Archive pour la catégorie ‘Veröffentlichungen’

Die Zeitung von unbegleitete Minderjährige « Ma voix pour toi »

12 Januar 2016

Im vergangenen November organisierte die Schweizerische Stiftung des Internationalen Sozialdienstes (SSI) einen Workshop für unbegleitete Minderjährige (MNA) mit dem Ziel, die zweite Nummer der Zeitung « Ma voix pour toi » herauszugeben, die voll und ganz diesen jungen Menschen gewidmet ist.

Artikel von SSI, Dezember 2015

Die aktuelle Migrationskrise hat zur Folge, dass immer mehr Kinder ohne elterlichen Schutz in der Schweiz ankommen. Diesen unbegleiteten Minderjährigen muss besondere Aufmerksamkeit zuteil werden, denn es fehlt ihnen oft an kulturellen und familiären Bezugspunkten, sie verfügen vielfach nur über unzulängliche Informationen, was ihren Aufenthalt in der Schweiz betrifft und leben ausserdem oft in grosser Isolation – Umstände, die ihr Wohlbefinden und ihre Entwicklung gefährden.

15 UMA aus den verschiedensten Ländern (Afghanistan, Tunesien, Gambia, Senegal, Eritrea, Guinea-Conakry, Syrien, Somalia und Irak) nahmen am Workshop teil und befassten sich in Gruppen intensiv mit dem Thema „Berufliche Ausbildung“.

Die Jugendlichen erzählen, wie sie heute leben und von welchem Beruf sie als Kind träumten. Sie vergleichen ihr Leben in der Schweiz mit dem Alltag in ihrem Herkunftsland und beschreiben die damit verbundenen Schwierigkeiten. Ihre Geschichten sind mal hoffnungsvoll, mal voller Enttäuschung, trotz allem aber immer von Optimismus geprägt.

Abel (Name geändert) aus Tunesien: „Ich war überrascht, dass die Schule in der Schweiz schon mit 15 Jahren abgeschlossen wird. Ich dachte, dies sei erst mit 18 Jahren der Fall wie in Tunesien. Es ist schwieriger, man muss eine Stelle suchen…aber man kann früher zu arbeiten beginnen und Geld verdienen. So wird man finanziell selbstständig und ist nicht auf die Sozialhilfe angewiesen.“

Die nächste Nummer zum Thema „Bezugspersonen für UMA“ wird im Sommer 2016 erscheinen.

„Gemeinsames Sorgerecht – und die Rechte der Kinder ?“

15 Dezember 2015

“Die zunehmende Praxis des alternierenden Sorgerechts, die Ermunterung zur Mediation und transnationale Aspekte des gemeinsamen Sorgerechts bei Umzügen ins Ausland haben dabei eine wesentliche Rolle gespielt. Das Thema scheint umso wichtiger, da in der Schweiz Scheidungen die Norm ausmachen und jährlich 12 bis 15.000 Kinder von einer binationalen Scheidung betroffen sind.”

Von Marie-Thérèse Maruri, Institut international des Droits de l’Enfant, 15.12.15

Anlässlich des Jahrestages der Kinderrechtskonvention haben das IDE, das SSI und die CLPPJ (1) einen Reflexionstag dem Thema „ Gemeinsames Sorgerecht- und die Rechte der Kinder?“ gewidmet. Dieses Ereignis konnte durch einen multidisziplinären Ansatz, indem es unterschiedliche Fachkräfte zusammengebracht hat – Psychologen, Therapeuten, Juristen, Mediatoren, Politiker etc.- eine erste Bilanz zur Umsetzung des Gesetzes vom 1. Juli 2014 zum gemeinsamen Sorgerecht und zu seinen Auswirkungen auf das Kindeswohl ziehen.

Die zunehmende Praxis des alternierenden Sorgerechts, die Ermunterung zur Mediation und transnationale Aspekte des gemeinsamen Sorgerechts bei Umzügen ins Ausland haben dabei eine wesentliche Rolle gespielt. Das Thema scheint umso wichtiger, da in der Schweiz Scheidungen die Norm ausmachen und jährlich 12 bis 15.000 Kinder von einer binationalen Scheidung betroffen sind (2).

Aus psychosozialer Sicht ist man jedoch geteilter Meinung zum gemeinsamem und dem abwechselndem Sorgerecht. Eine Co-Elternschaft gilt dann als Erfolg, wenn die Aufgaben, die Betreuung und Erziehung des Kindes im täglichen Leben gleichgerecht aufgeteilt werden. Die Mediation und /oder eine Familientherapie sind sinnvoll, um Orte des Vertrauens zu schaffen, in welchen die Familie ihre Leiden und Ängste abarbeiten können.

Diese Momente ermöglichen es insbesondere ein Ambiente zu schaffen, welches den Dialog und die Kollaboration, beides Schlüsselelemente für dauerhafte Lösungen, fördert. Im Falle einer abwechselnden Führsorge, bei welcher die Ideologie der Teilhabe beider Elternteile so gut wie möglich verankert sein sollte, darf die Meinung des Kindes nicht aus den Augen verloren werden. Diese Form der Vereinbarung sollte nach dem kognitiven und affektiven Entwicklungsstadium sowie der Persönlichkeit des Kindes verhandelt werden und aber auch hinsichtlich des einzigartigen Charakters jeder einzelner Familie. Es ist empfohlen, das letztere mit Hilfe von Fachkräften eine klare und flexible Struktur findet, welche ihren Bedürfnissen entspricht und im Interesse aller ist.

Aus juristischer Sicht erleben wir einen Paradigmenwechsel, nicht ohne Konsequenzen, bei dem wir uns fragen, ob es für das Kindeswohl (ausschließlich) eine Vergabe des Sorgerechts an einen alleinigen Elternteil braucht. Obwohl das gemeinsame Sorgerecht ein gutes Zeichen gegenüber dem Kindeswohl und der Gleichberechtigung zwischen den Eltern sei, wurde angemerkt, dass diese Form des Sorgerechts Rechtsunsicherheiten, sowohl in der Interpretation als auch in der Anwendung, mit sich bringt (3). Mehrmals, insbesondere für verheiratete Eltern, kann angemerkt werden, dass die zuständige Behörde sich damit begnügt den Aussagen der Eltern, hinsichtlich ihrer Möglichkeit zur Ausführung der gemeinsamen Führsorge, zu vertrauen. Wie steht es mit dem Kindeswohl?

