Anstieg der „vermissten Kinder“ in der westlichen Agenda – Die Vereinigten Staaten

8 Mai 2017 par fso

Auch wenn die unterschiedlichen Phänomene rund um den Begriff “Verschwinden” heutzutage nicht neu sind, so haben sich die Sichtweise und die Verbindungen, die wir (oder auch nicht) zwischen ihnen sehen, im Laufe der westlichen Geschichte verändert. Die Vereinigten Staaten, welche die ersten Gesetze zum Kidnapping während des 20. Jahrhunderts verabschiedet haben, spielen eine wichtige Rolle in der Notwendigkeit und der Verbreitung einer neuen Handhabung des Kindesverschwindens. Die 80er Jahre sind diesbezüglich ein Wendepunkt.

Auszug aus dem Artikel von Michele Poretti (1), Lehrbeauftragter, Pädagogische Fachhochschule Waadt und wissenschaftlicher Mitarbeiter, Interfakultäres Zentrum der Kinderrechte, Universität Genf

Zwischen 1979 und 1981 wird den USA mit einer Serie von Entführungen und Morden an Kindern durch Unbekannte zugesetzt. Diese Verbrechen resultierten in viel emotionaler Aufregung seitens der Bevölkerung und Eltern organisierten sich, oft in Form von NGOs, um eine stärkere Handlung von Seiten der Regierung zu fordern. Ihre Bemühungen trafen sich mit denen anderer Organisationen, welche tätig werden in Fällen von elterlicher Kindeswegnahme, welche versuchen die Behörden, Presse und die Öffentlichkeit von der Gefahr dieser Handlung zu überzeugen. Zu diesem Zeitpunkt entsteht die Idee, verschiedene Situationen einer physischen Trennung zwischen Eltern und Kindern (Bsp. Elterliche Kindesentführung, Entführung durch Fremde, Kidnapping, Flucht) unter dem Begriff „Vermisste Kinder“ (missing Children) zu vereinen. Eine Kategorie, die bis dahin aus der politischen Debatte ausgelassen wurde (Best, 1987, S.105). Es handelt sich dabei einerseits darum die Kriterien zu interpretieren um ein Kindesverschwinden so umfassend wie möglich zu definieren, indem Zusammenhänge zwischen den Phänomenen hergestellt werden, die bis dahin noch getrennt wurden. Andererseits muss jenen bewiesen werden, die meinen, dass eine Flucht oder eine elterliche Kindeswegnahme noch harmlose Formen des Kindesverschwindens sind, dass die betroffenen Kinder tatsächlich gravierenden Risiken von Misshandlung und Ausbeutung ausgesetzt sind.

Anfang der 80er Jahre, ohne Studien zum Phänomen und Vergleichskriterien zum Reflektieren eben dieser, basierte das Plädoyer auf den Zeugenaussagen  der Eltern der vermissten und brutal ermordeten Kinder durch Unbekannte. Auch wenn diese Fälle eher selten vorkommen – findet sich an erster Stelle das Davonlaufen, gefolgt von elterlichen Kindesentführungen  -, hat die Dramatisierung der Probleme  die Macht Kritik zu entkräften. Diese Strategie endet schnell in der Unterzeichnung des Missing Children´s Act (1982) und des Missing Children Assitance Act (1984), welche insbesondere von dem Präsidenten Ronald Reagan unterstützt wurden. Diese legislative Handlung stellt in 1984 die Basis für die Einführung eines nationalen Zentrum für die Unterstützung der Behörden in der Suche von vermissten Kindern und im Kampf gegen die sexuelle Ausbeutung von Kindern: National Center for Missing and Exploited Children (NCMEC). Dank der stetigen Hilfe durch die Regierung  und der Unterstützung mächtiger privater Spender, darunter Google, Honeywell und die Microsoft Corporation, kann das NCMEC heute  ein weitreichendes Netzwerk an Organisationen, die in den USA aktiv sind im Bereich der vermissten Kinder, vorweisen. Es ist zudem ein internationales Modell in diesem Arbeitsfeld.

