Archive pour la catégorie ‘Veröffentlichungen’

(Français) Des villes qui font une place aux enfants ? Résultats d’une enquête réalisée avec les enfants de 8-10 ans d’une petite ville romande

21 August 2017

Welches Zugehörigkeitsgefühl und was für eine Identität entwickeln Migranten im Tessin?

4 Juli 2017

Analyse der Kriterien, welche die Entwicklung eines Zugehörigkeitsgefühls und einer Identität bei minderjährigen Migranten die heute erwachsen sind, im Gastland möglich machen. (…) Der Konstruktivistische Ansatz und die vom Kind angenommene Sichtweise als sozialer Handelnder, ermöglichen es die aktive Rolle des Minderjährigen in der Konstruktion seiner Zugehörigkeiten aufzuwerten und dadurch auch in der Identitätsfindung vis-à-vis des aktuellen Sozialsystems.

Editorial, von Sara Camponovo, MIDE Studentin, 4. Juli 2017

Im Laufe der letzten Jahrzehnte sah sich die Schweiz einem ansteigenden Strom an Migranten aus verschiedenen Ländern gegenübergestellt. In der Hoffnung eine bessere Lebensqualität zu finden haben ganze Familien, Kinder inklusive, ihr Geburtsland verlassen und dabei alles zurückgelassen.

Die Migration verlangt von den Personen sich zwischen zwei  Welten zu positionieren: das Erlebte in ihrem Heimatland und das Neue in ihrem Gastland. Wie Zittoun (2007a) anmerkt, sieht sich das Individuum dadurch mit mehreren „Trennungen“ konfrontiert, welche eine Destabilisierung der Persönlichkeit zufolge haben. Dieses Ungleichgewicht führt zur persönlichen Infragestellung des „Ichs“ in dieser neuen Welt. Migration ist daher ein Phänomen, welches das Zugehörigkeitsgefühl in Frage stellt und die Identität verändert (Guilbert, 2005). Im neuen Land muss daher eine Reflexion zur Identifikation erfolgen, damit wieder ein Gleichgewicht hergestellt werden kann.

Diese Arbeit verfolgt ein doppeltes Ziel. Zuerst einmal versucht sie die von den damals jungen Migranten genannten Elemente zu beleuchten und dadurch ihr Zugehörigkeitsgefühl im Tessin zu definieren. Anschließend wird die Arbeit versuchen herauszufinden, welche Identifikationsstrategien aus jenen von Camilleri (1996/7), von den jungen Personen angewendet wurden um eine Identität im Gastland zu konstruieren oder eben nicht. Der Konstruktivistische Ansatz und die vom Kind angenommene Sichtweise als sozialer Handelnder, ermöglichen es die aktive Rolle des Minderjährigen in der Konstruktion seiner Zugehörigkeiten aufzuwerten und dadurch auch in der Identitätsfindung vis-à-vis des aktuellen Sozialsystems. In dieser Arbeit wird die minderjährige Person nicht als inaktives Subjekt aufgrund der Tortur durch die Migration betrachtet. Die Minderjährigen werden als aktive Personen wahrgenommen, die bewusst handeln und über Entscheidungskapazitäten verfügen, die nicht nur ihre Vergangenheiten beeinflussen, sondern auch in der Gegenwart gelten.

Die gesammelten Ergebnisse unterstreichen den einzigartigen Charakter der Erzählungen und die Besonderheiten der Erlebnisse, welche von den befragten Personen wiedergegeben wurden. Bezüglich des ersten Ziels dieser Recherche, welches sich auf das Zugehörigkeitsgefühl bezieht, bestätigen die Daten die These, dass sich dieses Gefühl individuell und durch eine beidseitige Interaktion des Individuums mit seiner Umgebung entwickelt. Das Zugehörigkeitsgefühl ist daher kein allgemeingültig definiertes  Konzept durch die Leute, sondern wird durch spezifische und persönliche Kriterien entwickelt. Die Befragten nannten die Familie, Schule und Freizeit (Freundesgruppen und soziale Aktivitäten) als die drei wichtigsten Kriterien, welche ihnen geholfen haben dieses Gefühl im Kanton Tessin zu bekommen. Die geographische Lage, Kultur und Religion haben allerdings keinen großen Einfluss auf die Konstruktion der Zugehörigkeit gehabt. Es ist interessant zu beobachten, dass die Teilnehmenden andere Kriterien genannt haben, die es ihnen ermöglicht haben ein Zugehörigkeitsgefühl in ihrem Gastland zu entwickeln.

