisch internationales Ziel handelt, sondern auch das Problem in einem holistischen Ansatz behandelt würde und so einige Schwächen der gebotenen Antworten aufwiegen könnte. Gemäß dem Schweizerischen Kompetenzzentrum für die Menschenrechte (SKMR): „ein Ansatz basierend auf der Umsetzung von Maßnahmen in Zusammenhang mit den Kinderrechten (…), könnte einen objektiveren Blick auf die Situation von Kindern in der Schweiz geben und Maßnahmen erlauben, die zielgerichteter und effektiver sind”.

Einerseits tragen wir zu nationalen Fünfjahresprogrammen bei, die das Ziel haben Antworten auf diverse Problematiken in Zusammenhang mit der Kindheit (Programme Jugend und Medien; Programm Jugend und Gewalt…)zu geben. Diesen fehlt es jedoch an Struktur und Einheitlichkeit. Es ist wichtig sich daran zu erinnern, dass die KRK keine Auflistung von zu befolgenden Regeln ist, sondern eine Gesamtheit von Rechten, (welche sich gegenseitig ergänzen und in Zusammenhang zueinander stehen) die es umzusetzen gilt. So gilt auch 2015 weiterhin, „11. Das Komitee empfiehlt dem Mitgliedsstaat (Schweiz)eine Politik und eine nationale Strategie zur gesamtheitlichen Umsetzung der Prinzipien und Dispositionen der Konvention in Abstimmung mit den Kindern und der Zivilgesellschaft zu entwickeln und umzusetzen, um so einen Rahmen für die Strategien und Pläne der Kantone zu bilden.”

Andererseits verhindern wir die Suche nach einer Lösung. Es besteht eine direkte Abhängigkeit zwischen der Gesellschaft in der Kinder leben und der Umsetzung ihrer Rechte. „Ganz allgemein beschränkt sich die Kinder-und Jugendpolitik auf sektorale und zielgerichtete Interventionen, als ob (…)Eingriffe in Bereiche wie das Soziale, Stadtplanung, Unterkunft, Mobilität oder Arbeit die Kinder, die Jugendlichen und ihre Familien nicht betreffen würden bzw. dass sie keine signifikanten Einfluss auf ihr alltägliches Leben haben würden.”(Poretti, S.27)

Die Kinderrechte sollten in allen Entscheidungen, die Kinder in irgendeiner Form betreffen, berücksichtigt werden. Es handelt sich dabei um die Schaffung eines „Kinderrechte-Reflexes” oder einer „Kultur der Kinderrechte”. Die Kinderarmutsproblematik könnte dadurch in ihrer Gesamtheit (soziologisch, politisch, wirtschaftlich, steuerlich, kulturell…) verstanden werden und aus ihrer aussichtslosen Situation „geholt” werden.

Es ist jedenfalls hervorzuheben, dass in den Maßnahmen der Schweiz zur Armutsbekämpfung die Beteiligung der Kinder selbst fehlt. Kinder haben das Recht darauf sich an der Kenntnisnahme, der Verständigung und der Lösungssuche dieses Phänomens zu beteiligen (Art. 12, KRK), da sie es sind die täglich damit leben müssen. Außerdem kann ihre Beteiligung die Erfolgschancen nur erhöhen.

Ausgehend von einer theoretischen Vision der Kinderrechte, wird der Konferenz Sarah Oberson zusammen mit Experten aus Theorie und Praxis zu den schweizerischen und lokalen Realitäten rund um das Thema „Kind in Armut” diskutieren.

Ist Ihr Kind nicht nach Hause gekommen?

15 September 2015

Die Sarah-Oberson-Stiftung, die seit vielen Jahren im Bereich des Kinderschutzes tätig ist, lanciert heute eine gross angelegte Informationskampagne in den Oberwalliser Schulen.

Ziel ist es, die Entführung von Kindern zu verhindern, wenn nötig rasch Entführungsalarm auszulösen, vor allem aber auch die Eltern zu beruhigen.

Ab morgen wird die Kampagne fortgesetzt, die letzten Herbst bereits in den Einrichtungen im Unterwallis durchgeführt wurde. Dazu werden 15’000 Flyer der Sarah-Oberson-Stiftung an die Krippen, Kindergärten, Primar- und Orientierungsschulen sowie Fachinstitutionen im Oberwallis verschickt. Der Flyer ist doppelseitig: Eine Seite richtet sich an die Eltern und Lehrpersonen (Ist Ihr Kind nicht nach Hause gekommen?), die andere an die Kinder (Tipps für Kinder). Erstellt wurde er in Zusammenarbeit mit dem Departement für Bildung und Sicherheit (DBS) (genauer gesagt mit der Kantonspolizei, der Dienststelle für Unterrichtswesen und der Kantonalen Dienststelle für die Jugend), der Dienststelle für Gesundheitswesen und der Staatsanwaltschaft des Kantons Wallis.