Eine schnellere Verweisung – oder Vermahnung- zu einer Mediation, außerhalb der potentiellen juristischen Prozesse für die Eltern, hat bisher, zu einem generellen Konsens der Teilnehmer geführt. Zudem wird von den Mediatoren eine stärkere Ausbildung zu diesen neuen Herausforderungen verlangt.

Bezüglich des Rechts zur Aufenthaltsbestimmung des Kindes, welches zurzeit an das Sorgerecht gebunden ist, sei anzumerken, dass im Rahmen eines Umzugs verschiedene legitime Interessen –der Eltern und des Kindes- aufeinandertreffen und der positive oder negative Beschluss eines Umzugs der führsorgeberechtigten Person stark vom Wohl des Kindes abhängt. Die Entscheidung der Behörden bezüglich einer Kindesverbringung sollte zwischen einem restriktiven und liberalen Ansatz liegen (vgl. Berner Gerichtsbeschluss (4)).

Auf jeden Fall muss der Anpassung der Sorgerechtregelung (5) – sprich den praktischen Aspekten – bei den Eltern vor Umzug besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden. Es ist wichtig, dass sich die Eltern, wenn möglich bereits frühzeitig, über diese wichtigen Elemente einig sind. Zusätzlich ist die Meinung des Kindes ein wichtiger Indikator für die beschlussgebende Behörde. Das ISS merkt an, dass es an einer Familienbetreuung fehlt. Es wäre daher sinnvoll, wenn das Gesetz regelmäßige Evaluationen nach dem Entscheid vorsehen würde, damit insbesondere einer nachträglichen Verbringung des Kindes durch einen verletzten Elternteil entgegengearbeitet werden kann.

Angesichts einer mageren Rechtsprechung, welche sich eher rückentwickelt und bei der die finanziellen Aspekte sowie die Koordination des Einzelnen nur schwach hervorgehoben werden, lässt die Gesetzesrevision zum gemeinsamen Sorgerecht Fragen offen. In der Zwischenzeit kann den Familien am besten geholfen werden, wenn in die Prävention und die Kollaboration von Fachkräften investiert wird.

Photo : © patrick jourdheuille, Flickr/Creative Commons

(1) Internationales Institut der Kinderrechte, Sarah Oberson Stiftung, die Schweizerische Stiftung des Internationalen Sozialdienstes und die lateinische Konferenz der Jugendschutzbehörden

(2) ZGB 298c und ZGB 298a I, ZGB 298a II, ZGB 301 al. 1bis

(3) 5A_ 985/2014 ; 5A_267/2015 /Nr. 14 Obergericht des Kantons Bern, Entscheid vom 26. Mai 2014 i.S. V. gegen M. – 2013-8365

(4) Données tirées de l’Office Fédérale de la Statistique.

(5) Article 301a al.5 Code Civil Suisse.

Armut – Realisierte Maßnahmen und ihre Wirkung: Die Erfahrung des ATD Vierte Welt

30 November 2015

Armut  “Der Knotenpunkt ist es eine Hilfe zu etablieren, die von oben nach unten agiert, vom kompetenten Fachpersonal zum Geschwächten ohne Stimme” (1)

Auszüge aus der Präsentation von Pascale Byrne-Sutton (Gesamttext, französich), Präsidentin des ATD Vierte Welt Schweiz Komitees im Rahmen des Diskussionssoirées „Armut und Kindheit in der Schweiz“, welcher am 11. November 2015 von der Sarah Oberson Stiftung in Saxon, Wallis, organisiert wurde.

„Die Bewegung der ATD Vierte Welt, eine von er UNO anerkannte NGO, ist ein Netzwerk aus Personen, welche sich in der Art und Weise vereinen lassen (…) wie sie Menschen in Armut betrachten und daran glauben, dass es möglich ist (…) miteinander zu arbeiten und vom anderen zu lernen. ATD ist in 34 Ländern auf allen Kontinenten vertreten. (…)

Ursprünglich in einem Armenviertel bei Noisy-le-Grand in Frankreich gegründet, entstehen aus der Bewegung heraus konkrete Projekte für Kinder und Familien: ein Kindergarten und eine Bibliothek, denn ʻes sind nicht immer notzwingend Essen und Kleidung welche die Menschen brauchen, sondern Würde, eben nicht mehr vom Wohlwollen der anderen abhängig zu seinʼ.(2)“

Frau Byrne-Sutton hebt verschiedene Problematiken hervor:

-          Die Arbeitsbedingungen in den Bereichen der Sozialhilfe: „ Das Konfliktproblem im Bereich der Sozialhilfe ist der stetige Anstieg der Kosten. (…) Um mit den Kosten zu haushalten, multipliziert man die Verfahren und die administrativen Formulare, man taktet die Interventionen der Sozialarbeiter minutiös und verlangt von ihnen nicht mehr zu den Familien zu fahren, denn dadurch könnte Zeit verloren gehen. (…) Wir müssen uns auch für den Personalwechsel in den sozialen Diensten und deren Arbeitsbedingungen interessieren, damit wir sie in Zusammenhang bringen können mit der Wirkung der Sozialarbeit in der Realität.“

-          Platzierungen von Pflegekindern: „… in der Arbeit von ATD Vierte Welt, sowohl in der Schweiz als auch weltweit, stellen wir fest, dass eine Konzeption des 19. Jahrhunderts, welche den Kreislauf der Armut durch Trennung der Kinder von ihren Eltern durchbrechen sollte,  trotz der Entwicklung der internationalen Rechtslage und professioneller Praktiken, für die Ärmsten weiterhin gilt.“

-          Der Schulabbruch: „… die Anzahl der Spezialisten jeglicher Art, zu welchen sich die Kinder während ihrer Schulzeiten für nur kurzweilige Treffen begeben müssen, sollte reduziert werden. (…) Ich kenne Fälle oder Treffen (…) bei denen bis zu 12 Fachkräfte und /oder Spezialisten aus verschiedenen Strukturen zusammen kamen, ohne das die betroffenen Personen auch nur miteinbezogen wurden und demnach auch nicht auf eine einstimmige Lösung hingearbeitet werden konnte.“

Als Lösung schlägt sie einen Paradigmenwechsel vor:

„Gegen die Armut anzukämpfen ist ganz sicher nicht einfach. Aber ich bin der Überzeugung, dass ein solcher Kampf auf koordinierte Art und Weise auf Bundesebene dekliniert werden sollte und in Bezug auf die Kantone und Kommunen gebracht werden muss. Die Koordination sollte sich auf verschiedene öffentliche und halböffentliche Partner erstrecken, die Beteiligung von Vereinen und  vor allen Dingen die effektive Beteiligung von Sozialhilfeempfängern beinhalten.“

„Um diesen Kreislauf zu durchbrechen bitten betroffenen Personen und Familien darum, als Teil der erarbeiteten Lösungen erkannt und wahrgenommen zu werden. Und daher nicht nur „betreut“ zu werden, sondern unterstützt bei ihren Projekten. Dies setzt voraus, dass in den Dialog und die Bildung eines adäquaten Wissens auf Grundlage adäquater Maßnahmen investiert werden muss.“

(1)   Jean-Claude Metraux, Kinderpsychologe in Lausanne, LE TEMPS, 29.11.2011.