Im zweiten Teil dieser Studie, wurde versucht zu untersuchen welche Strategie unter den dreien von Camilleri(1996/7) identifizierten am meisten von den Befragten angewendet wurde. Der Autor betont, dass Migranten, sobald sie im neuen Land angekommen sind, Verhalten und besondere Strategien zur Anpassung an das Land oder eben zur kompletten Abgrenzung an dieses entwickeln. Die gesammelten Daten zeigen, dass die „intermediäre“ Strategie am häufigsten von den Befragten angewendet wurde. Für die meisten Teilnehmenden ist es schwer ihre Vergangenheit komplett zu ignorieren, da sie ihr Heimatland, die dort erlangten Werte und Codes nicht vergessen können, denn diese sind ein Teil von ihnen. Sie haben vielmehr versucht eine Gleichgewicht zwischen ihrer Vergangenheit und der Gegenwart zu finden, indem sie zwischen den Werten und den Verhalten der neuen und der alten Welt hin und herwechseln.

Diese Arbeit hat es ermöglicht den subjektiven Charakter der Migration zu beleuchten, welcher oft von den Forschenden vergessen wird. Außerdem stützt sie die These, dass das Zugehörigkeitsgefühl und die Identität zwei Konzepte sind, welche sich aus der Zusammensetzung signifikanter Elemente ergeben und dadurch dem Menschen eine globale Vision zukommen lassen.

Siehe das vollständige Dokument mit bibliographische Referenzen (auf Französich)

Photo: Beth Scupham, flickr/creative commons

Die Schweiz ratifiziert die Istanbul-Konvention

19 Juni 2017

In der Sondersession vom Mai 2017 hat nach dem Ständerat nun auch der Nationalrat die Ratifizierung der Europarts-Konvention zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt von 2011, die sogenannte Istanbul-Konvention, genehmigt.

Artikel von Humanrights.ch, 07.06.2017

Schweiz erfüllt die gesetzlichen Vorgaben der Konvention, trotzdem bleibt einiges zu tun

Sowohl von Bundesrätin Simonetta Sommaruga als auch von den Kommissionen wurde betont, dass die Schweiz die Vorgaben der Konvention erfülle und keine Gesetzesänderungen notwendig seien. Gleichzeitig wurde aber auch darauf hingewiesen, dass es noch viel zu tun gebe. Es liege im Interesse der Schweiz, dass das Thema «Gewalt gegen Frauen und häusliche Gewalt» möglichst umfassend und effektiv angegangen werden könne, betonte Sommaruga.

Ergänzende Gesetzgebungsarbeiten wurden durch das Anbringen von vier Vorbehalten zu drei Artikeln der Konvention vermieden. Die Vorbehalte, die v.a. technischer Natur sind, gaben im Rat nicht zu reden. Einzig der Vorbehalt, den Artikel 59 betreffend den Aufenthaltsstatus von Gewaltopfern «teilweise nicht anzuwenden», wurde von den Grünen kurz thematisiert. Dieser Vorbehalt sei unbefriedigend. Im Gegensatz zu den Forderungen der Istanbul-Konvention haben Ehegatten und Konkubinatspartner und -partnerinnen von Jahres- und Kurzaufenthaltern sowie von vorläufig aufgenommenen Personen, die Opfer von Gewalt in der Beziehung sind, bei Auflösung der Beziehung in der Schweiz keinen Anspruch auf ein eigenständiges Aufenthaltsrecht. Die Grünen haben angekündigt, entsprechende Vorstösse dazu einzureichen.

Schliesslich stellte sich einzig die Ratsrechte gegen die Genehmigung und die Istanbul-Konvention wurde mit 120 zu 52 Stimmen vom Nationalrat genehmigt; der Ständerat stimmte der Genehmigung bereits in der Frühlingssession 2017 mit 32 zu 12 Stimmen zu.

NGO begrüssen die Ratifizierung

Verschiedene NGO haben ihrer Freude Ausdruck gegeben, dass nun auch die Schweiz diesen Schritt beschlossen hat, nachdem bereits 23 Länder des Europarates die Konvention ratifiziert hatten. Mit der Ratifizierung der Istanbul-Konvention werde die Gewaltprävention und der Schutz von Betroffenen umfassend und effektiv gestärkt, schreibt der Christliche Friedensdienst CFD in seiner Pressemitteilung. Es bestehe ein dringender Handlungsbedarf, denn noch immer sterbe alle drei Wochen in der Schweiz eine Frau an häuslicher Gewalt.