Der für das Ressort Bildung zuständige Visper Gemeinderat Michael Kreuzer begrüsst diese Aktion: «Es ist wichtig, die Kinder über die Gefahr einer Entführung aufzuklären. Da es auf dem Schulweg tatsächlich zu einer solchen kommen könnte, ist die Kampagne der Sarah-Oberson-Stiftung eine gute Sache. Ausserdem nehmen die Kinder den Flyer mit nach Hause, wodurch auch die Eltern informiert werden.» In Visp gibt es übrigens bereits ein mit der Gemeindepolizei koordiniertes Verfahren für Fälle, in denen ein Kind ohne vorgängige Abmeldung der Eltern nicht in der Schule erscheint.

Das Gerücht des «weissen Kleinbusses»

Ausgangspunkt der Kampagne war eine Feststellung. «Sie können sich nicht vorstellen, wie oft wir von Müttern hören, dass sie einen weissen Kleinbus gesehen hätten, dass in der vorherigen Woche ein Kind vor der Schüle entführt worden sei, sie ihr Kind nicht mehr alleine heimlaufen lassen könnten usw.», erklärt Clara Balestra, wissenschaftliche und administrative Koordinatorin bei der Oberson-Stiftung. «Man kann also sagen, dass der Grundgedanke der Aktion eigentlich war, die Eltern zu beruhigen.»

Es gilt also in erster Linie zu beruhigen, denn die Statistiken sprechen eine klare Sprache: Die Walliser Polizei verzeichnet jedes Jahr durchschnittlich 3 bis 4 vermisste Kinder – die alle generell bei Freunden oder Angehörigen wieder gefunden werden – und 2 bis 3 Meldungen einer Entführung und/oder Freiheitsberaubung. Bis heute sind 7 Kinder (zwischen 0 und 18 Jahren) im Register der Polizei als vermisst registriert. Bei 6 von ihnen wird angenommen, dass sie weggelaufen sind, einen Unfall hatten oder Selbstmord begingen. Nur im Fall von Sarah Oberson, die am 28. September 1985 verschwand, wird vermutet, dass sie von einem Dritten entführt wurde. Eine andere aussagekräftige Statistik stammt von der Waadtländer Polizei: In 88% der Fälle ist für das Verschwinden der Kinder ein Elternteil verantwortlich. Eine Tatsache, die die Oberson-Stiftung kennt und mit der sie sich anlässlich ihrer jährlich stattfindenden Konferenzen 2011 und 2014[1] befasst hat.

Erste Abklärungen durchführen und das Auslösen des Entführungsalarms erleichtern

Die Oberson-Stiftung will also mit ihrer Aktion vor allem beruhigen, gleichzeitig aber auch informieren. Denn in der Stiftung, die nach dem Verschwinden der 5-jährigen Sarah in Saxon gegründet wurde, weiss man nur zu gut: Manchmal kommt es zu regelrechten Dramen. Und jedes Mal ist ein Mal zu viel. «Die Stiftung hat sich deshalb sehr dafür eingesetzt, dass ein nationaler Entführungsalarm in der Schweiz eingerichtet wird», erläutert Jean Zermatten, Präsident des Stiftungsrates. «Dieser besteht nun seit 2010, wurde jedoch noch nie ausgelöst.» Die Oberson-Stiftung erinnert auf dem Flyer daran, welche Abklärungen zuerst gemacht werden sollten, bevor die Polizei alarmiert wird: die Verantwortlichen in der Schule, die Familie, Freunde und Nachbarn anrufen. Ein wertvoller Schritt, der von jenen unternommen wird, die das Kind am besten kennen. Dadurch kann dann ein Verdacht auf Verschwinden und/oder Entführung bestätigt werden oder nicht und allenfalls rasch Alarm ausgelöst werden. Die Erfahrung zeigt nämlich, dass die Zeit gegen die Opfer arbeitet. Deshalb gilt es, Zeit zu gewinnen.

Anstoss für den Dialog in der Klasse und Zuhause

Schliesslich richtet sich der Flyer auch an die Kinder und gibt ihnen Tipps, wie sie sich in Gefahrensituationen verhalten sollen oder solche am besten vermeiden: nicht alleine unterwegs sein, immer den gleichen Weg zu oft besuchten Orten nehmen (z.B. zur Schule, zum Training, zu Freunden), schreien und sich wehren, wenn sie angegriffen werden.