(2)   Nach Joseph Wresinzski, Gründer der Bewegung

Gemeinsames Sorgerecht und Kinderrechte

17 November 2015

Im Rahmen eines Kolloquiums am 20. November in Genf, wollen das IDE und die Schweizerische Stiftung des internationalen Sozialdienstes (SSI) einen genaueren Blick darauf werfen, welche Bilanz aus Sicht der Kinderrechte gezogen werden kann. Dafür vereinigen sie Verantwortliche des Kindesschutzes aus der Westschweiz, Psychologen, Richter, Therapeuten, Mediatoren, Universitätsprofessoren sowie einen an der Gesetzgebung beteiligten Politiker.

Editorial, von Stephan Auerbach (Transnationale Dienste – SSI), den 4. November 2015, in IDE website

Seit dem 1. Juli 2014 ist die gemeinsame elterliche Sorge zur geltenden Regel in der Schweiz geworden. Unverheiratete, verheiratete, getrennte oder geschiedene Eltern haben seither im Allgemeinen gemeinsam Verantwortung für ihre Kinder zu tragen. Die Öffentlichkeit begrüßt die gemeinsame elterliche Sorge, präsentiert sie immerhin einen Fortschritt für die Vater- und Kinderrechte.

Im Rahmen eines Kolloquiums am 20. November in Genf, wollen das IDE und die Schweizerische Stiftung des internationalen Sozialdienstes (SSI) einen genaueren Blick darauf werfen, welche Bilanz aus Sicht der Kinderrechte gezogen werden kann. Dafür vereinigen sie Verantwortliche des Kindesschutzes aus der Westschweiz, Psychologen, Richter, Therapeuten, Mediatoren, Universitätsprofessoren sowie einen an der Gesetzgebung beteiligten Politiker.

Denn es stellen sich zahlreiche heikle Fragen. Für eine Mehrzahl der Bevölkerung und manchmal selbst für Experten sind die Paragrafen des gemeinsamen Sorgerechts nicht eindeutig. Teilweise mit dem abwechselnden Sorgerecht oder dem geteilten Sorgerecht verwechselt, wird sie noch zu oft als Waffe gegen den anderen Elternteil verstanden.

Am 27. August 2015 hat das Bundesgericht (BG) eine Grundsatzentscheidung bezüglich der Zuteilungs- und Aufhebungskriterien der gemeinsamen elterlichen Sorge (ATF 5A_923/2014) getroffen. Begrüßt durch die einen, da es doch das Kind in den Mittelpunkt der Thematik rückt, wird es von anderen als ein unglücklicher Rückschritt beschrieben. Tatsächlich, so präzisiert das BG, ist das gemeinsame Sorgerecht inkompatibel mit einem andauernden elterlichen Konflikt. Es empfiehlt in einem solchen Fall, und zum Schutz des Kindes, das Sorgerecht einem Elternteil zuzuteilen.

Eine weitere aktuelle Frage stellt sich rund um das abwechselnde Sorgerecht: Sollte es per Gesetz gefördert werden, wie es das Postulat Vogler vom 23. Januar 2015 verlangt? Wenn ja, welche Kriterien sollten berücksichtigt werden, um abzusichern, dass die Interessen und Bedürfnisse des Kindes über denen der Eltern stehen? Ab welchem Alter und in welchen familiären Situationen kann das abwechselnde Sorgerecht eine optimale Lösung für das Kind sein und wann kann sie problematisch sein, wenn nicht sogar schädlich für das Kind? Welche Erfahrungen konnten in anderen Ländern gemacht werden (insbesondere Frankreich und Belgien)? Sollte ein Richter das abwechselnde Sorgerecht einem sich in Streit befindenden Elternpaar „aufzwingen“ oder sollte er das „Veto“ eines Elternteils berücksichtigen?

Zusätzlich beinhaltet das neue gemeinsame Sorgerecht auch wichtige Auswirkungen auf binationale Paare und alle jene (selbst Schweiz-Schweizer Paare), die eine Ausreise ins Ausland nach der Trennung geplant haben. Seit dem 1. Juli 2014 ist der Umzug in die Schweiz (in bestimmten Fällen) und ins Ausland durch beide Eltern bewilligungspflichtig (neuer Art. 301a Zivilgesetzbuch) und kann als Entführung des Kindes durch einen Elternteil angesehen und dadurch auch als Straftat betrachtet werden. Wie kann man also zu einer Übereinkunft kommen, wenn die Zeit drängt? Welche Rolle spielen die Richter und Mediatoren? Nach welchen Kriterien entscheiden die Richter? Das Team aus der Abteilung Länderübergreifende Dienste des SSI wird Fälle aufzeigen, in denen der transnationale Aspekt stärker berücksichtig hätte werden müssen, um die Interessen der Kinder zu wahren und die Bindung zu beiden Elternteilen zu sichern.

Bild: Petr Dosek, 2013, flickr/creative commons

Migrationskrise: und die Kinder?

20 Oktober 2015

Alle von der Flüchtlingskrise betroffenen Länder haben das Übereinkommen über die Rechte des Kindes ratifiziert. Dieses Übereinkommen sieht vor, dass die Kinder von Flüchtlingen und nichtbegleitete Minderjährige eben wie Kinder behandelt werden und nicht wie Flüchtlinge oder Migranten, welche von den verschiedenen nationalen Gesetzgebungen anders behandelt werden. Dies darf nicht ausser Acht gelassen werden, sobald wir, eines Tages, die aktuellen Fragen der „Flüchtlingskrise“ systematisch beurteilen können.