Für Terre des femmes verpflichtet sich die Schweiz mit der Ratifizierung zu europäischen Standards in der Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen, Kindern und Männern, die mit umfassenden, konkreten Massnahmen gegen Gewalt einhergehen müssen. Sie weisen darauf hin, dass Prävention und Schutz für alle Gefährdeten und Betroffenen nun vorgesehen werden müsse – unabhängig von ihrem Alter, Geschlecht, Aufenthaltsstatus oder anderen sozialen Merkmalen. Damit können endlich auch gewaltbetroffene Frauenflüchtlinge ein Recht auf Unterstützung und Schutz beanspruchen.

Transgender Network Switzerland hofft, dass die Konvention ihre Wirkung tatsächlich entfalten kann und Transmenschen weniger Gewalt ausgesetzt werden sowie als Opfer adäquate Unterstützung und Rechtsschutz erhalten.

Bundesrat eröffnet Vernehmlassung zur Istanbul-Konvention

(Artikel vom 30.11.2015)

Am 7. Okt. 2015 hatte der Bundesrat die Vernehmlassung zur Ratifizierung der Europaratskonvention zur Verhütung häuslicher Gewalt (sogen. Instanbul-Konvention) eröffnet, gleichzeitig mit der Vernehmlassung zu verschiedenen Änderungen im Straf- und Zivilrecht, welche bezwecken, Opfer von häuslicher Gewalt und Stalking besser zu schützen.

Hintergrund

Der Bundesrat hatte am 11. September 2013 die Konvention des Europarates zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt unterzeichnet. Diese ist das erste europaweite Abkommen zum Schutz von Frauen gegen jegliche Form von Gewalt, inklusive der häuslichen Gewalt. Es erklärt verschiedene Formen von Gewalt gegen Frauen für strafbar, namentlich physische, psychische und sexuelle Gewalt, Stalking, Zwangsheirat und die Verstümmelung weiblicher Genitalien. Neben besserem Rechtschutz sieht die Konvention Massnahmen in den Bereichen Prävention, Betreuung und Hilfe vor. Erfasst werden Formen von Gewalt, von welchen Frauen unverhältnismässig stark betroffen sind. Die Mitgliedstaaten werden allerdings dazu ermuntert, die Konvention auf alle Opfer von häuslicher Gewalt anzuwenden, also auch auf Männer und Kinder (Art. 2).

Zusätzliche Massnahmen?

Das schweizerische Recht verfüge auf Bundesebene bereits heute weitgehend über die notwendigen Instrumente zur Umsetzung der Konvention, schrieb der Bundesrat in seiner Medienmitteilung vom 3. Juli 2013. Zu erwähnen sind dabei die neuen Straftatbestände der Zwangsheirat und der Verstümmelung weiblicher Genitalien im Strafgesetzbuch. Im Bereich des Stalkings gehe die Schweiz mit den Regelungen im Zivil- und Strafrecht sogar über die Anforderungen der Konvention hinaus. In einzelnen Bereichen will der Bundesrat noch vertieft prüfen, ob ein zusätzlicher Regelungsbedarf besteht.

Die sehr detaillierte Konvention schreibt eine Vielzahl von Massnahmen vor, die in der Schweiz noch kaum flächendeckend umgesetzt sind. Dies gilt, um nur einige wenige Beispiele zu nennen, zum Beispiel für die Forderung nach genügenden und einfach zu erreichenden Zufluchtsorten (Frauenhäuser etc.), der Einrichtung von telefonischen Helplines oder Massnahmen zur Unterstützung von Kindern, die Zeugen von häuslicher Gewalt geworden sind.

Dokumentation

Anstieg der « vermissten Kinder » auf die westliche Agenda – Europa

15 Mai 2017

Auch wenn die unterschiedlichen Phänomene rund um den Begriff „Verschwinden“ heutzutage nicht neu sind, so haben sich die Sichtweise und die Verbindungen, die wir (oder auch nicht) zwischen ihnen sehen, im Laufe der westlichen Geschichte verändert. Die Vereinigten Staaten (…) spielen eine wichtige Rolle in der Notwendigkeit und der Verbreitung einer neuen Handhabung des Kindesverschwindens. Europa folgt.

Auszug aus dem Artikel von Michele Poretti (1), Lehrbeauftragter, Pädagogische Fachhochschule Waadt und wissenschaftlicher Mitarbeiter, Interfakultäres Zentrum der Kinderrechte, Universität Genf

Europa folgt dem Beispiel jenseits des Atlantiks mit beinahe einem Jahrzehnt Verzögerung. Tatsächlich entsteht in Belgien 1996 aufgrund der Dutroux Affäre und der darauffolgenden imposanten Volksbewegung, die Idee einer NGO, welche sich speziell für den Kampf gegen das Verschwinden und die sexuelle Ausbeutung von Kindern einsetzt. Die Eltern der Opfer und die belgischen Behörden lassen sich direkt vom NCMEC (Child Focus, undatiert) inspirieren, was in 1998 zu der Entstehung des Europäischen Zentrums für vermisste und sexuell ausgebeutete Kinder führt und heute unter dem Namen Child Focus aktiv ist. In 2001 gründen Child Focus und andere NGOs Missing Children Europe (MCE), ein Dachverband der sich dank der finanziellen Unterstützung der Europäischen Kommission und der „First Ladies“ mehrerer Staaten schnell entwickelt und heute ein Netzwerk bestehend aus 32 Organisationen aktiv in 26 Ländern koordiniert.

