Archive pour la catégorie ‘Stiftung’

Die wissenschaftlichen Kenntnisse schreiten voran, und die Praxis ?

28 Januar 2014

Seit 30 Jahren bleiben die Fragen dieselben: Kann man die Gefährlichkeit eines Gefangenen einschätzen? Die wissenschaftlichen Kenntnisse in diesen Bereichen schreiten vor, wie auch die Praxis, letztere aber deutlich langsamer. Abschliessend ist es wichtig zu präzisieren, dass die Abschaffung der bedingten Haftentlassung oder jede andere Form einer vorzeitigen Entlassung (Urlaub, …) keine Verletzung der individuellen Rechte eines Gefangenen darstellt, sondern nur das Ende eines Privilegs einer, durch ein rechtlich anerkanntes Gericht, zu einer Freiheitsstrafe verurteilten Person.

Zusammenfassung des Referats von Philip Jaffé, Direktor des IUKB, Verantwortlicher der Interdisziplinäre Lehr- und Forschungseinheit für Kinderrechte, Doktor in Psychologie, Spezialist in Rechtspyschologie FSP, anlässlich der Konferenz Sarah Oberson 2013, vom 13. November 2013 zum Thema: « Von Lucie zu Marie : von Null-Risiko zu der Wiedereingliederungsverpflichtung »

Seit den 90er Jahren, oder präziser seit dem Fall Dutroux, vertreten nur noch wenige Psychiater die Meinung, dass alle Gefangenen rehabilitiert werden können. Es gibt eine beschränkte Anzahl Personen, welche ernsthafte Vergehen begingen, wie zum Beispiel Vergewaltigung und Mord, die nicht in Freiheit entlassen werden können, weil sie eine dauerhafte Gefahr für die Gesellschaft darstellen.

Seit 30 Jahren bleiben die Fragen dieselben: wie können sie identifiziert werden? Kann man ein zu einem Rückfall neigendes Verhalten betreffend Vergewaltigung oder Mord bei bereits für die gleichen Vergehen verurteilten Personen vorhersehen? Kann man die Gefährlichkeit eines Gefangenen einschätzen? Die wissenschaftlichen Kenntnisse in diesen Bereichen schreiten vor, wie auch die Praxis, letztere aber deutlich langsamer.

Der aktuelle wissenschaftliche Konsens bevorzugt eine klinische Begutachtung ergänzt durch eine versicherungs- und wirtschaftsmathematische Einschätzung (mittels spezialisierten Fragebogen) der Bedrohlichkeit eines Gefangenen. Das klinische Gutachten soll von einem qualifizierten Experten durchgeführt werden, welcher während mehreren Jahren im Bereich der Praxis des Systems der Strafanstalt ausgebildet wurde und unter einer konstanten Überprüfung steht. Seine Beobachtungs- und Analysefähigkeit muss alle Informationen, welche über den Verurteilten zur Verfügungen stehen, mit einbeziehen. Diese Evaluation muss periodisch wiederholt werden. Keinesfalls jedoch soll ein Psychiater, welcher nur wenig oder gar nicht in diesem Bereich ausgebildet ist, die Möglichkeit erhalten, eine solche Untersuchung durchzuführen; und nie sollte diese Expertise von einem Therapeuten des Gefangenen durchgeführt werden.

Die versicherungsmathematische Dimension des Gutachtens (unter Einbezug von Statistiken) basiert auf gewichtigen wissenschaftlichen Recherchen, welchen bestimmte Kriterien, die die Gefährlichkeit eines Gefangenen zu beeinflussen scheinen, einen gewissen Stellenwert zuschreiben. Im Voraus definierte Fragebogen (DRAG, HCR 20, PCLR, …) berücksichtigen bis zu 150 Kriterien: gerichtliche Vergangenheit (Gewaltakte), Kenntnisse der Opfer, weibliche Opfer oder nicht, Gebrauch von Waffen, IQ des Gefangenen, Verhalten in Gefangenschaft, Art und Weise, über die eigenen strafbaren Handlungen zu räsonieren, usw.

Diese Fragebogen erlauben einen systematischen Einbezug der Risikofaktoren. Sie verhelfen zu einem Score, welcher ein Wahrscheinlichkeitsindiz für die Gefährlichkeit des Gefangenen darstellt.  Der PCLR zum Beispiel ist ein Instrument, welches den Grad der Psychopathie misst: eine Variable welche mit einer sehr hohen Wiederholungsgefahr assoziiert wird.

In der französischsprachigen Schweiz ist die Kombination der klinischen Begutachtung und der Einbezug der Statistik mehr und mehr eine gängige Praxis. Die klinische Begutachtung bleibt jedoch in der Schweiz vorherrschend und der Mangel an qualifizierten Experten bleibt spürbar.

Nicht desto trotz, die Entscheidung zur Freilassung ist nicht nur eine klinische oder statistische Frage. Sie ist ferner auf einem sozialen Konsens begründet. Die Psychiater, Psychologen und Weitere können massgeblich dazu beitragen, Personen, welche weiterhin über ein grosses Gefahrenpotenzial verfügen, zu bestimmen – sie können sich auch irren, aber sie sind nicht alleine. Zahlreich sind die Personen und Berufsverbände, die an dieser Entscheidung mitbeteiligt sind. Gemäss Jaffé sind in der Schweiz die Entscheidungskette wie auch ihre Organisation, aber auch die gesetzlichen Verfügungen, welche sie bestimmen, manchmal dysfunktional und sollten Gegenstand einer Nivauanpassung sein.