Editorial, von Daniel Stoecklin, von Institut international des Droits de l’Enfant 15. Oktober 2015

Seit mehr als einem Monat wird bezüglich der Zahl, der Unterscheidung von Flüchtlingen und Migranten, der Migrationspolitik, der Geopolitik, sowie politischer und wirtschaftlicher Interessen von einer „Migrationskrise“ in Europa gesprochen. Doch über die Kinder, welche ins Exil flüchten, wird kaum ein Wort verloren: Wie viele sind es? Haben sie Zugang zu einer Schule? Zu medizinischer Versorgung? Welche Rechte werden ihnen tatsächlich garantiert? Die Antworten auf die Flüchtlingskrise befinden sich auch, und vielleicht auch vordergründig in den Antworten auf diese konkreten Fragen.

Zahlen

Gemäss dem Hohen Flüchtlingskommissariats der Vereinten Nationen (UNHCR) befinden sich 4 Millionen syrische Flüchtlinge in ihren Nachbarstaaten: fast 1.939.000 in der Türkei, 1.147.900 im Libanon, 628.900 in Jordanien, 248.500 im Irak und 132.400 in Ägypten. In der europäischen Union sind es insgesamt 332.400. Vor allem Deutschland hat die Flüchtlinge Anfangs mit offenen Armen aufgenommen, bevor dessen Flüchtlingspolitik strenger wurde. In den restlichen EU-Ländern zählt man insgesamt 96.400 Flüchtlinge. In der Schweiz schätzt Hans-Jürg Käser, Präsident der Konferenz der kantonalen Justiz- und Polizeidirektorinnen und direktoren, die Gesamtzahl im September auf 4000. Dies soll einen „Sprung“ von 500 verglichen mit dem vorgehenden Monat darstellen. Bis Jahresende sind 30.000 erwartet. Das Staatssekretariat für Migration plant unter anderem die Bereitstellung des Truppenlagers Glaubenberg (Obwald) als Bundesasylzentrum. Etienne Piget, Vizepräsident der Eidgenössischen Kommission für Migrationsfragen, hebt folgendes hervor: „Die Schweiz hat schon Erfahrung mit vergleichbaren Zuwanderungsströmen. Während dem Kosovokrieg, von 1998 bis 1999, hatten wir bis zu 40.000 Asylanträge pro Jahr, was die heutige Anzahl der Anträge bei weitem überstieg. Das Schicksal der Opfer bewegt uns und man vergisst schnell!“

Herausforderungen

Die Flüchtlinge werden jedoch fast überall als „die Geiseln innenpolitischer Herausforderungen“, wie es Hana Jaber im Falle von Jordanien und er Türkei unterstreicht, benutzt (Le Monde Diplomatique, Oktober 2015). Die Flüchtlingsströme könnten sogar zur politischen Herausforderung werden: am 6. Oktober hat der Fernsehsender Arte eine Reportage ausgestrahlt, in der die These vertreten wird, der türkische Präsident Erdogan hätte die Abwanderung von syrischen Flüchtlingen in europäisches Territorium erleichtert, um, dank dieses Druckmittels, Vorteile für sein Land eingeräumt zu bekommen. Man kann unter anderem an einen EU-Beitritt denken. Die makabren Geschäfte der Schleuser könnten unter Umständen durch kaltes geopolitisches Kalkül vereinfacht werden… Das UNHCR ruft dazu auf, die Flüchtlings- und Asylthematik nicht weiter zu politisieren und erinnert an die Risiken, welchen dem Krieg und der Verfolgung flüchtende Menschen ausgesetzt sind.

Alle von der Flüchtlingskrise betroffenen Länder haben das Übereinkommen über die Rechte des Kindes ratifiziert. Dieses Übereinkommen sieht vor, dass die Kinder von Flüchtlingen und nichtbegleitete Minderjährige eben wie Kinder behandelt werden und nicht wie Flüchtlinge oder Migranten, welche von den verschiedenen nationalen Gesetzgebungen anders behandelt werden. Dies darf nicht ausser Acht gelassen werden, sobald wir, eines Tages, die aktuellen Fragen der „Flüchtlingskrise“ systematisch beurteilen können.

Bild: Bör Benedek photo, September 2015, Röszke, Flickr/Creative Commons

Die Karawane der Kinderrechte

13 Oktober 2015

Die „Karawane der Kinderrechte“: diese unglaubliche Erfahrung hat es mir ermöglicht, trotz meiner Bedenken, da ich Praktikantin beim IDE bin und keine Ausbildung der Rechtswissenschaften habe, europäische und UN-Organisationen zu entdecken. Ich habe schnell verstanden, dass der Wissensgrad nicht ausschlaggebend ist, solange einen die Kinderrechte interessieren.

Reisebericht von Victoria Buchs, 30. September 2015

Die Teilnehmer kamen aus unterschiedlichen Bereichen und Ländern: Anwälte, Juristen, Sonderpädagogen aus der Schweiz, Belgien, Frankreich, Burkina Faso, Benin und DRK. Die Gruppe war schnell in Reisestimmung, was uns unglaubliche 7 Tage miteinander gebracht hat: ein volles Programm mit Momenten der Entspannung, mit spannenden Interventionen und guten Rednern.

Den ersten Tag haben wir in der Europäischen Kommission in Brüssel verbracht. Dort haben wir Vorträge zu den Kinderrechten und der Europäischen Charta, zu Kindern und die Justiz, zu EuropeAid, zu Roma und zum Menschenhandel sowie–verkauf gehört. Nach diesem inhaltsreichen Tag fallen wir erschöpft in unsere Betten und sind bereits auf dem Weg nach Strasbourg.

Dort angekommen haben wir die Möglichkeit einer Präsentation von ENOC beizuwohnen, einem Film über den Europarat zu schauen und weiteren Vorträgen zu lauschen, sowie Experten kennen zu lernen und Rundgänge zu machen: die Lanzarote Konvention, eine Koordinatorin des Kinderrechtebereichs, das Büro des Menschenrechte-Kommissars, der Ausschuss zur Verhütung von Folter und unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung oder Strafe (CPT), die Europäische Sozialcharta und zwei Mitglieder des Sekretariats der Zivilgesellschaft des Europarates. Tags darauf haben wir das Glück den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte zu besuchen, wo uns zwei Juristen die Aufgabe und die Funktionsweise dieser Institution erklären. Danach haben wir den Richter Lemmens, von Belgien gewählt, kennen gelernt, der uns von behandelten Fällen des EGH berichtete. Nachmittags haben wir die Themis Stiftung besucht. Eine Vereinigung, die Kindern und Jugendlichen hilft, ihre Rechte besser zu verstehen und einzufordern.