Aufgrund dieses Ursprungs basiert daher der europäische Ansatz auf dem USA- Modell. Der Ansatz teilt insbesondere die weitreichende Definition des Problems, eine Vision die auf einer schnellen Intervention und der Assoziierung von Verschwinden mit dem Thema der sexuellen Misshandlung an Kindern, basiert. Im Gegensatz zu den Vereinigten Staaten, wo das NCMEC Spezialeinheiten für die Suche nach Kindern und der Gerichtsmedizin hat, kümmern sich die NGOs in Europa nicht direkt um die Suche von Kindern. Sie überlassen diese Aufgabe normalerweise den Einheiten der Polizei, mit welchen sie fortan eng zusammenarbeiten und konzentrieren sich auf die familiäre Unterstützung.

Der Aufschwung hinsichtlich der Thematik zu den „vermissten Kinder“ auf dem europäischen Kontinent ermöglicht es den spezialisierten NGOs enge Kontakte mit den Verfechtern der Kinderrechte zu knüpfen. Diese Verbindungen kreieren sich insbesondere rund um die gemeinsamen Themen, wie dem Menschenhandel, der sexuellen Ausbeutung oder der Gewalt an Kindern. Die Ernennung im Mai 2014 der Präsidentin des MCE, Frau Boer- Buquicchio, ist von großer Bedeutung, da sie den Posten der Sondersprecherin der Vereinten Nationen zum Kindeshandel, zur Prostitution von Kindern und zur Pornographie, welche Kinder zur Schau stellt, innehat und eben dieses ein wichtiger Punkt im UN-Dokument zur Umsetzung der Kinderrechtekonvention (KRK) ist.  Die Präsidentin gibt dem Thema der „vermissten Kinder“ eine starke globale Resonanz und scheint, noch stillschweigend, die von Experten erforschte enge Verbindung zwischen dem Verschwinden und der sexuellen Ausbeutung, sehr ernst zu nehmen.

(1)   Michele Poretti (2016), Anstieg der „vermissten Kinder“ in die westliche Agenda. Studie zu einer neuen Grenze des Unzumutbaren, Frontières, 27(1-2), online: : http://www.erudit.org/fr/revues/fr/2015-v27-n1-2-fr02596/1037079ar/


[1] Faire le link avec l’édito sur les Etats-unis

Anstieg der „vermissten Kinder“ in der westlichen Agenda – Die Vereinigten Staaten

8 Mai 2017

Auch wenn die unterschiedlichen Phänomene rund um den Begriff “Verschwinden” heutzutage nicht neu sind, so haben sich die Sichtweise und die Verbindungen, die wir (oder auch nicht) zwischen ihnen sehen, im Laufe der westlichen Geschichte verändert. Die Vereinigten Staaten, welche die ersten Gesetze zum Kidnapping während des 20. Jahrhunderts verabschiedet haben, spielen eine wichtige Rolle in der Notwendigkeit und der Verbreitung einer neuen Handhabung des Kindesverschwindens. Die 80er Jahre sind diesbezüglich ein Wendepunkt.

Auszug aus dem Artikel von Michele Poretti (1), Lehrbeauftragter, Pädagogische Fachhochschule Waadt und wissenschaftlicher Mitarbeiter, Interfakultäres Zentrum der Kinderrechte, Universität Genf

Zwischen 1979 und 1981 wird den USA mit einer Serie von Entführungen und Morden an Kindern durch Unbekannte zugesetzt. Diese Verbrechen resultierten in viel emotionaler Aufregung seitens der Bevölkerung und Eltern organisierten sich, oft in Form von NGOs, um eine stärkere Handlung von Seiten der Regierung zu fordern. Ihre Bemühungen trafen sich mit denen anderer Organisationen, welche tätig werden in Fällen von elterlicher Kindeswegnahme, welche versuchen die Behörden, Presse und die Öffentlichkeit von der Gefahr dieser Handlung zu überzeugen. Zu diesem Zeitpunkt entsteht die Idee, verschiedene Situationen einer physischen Trennung zwischen Eltern und Kindern (Bsp. Elterliche Kindesentführung, Entführung durch Fremde, Kidnapping, Flucht) unter dem Begriff „Vermisste Kinder“ (missing Children) zu vereinen. Eine Kategorie, die bis dahin aus der politischen Debatte ausgelassen wurde (Best, 1987, S.105). Es handelt sich dabei einerseits darum die Kriterien zu interpretieren um ein Kindesverschwinden so umfassend wie möglich zu definieren, indem Zusammenhänge zwischen den Phänomenen hergestellt werden, die bis dahin noch getrennt wurden. Andererseits muss jenen bewiesen werden, die meinen, dass eine Flucht oder eine elterliche Kindeswegnahme noch harmlose Formen des Kindesverschwindens sind, dass die betroffenen Kinder tatsächlich gravierenden Risiken von Misshandlung und Ausbeutung ausgesetzt sind.