«Rund hundert Einrichtungen werden diese Woche ein Paket mit Flyern und einem Schreiben erhalten mit der Aufforderung, diese in der Klasse zu verteilen», erklärt Guillaume Grand, Vizepräsident des Stiftungsrats. «Wir möchten, dass die Kinder diese Informationen den Eltern weiterleiten und so sowohl in der Klasse als auch Zuhause über dieses Thema diskutiert wird. Wir hoffen, dass die Direktionen und Lehrpersonen uns dabei unterstützen und unsere Botschaft ankommt.»

Lehrpersonen, die den Flyer nicht erhalten haben, können sich an info@sarahoberson.org wenden.


[1] «Trennung der Eltern, Verschwinden von Kindern», Bericht zu den Konferenzen der Sarah-Oberson-Stiftung 2011 und 2014.

Als Kind arm sein in der Schweiz : Sarah Oberson Konferenz 2015

16 Juni 2015

An der Sarah Oberson Konferenz 2015 am Mittwoch, 11. November, im Casino von Saxon, von 19:00 bis 21:00, wird sich die Sarah Oberson Stiftung gemeinsam mit Expertinnen und Experten mit der täglichen Realität dieser Kinder, den Folgen der Unsicherheit auf die Zukunftsperspektiven und der Angemessenheit der gebrachten Antworten beschäftigen.

Im November 2014 hat der Menschenrechtskommissar des Europarats in einem Artikel die vier grossen Bedrohungen für die Kinderrechte in Europa dargelegt. Die Armut, die immer mehr Kinder trifft, gehört dazu. Er warnt die Staaten: Langfristig droht diese Situation verheerende Folgen für die europäischen Gesellschaften zu haben, da die chronische Armut während der Kindheit einer der Hauptgründe für Armut und soziale Ausgrenzung im Erwachsenenalter ist. (Schweizer Bulletin der Kinderrechte, Ausgabe 21, Nr. 1, März 2015, S. 7–8)

Denn: „Die Auswirkungen, die Armut und Zugehörigkeit zu einer sozial benachteiligten Schicht auf Kinder haben, sind bekannt: schlechte Gesundheit, Beeinträchtigung der körperlichen Entwicklung, geringe kognitive und sprachliche Fortschritte, unzulängliche schulische Leistungen, Verhaltensstörungen, ja sogar die Gefahr, später arbeitslos, delinquent und/oder drogenabhängig zu werden.“ (SKMR, 31.10.12)

In der Schweiz ist die Altersklasse zwischen 0 und 17 Jahren gemäss den Statistiken zur Sozialhilfe des Bundesamts für Statistik am meisten von Armut betroffen. Während die Sozialhilfequote für alle Alterskategorien 3.2 beträgt, liegt sie für die Kategorie 0-17 Jahre bei 5.2 (neuste Daten, 2013). Diese Situation ist nicht neu. Im Jahr 2006 hat die Eidgenössische Kommission für Kinder- und Jugendfragen Alarm geschlagen und die materielle Prekarisierung der Kinder angeprangert „(…) Fast 45 % der Sozialhilfeempfänger/innen in der Schweiz sind heute Kinder (…)“.

Die Schweiz reagiert. Der Bundesrat hat 2010 die Gesamtschweizerische Strategie zur Armutsbekämpfung veröffentlicht. Die ersten Kapitel behandeln die Kinderarmut. 2013 hat er das Nationale Programm zur Prävention und Bekämpfung von Armut 2014–2018 verabschiedet: Die Eidgenossenschaft unterstützt und koordiniert; die Hauptkompetenz in der Armutsbekämpfung bleibt bei den Kantonen, Städten und Gemeinden.

Dennoch: „Gemäss Caritas (…) zählt die Schweiz (…) rund 260’000 arme Kinder (Daten vom Januar 2012). Erschwerend kommt hinzu, dass die soziale Mobilität in der Schweiz generell sehr gering ist, so dass diese Armut «erblich» ist.“ (SKMR, 31.10.12)

Gemäss der vom Staat Wallis in Auftrag gegebenen Studie, die am 01.06.15 vorgestellt wurde, haben sich die Ausgaben für Sozialhilfe im Wallis zwischen 2011 und 2014 mehr als verdoppelt[M3] . Gemäss R. Favre, Chef der Koordinationsstelle für soziale Leistungen, sind Alleinerziehende mit 27 % der Fälle überdurchschnittlich betroffen. Einmal mehr stehen die Kinder im Zentrum einer Problematik, die sich eher verschlechtert.