Am Samstag sind wir von Strasbourg Richtung Sitten aufgebrochen. Dort hörten wir zunächst eine Vorstellung des IDE und später eine Präsentation eines Gruppenmitglieds zum 3. Fakultativprotokoll der Kinderrechtekonvention. Sonntag war der Tag der „Entspannung“. Der Spaziergang im Wallis und Besuch von Weinkellern hat allen gefallen.

Die letzten zwei Tage der Reise verbrachten wir in Genf. Zuerst lauschten wir einer Intervention über Child Right Connect und dann durften wir dann an der Eröffnungssitzung des Kinderrechtekomitees teilnehmen. Am Nachmittag konnten wir der 30. Sitzung des Menschenrechterats beiwohnen. Bevor wir am nächsten Tag die beiden Experten des Kinderrechtekomitees Jorge Cardona und Renate Winter trafen, waren wir beim interaktiven Dialog zwischen dem Kinderrechtekomitee und den Vereinigten Arabischen Emiraten dabei. Außerdem haben wir an einem runden Tisch der NGO´s (Terre des Hommes, DCI und OMCT) teilgenommen. Am Ende des Tages haben sich unsere Wege getrennt, da die Karawane wieder ihre Fahrt gen Belgien aufnahm.

Die Vorträge, die mich am meisten begeisterten, waren die des CPT, da er mich sehr bewegt hat, und jener des Richter Lemmens, da wir durch die Beispiele die Rolle des EGH besser verstehen konnten.

Ich bedanke mich beim IDE dafür, dass sie es mir ermöglicht haben Teil dieser menschlichen Erfahrung zu sein und empfehle jedem daran teilzunehmen.

Den 10. September : Internationalen Tag der Suizidprävention

7 September 2015

“The Committee remains concerned about the high number of suicides among adolescents.

In the light of its general comment No. 4 (2003) on adolescent health, the Committee recommends that the State party expedite the adoption of the national action plan on the prevention of suicide, which should take into account the specific needs of children and adolescents, and ensure its effective implementation.”

Concluding Observations des UN-Kinderrechtsausschusses, 26.02.15, S.14

“Der Bund ist beauftragt einen Aktionsplan für die Suizidprävention in der Schweiz vorzulegen. Damit will er die Suizidraten in allen Altersgruppen reduzieren. Im jungen Erwachsenenalter ist z.B. fast jeder dritte Todesfall auf einen Suizid zurückzuführen.

Text erschienen auf der Website des Bundesamt für Gesundheit (BAG), aktualisiert am: 07.09.2015

Ausgangslage

2013 starben in der Schweiz 786 Männer und 284 Frauen durch Suizid (128 von15 bis 29 Jahre alt). Dies entspricht zwei bis drei Suiziden pro Tag.

Die Hauptverantwortung für die Suizidprävention liegt in der Schweiz bei den Kantonen. Einige Kantone haben in den letzten Jahren in die Suizidprävention investiert und neue Aktivitäten aufgegleist.

Der politische Druck, in der Suizidprävention auf nationaler Ebene aktiv zu werden hat in den vergangenen Jahren zugenommen. In der Folge wurde die Motion Ingold (11.3973) „Suizidprävention. Handlungsspielraum wirkungsvoller nutzen” vom Parlament 2014 angenommen. Damit ist der Bund (bzw. das Bundesamt für Gesundheit BAG) beauftragt „einen Aktionsplan zur Suizidprävention vorzulegen und umzusetzen, der bei den anerkannten Hauptrisiken Depressionen und soziale Isolation ansetzt”.

Das BAG übernimmt zusammen mit der Schweizerischen Konferenz der kantonalen Gesundheitsdirektorinnen und -direktoren GDK und der Stiftung Gesundheitsförderung Schweiz GFCH die Projektleitung für den «Aktionsplan Suizidprävention» – auch wenn Suizidprävention nicht alleine eine Angelegenheit des Gesundheitssektors ist. Die Erarbeitung des Aktionsplans wird vom Dialog Nationale Gesundheitspolitik gesteuert und getragen. Es wird ein partizipativer Ansatz verfolgt, d.h. alle wichtigen Akteure im Bereich der Suizidprävention werden in die Erarbeitung des Aktionsplans mit einbezogen. Die bereits laufenden Aktivitäten der nicht-staatlichen Akteure sowie der Gemeinden sollen dabei eingebunden werden, damit keine Doppelspurigkeiten aufgebaut werden.

Zielsetzung

Der „Aktionsplan Suizidprävention” verfolgt das Ziel, die Suizidrate in der Schweiz zu reduzieren. Dies bedarf wirksamer Interventionen, die einerseits auf die Allgemeinbevölkerung ausgerichtet sind, andererseits auf spezifische Bevölkerungsgruppen oder Individuen mit erhöhtem Suizidrisiko (z.B. psychisch Kranke, Menschen in akuten oder chronischen psychosozialen Krisen, Suchtkranke, Personen nach Suizidversuchen, Menschen in hohem Alter).

Stand der Dinge

Zwischen Herbst 2014 und Frühjahr 2015 wurden zu definierten Schwerpunktthemen Literaturrecherchen und gemeinsam mit Experten und Expertinnen Ist- und Soll-Analysen für die Suizidprävention in der Schweiz durchgeführt. Schwerpunktthemen waren:

- Primärprävention von Suizidalität: Förderung psychischer Gesundheit

- Sekundär- und Tertiärprävention bei Suizidalität: Früherkennung und Angebote im nicht-medizinischen und medizinischen Setting

- Prävention und Intervention von Vereinsamung

- Einschränkung der Verfügbarkeit tödlicher Mittel und Methoden

- Monitoring und Forschung

Gleichzeitig wurde in den Kantonen eine Befragung zur Suizidprävention durchgeführt. Die Ergebnisse aus den Arbeitsgruppen und aus der Befragung der Kantone wurden synthetisiert und in den Kontext anerkannter Modelle der Suizidprävention gestellt. Der Aktionsplan geht inhaltlich daher über die erwähnten Schwerpunktthemen hinaus und berücksichtigt z.B. auch die Medienberichterstattung über Suizide.

Nächste Schritte

Am 22. Oktober 2015 werden die bisher erarbeiteten Empfehlungen mit einem erweiterten Kreis an Akteuren in einem Workshop diskutiert. Voraussichtlich Ende 2016 wird der Aktionsplan vom Dialog Nationale Gesundheitspolitik verabschiedet werden können. Anschliessend folgt die Umsetzungsphase der geplanten Massnahmen.