Anfang der 80er Jahre, ohne Studien zum Phänomen und Vergleichskriterien zum Reflektieren eben dieser, basierte das Plädoyer auf den Zeugenaussagen  der Eltern der vermissten und brutal ermordeten Kinder durch Unbekannte. Auch wenn diese Fälle eher selten vorkommen – findet sich an erster Stelle das Davonlaufen, gefolgt von elterlichen Kindesentführungen  -, hat die Dramatisierung der Probleme  die Macht Kritik zu entkräften. Diese Strategie endet schnell in der Unterzeichnung des Missing Children´s Act (1982) und des Missing Children Assitance Act (1984), welche insbesondere von dem Präsidenten Ronald Reagan unterstützt wurden. Diese legislative Handlung stellt in 1984 die Basis für die Einführung eines nationalen Zentrum für die Unterstützung der Behörden in der Suche von vermissten Kindern und im Kampf gegen die sexuelle Ausbeutung von Kindern: National Center for Missing and Exploited Children (NCMEC). Dank der stetigen Hilfe durch die Regierung  und der Unterstützung mächtiger privater Spender, darunter Google, Honeywell und die Microsoft Corporation, kann das NCMEC heute  ein weitreichendes Netzwerk an Organisationen, die in den USA aktiv sind im Bereich der vermissten Kinder, vorweisen. Es ist zudem ein internationales Modell in diesem Arbeitsfeld.

(1)   Michele Poretti (2016), Anstieg der „vermissten Kinder“ in die westliche Agenda. Studie zu einer neuen Grenze des Unzumutbaren, Frontières, 27(1-2), online: : http://www.erudit.org/fr/revues/fr/2015-v27-n1-2-fr02596/1037079ar/

Frankreichs Plan im Kampf gegen die Gewalt an Kindern 2017-2019

20 März 2017

Gewalt an Kindern : Als Antwort auf die Empfehlungen des Kinderrechtekomitees an Frankreich im Januar 2016 und hinsichtlich der traurigen Feststellung der Zahlen[1] hat Frankreich beschlossen zu handeln.

Am 1. März 2017 hat die französische Ministerin für Familie, Kindheit und Frauenrechte den interministeriellen Plan „zur Mobilisierung und zum Kampf gegen die Gewalt an Kindern“ vorgestellt. Dieser ist auf drei Jahre (2017-2019) angesetzt und soll nach Auffassung der Ministerin „eine Erkenntnis zur Folge haben und Lösungen vorgeben, damit jegliche Form von Gewalt in der Familie (physisch, psychologisch, sexuell oder vernachlässigend) verhindert werden kann“.

Es handelt sich dabei um einen 4-Achsen-Plan, der folgendes betrifft:

-          Verbesserung der Kenntnis und des Verständnisses für die Mechanismen von Gewalt; die Optimierung der Statistiken bezüglich der kindlichen Misshandlung und eine nachhaltige Verankerung pro Jahr. Mehrere staatliche Organismen sind eingebunden. Die erhaltenen Daten werden für wissenschaftliche Forschungen genutzt, damit die Kenntnis des Problems verbessert wird und adaptierte Lösungen freigelegt werden können.

-          Sensibilisierung und Prävention; bereits seit 2016 wird eine Broschüre an werdende und neue Eltern herausgegeben, welche verschiedene Themen aufgreift. Insbesondere zur gewaltfreien Erziehung. Diese Broschüre wird durch eine weitere ergänzt für Eltern von Kindern zwischen 12 und 14 Jahren. Eine besondere Aufmerksamkeit wird dem Kampf gegen sexuelle Gewalt und dem Schütteltrauma Syndrom geschenkt.

-          Bildung um besser zu erkennen; Professionelle in Kontakt mit Kindern werden zu den Anzeichen von Misshandlungen und der Auswirkung häuslicher Gewalt auf das Kind geschult.