Die jüngste Entwicklung in den USA und Kanada zielt darauf ab, sich nicht ausschliesslich auf die Gefährlichkeit der Person zu konzentrieren – eine Einschätzung, welche jedoch trotzdem weiterhin wichtig bleibt. So arbeitet ein interdisziplinäres Team ebenfalls im Bereich des Risikomanagements, das heisst, in der Evaluation der Strukturen welche den Strafgefangenen ausserhalb der Strafanstalt umgeben. Diese Team arbeitet unter der Führung eines erfahrenen Projektverantwortlichen welcher nicht notwendigerweise ein Fachmann aus dem Bereich der Gesundheit sein muss, wie zum Beispiel ein Richter.

Abschliessend ist es wichtig zu präzisieren, dass die Abschaffung der bedingten Haftentlassung oder jede andere Form einer vorzeitigen Entlassung (Urlaub, …) keine Verletzung der individuellen Rechte eines Gefangenen darstellt, sondern nur das Ende eines Privilegs einer, durch ein rechtlich anerkanntes Gericht, zu einer Freiheitsstrafe verurteilten Person. Die Beweislast des guten Verhaltens obliegt somit dem Gefangenen.

Gemeinsam mit der Familie nach dem Verschwinden von Emilie Fortuzi

22 Januar 2014

Bereits vor 3 Monaten verschwand Emilie Fortuzi aus unbekannten Gründen aus der Stiftung für behinderte Kinder des Buissonnets in Freiburg, wo sie lebte. (12. November 2013)

Wir sind alle von dieser Tragödie tief betroffen. Wir teilen den Schmerz und das Leid ihrer Familie.

Unsere tief empfundenen Gedanken sind bei ihren Eltern und den Familien, welche von einem solch schrecklichen Schicksal betroffen sind. Von ganzen Herzen wünschen wir uns, das Emilie wieder gefunden wird.

Die Stiftung Sarah Oberson fühlt tief mit der Familie von Emilie und bedankt sich bei der Polizei sowie allen, die sich an den gemeinsamen Bemühungen, Emilie Fortuzi wiederzufinden, beteiligten.

 « Ist es nicht in dunkelster Nacht, da man an das Licht glauben muss? ».

Jean Zermatten

Präsident der Stiftung Sarah Oberson

Sitten, den 21. Januar 2014.

Frohe Festtage

17 Dezember 2013

Frohe Weihnachten und ein Gutes Neues Jahr 2014 von Stiftung Sarah Oberson

Joyeux Noël et une magnifique Nouvelle Année de la part de la Fondation Sarah Oberson

Photo : http://nounoudunord.centerblog.net/940-pommes-de-pins-de-no-l

Frau Granzotti Emmanuelle äussert sich über das Thema der Sarah Oberson Konferenz 2013

9 Dezember 2013

Im Gegensatz zu anderen Ländern, wie zum Beispiel Kanada, scheint die Schweiz nicht bereit, so viel in Bereiche wie Prävention und Wiedereingliederung zu investieren. Es ist folglich unabdingbar, dass eine veritable „Revolution“ bezüglich der politischen Prioritäten avisiert werden muss, damit solche Dramen weitest möglich vermieden werden können.

Von Frau Emmanuelle Granzotti, Psychologue-Psychothérapeute FSP au Centre de Psychiatrie et Psychothérapie Renens CPPR. Intervenante à la Table ronde de la Soirée Sarah Oberson 2013, le 13 novembre 2013 : “De Lucie à Marie : du risque zéro à l’obligation de réinsertion »

Es existieren mehrere fundamentale Aspekte, welche in Betracht gezogen werden sollten, sobald die Frage Null-Risiko versus Risiko eines Rückfalls ausgesprochen wird. Die einzige Möglichkeit, Ersteres zu garantieren, besteht bei einer bestimmten Kategorie von Kriminellen in der systematischen Anwendung der Inhaftierung auf Lebzeiten; was aber aus ethischer wie auch logistischer Sicht nicht realistisch ist. Des Weiteren verfügt die Schweizer Rechtsprechung über verschiedene, adäquate  Instrumente um so weit als möglich das Risiko eines Rückfalls zu verringern.

Zum Beispiel zeigen verschiedene Studien die Ineffizienz von sehr langen Haftstrafen bezüglich der abschreckenden Wirkung oder aber hinsichtlich der Gefährlichkeit von Ausgängen von sogenannt „Trockenen“ auf. Die grössten Schwierigkeiten, meiner Meinung nach, finden sich aber  in der effektiven Umsetzung des strikten Rahmens, welcher von dem Gesetz (Massnahmen, Expertisen, etc.) vorgesehen ist, in ihrer Überwachung als auch in den erforderlichen Kompetenzen der verschiedenen Intervenierenden, welche hingezogen werden, um die Bedürfnisse und Grenzen eines Verurteilten zu bewerten und ihm so eine progressive und effiziente Wiedereingliederung zu ermöglichen.

Bezüglich der wenigen Menschen, welche nicht geeignet scheinen, um von einem Verfahren und Massnahmen zur Wiedereingliederung zu profitieren, existieren zur Zeit keine anderen Lösungsansätze als sie nicht aus der Verwahrung zu entlassen, um so die Gesellschaft und das zuständige Personal zu schützen.