Ausweitung des Straftatbestands gegen Rassendiskriminierung in Art. 261bis StGB

24 August 2015

Das eidgenössische Parlament will den strafrechtlichen Schutz vor Diskriminierung ausweiten, allerdings nur auf Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung

Auszüge des Artikels von Schweizerische Kompetenzzentrum für Menschenrechte (SKMR), 13.08.15

Relevanz für die Praxis

  • Gemäss geltendem schweizerischem Strafrecht sind lediglich rassistisch, ethnisch und religiös motivierte öffentliche Aufrufe zu Hass und Diskriminierung gegen Personen oder Gruppen von Personen unter Strafe gestellt und von Amtes wegen zu verfolgen.
  • Gegen entsprechende Handlungen gegenüber anderen diskriminierten Gruppen z.B. wegen ihrer sexuellen Ausrichtung oder der Geschlechtsidentität, wegen einer Behinderung oder wegen des Alters, stellt das Strafgesetzbuch keine Handhabe zur Verfügung.
  • Die Ehrverletzungsdelikte in Art. 172 ff. StGB greifen nur, wenn das Opfer persönlich und klar identifizierbar ist.
  • Die eidgenössischen Räte haben in der Frühlingssession 2015 einer parlamentarischen Initiative Folge gegeben, welche den Schutz von Art. 261bis StGB auf homosexuelle Menschen ausweiten will.
  • Diese Entwicklung ist zu begrüssen. Fraglich ist allerdings, ob diese stückweise Ausweitung auf weitere diskriminierte Gruppen genügt.
  • Es bleibt abzuwarten, ob die Räte bereit sind, bei der Umsetzung der Initiative das Kriterium «Geschlechtsidentität» ebenfalls in Art. 261bis StGB aufzunehmen, wie es internationale Menschenrechtsorgane der Schweiz empfehlen.

“Die aktuelle rechtliche Situation

Art. 261bis Strafgesetzbuch (StGB) verbietet den öffentlichen Aufruf zu Hass oder Diskriminierung gegen eine Person oder eine Gruppe von Personen wegen ihrer Rasse, Ethnie oder Religion. Der Tatbestand schützt gemäss Bundesgericht «wesentlich die Würde des einzelnen Menschen in seiner Eigenschaft als Angehöriger einer ‹Rasse, Ethnie oder Religion›» (BGE 123 IV 202, E. 3).

Die Aufzählung der drei Merkmale ist gemäss Lehre und Praxis abschliessend. Feindseligkeiten gegenüber anderen von Diskriminierung betroffenen Gruppen sind nicht erfasst.

Keine Handhabe, gegen öffentliche Verleumdung ganzer Gruppen vorzugehen, bieten die Ehrverletzungsdelikte in Art. 173 ff. StGB. Diese schützen die persönliche Ehre einer einzelnen Person bzw. einer bestimmten, konkreten Personengruppe. Bei herabwürdigenden und diskriminierenden Äusserungen gegen ein Gruppe als Ganzes – z.B. die Gemeinschaft der Homosexuellen oder der Transpersonen oder etwa die Gruppe «Menschen mit psychischen Behinderungen» oder «die Feministinnen» – sind die die geltenden Strafbestimmungen nur dann anwendbar ist, wenn eine konkrete Person oder mehrere Personen persönlich gemeint waren und klar identifizierbar sind. Nur diesen Personen wird die Opfereigenschaft zugesprochen und nur sie sind befugt, den bei Ehrverletzungsdelikten nötigen Strafantrag zu stellen (Bger-Entscheid 6B.361/2010, E. 4).

In der Schweiz sind damit lediglich rassistisch oder religiös motivierte öffentliche Aufrufe zu Hass und Diskriminierung gegenüber einer Gruppe unter Strafe gestellt und von Amtes wegen zu verfolgen.

Der Bundesrat hatte bereits in seiner Botschaft über den Beitritt der Schweiz zum Internationalen Übereinkommen von 1965 zur Beseitigung jeder Form von Rassendiskriminierung und über die entsprechende Strafrechtsrevision von 1992 begründet, weshalb die bestehenden Strafbestimmungen zum Schutz der Ehre (Art. 173 ff. StGB) keinen hinreichenden Schutz diskriminierter Gruppen gegen allgemein diffamierende und herabwürdigende Aussagen und Handlungen bietet. Er anerkannte, dass wegen des Geschlechts, der sexuellen Ausrichtung oder der Weltanschauung diskriminierte Gruppen von Personen an sich ebenfalls ein Bedürfnis nach besserem strafrechtlichem Schutz haben, verzichtete aber bewusst auf die Aufnahme dieser Kriterien, da dies den Rahmen der damaligen Gesetzesrevision «gesprengt hätte». Es dürfe nicht vergessen werden, «dass es sich bei dem Entwurf um eine Anschlussgesetzgebung in Bezug auf den Beitritt der Schweiz zum Übereinkommen handle. Es ging somit in erster Linie darum, die daraus entstehenden völkerrechtlichen Verpflichtungen in geeigneter Form in unser nationales Recht zu überführen» (BBl 1992 III 311).”

Der Entscheid der eidgenössischen Räte

National- und Ständerat haben in der Frühlingssession 2015 nun entschieden, dass der strafrechtliche Schutz von Art. 261bis StGB zumindest auf Aufruf zu Hass und Diskriminierung wegen der sexuellen Orientierung ausgeweitet werden soll. Zwei Vorstösse, eine Standesinitiative des Kantons Genf sowie die parlamentarische Initiative Reynard verlangten gleichlautend Ergänzung der Antirassismusstrafnorm (StGB).”

Ein Schritt in die richtige Richtung, aber …

National- und Ständerat haben nun also die Notwendigkeit erkannt, den strafrechtlichen Schutz gegen herabwürdigende Diskriminierung zumindest für die Gruppe der Homosexuellen auszuweiten. Die Frage stellt sich allerdings, ob es gerechtfertigt ist, die bis heute bestehende «Privilegierung» ethnischer und religiöser Minderheiten einzig auf eine weitere Gruppe auszuweiten.