An der Sarah Oberson Konferenz 2015 am Mittwoch, 11. November, im Casino von Saxon, von 19:00 bis 21:00, wird sich die Sarah Oberson Stiftung gemeinsam mit Expertinnen und Experten mit der täglichen Realität dieser Kinder, den Folgen der Unsicherheit auf die Zukunftsperspektiven und der Angemessenheit der gebrachten Antworten beschäftigen.

Siehe auch:

Quelles mesures contre pauvreté des enfants ?, Blog FSO, 6.12.2011

La pauvreté en Suisse : une affaire d’enfants, Blog FSO, 21.06.2010


Für einen verbesserten Entführungsalarm

21 Mai 2015

Anlässlich des Internationalen Tags der vermissten Kinder am 25. Mai setzt sich die Sarah Oberson Stiftung dafür ein, dass die Kriterien zur Auslösung des Entführungsalarms in der Schweiz gelockert und diesbezügliche nationale Statistiken erstellt werden.

MEDIENMITTEILUNG

Die ersten Stunden nach einer Entführung sind für den Fahndungserfolg entscheidend – von ihnen hängt die Wahrscheinlichkeit, das Opfer gesund und wohlbehalten zu finden, ab. Die jüngsten Ereignisse in Frankreich haben dies erneut am Fall der kleinen Berenyss gezeigt. Seit der Einführung des Entführungsalarmsystems in unserem Nachbarland im Jahr 2006 wurde es bereits zum 14. Mal in Folge erfolgreich eingesetzt. In der Schweiz gibt es dieses System seit 2010, doch wurde es noch nie aktiviert. Die Sarah Oberson Stiftung, die sich seit über 15 Jahren für die Verteidigung der Kinderrechte einsetzt, findet die aktuellen Kriterien zur Auslösung des Alarms zu restriktiv. Daher plädiert sie für eine Lockerung dieser Kriterien.

Kriterium der Gefährlichkeit muss im Vordergrund stehen

Nicht alle Entführungsfälle lösen einen Alarm aus. Das System wird nur aktiviert, wenn es sich um Notfallsituationen handelt, in denen die physische und psychische Integrität des Kindes gefährdet ist. «Dieses Kriterium muss die Priorität bilden», erklärt Clara Balestra, wissenschaftliche und administrative Koordinatorin der Stiftung. «Es geht nicht darum, auf Teufel komm raus Alarme auszulösen, sondern die Sache objektiv, unter Berücksichtigung der Gefahr und der Indizien, die der Polizei zur Verfügung stehen, anzugehen.»

Eine Lockerung der Kriterien würde zudem ermöglichen, das Alarmsystem auch bei gefährdeten Ausreissern oder bei elterlicher Kindesentführung zu aktivieren. «In der Schweiz ist dieser Faktor momentan nicht ausschlaggebend – ganz anders in Übersee. In den USA[1] beispielsweise wurden 2011 mehr als die Hälfte der Entführungsalarme infolge einer elterlichen Kindesentführung ausgelöst. Dieser Punkt darf in unserem Land nicht länger vernachlässigt werden, wenn man bedenkt, dass zwischen 2010 und 2012 für das Verschwinden von 85% der im Kanton Waadt registrierten vermissten Kinder ein Elternteil verantwortlich war[2]

Da fast die Hälfte der Ehen geschieden werden und eine von zehn Trennungen mit Streitigkeiten vor Gericht endet, sind diese Verschwindungsfälle oftmals auf den Zerfall des familiären Rahmens zurückzuführen. Für die Kinder, die aus ihrem gesellschaftlichen Umfeld gerissen werden und die eines der beiden Elternteile nicht mehr sehen können, kann das verheerende und traumatisierende Folgen haben.

Statistiken fehlen

Ein anderes Thema, das der Sarah Oberson Stiftung seit mehreren Jahren am Herzen liegt, ist die Schaffung nationaler Statistiken zum Verschwinden von Kindern. In einem jüngeren Bericht über die Situation in der Schweiz hat der Ausschuss für die Rechte des Kindes der Vereinten Nationen darauf hingewiesen, dass es in der Schweiz keinerlei zentralisiertes System zur Sammlung von Daten gibt, insbesondere nicht was die Gruppe von Kindern am Rande der Gesellschaft oder in schwierigen Situationen anbelangt. Guillaume Grand hofft, dass die Schlussfolgerungen des Ausschusses Früchte tragen werden: «Hierbei handelt es sich um eine verkannte Realität. Durch die Schaffung eines zentralisierten Systems, wie vom Ausschuss vorgeschlagen, könnten wir die Verschwindensfälle besser in Zahlen fassen, sie wissenschaftlich beurteilen sowie Präventionsmassnahmen und geeignete Reaktionsstrategien planen.» Wie der Präsident der Sarah Oberson Stiftung, Jean Zermatten, sagt: «Wir dürfen nicht meinen, die Kinderrechte würden in der Schweiz gänzlich respektiert werden. Auch bei uns gibt es noch Einiges zu tun.»