Sie verwahrt zu lassen ist aber nicht einfach gleichzusetzen mit dem „Hinwerfen des Löffels“. Es ist erforderlich, für diese Menschen passende Strukturen zu generieren und die Forschung in diesem Bereich, der „Fürsorge“ der auf der Ebene der Psychiatrie besonders komplexen Profilen, fortzuführen. Verständlich stellt sich also die Frage nach den gewichtigen finanziellen Mitteln für ein reibungsloses Funktionieren. Im Gegensatz zu anderen Ländern, wie zum Beispiel Kanada, scheint die Schweiz nicht bereit, so viel in Bereiche wie Prävention und Wiedereingliederung zu investieren. Es ist folglich unabdingbar, dass eine veritable „Revolution“ bezüglich der politischen Prioritäten avisiert werden muss, damit solche Dramen weitest möglich vermieden werden können.  Ein seriöser Fokus muss auf die Opfer umgeleitet werden, seien dies direkte oder indirekte Opfer, insbesondere was die verschiedenen materiellen Unterstützungsmaßnahmen durch die Behörden oder durch die Verantwortlichen, betrifft.„

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Mme Emmanuelle Granzotti a débuté sa carrière en médecine pénitentiaire, au service médical de la prison préventive de Champ-Dollon où elle s’est rapidement spécialisée dans la prise en charge d’auteurs de crimes violents et sexuels. Elle a travaillé environ 5 ans dans le domaine carcéral et post-pénal, et a été pour une même durée dans Comité directeur de la société suisse de psychologie légale. Par la suite, elle s’est de même dirigée vers le domaine de la victimologie. Elle a dirigé pendant 5 ans un programme et une équipe de psychologues dans le domaine de la prévention des abus sexuels. Elle exerce désormais en cabinet privé où elle reçoit toujours des personnes sous mesures de soins judiciaires (article 63 CPS), des victimes (LAVI) et une population clinique tout venant. Mme Granzotti enseigne aussi les déviances sexuelles (ECASE), travaille au sein de la cellule PsyAu de la police genevoise et est membre de son Comité exécutif. Elle est aussi expert au Centre universitaire romand de médecine légale (expertises de crédibilité) et Juge assesseur psychologue au Tribunal de protection de l’adulte et de l’enfant.

Von Lucie zu Marie : von Null-Risiko zu der Wiedereingliederungsverpflichtung

22 Oktober 2013

Jenseits der divergenten Meinungen illustrieren diese Erwägungen die Komplexität des Kampfes gegen Wiederholungstaten. Das Vertrauen der Bürger in das System, beeinträchtigt durch diese tragischen Vorfälle, bedingt ein besseres Verständnis der Komplexität und der Wechselwirkungen. Mit diesem Reflexionsabend will die Stiftung Sarah Oberson zu der aktuellen Gesellschaftsdebatte beitragen, um mittels des Ideenaustauschs unter Experten ein besseres Verständnis der Problematik zu fördern und sichtbare und nachhaltige Lösungsansätze aufzuzeigen. 

13. November 2013, von 19:00 – 21:00, Casino de Saxon, Saxon. (PROGRAMM)

Vier Jahre nach dem Verschwinden von Lucie stirbt Maria in vergleichbaren Umständen. Tatsächlich haben die beiden Mörder diese Taten ausgeführt, als sie noch unter bestehenden Verurteilungen für gleichartige Delikte standen, ersterer unter bedingtem Freiheitsentzug und zweiter unter Hausarrest.

Der Mord an Adéline eröffnet die Debatte der Gesellschaft, in welcher die Konferenz stand, wieder. Wie können die beiden Extreme des Kampfes zur Vermeidung von Tatwiederholungen miteinander in Einklang gebracht werden; das Null-Risiko und die Resozialisation aller Verurteilten. Ersteres bedingt die Internierung auf Lebzeiten für alle Akteure von schweren Delikten. Dies ist jedoch undurchführbar, da dadurch der Druck auf das bereits an der Belastungsgrenze agierende Verwahrungssystem auf unerträgliche Weise erhöht würde. Zweitere bedingt die gesetzliche Verpflichtung zur Wiedereingliederung aller Strafgefangenen, nach Schweizer Strafrecht (SR) sogar das Ziel des Vollzugs von Freiheitsstrafen (Art.75): “Der Strafvollzug hat das soziale Verhalten des Gefangenen zu fördern, insbesondere die Fähigkeit, straffrei zu leben.” Deutlich zeigen aber die obengenannten Dramen, dass diese Alternative nicht immer möglich ist.

Im letzten Jahrzehnt hat die öffentliche Meinung mehr Sicherheit gefordert. Zweimal hat die Legislative in diesem Sinne gehandelt. Im Jahr 2007, mit dem Inkrafttreten des neuen Schweizer Strafgesetzbuchs, wurde das System der Strafmassnahmen revidiert. Eine der grössten Neuerungen ist „die vermehrte Entwicklung von Schutzmassnahmen gegen gewaltsame und gefährliche Delinquenten” (2). Die Internierung ist eine der revidierten Massnahmen. Im Jahr 2008, infolge der Volksabstimmung aus dem Jahr 2004, wurde die lebenslängliche Internierung den verschiedenen gesetzlichen Anlagen hinzugefügt.

Die Schweiz hat sich so die Möglichkeit gegeben, Strafgefangene lebenslänglich zu verwahren, wenn „die Voraussetzungen (…) erfüllt sind : a. Der Täter hat mit dem Verbrechen die physische, psychische oder sexuelle Integrität einer anderen Person besonders schwer beeinträchtigt oder beeinträchtigen wollen. b. Beim Täter besteht eine sehr hohe Wahrscheinlichkeit, dass er erneut eines dieser Verbrechen begeht. c. Der Täter wird als dauerhaft nicht therapierbar eingestuft, weil die Behandlung langfristig keinen Erfolg verspricht” (StGB Art. 64).