Kein Kriterium darf es jedenfalls sein, wieviele Menschen eine Gruppe umfasst, die Hassreden und Hasspropaganda oder auch diskriminierender Leistungsverweigerung ausgesetzt sind. Wie der Bundesrat bei der Schaffung der Strafbestimmung bezüglich der Wirkung von Art. 261bis StGB festgestellt hat, geht von der Strafrechtsbestimmung vor allem eine präventive Wirkung aus. Die Botschaft ist, dass Intoleranz und Aufruf zu Hass und Herabwürdigung einzelner Menschen oder Gruppen nicht geduldet wird.”

Die weiteren Schritte

Wird einer Initiative Folge gegeben, so arbeitet die zuständige Kommission des Rates, dem die Initiative unterbreitet wurde, innert zwei Jahren eine Vorlage sowie einen erläuternden Bericht aus. Auch wenn, wie vorliegend, mit einer parlamentarischen Initiative ein ausformulierter Entwurf eingereicht wurde, ist der Wortlaut nicht bindend, denn «entscheidend ist die generelle Zielsetzung der Initiative» (Bundesamt für Justiz, Gesetzgebungsleitfaden, Stand Okt. 2014, S. 97, RZ 7).

Ob die zuständige Kommission des Nationalrates im Sinne von Art. 8 Abs. 2 BV zumindest auch das Kriterium der Geschlechtsidentität aufnehmen wird, bleibt damit abzuwarten. Wünschenswert wäre längerfristig eine grundsätzliche Abklärung, wie weit nicht auch weitere von Diffamierung, Hassreden und Hasspropaganda betroffene Gruppen – aufgrund ihres Geschlechts, einer Behinderung, ihres Alters oder ihrer sozialen Stellung – angezeigt wäre.”

Kinderarmut und die strukturellen Maßnahmen

11 August 2015

Strukturelle Massnahmen sind in Betracht zu ziehen, um gegen Kinderarmut zu kämpfen. Es handelt sich dabei nicht darum, das System zu revolutionieren. Es geht vielmehr darum, dieses an die neuen sozialen Realitäten anzupassen.

Nach Georg Simmel, „Fußte die Hilfe in dem Interesse für den individuellen Armen, so wäre dem Prinzip nach gar keine Grenze gegeben, an der die Güterverschiebung zu seinen Gunsten halt machen müsste, bevor sie die Ausgleichung erreichte“. Ein schockierender Satz der absolut wahr, aber trotzdem nur schwer realisierbar ist. Dennoch regt er an, über die Interessen nachzudenken, welche durch die erfolgten Maßnahmen zur Armutsbekämpfung verteidigt wurden. (2, photo)

Wenn die Programme zur Armutsbekämpfung darauf hinarbeiten, die negativen Folgen des politischen und wirtschaftlichen Systems für die sozial Schwächsten zu verharmlosen; und wenn diese Schwächsten  hauptsächlich Kinder sind, wie es in der Schweiz der Fall ist, handelt es sich dann nicht eher um Maßnahmen, die die Lebensdauer des Systems selbst fördern? So hat auch der Präsident der Eidgenössischen Kommission für Kinder- und Jugendfragen (EKKJ), Pierre Maudet angemerkt, dass es sich bei der Armut von Kindern und jungen Menschen um eine tickende Zeitbombe handelt.

Die erste Empfehlung des EKKJ 2007 unterstreicht den Willen das „Tabu zu brechen“: „ Die Armut von Kindern und jungen Menschen anzuerkennen bedeutet, dass diese Frage nicht nur konjunkturellen und wirtschaftlichen Ursprungs ist, sondern, dass es sich um ein soziales Problem handelt, dass den individuellen Rahmen überschreitet und welches möglichst rasch adäquate strukturelle Antworten braucht.

In den vorgeschlagenen Maßnahmen jedoch zeigt sich das EKKJ zurückhaltender und empfiehlt die Entwicklung einer globalen Strategie, um „die Lebensbedingungen und Perspektiven von Kindern und jungen Menschen“ zu verbessern. Das Nationale Programm zur Prävention und Bekämpfung von Armut 2014-2018 wird sich deshalb für die Unterkunft und die Sozialmaßnahmenpakete zur familiären Unterstützung widmen. Die strukturellen Gründe von Armut werden hier nur erwähnt.

So geht eine Scheidung in der Schweiz beispielsweise häufig mit Verarmung einher. Tatsächlich sind Kinder aus alleinerziehenden Haushalten eine wichtige Gruppe, die von Armut betroffen sein könnten. Mit der Geburt der Kinder, hört die Frau oft zu arbeiten auf und /oder reduziert ihre Arbeitszeit. Diese Entscheidung wird neben kulturellen Aspekten durch die Tatsache gestärkt, dass „das Ehe-Modell mit einem Gehalt Vorteile“ auf wirtschaftlicher Ebene bietet (Steuern, Arbeitsangebote, die das Arbeits- mit dem Familienleben besser vereinbaren,…). Somit „… verringert nicht der Mann sein Gehalt, sondern die Frau ihres um 1.005.- CHF pro Monat (schweizerischer Durchschnitt) indem sie nicht mehr Vollzeit arbeitet.“ Im Falle einer Scheidung, findet sich die Frau mit geringerem Gehalt wieder und hat Schwierigkeiten sich in den Arbeitsmarkt einzugliedern (1).

Die Institution Familie und die bestehenden sozio-ökonomischen sowie kulturellen Normen unterstützen das Bild der traditionellen Familie von langer Lebensdauer. Die Realität konstatiert jedoch eine hohe Zahl an Trennungen. Diese Dichotomie sagt nicht die Schwierigkeiten voraus, die Kinder von getrennten Familien durchmachen müssen. Darunter eben auch die Verarmung.

Müssten, um dieser Situation vorzubeugen, nicht Änderungen unternommen werden etwa auf dem Arbeitsmarkt, bei der Versteuerung, aber auch im Familienmodell, wie es in der Sozial- und Wirtschaftspolitik vertreten wird?

Diese Überlegung kann auch auf die kürzlichen Arbeitsmarktänderungen übertragen werden. In diesem ist insbesondere eine beständige Arbeit rar geworden, was die wirtschaftliche Sicherheit der Familie angreift.

Es handelt sich dabei nicht darum, das System zu revolutionieren. Es geht vielmehr darum, dieses an die neuen sozialen Realitäten anzupassen.

Die vom nationalen Programm vorgeschlagenen Maßnahmen sind zu unterstützen. Es braucht aber auch eine Verbesserung der Kenntnisse zu den neuen Realitäten, die das Armutsrisiko beeinflussen. Außerdem braucht es eine konsequente Einbindung der Kinderarmutsproblematik in allen politischen, wirtschaftlichen und sozialen Entscheidungen.