-          Begleitung von Kindern, die Opfer von Gewalt wurden; indem bestehende Mittel, wie etwa die grünen Nummern, stärker gefördert werden und indem die Entwicklung von Assistenzpersonen zur Anhörung von Kindern, die Opfer von Gewalt wurden, gefördert wird. Sowie durch die Weiterbildung von Fachkräften und der Erarbeitung eines nationalen Protokolls hinsichtlich der Äußerungen des Kindes.

Das Kinderrechtekomitee (CRC/C/CHE/CO/2-4) hat der Schweiz im Februar 2015 ähnliche Empfehlungen zukommen lassen: „die Einrichtung einer globalen Strategie zur Prävention dieser Form von Gewalt und zum Eingreifen in Fällen von Misshandlung“, durch eine wirkliche Kenntnisnahme der Problematik, welche auf nationalen und jährlichen Statistiken basiert und wissenschaftliche Forschungen unterstützt.

Clara Balestra, 14.03.17


[1] „Folglich einer Studie durch den Verein „La Voix De l´Enfant“ von Mars bis September 2016, wird angenommen, dass zwei bis drei Kinder wöchentlich an den Folgen von Misshandlungen sterben. Der Misshandlung von Kindern, welche in jedem sozialen Milieu vorhanden ist, fehlt es schlicht an offiziellen Statistiken.“ http://www.podcastjournal.net/Plan-de-lutte-contre-les-violences-faites-aux-enfants-en-France_a23717.html

Sexueller Missbrauch an Kindern: Schützt Sprechen? Ist es unerlässlich für den Heilungsprozess?

23 Februar 2017

Die Stille von missbrauchten Kindern ist ein komplexes Phänomen, das behandelt werden muss. Die Aufdeckung dieser Situationen ist ein Schutzelement des Kindes, das Gewalt erfahren hat. Sie darf nicht mit dem Reden um jeden Preis in einer therapeutischen Maßnahme mit einem Kind das sexuell genötigt wurde, verwechselt werden.

„Solange man diese Gewalt des sexuellen Missbrauchs nicht kennt, kann man sie auch nicht bekämpfen“ (de Lajudie)

Die Realität konfrontiert uns aber mit einer Mauer des Schweigens, welche die Opfer nach einem Missbrauch aufbauen: „In dem Moment, indem sie sexuelle Gewalt erleben, beginnen 56% der Opfer“ mit dem Schweigen. Diese Stille kann von Dauer oder aber nur eine Phase sein. „Ein Kind, dass über seine sexuelle Nötigung spricht, ist ein Kind dessen sich der Bedeutung eines Geheimnisses nicht oder nicht mehr bewusst ist. De Lajudie gibt das Beispiel eines Kindes, welches sich der Gewalt dieser Verhältnisse erst durch Programme zur sexuellen Erziehung bewusst wird.

Von dieser Idee ausgehend ist „die Kenntnis der verschiedene Gründe, weshalb ein Kind lieber schweigt (…) notwendig, wenn man die Form der sexuellen Gewalt herausfinden möchte und sie somit früh genug stoppen kann“. Also hat de Lajudie die Hintergründe des Schweigens bei 69 Kindern und Jugendlichen, die sexuell missbraucht wurden, untersucht und stellt Elemente aus dem Erlebten der Kinder vor. So schlägt sie 3 Faktorkategorien vor:

  1.  Faktoren zu der Abhängigkeit des Kindes: seine Persönlichkeit, seine vorherigen Erfahrungen, sein Entwicklungsstand; seine Unwissenheit zur Sexualität, welche dazu führt, dass es erst spät erfährt, dass das was es erfahren hat schlecht ist (die Erkenntnisgewinnung kann sich über 10-20-30 Jahre hinziehen; seine Kommunikationsmöglichkeiten und seine Öffnungen gegenüber Erwachsenen; das Vergessen, welches bei solchen Erlebnissen einsetzt; Gefühle von Verantwortlichkeit und Schuld; „die Angst der Demütigung, Stigmatisierung, von nun an nur noch das missbrauchte Kind für andere zu sein!“;
  2. Faktoren in Zusammenhang mit den Misshandlungsmomenten und dem Misshandelnden: die vorherige Bindung zum Täter; die Nötigung und Erpressung; die Angst davor, dass der Täter seine Erpressungen in die Tat umsetzt bedrängt das Kind und fördert sein Schweigen: Drohung die Mutter zu töten, sich zu töten oder das Kind zu verlassen…“;der Druck der Gefühle, denn die Situation ist zu verworren um darüber reden zu können; die Geschenke oder Privilegien, die Verführung, die Lüge (der Täter tut so als wäre der Missbrauch normal und lässt das Kind denken, dass es selbst dafür verantwortlich ist), das Mitleid,… von Seiten des Täters;
  3. Faktoren im Zusammenhang mit dem Umfeld des Kindes und wie es dieses empfindet: „die Qualität des unterstützenden Umfeldes fließt nur indirekt in die Situation mit ein, je nachdem wie das Kind diese wahrnimmt und wie es glaubt, wie seine Umgebung auf das Erlebte reagieren würde.“; wenn die Familie andere Probleme hat, möchte das Kind nicht noch eines hinzufügen; es möchte seine familiäre Umgebung vor dem Horror bewahren und schweigt um sie zu schützen; die Angst davor, dass die Erwachsenen seine Enthüllungen nicht ernst nehmen; die Angst vor einer Überreaktion seiner Eltern „Um sich jemandem anzuvertrauen, braucht es eine Person, die nicht nur das Erlebte glaubt, sondern von der das Kind auch erwarten kann, dass sie es immer noch als „menschliches Wesen“ wahrnimmt indem sie es in den Kontext der Handlung setzt und nur dort als Opfer sieht“;…