Der zentrale Punkt der zweiten Bedingung (b) ist die Evaluation der Gefahr, welche vom Akteur ausgeht. Das heisst die Wahrscheinlichkeit, dass diese Person weitere Delikte verübt. Experten aus dem Bereich der Psychiatrie, innerhalb von interdisziplinären Kommissionen handeln, halten bei dieser Einschätzung eine determinierende Rolle innen.

Diese Tatsache ruft interessante Reaktionen hervor.

Einerseits kritisiert Liotta (1), in Gegenüberstellung mit dem französischen System, das Konzept der Gefährlichkeit, welches eines der Grundfreiheitsrechte in Frage stellt. In der Tat beinhaltet die Internierung unter diesem Aspekt eine Inhaftierung einer Person für das was sie machen könnte und nicht für das, was sie tatsächlich gemacht hat. Diese Vergewaltigung des Rechtstaats, im Namen der öffentlichen Sicherheit, stützt sich auf die Bewertung der Gefährlichkeit eines Individuums; ein Konzept, welches, nach Liotta, ohne wissenschaftliche, medizinische oder rechtliche Grundlagen dasteht. Nach dieser Folgerung stellt die psychiatrische Expertise „keine wissenschaftliche Diagnostik”. Im Zweifelsfall nimmt das Prinzip der Vorsicht einen grossen Platz ein. „Die Ungewissheit genügt (also) um Freiheit zu entziehen.” (1)

Gasser und Gravier (2) verweisen auf den Widerspruch betreffend der Rolle des « Psychiaters in der Gesellschaft; zwischen der Sorge, ihren Patienten die bestmögliche Pflege zukommen zu lassen und seiner Teilnahme an der sozialen Kontrolle”. „…die medizinische Ausübung (…) dezentriert so seine diagnostische und pflegende Funktion um im Dienste der Strafvollstreckung zu stehen…”(2).

Andererseits, nach Ansicht von anderen Experten, wohnt die Schwierigkeit mehr in der Anwendung der zur Verfügung stehenden Massnahmen. Nach ihnen existieren Werkzeuge aus der Rechtsprechung und Psychiatrie die es ermöglichen, im Kampf gegen Wiederholungstaten die Leistungen zu verbessern. Das Problem beruht auf einem mangelnden politischen Willen, mehr in diesen sehr unpopulären Bereich zu investieren. Die notwendigen Fonds werden nur schwer angezapft. Dies zeigt sich unter anderem durch nur mangelnd ausgebildete Fachkräfte oder in einem Mangel an geeigneten Institutionen, welche einen effizienten Resozialisierungsprozess ermöglichen könnten (Le Matin, 15.05.13 ; RTS, L’invité de la rédaction, 16.05.13 ; RTS, Forum,16.09.13 ). .

Jenseits der divergenten Meinungen illustrieren diese Erwägungen die Komplexität des Kampfes gegen Wiederholungstaten. Das Vertrauen der Bürger in das System, beeinträchtigt durch diese tragischen Vorfälle, bedingt ein besseres Verständnis der Komplexität und der Wechselwirkungen. Mit diesem Reflexionsabend will die Stiftung Sarah Oberson zu der aktuellen Gesellschaftsdebatte beitragen, um mittels des Ideenaustauschs unter Experten ein besseres Verständnis der Problematik zu fördern und sichtbare und nachhaltige Lösungsansätze aufzuzeigen.

Quellen :

(1) Daniel Liotta, « Les raisons de la dangerosité », Criminocorpus, revue hypermédia [En ligne], Le SMPR de Marseille a 30 ans : Histoire et engagement, regards croisés (24 juin 2010), Communications, mis en ligne le 17 octobre 2012, consulté le 16 juillet 2013. URL : http://criminocorpus.revues.org/2048

(2) Gasser J. et Gravier B. (2007), Quelques conséquences de l’application du nouveau code pénal suisse sur la psychiatrie pénale », in Revue Médicale Suisse, N° 125, le 19 septembre 2007. URL : http://revue.medhyg.ch/article.php3?sid=32582

Unterstützung von Familien, die ein Kind vermissen

10 September 2013

Es ist schwierig, einschlägige wissenschaftliche Texte dazu zu finden. Mit dem Ziel, Berufstätige zu unterstützen, die Familien vermisster Kinder betreuen, hat die Stiftung Sarah Oberson einen Überblick über die wissenschaftliche Literatur zu dem Thema in Auftrag gegeben. Dessen Schlussfolgerungen erschüttern die traditionellen Betreuungsformen und gehen über die obengenannten Unterstützungsmöglichkeiten hinaus.

Jedes Jahr verschwinden Kinder spurlos. Unabhängig davon, ob das Kind ausgerissen ist, von einem Elternteil entführt wurde oder ob es sich um ungeklärte Dramen handelt – der Schmerz des Verschwindens belastet die Familien.

Wie können Familien unterstützt werden, wenn ihr Kind verschwunden ist?

Es gibt wissenschaftliche Texte über die Trauer von Familien, wenn ein Kind verschwindet. Diese behandeln aber in erster Linie Situationen in einem Kontext von Gewalt (Balkankriege, Gewalt in Argentinien…). Ausgehend von den vorhandenen Unterlagen können aber einige Gemeinsamkeiten abgeleitet werden.