Clara Balestra, 10.08.15

(1) Laura Libertino, Pr. Bertrand Oberson, Les politiques familiales, SP 2010. Consulté le 16.09.14 in http://www.beebac.com/file/download/56792/Les_politiques_familiales.pdf

(2) photo : https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Visiting_the_poor,_illustration_from_%27Le_Magasin_Pittoresque%27,_Paris,_1844_by_Karl_Girardet.jpg

Auch lesen :

Als Kind arm sein in der Schweiz : Sarah Oberson Konferenz 2015, blog FSO, 16.06.15

Kinder, Trennung und Dramen: Ist die Gesellschaft mitverantwortlich ?, blog FSO, 23.09.14

Die Einführung der gemeinsamen elterlichen Sorge ist nur der erste Schritt, blog FSO, 15.07.14

Von der Ausnahmeregel zur Normalität

21 Juli 2015

“Seit 1996 von der internationalen Haager Konferenz gepredigt, ist sie (die Familienschlichtung) in Zeiten wo der Begriff „Elternschaft” den der “Gemeinschaft” verdrängt hat”, die Zukunftslösung. “Mittels der Schlichtung versucht man eine notwendige Verbindung zwischen den Eltern aufzubauen, erläutert Christine Guy-Ecabert. Sie ist eine Lehre des Kommunizierens und Verhandelns, unerlässlich für den Schutz der Interessen des Kindes”.

Thematische Auszüge aus: Jean De Minck (2015), „Das Kind im Pyjama unterwegs mit Global Airlines“ (1) Aus diesem inhaltsreichen Text haben wir beschlossen eine spezielle Thematik auszuwählen.

Im Kontext der internationalen Kindesentführung durch einen Elternteil kam es zu wichtigen Änderungen in der Definition der internationalen juristischen Normen. „… Diese Entwicklung entspricht (unter anderem) einer Glaubensveränderung. Sie begleitet die Redefinition der zerbrechlichen Familie im Westen im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts“. (S. 241)

„Müsste man in einem Wort die Revolution beschreiben, die sich im Westen auftut, würde man ohne Zweifel den Begriff der „Elternschaft“ wählen.“ Dieser Begriff entwickelte sich in den Achtzigern aufgrund wichtiger Diskussionen rund um das Führsorgegerechte und die Rechte des Kindes. Er beeinflusst, ohne es abzuschaffen, das erste normative Bezugssystem, welches das neue Scheidungsrecht der siebziger Jahre begleitet hat. Dieses hat hinsichtlich des Sorge- und Besuchsrechts die Aufmerksamkeit auf das Wohl des Kindes als Grundprinzip in den Mittelpunkt gerückt“. (214-2)

Das Scheidungsgesetz „hat eine rasante Entwicklung herbeigerufen, die es in weniger als zwanzig Jahren geschafft hat, das heilige Konstrukt der Familie und seinen gesetzlichen Rang zu dekonstruieren“. So sagt Irène Thierry, dass die „Banalisierung der natürlichen Familie, die Scheidung, eine progressive Erneuerung dieser Struktur nicht nur auf dem Niveau der Bindung, sondern der Geburt und nicht nur der Gemeinschaft, sondern des Kindes, braucht“. (242)

Dieser Veränderung folgend, „promulgiert das Familienrecht nicht nur die Elternschaft: Gleichzeitig definiert es das Dreieck Vater/Mutter/Kind als gleichschenklig und setzt somit alle drei Parteien gleich. Auf der einen Seite sollen Eltern als gleichberechtig gelten in ihren Rechten und Aufgaben (…). Die Konsequenz ist daher, dass man sich über die Elternschaft einig zu sein hat, auch wenn es keine elterliche Gemeinschaft mehr gibt. Auf der anderen Seite, wird das Kind ebenso als Rechtsträger betrachtet, welches spezielle Rechte hat. Darunter eben auch das fundamentale Recht auf eine Elternschaft.“ (242-3)

„Das Prinzip des Kindeswohls, welches situationsabhängig interpretiert werden kann, wird progressiv durch ein Idealmodell ersetzt“ (244) (…) „In diesem Sinne, kann man es als Regel eines höheren Niveaus verstehen. Eine Metaregel, welche nicht binär arbeitet, sondern die Eignung von vorhandenen Regelsystemen in bestimmten Situationen überprüft.“ (244)

„Mit anderen Worten, das westliche Recht verändert sich, weil es seine Meinung zum gesetzlichen Pluralismus (hier familiär) in der eigenen Bevölkerung verändert. Die Übertragung des allgemeinen Prinziprechts verliert somit viel von seiner angeblichen Gewalt. Die von der Haager Konferenz promulgierten Schlichtungs- und Ausgleichverhandlungen sind keine konkreten Lösungsbringer, sondern grenzen eher einen Sonderbereich des Rechts aus. Die Vorhersehbarkeit des Rechts nimmt ab, aber seine Legitimität nimmt zu.“ (244-5)

„All dies nimmt nicht die Schwierigkeit der wir uns heute stellen müssen: die Rechtfertigung einer Pauschalisierung des Rechts, welche sich nicht herrschaftlich ausübt, sondern eine nicht gewaltvolle Allgemeingültigkeit anvisiert. Die Entführungen von Kindern geben Anlass für starke normative Spannungen, die aggressiv juristische Monismen ausspielen und das Recht wirkungslos machen. Das Überwinden dieser Hürden bleibt eine immense Aufgabe“. (245-6)

Das Kind im Schlafanzug fragt sich „ Was will Papa? Was will Mama? (…) Wer bin ich (…), wer will mir was? (…) Kann das Recht helfen, diese Rätsel, zu groß für einen einzigen Menschen, zu lösen? (…) Es braucht noch viel Anstrengungen, und die entschiedene Hilfe von Einigen, um ein Rechtsträger zu werden in dieser globalen Welt, welche ganz sicher nicht für Kinder gemacht ist.“ (246)

(1)  Aus diesem inhaltsreichen Text haben wir beschlossen eine spezielle Thematik auszuwählen.

Jean De Minck (2015), « L’enfant en pijama sur Global Airlines », Vorwort in Enlèvement parental international d’enfants – Saisir le juge ou s’engager dans la médiation ?, Herausgegeben von Christine Guy-Ecabert und Elisabeth Volckrick, Ed. Helbing Lichtenhahn, 2015, S. 229-248.