Die Stille von missbrauchten Kindern ist ein komplexes Phänomen, das behandelt werden muss. Die Aufdeckung dieser Situationen ist ein Schutzelement des Kindes, das Gewalt erfahren hat. Sie darf nicht mit dem Reden um jeden Preis in einer therapeutischen Maßnahme mit einem Kind das sexuell genötigt wurde, verwechselt werden.

Tatsächlich hinterfragen Van Gijseghem und Gauthier die Ergebnisse zweier Studien, welche den therapeutischen Wert des Redens in Frage stellen. Sie unterstreichen die Notwendigkeit der Aufdeckung, da diese die Missbräuche beenden und somit das Kind schützen kann. Sie hinterfragen allerdings das Reden um jeden Preis als für die Heilung notwendige therapeutische Maßnahme.

Sie sagen, „nach der Enthüllung, hat die intervenierende Person zuallererst und vor allem den Bedürfnissen des Kindes zuzuhören. Die Gefahr besteht darin, dass der Intervent vor allen Dingen glaubt, das Kind zu kennen, nicht nur als Individuum, sondern als Teil einer Kategorie: „Die Kinder der Schande“.“

Ähnliche Befürchtungen werden 20 Jahre später von Bullens angeführt: „Ein Kind, dass kommuniziere würde als „geheilt“ angesehen werden, da es sich von seinen Sorgen befreien konnte. Jene, die mysteriös bleiben sind daher noch nicht geheilt und hochgradig traumatisiert. Wir möchten dieser Lektüre einen Haken verpassen auch wenn sie teilweise wahrheitsgemäß ist, kann sie sich, unserer Meinung nach, als nachteilig erweisen, wenn sie nicht reflektiert genutzt wird.“ (2010)

Daher also Ja zum Sprechen, aber als Schutzinstrument und nicht als alleinige therapeutische Waffe wenn es um sexuellen Missbrauch geht. Den Bedürfnissen jedes einzelnen Kindes muss zugehört werden.

Clara Balestra, 23.02.17

Referat :

Martine de Lajudie (1996), «Le secret et l’enfant victime de maltraitance sexuelle», in «Reflets : revue d’intervention sociale et communautaire», vol. 2, n° 1, 1996, p. 69-95.

Jean-Paul Mugnier (2010) «D’un silence partagé à un récit mis en commun : de la nécessité de bien pouvoir se raconter», in Loyautés familiales et éthique en psychothérapie, Cahiers critiques de thérapie familiale et de pratiques de réseaux, 2010/1 (n° 44), p. 79-

Hubert Van Gijseghem et Louisiane Gauthier (1992), «De la psychothérapie de l’enfant incestué : les dangers d’un viol psychique», in Santé mentale au Québec, vol. 17, n° 1, 1992, p. 19-30.

Quentin Bullens (2010), «Les remparts de l’intime : hypothèse sur les non-dits dans le processus de (méta-)révélation chez l’enfant victime d’abus sexuel», in CAIRN, p. 431-452

Welche Menschenrechtsverträge hat die Schweiz Ende 2016 ratifiziert?

6 Februar 2017

Im Dezember 2016 hat die Schweiz zwei weitere Schritte hin zur vollständigen Anerkennung der Kern-Menschenrechtsübereinkommen der UNO gemacht.