Gemäss einigen Autoren und Autorinnen bleiben die Familien in der Schwebe, in der größtmöglichen Ungewissheit, wenn ein geliebter Mensch verschwindet, sei es unter gewaltsamen oder ungeklärten Umständen. Sie verbleiben auf der Schwelle (limen auf Lateinisch) des Todes, der Witwenschaft, der Trauer. Diese Übergangsphase wird von der Stille ständig aufrechterhalten. (Verstraeten, S. 75–76)

Im Fall von Zwangsverschleppungen konnten die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen Faktoren ermitteln, die den betroffenen Personen helfen, wieder ein gewisses Wohlbefinden zu erreichen, zum Beispiel durch kollektive Rituale (wie zum Beispiel die Veranstaltungen der Mütter des Platzes der Mairevolution, die gemeinsamen Gedenkfeiern von Srebrenica, die Denkmäler für vermisste Soldaten) (Verstraeten und Probst Favret).

Zwangsverschleppungen lassen sich in eine historische Periode einbetten. Es handelt sich um eine von einer Gemeinschaft, einer Nation gemeinsam erlebte Situation, ein gemeinsam geteilter Schmerz, was Gedenkfeiern ermöglicht. Der Tod der Vermissten kann aus dem historischen Zusammenhang heraus als wahrscheinlich, wenn auch nicht als sicher, betrachtet werden. Der Sinn, der diesem Verschwinden so gegeben werden kann, kann auf den historischen Zusammenhang bezogen werden. Es muss aber unterstrichen werden, dass diese Faktoren, auch wenn sie den Abschiedsprozess unterstützen, keine Garantie für besseres Wohlbefinden sind (Probst Favret, S. 108).

Bei Kindern oder Erwachsenen, die unter ungeklärten Umständen verschwunden sind, gibt es keine gemeinschaftliche und historische Dimension. Der Schmerz kann nur mit den Angehörigen geteilt werden. Nichts bestätigt, dass der Tod als wahrscheinlich betrachtet werden kann. Die Suche nach dem Sinn des Verschwindens wird durch besondere Umstände geprägt.

Welche Faktoren erlauben es also den Familien, sich darauf einzustellen und durch passende Wege ihre Identität und den Lebenssinn wiederzufinden (Poretti)?

Es ist schwierig, einschlägige wissenschaftliche Texte dazu zu finden. Mit dem Ziel, Berufstätige zu unterstützen, die Familien vermisster Kinder betreuen, hat die Stiftung Sarah Oberson einen Überblick über die wissenschaftliche Literatur zu dem Thema in Auftrag gegeben. Dessen Schlussfolgerungen erschüttern die traditionellen Betreuungsformen und gehen über die obengenannten Unterstützungsmöglichkeiten hinaus.

Die Stiftung Sarah Oberson organisiert eine Konferenz, um die Ergebnisse dieser Untersuchung von Michele Poretti, leitender Wissenschaftler am IUKB und Berater, vorzustellen:

An der Schwelle zur Trauer? Die Ungewissheit der Familien vermisster Kinder

30. September 2013, von 10h00 bis 12h00, im universitären Institut Kurt Bösch in Sitten/Bramois

Der Anthropologe Marc-Antoine Berthod hält einen Vortrag zu dem Thema: „Die Familien gegenüber ihrer Gemeinschaft“ (Les familles face à leur communauté). Denn bei solchen Dramen sind die betroffenen Familien nicht nur ihrem Schmerz und ihrem Verlust ausgesetzt. Sie stehen auch in Austausch mit ihrer Gemeinschaft, mit den Medien und der Auslegung, die letztere des Dramas machen. Auch diese Faktoren beeinflussen die Fähigkeit, den Verlust zu überleben.

Referenz :

Poretti Michele (2013), Au seuil du deuil ? Les familles d’enfants disparus à l’épreuve de l’incertitude. Revue de littérature, Fondation Sarah Oberson, Sion.

Probst Favret Marie-Corinne (2009), «Enfants de père porté disparu: le deuil suspendu», in Betty Goguikian Ratcliff et Olivier Strasser (dir.), Clinique de l’exil. Chroniques d’une pratique engagée, Chêne-Bourg: Editions Georg, pp. 101-110.

Verstraeten Alice (2006), «La “ disparition forcée ” en Argentine. Occultation de la mort, empêchement du deuil, terreur, liminalité», in Frontières, vol. 19, n° 1.

(Français) Mesure d’internement : quand le juridique rencontre le médical, réflexions

29 Juli 2013

Ein immer leistungsfähigeres Antwortsystem auf das Verschwinden von Kindern

24 Mai 2013

25. Mai, internationaler Tag der vermissten Kindern: dieser Tag will die Erinnerung an diese Kinder aufrechterhalten und den Eltern, welche ohne Nachricht sind, Hoffnung und Solidarität vermitteln.

Photo : http://camelia.fond-ecran-image.com/blog-photo/2008/04/19/myosotis/

Das Symbol, welches für diesen, Tag steht ist übrigens das Vergissmeinnicht.

Die ersten Stunden nach dem Verschwinden eines Kindes sind entscheidend. Die Schweiz hat sich mit einem Arsenal an schnellen Reaktionen auf das Verschwinden von Kindern ausgestattet, insbesondere auch mit dem Entführungsalarmsystem. Der Erfolg von Letzterem begründet unter anderem auf den strengen Kriterien, welche eine Auslösung des Alarms beschränken somit dazu beitragen, dass eine Überbeanspruchung und Ermüdung der Öffentlichkeit vermieden werden kann.