(1)   Michele Poretti (2016), Anstieg der „vermissten Kinder“ in die westliche Agenda. Studie zu einer neuen Grenze des Unzumutbaren, Frontières, 27(1-2), online: : http://www.erudit.org/fr/revues/fr/2015-v27-n1-2-fr02596/1037079ar/

Stiftung Sarah Oberson : Kurzbericht der Aktivitäten 2016

24 April 2017 par fso

Aktivitäten 2016, Highlights :

  • Forschung „Statistiken zum Verschwinden von Kindern im Wallis“ (2016-2017) in Partnerschaft mit der HES-SO, Lehrgang Soziale Arbeit
  • Projekt Pädagogische Arbeitsblätter „die Kinderrechte im Unterricht“ in Partnerschaft mit dem IDE
  • Auswertung der Sensibilisierungskampagne der Sarah Oberson Stiftung (SSO) in Zusammenarbeit mit dem MIDE der Universität Genf
  • Parlamentarischer Eingriff: „Lagebild zum Weglaufen im Wallis
  • Behandlung aktueller Themen unter dem Gesichtspunkt der Kinderrechte auf dem Blog der SSO

Tätigkeitsbericht 2016 (französich)

 1.   Beitrag zur Verbesserung des Reaktionssystems im Fall verschwundener Kinder

Seit seiner Einführung im Januar 2010, wurde das Entführungswarnsystem niemals in der Schweiz ausgelöst: Fortan setzt sich die Sarah Oberson Stiftung (SSO) dafür ein, dass der Alarm ausgelöst werden kann, ohne dass ihn zu strenge Kriterien daran hindern. Das Kriterium der physischen und psychischen Gefahr für das Kind muss Priorität haben, darin inbegriffen sind wenn nötig, elterliche Entführungen und eigenständiges Weglaufen (siehe Jahresbericht 2016 zur aktuellen Lage in der Schweiz und Europa sowie zu den Prioritäten der Stiftung in diesem Bereich).

Wallis

Forschung „Statistiken zum Verschwinden von Kindern im Wallis“

Die SSO hat zusammen mit dem Studiengang Soziale Arbeit der HES-SO  das Projekt „Statistiken zum Verschwinden von Kindern im Wallis“ gestartet, welches in zwei Etappen erfolgte. 2016 haben sieben Studenten eine Literaturrecherche zu den verschiedenen Arten eines Kindesverschwindens unternommen. Verschiedene Ansatzpunkte werden derzeit von der SSO untersucht damit diese Forschungsarbeit bestmöglich genutzt werden kann.

2017 werden zwei Studenten eine quantitative Forschung über zwei Jahre zu dem Weglaufen von Kindern im Wallis im Rahmen ihrer Bachelorarbeit durchführen. Das langfristige Ziel der SSO ist es, das der Staat Präventionsmaßnahmen und –strategien als Antwort auf die verschiedenen Kategorien von Kindesverschwinden geben kann, welche sich auf hochwertige wissenschaftliche Statistiken und Forschungen stützen.

Weglaufen – Parlamentarischer Eingriff

Eine parlamentarische Interpellation „Lagebild zum Phänomen des Weglaufens im Wallis“ wurde am 10.03.2016 von Frau Nicole Carrupt, parlamentarisch PRL, mit der Zusatzsignierung von Frau Véronique Coppey, vorgelegt. Dieser Antrag verlangt eine stärkere Einsicht in das Phänomen des Weglaufens von Kindern.

Am 8. September 2016 antwortete der Regierungsrat Freysinger teilweise auf diese Interpellation. Die Abgeordneten und die SSO werden diesen Weg weitergehen, indem sie die Ergebnisse der laufenden Forschungen mit der HES-SO miteinfließen lassen.

Sensibilisierungskampagne: Ihr Kind ist nicht heimgekommen?

In 2014 wurde die Informationskampagne zur Problematik des Verschwindens von Kindern lanciert und Anfang 2016 mit einer letzten Pressemeldung zum Fortlaufen von Kindern auf Deutsch beendet (Für weitere Informationen zu den einzelnen Aktionen der Kampagne, kann der Jahresbericht 2015 1.1.3 der SSO eingesehen werden).