[2] Zahlen aus dem «Projet de recherche sur la faisabilité d’une étude sur les disparitions de mineurs dans le canton de Vaud»: http://www.sarahoberson.org/images/upload/pdfs/apport__131022.pdf

photo : http://angolodellamicizia.forumfree.it/?t=65584523

Abstract von “Trennung der Eltern, Verschwinden von Kindern”

11 Mai 2015

Ob wir es wollen oder nicht, Familientrennungen sind ein integraler Bestandteil unserer Gesellschaft. Auch wenn in der Anzahl bisher unerheblich, führt eine Trennung zu einem familiären Ungleichgewicht und kann, insbesondere für Kinder, gravierende Folgen haben. Ein wichtiger Aspekt für jene, die im Kindesschutz tätig sind, ist die Aufrechterhaltung der Beziehung zwischen den Eltern nach der Trennung. Dieser Prozess ist besonders für die Kinder signifikant.

Aus dem Working Report Konferenzen Sarah OBerson 2011 un 2014 zum Thema “Trennung der Eltern, Verschwinden von Kindern”,

Bei einer Scheidung handelt es sich um ein soziales Ereignis, auf welches sich die Gesellschaft vorbereiten muss. Nur so kann sie sich den Herausforderungen stellen. Ob vor, während oder nach der Trennung.

Die Familie als Institution sowie geltende sozio-ökonomische und kulturelle Faktoren (Arbeitswelt, Möglichkeiten zur Vereinbarung von Arbeit und Familie, Rollenverteilung innerhalb der Familie) fördern ein traditionelles Familienbild, dass auf lange Zeit existieren soll. Dieses Bild von Familie ist mit einer Trennung nicht vereinbar. Es kann die Schwierigkeiten, die Trennungskinder erfahren, wie bspw. Verarmung (Annexe II), nicht vorhersehen. Diese Schwierigkeiten können Konflikte zwischen den ehemaligen Paar fördern und in manchen Fällen gewalttätige Folgen haben.

Es braucht eine Umstrukturierung familiärer Normen, um sich den verschiedenen Phänomenen, die innerhalb einer Familie entstehen können, insbesondere einer Scheidung, zu stellen.

Die schweizerischen Autoritäten, aber auch die schweizerische Zivilgesellschaft, haben verschiedene Instrumente entwickelt, die den Übergang während und nach einer Trennung erleichtern sollen. Experten sind sich einig, dass es kein Wundermittel gibt und die verschiedenen Maßnahmen auf den Kontext hin angewendet werden müssen. Denn jede Situation ist besonders.

Dieses vielfältige Angebot existiert und versucht sich den neuen Realitäten anzupassen, indem es sich stets evaluiert und verbessert. Es wird daher empfohlen die betroffenen Paare über diese verschiedenen Möglichkeiten zu informieren, damit sie dadurch potentielle Konflikte vermeiden können. In diesem Dokument wird u.a. von einer einheitlichen Anlaufstelle (Rossier) gesprochen.

Es existieren somit Möglichkeiten, die es verhindern, dass die Trennung der Eltern für die Kinder in einem Drama endet. Dennoch bleibt eine Trennung Privatsache. Dank sozio-ökonomischer Änderungen auf der einen und juristisch, psychosozialer Maßnahmen auf der anderen Seite, verfügt die Gesellschaft über einen Handlungsrahmen, der es ermöglicht den Übergang zwischen Zusammenleben und Trennung für  Kinder, aber auch für Eltern zu erleichtern.

„In der Tat übertreten eine Trennung und ihre Auswirkungen das mikro-soziale Niveau der Einheit Familie: sie haben ihre Wurzeln in strukturellen Faktoren (Paar- und Erziehungsstile, Infrastrukturen, Familienpolitik, etc.), die den individuellen Eigenschaften einer Person (Vater, Mutter, Kinder) gegenübergestellt werden müssen und sich an ihren Absichten orientieren sollten, um dann im Interesse der Personen umgesetzt zu werden. Nur so können wir die Interessen und Rechte eines jeden Individuums respektieren.“ (Stoecklin)

Clara Balestra, 05.05.15