Die vergangenen Tage haben diese Kriterien einer strengen Prüfung unterzogen. Zwei Grenzfälle von Situationen von Vermisstmeldungen von Kindern haben diese Aktualität deutlich vor Augen geführt. Am 13. Mai 2013 wurde Marie im Kanton Waadt vermisst. Ein Zeuge behauptete gesehen zu haben, wie sie gezwungen wurde, in ein Auto einzusteigen. Sie hat gerade ihren 19. Geburtstag gefeiert.  Das Entführungsalarmsystem ist für Kinder bis 18 Jahren zuständig. Am 12 Mai 2013 verschwand Fiona, ein 5 jähriges Mädchen, in Frankreich in einem öffentlichen Park. Die Umstände, welchen in den ersten Stunden bekannt waren, wiesen nicht auf eine Entführung hin. Das Entführungsalarmsystem kann nur aufgrund konkreter Hinweise auf eine Entführung ausgelöst werden.

Niemand kann sagen, ob ein Auslösen eines Entführungsalarms etwas am Ausgang dieser Dramen geändert hätte. Es bleibt jedoch festzuhalten, dass die Kriterien regelmässig überprüft werden müssten um sie mit neuen Realitäten von Entführungen zu konfrontieren.

Nebenbei gehört die Schweiz zum europäischen Kontinent. Die Europäische Union (EU) müht sich mit der Operationalisierung eines immer leistungsfähigeren Reaktionssystems ab, insbesondere betreffend der Realisierung eines Entführungsalarms auf europäischem Niveau und der Einführung der gemeinsamen und gesamteuropäischen Rufnummer 116 000.

Aufgrund der grossen Mobilität der schweizerischen und europäischen Bürgern sollte die Schweiz mit der Optimierung ihres Systems weiterfahren und sie in das europäische Netzwerk einfügen um somit das Entführungsalarmsystem zu vervollständigen und die notwendigen Schritte der Eltern und der zuständigen Behörden zu erleichtern. Die Konferenz der kantonalen Polizeikommandanten KKPKS, als Beauftragte des Dossiers, stellt die Öffnung zur Europa in den Raum. Die Stiftung Sarah Oberson kann nur ihre Ermutigung zu diesen Schritten bekräftigen – die Stiftung Sarah Oberson ist für eine Integration der Schweiz in einen möglichen europäischen Entführungsalarm.

Damit das Verschwinden von Kindern nicht notwendigerweise in einem Drama endet muss das System sich immer wieder in Frage stellen und sich unter der Mitwirkung aller Akteure adaptieren.

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Gut zu wissen :

Die Soirée Sarah Oberson 2013, welche am 13. November im Kasino von Saxon stattfindet, widmet sich dem Thema « Von Lucie zu Marie – Wie können Rückfälle vermieden werden ? »

Weitere Literatur :

-        Rubrik Systems als Antwort auf das Verschwinden von Kindern, der Webseite der Stiftung Sarah Oberson

-        Rubriken Entführungsalarm und Kinderverschwinden des Blogs der Stiftung Sarah Oberson

Das Weglaufen : einen Alarm und ein Risiko!

9 April 2013

Die Vorzeichen einer Flucht können vielfältig sein, aber jegliche Veränderung des Verhaltens oder der Haltung muss ernstgenommen werden, insbesondere schulisches Versagen und Isolierung. Eltern welche solche Veränderungen feststellen oder mit einem Weglaufen konfrontiert sind, können um Hilfe anfragen, wie dies auch ihre Kinder können.

Synthese der Soirée Sarah Oberson 2012, Working Report

In den allermeisten Fällen von Verschwinden von Kindern in westlichen Ländern handelt es sich um Weglaufen. Zahlen aus der Schweiz fehlen. Jedoch ist bekannt, dass es sich um ein weit verbreitetes Phänomen handelt, welches in den letzten Jahren in den Nachbarländern immer öfter auftritt. Die Stiftung Sarah Oberson, welche gegründet wurde, um Familien, welche mit dem Verschwinden eines Kindes konfrontiert sind, helfen zu können, wollte im Rahmen der Soirée Sarah Oberson 2012 mit einer Reflexion über die verschiedenen Arten, mit denen diesem zunehmenden Phänomen begegnet werden kann, beitragen.

Das Weglaufen von Jugendlichen ist «ein impulsiver, brutaler, meistens einsamer Abschied, zeitlich beschränkt, im Allgemeinen ohne genaues Ziel» (übersetzt nach Halfon, S. 13). Die zu diesem Abend eingeladenen Experten sind sich einig, dass das Konzept einer Flucht als Übergangsritus überholt ist. Das Kind vermeidet ein feindliches, schmerzhaftes und/oder konfliktbeladenes Umfeld. Es vermeidet ein Unwohlsein, eine existentielle Angst und äussert seinen Schmerz, indem es flieht (nach Halfon, S. 13-14).

Der typische Flüchtende ist ein Kind zwischen 12 bis 18 Jahren. In diesem Altersabschnitt erleben alle Menschen „eine Scharnierperiode der zerebralen Entwicklung“ (übersetzt nach Boutrel, S. 7). Zwei „zeitlich versetzte Phänomene (entstehen und) verursachen einen explosiven Cocktail jugendlicher Entgleisungen; einerseits, ein ziemlich heftiges und abruptes Gefühlserwachen welches sich in einer deutlichen Erhöhung der Triebe äussert; anderseits die Selbstbeherrschungs- und Urteilsfähigkeit, welche nur nach und nach im Erwachsenwerden aufgehen und erst im Alter zwischen 20 bis 30 Jahre vollständig wirksam werden“ (Boutrel, S. 6).