Dank der Beteiligung und der Kollaboration von Maximilien Dacheville, Doktorand am Interdisziplinären Zentrum zur Analyse von humanen und sozialen Prozessen der Universität Rennes (Frankreich), hat sich die SSO 2016 daran gemacht, die Auswirkung dieser Sensibilisierungskampagne zu analysieren. Diese Forschung wurde mithilfe des Interdisziplinären Masters in Kinderrecht (MIDE) der Universität Genf initiiert. 2016 haben fünf Studierende 300 Fragebögen von Eltern beantworten lassen, die in Sion wohnhaft sind. Eine erste quantitative Analyse konnte von den Studenten durchgeführt werden. Es bleibt die Frage, ob diese Ergebnisse von dem Doktoranden Dacheville qualitativ analysiert werden können.

2.   Stärkung des Dialoges zu den Verletzungen der Kinderrechte

Projekt der pädagogischen Arbeitsblätter

Der Rat der SSO hat beschlossen das Projekt „pädagogische Arbeitsmaterialien: die Kinderrechte in der Schule: Promotion der Kinderrechtekonvention der Vereinten Nationen (KRK) in der Schweiz für Schüler_innen und Lehrer_innen“ zu unterstützen. Dieses Projekt, geleitet von vom IDE, hat zum Ziel die KRK im schulischen Milieu auf nationaler Ebene zu fördern und umzusetzen.

Internetseite der Stiftung

Auf ihrer Internetseite möchte die Stiftung Platz für Texte, Artikel, Dokumentationen und Aktionen zum Thema der Kinderrechte einräumen. Stets aktualisiert, ist sie ein nationales Portal zu Fragen rund um die Kinderrechte und dem Verschwinden von Kindern.

Blog

2016 wurden 23 Artikel online gestellt. Aktuelle Themen aus Sicht der Kinderrechte sind der SSO besonders wichtig: Kinderrechte generell (Zugang zum Rechtssystem, internationale Konventionen und Protokolle); Verschwinden von Kindern (Entführungsalarmsystem, Entführungen, Weglaufen, unbegleitete Jugendliche, …); Misshandlung von Kindern (darunter Zwangsheiraten); … Im Interesse einer ganzheitlichen Informationsbeschaffung für unsere Leser, werden die von oder für die SSO geschriebenen Artikel durch Texte von anderen Seiten ergänzt, die sich auch mit den Kinderrechten auseinandersetzen (IDE, ISS, ADEM, Schweizerisches Netzwerk für die Kinderrechte, CSDH).

Soziale Netzwerke

Die Stiftung verfügt über eine Facebookseite, ein LinkedIn Konto mit einer SOS Seite und Zugang zu verschiedenen Gruppen; ein Twitter Konto und einem Google+ Konto.

FSO, April 2017

Frankreichs Plan im Kampf gegen die Gewalt an Kindern 2017-2019

20 März 2017 par fso

Gewalt an Kindern : Als Antwort auf die Empfehlungen des Kinderrechtekomitees an Frankreich im Januar 2016 und hinsichtlich der traurigen Feststellung der Zahlen[1] hat Frankreich beschlossen zu handeln.

Am 1. März 2017 hat die französische Ministerin für Familie, Kindheit und Frauenrechte den interministeriellen Plan „zur Mobilisierung und zum Kampf gegen die Gewalt an Kindern“ vorgestellt. Dieser ist auf drei Jahre (2017-2019) angesetzt und soll nach Auffassung der Ministerin „eine Erkenntnis zur Folge haben und Lösungen vorgeben, damit jegliche Form von Gewalt in der Familie (physisch, psychologisch, sexuell oder vernachlässigend) verhindert werden kann“.

Es handelt sich dabei um einen 4-Achsen-Plan, der folgendes betrifft:

-          Verbesserung der Kenntnis und des Verständnisses für die Mechanismen von Gewalt; die Optimierung der Statistiken bezüglich der kindlichen Misshandlung und eine nachhaltige Verankerung pro Jahr. Mehrere staatliche Organismen sind eingebunden. Die erhaltenen Daten werden für wissenschaftliche Forschungen genutzt, damit die Kenntnis des Problems verbessert wird und adaptierte Lösungen freigelegt werden können.

-          Sensibilisierung und Prävention; bereits seit 2016 wird eine Broschüre an werdende und neue Eltern herausgegeben, welche verschiedene Themen aufgreift. Insbesondere zur gewaltfreien Erziehung. Diese Broschüre wird durch eine weitere ergänzt für Eltern von Kindern zwischen 12 und 14 Jahren. Eine besondere Aufmerksamkeit wird dem Kampf gegen sexuelle Gewalt und dem Schütteltrauma Syndrom geschenkt.