Editorial von humanrights.ch, 03.01.17

Im Dezember 2016 hat die Schweiz zwei weitere Schritte hin zur vollständigen Anerkennung der Kern-Menschenrechtsübereinkommen der UNO gemacht. Mit Datum vom 2. Dezember 2016 hat sie das Internationale Übereinkommen zum Schutz aller Personen vor dem Verschwindenlassen von 2006 ratifiziert. Von den 9 Kern-Menschenrechtsübereinkommen der UNO hat sie damit ausser der Wanderarbeitnehmerkonvention von 1990 alle anerkannt.

In der Wintersession 2016 hat das eidgenössische Parlament sodann das 3. Fakultativprotokoll zur Kinderrechtskonvention von 2011 genehmigt. Dieses sieht ein Individualverfahren vor, welches es erlaubt, sich im Falle der Verletzung einzelner Rechte der Konvention sowie der beiden Zusatzprotokolle von 2000 mit einer Klage an den Ausschuss für die Rechte des Kindes (CRC) zu wenden.

Der Kernbestand der Menschenrechtsübereinkommen der UNO setzt sich aus 18 Rechtsakten zusammen (9 Kern-Menschenrechtsübereinkommen und 9 dazugehörende Fakultativprotokolle). Von diesen Übereinkommen wird die Schweiz, sobald sie die Ratifizierung des 3. Fakultativprotokolls zur Kinderrechtskonvention vorgenommen hat, 13 ratifiziert haben.

Überblick über den Stand der Ratifizierung der Menschenrechtsverträge durch die Schweiz

Einen aktualisierten Überblick über die wichtigsten Menschenrechtsverträge auf Uno- und Europaratsebene und den Stand deren Ratifizierung durch die Schweiz findet sich unter folgenden Links:

Für oder gegen Prügel?

23 Januar 2017

Zusammenfassend denke ich, dass es nichts bringt zu prügeln und dass ihr dem Kind etwas verbieten könnt als Bestrafung.

Von Sakura*, einer Schülerin in der 7H (5P), Grundschule, Wallis, Dezember 2016

In den letzten Wochen verbreitet sich der Tratsch. Ein Psychologe sagt, dass Prügel Kindern nicht schadet.

Ich bin gegen Prügel, weil: Erstens bringt es nichts durch Gewalt etwas zu lernen. Erwachsene erzählen Kindern oft, dass Gewalt keine Probleme löst. Stellt euch an ihre Stelle, ihr wärt sicher nicht zufrieden.

Ihr könnt normale Bestrafungen geben, wie dreimal die Seite eines Buches abzuschreiben. Etwas das ihnen nicht weh tut körperlich oder geistig.

Schließlich kann ein Erwachsener, der viel stärker ist als ein Kind, diesem sehr wehtun. Ihr könnt ihm etwas verbieten als Bestrafung.

Zusammenfassend denke ich, dass es nichts bringt zu prügeln und dass ihr dem Kind etwas verbieten könnt als Bestrafung.

*Pseudonym

Lesen auch :

Eine Tracht Prügel um Aufmerksamkeit zu erregen, blog FSO, 22.11.2016

Der Zugang zur Justiz gestaltet sich für Kinder

5 Dezember 2016

16.3626 Motion. RK-N. Konkreter Aktionsplan für den Schutz vor Diskriminierung

Inhalt Der Bundesrat wird ersucht, auf der Grundlage des Berichts und der Empfehlungen der Studie «Zugang zur Justiz in Diskriminierungsfällen» des Schweizerischen Kompetenzzentrums für Menschenrechte (SKMR) einen konkreten Aktionsplan zur Behebung der in dieser Studie aufgezeigten Mängel auszuarbeiten.

Auszüge aus dem Wintersession 2016 : Empfehlungen von Kinderschutz Schweiz, S. 6

Empfehlung Kinderschutz Schweiz empfiehlt Annahme der Motion.

Begrundung Der Zugang zur Justiz gestaltet sich für Minderheiten, die von Diskriminierung betroffen sind, ungemein schwierig. Handelt es sich dabei um Kinder, ist die Chance, dass sie wirksame Rechtsbehelfe nutzen können und eine angemessene Rechtsvertretung im Verfahren haben, noch kleiner. Für Kinderschutz Schweiz ist es von grosser Bedeutung, dass das Recht auf Schutz vor Diskriminierung (Art. 2 UNO-KRK) in der Schweizer Gesetzgebung verankert ist. Nun geht es darum, den Betroffenen den Zugang zur Justiz zu erleichtern, insbesondere für die Kinder. Durch einen konkreten Aktionsplan zum Schutz vor Diskriminierung kann den hindernden Elementen entgegengewirkt werden, die dazu führen, dass Art. 261bis StGB nur selten zur Anwendung kommt. Besonders zu erwähnen ist das Beschwerderecht von Minderheitenorganisationen (15.460), das unbedingt in den Aktionsplan miteinfliessen soll