In der Tat drückt sich dieses Phänomen in einem kühnen Verhalten aus, welches aus Jugendlichen eine Risikogruppe macht (nach Boutrel, S. 10). Das Weglaufen ist eine der gewagten Handlungen, welche sich in dieses Entwicklungsschema einschreibt. Als solche kann sie nicht auf die leichter Schulter genommen werden, sei es während des Verschwindens als auch nach der Rückkehr des Kindes.

So ist die erste Reaktion, welche angesichts einer Abwesenheit eines Kindes ohne Zögern erfolgen sollte – nach der Rückversicherung durch die Nächsten und/oder die Schule, die Alarmierung der Polizei. Die Polizei erachtet jedes Verschwinden eines Kindes als ein beunruhigendes Verschwinden und handelt dementsprechend, indem sie ein gewichtiges Interventionsdispositiv einsetzt. Wenn eine Flucht angenommen werden muss, bleibt die Dringlichkeit gegeben, auch wenn sich die Mittel der Suche ändern (nach Lauber, S. 20).

Auch ist der Moment des Empfangs nach einer Rückkehr ein Scharniermoment. Es gilt, einen Raum zum Zuhören und Dialog zu öffnen, welcher es den Jungen erlaubt, die Gründe ihres Handelns zu äussern und es den verantwortlichen Erwachsenen ermöglicht, ihren Standpunkt mitzuteilen, ohne zu richten und ohne zu verurteilen (nach Halfon, S. 14). Dieses gegenseitige Zuhören kann dazu führen, falls notwendig und gemäss einem gemeinsamen Einverständnis, die Regeln des Zusammenlebens und die Beziehungen, welches dieses bestimmen, zu ändern.

In diesem Sinn, wenn die Polizei nach einer Rückkehr eines Kindes evaluiert, dass soziale Massnahmen notwendig sind, wird im Kanton Wallis das Dossier des Kindes dem Amt für Kindesschutz (AKS) (nach Lauber) übergeben, welches die zu unternehmenden Massnahmen bestimmt: Unterstützung der Familie, Platzierung oder Hospitalisierung. In Fällen von Schwierigkeiten, welche keine sofortige Intervention bedingen, wird dem Kind und seinen Eltern ein Handschreiben zugestellt, welches ihnen Unterstützung anbietet (nach Nanchen).

Das Weglaufen aus sozial-pädagogischen Institutionen ist am häufigsten. Im Jahr 2001 hat das Institut St-Raphaël, mit dieser Problematik konfrontiert, entschieden, sich über die Typen der Übernahmen zu hinterfragen. Zu dieser Zeit bestand die „Praxis darin, die Weggelaufenen nach ihrer  Rückkehr ausserhalb einzuschliessen“ (Hértier, S. 38). Professionelle erlebten diese Verschwinden wie berufliche Misserfolge.

Das Resultat dieses Hinterfragen hatte einen Wechsel der Philosophie zur Folge. St-Raphaël betrachtet nun «das Weglaufen als einen integralen Bestandteil einer Platzierung eines Jugendlichen » (Hértier, S. 38). Nach der Rückkehr wird das Kind in einem Raum des Zuhörens empfangen. Je nach Notwendigkeit kann sein erzieherisches Projekt angepasst werden. Auch wird der Jugendliche, welcher die Regeln des Instituts missachtet hat, Sanktionen unterworfen. Er „kennt die Sanktionierungsmassnahmen vom ersten Tag seiner Platzierung an und stellt sie nicht in Frage (Jordan, S. 37).

Kann man einer Flucht vorbeugen?

Die Fluchtprävention aber auch die der Nachwirkungen scheint möglich: insbesondere wenn eingerichtete Präventionsprogramme die Totalität sämtlicher relevanter Faktoren berücksichtigt: individuelle, elterliche, aus dem Umfeld als auch schulische und soziale. Zum Beispiel die Entwicklung „der sozialen Kompetenzen / des Kindes (Problemlöseverhalten, coping, prosoziales Verhalten…), emotionale (Umgang mit Wut, Verständnis der Emotionen), kognitive (Argumentationen, schulische Leistungen) ist eine der effizientesten Methoden, und dies umso mehr, wenn sie die Bildung der Eltern oder Lehrpersonen mit einbezieht“ (Halfon, S. 17).

Die Vorzeichen einer Flucht können vielfältig sein, aber jegliche Veränderung des Verhaltens oder der Haltung muss ernstgenommen werden, insbesondere schulisches Versagen und Isolierung. Eltern welche solche Veränderungen feststellen oder mit einem Weglaufen konfrontiert sind, können um Hilfe anfragen, wie dies auch ihre Kinder können (Runder Tisch).

Eines der Mandate des Amtes für Kindesschutz AKS ist „Unterstützung und Rat anzubieten, wenn dies Eltern oder Kinder verlangen“ (Tel. 027 / 606 48 40). Weitere Unterstützungsstrukturen existieren in sämtlichen Regionen der Schweiz.

Stiftung Sarah Oberson wiedersetzt sich gegen Babyklappen

28 Januar 2013

Die Stiftung Sarah Oberson möchte zu diesem gesetzgebenden Vorschlag Stellungnehmen und die Aufmerksamkeit auf dieses Konzept lenken, dessen Verwirklichung den Rechte des Kindes und den Rechte der Eltern widerspricht und dessen Wirksamkeit im Kampf gegen Kindstötung bis zu diesem Tag nicht erwiesen werden konnte.

Infolge der Annahme der Motion 1.232 betreffend des Schutzes vor Kindstötung und Aussetzung durch den Grossen Rat am 5. November 2012,, muss der Staatsrat nun einen Vorschlag zur Einrichtung einer Babyklappe im Wallis ausarbeiten.

Die anonyme Abgabe von Neugeborenen widerspricht zahlreichen internationalen Abkommen, darunter das Übereinkommen über die Rechte des Kindes (KRK) und der Europäischen Menschenrechtskonvention (EMRK). Sie verletzt die Rechte des Kindes, insbesondere das Recht, seine Herkunft zu kennen und durch seine Eltern grossgezogen zu werden (Art. 7 Para. 1 der KRK), wie auch das Recht, mit beiden Elternteilen in einer persönlichen Beziehungen zu stehen (Art. 9 Para. 1 & 3 der KRK); Rechte, welche für die Identitätsentwicklung eines Kindes entscheidend sind. Der Ausschuss für die Rechte des Kindes hat in seinen Empfehlungen an die Staaten gegen die Einsetzung von Babyklappen Stellung genommen.

Eine europäische Studie aus dem Jahr 2012 (1) warnt vor den möglichen Nebeneffekten einer solchen Anlage. Wie kann zum Beispiel überprüft werden, dass die Aussetzung mit dem Einverständnis der Mutter oder in Übereinstimmung mit ihren Rechten stattfand? Babyklappen stellen ein enormes Mittel zur Druckausübung auf die Mutter dar, ohne dass jegliche Art der Überprüfung oder auch Unterstützung möglich ist.

Während die Motion 01.232 akute Überforderungs- und Notsituationen der Eltern als Ursachen für Kindstötung oder seine Aussetzung an einem gefährlichen Ort nennt, erwähnt sie jedoch nicht, auf welche Art Babyklappen diese verzweifelten Eltern unterstützen können; tatsächlich bleiben die Eltern, aufgrund der Anonymität der Anlage, in ihrer Not alleine gelassen. Aus diesen Gründen sind wir der Auffassung, dass Babyklappen in der Lage sind, für das Kind, als auch für die Mutter, gefährliche Seitenwege zu eröffnen.

Solche Anlagen sind seit dem Mittelalter bekannt und wurden bis ins letzte Jahrhundert benutzt; sie wurden jedoch in dem Moment abgesetzt, als die Dienste zum Schutze des Kindes in Kraft traten. Es ist deshalb verwunderlich, dass sie nun wieder eingeführt werden, obwohl ihre Wirksamkeit im Kampf gegen Kindstötung (oder Aussetzung eines Neugeborenen an einem Ort, welcher für das Kind nur minime Überlebenschancen bietet) nie bewiesen werden konnte. In den europäischen Ländern, welche solche Anlagen zur Verfügung stellen, ist die Zahl der Kindstötung nicht gesunken.

Im Laufe von 20 Jahren hat der Kanton Wallis 4 Entdeckungsfälle von verstorbenen Neugeborenen verzeichnet : im Jahr 1992, 1994, 1998 und 2007. Niemand kann sagen, ob diese Neugeborenen durch eine Babyklappe hätten gerettet werden können, da es keine Hinweise darauf gibt, dass die Menschen, welche die kriminelle Handlung einer Kindstötung begehen, dieselben sind wie die, welche sie in einer Babyklappe aussetzen.

Ausserdem möchten wir Sie daran erinnern, dass der Nationalrat im Mai 2009 entschieden hat, nicht auf zwei Initiativen, welche erlaubt hätten, der anonymen Entbindung (Wehrli, 08.454) als auch der Entbindung in einem diskreten Rahmen (Tschümperlin, 08.493) einen legalen Rahmen zu geben, eingetreten ist. Der Nationalrat ist den Argumenten der Kommission für Rechtsfragen RK gefolgt. Einerseits unterstreicht die Kommission, sich auf das Französische Beispiel abstützend, dass die Statistiken nicht aufzeigen, dass durch Entbindungen in der Anonymität die Fälle von Aussetzungen verringert werden. Die „Gesetzgebung erfülle deshalb nicht die von den zwei Initiativen beabsichtigte Zielsetzung, der Schutz des Lebens”. Andererseits widersprechen die zwei Initiativen der Konstitution der Schweiz und mehreren internationalen Übereinkommen welche dem Kind das Recht zusprechen, seine Herkunft zu kennen.

Die Stiftung finde deshalb, dass sehr vorsichtig vorgegangen werden muss und dass das Wallis nicht in diese Stossrichtung eintreten sollte; wenn man Kindern und ihren Müttern in Not helfen will, sollten andere Mittel eingesetzt werden. Die Babyklappe ist sicher eine sehr schlechte Antwort auf ernstzunehmende Probleme (Kindstötung und Aussetzung von Kindern). Bereits existierende (oder im Falle von ungenügender Leistung weiter-zuentwickelnde) Dienste zur Unterstützung der Eltern, Dienste zur Familienplanung und vorläufige Aufnahmeorte verfügen über Handlungsweisen, welche sowohl die Kinder, ihre Eltern als auch ihre Rechte respektieren; diese sollten diesem falschen guten Konzept übergeordnet werden.

(1) Browne Kevin, (2012), Child Abandonment and its Prevention in Europe, The University of Nottingham, The European Commission Daphné Program, UK.