-          Bildung um besser zu erkennen; Professionelle in Kontakt mit Kindern werden zu den Anzeichen von Misshandlungen und der Auswirkung häuslicher Gewalt auf das Kind geschult.

-          Begleitung von Kindern, die Opfer von Gewalt wurden; indem bestehende Mittel, wie etwa die grünen Nummern, stärker gefördert werden und indem die Entwicklung von Assistenzpersonen zur Anhörung von Kindern, die Opfer von Gewalt wurden, gefördert wird. Sowie durch die Weiterbildung von Fachkräften und der Erarbeitung eines nationalen Protokolls hinsichtlich der Äußerungen des Kindes.

Das Kinderrechtekomitee (CRC/C/CHE/CO/2-4) hat der Schweiz im Februar 2015 ähnliche Empfehlungen zukommen lassen: „die Einrichtung einer globalen Strategie zur Prävention dieser Form von Gewalt und zum Eingreifen in Fällen von Misshandlung“, durch eine wirkliche Kenntnisnahme der Problematik, welche auf nationalen und jährlichen Statistiken basiert und wissenschaftliche Forschungen unterstützt.

Clara Balestra, 14.03.17


[1] „Folglich einer Studie durch den Verein „La Voix De l´Enfant“ von Mars bis September 2016, wird angenommen, dass zwei bis drei Kinder wöchentlich an den Folgen von Misshandlungen sterben. Der Misshandlung von Kindern, welche in jedem sozialen Milieu vorhanden ist, fehlt es schlicht an offiziellen Statistiken.“ http://www.podcastjournal.net/Plan-de-lutte-contre-les-violences-faites-aux-enfants-en-France_a23717.html

Sexueller Missbrauch an Kindern: Schützt Sprechen? Ist es unerlässlich für den Heilungsprozess?

23 Februar 2017 par fso

Die Stille von missbrauchten Kindern ist ein komplexes Phänomen, das behandelt werden muss. Die Aufdeckung dieser Situationen ist ein Schutzelement des Kindes, das Gewalt erfahren hat. Sie darf nicht mit dem Reden um jeden Preis in einer therapeutischen Maßnahme mit einem Kind das sexuell genötigt wurde, verwechselt werden.

„Solange man diese Gewalt des sexuellen Missbrauchs nicht kennt, kann man sie auch nicht bekämpfen“ (de Lajudie)

Die Realität konfrontiert uns aber mit einer Mauer des Schweigens, welche die Opfer nach einem Missbrauch aufbauen: „In dem Moment, indem sie sexuelle Gewalt erleben, beginnen 56% der Opfer“ mit dem Schweigen. Diese Stille kann von Dauer oder aber nur eine Phase sein. „Ein Kind, dass über seine sexuelle Nötigung spricht, ist ein Kind dessen sich der Bedeutung eines Geheimnisses nicht oder nicht mehr bewusst ist. De Lajudie gibt das Beispiel eines Kindes, welches sich der Gewalt dieser Verhältnisse erst durch Programme zur sexuellen Erziehung bewusst wird.

Von dieser Idee ausgehend ist „die Kenntnis der verschiedene Gründe, weshalb ein Kind lieber schweigt (…) notwendig, wenn man die Form der sexuellen Gewalt herausfinden möchte und sie somit früh genug stoppen kann“. Also hat de Lajudie die Hintergründe des Schweigens bei 69 Kindern und Jugendlichen, die sexuell missbraucht wurden, untersucht und stellt Elemente aus dem Erlebten der Kinder vor. So schlägt sie 3 Faktorkategorien vor:

  1.  Faktoren zu der Abhängigkeit des Kindes: seine Persönlichkeit, seine vorherigen Erfahrungen, sein Entwicklungsstand; seine Unwissenheit zur Sexualität, welche dazu führt, dass es erst spät erfährt, dass das was es erfahren hat schlecht ist (die Erkenntnisgewinnung kann sich über 10-20-30 Jahre hinziehen; seine Kommunikationsmöglichkeiten und seine Öffnungen gegenüber Erwachsenen; das Vergessen, welches bei solchen Erlebnissen einsetzt; Gefühle von Verantwortlichkeit und Schuld; „die Angst der Demütigung, Stigmatisierung, von nun an nur noch das missbrauchte Kind für andere zu sein!“;
  2. Faktoren in Zusammenhang mit den Misshandlungsmomenten und dem Misshandelnden: die vorherige Bindung zum Täter; die Nötigung und Erpressung; die Angst davor, dass der Täter seine Erpressungen in die Tat umsetzt bedrängt das Kind und fördert sein Schweigen: Drohung die Mutter zu töten, sich zu töten oder das Kind zu verlassen…“;der Druck der Gefühle, denn die Situation ist zu verworren um darüber reden zu können; die Geschenke oder Privilegien, die Verführung, die Lüge (der Täter tut so als wäre der Missbrauch normal und lässt das Kind denken, dass es selbst dafür verantwortlich ist), das Mitleid,… von Seiten des Täters;
  3. Faktoren im Zusammenhang mit dem Umfeld des Kindes und wie es dieses empfindet: „die Qualität des unterstützenden Umfeldes fließt nur indirekt in die Situation mit ein, je nachdem wie das Kind diese wahrnimmt und wie es glaubt, wie seine Umgebung auf das Erlebte reagieren würde.“; wenn die Familie andere Probleme hat, möchte das Kind nicht noch eines hinzufügen; es möchte seine familiäre Umgebung vor dem Horror bewahren und schweigt um sie zu schützen; die Angst davor, dass die Erwachsenen seine Enthüllungen nicht ernst nehmen; die Angst vor einer Überreaktion seiner Eltern „Um sich jemandem anzuvertrauen, braucht es eine Person, die nicht nur das Erlebte glaubt, sondern von der das Kind auch erwarten kann, dass sie es immer noch als „menschliches Wesen“ wahrnimmt indem sie es in den Kontext der Handlung setzt und nur dort als Opfer sieht“;…

Die Stille von missbrauchten Kindern ist ein komplexes Phänomen, das behandelt werden muss. Die Aufdeckung dieser Situationen ist ein Schutzelement des Kindes, das Gewalt erfahren hat. Sie darf nicht mit dem Reden um jeden Preis in einer therapeutischen Maßnahme mit einem Kind das sexuell genötigt wurde, verwechselt werden.

Tatsächlich hinterfragen Van Gijseghem und Gauthier die Ergebnisse zweier Studien, welche den therapeutischen Wert des Redens in Frage stellen. Sie unterstreichen die Notwendigkeit der Aufdeckung, da diese die Missbräuche beenden und somit das Kind schützen kann. Sie hinterfragen allerdings das Reden um jeden Preis als für die Heilung notwendige therapeutische Maßnahme.

Sie sagen, „nach der Enthüllung, hat die intervenierende Person zuallererst und vor allem den Bedürfnissen des Kindes zuzuhören. Die Gefahr besteht darin, dass der Intervent vor allen Dingen glaubt, das Kind zu kennen, nicht nur als Individuum, sondern als Teil einer Kategorie: „Die Kinder der Schande“.“

Ähnliche Befürchtungen werden 20 Jahre später von Bullens angeführt: „Ein Kind, dass kommuniziere würde als „geheilt“ angesehen werden, da es sich von seinen Sorgen befreien konnte. Jene, die mysteriös bleiben sind daher noch nicht geheilt und hochgradig traumatisiert. Wir möchten dieser Lektüre einen Haken verpassen auch wenn sie teilweise wahrheitsgemäß ist, kann sie sich, unserer Meinung nach, als nachteilig erweisen, wenn sie nicht reflektiert genutzt wird.“ (2010)

Daher also Ja zum Sprechen, aber als Schutzinstrument und nicht als alleinige therapeutische Waffe wenn es um sexuellen Missbrauch geht. Den Bedürfnissen jedes einzelnen Kindes muss zugehört werden.

Clara Balestra, 23.02.17

Referat :

Martine de Lajudie (1996), «Le secret et l’enfant victime de maltraitance sexuelle», in «Reflets : revue d’intervention sociale et communautaire», vol. 2, n° 1, 1996, p. 69-95.

Jean-Paul Mugnier (2010) «D’un silence partagé à un récit mis en commun : de la nécessité de bien pouvoir se raconter», in Loyautés familiales et éthique en psychothérapie, Cahiers critiques de thérapie familiale et de pratiques de réseaux, 2010/1 (n° 44), p. 79-

Hubert Van Gijseghem et Louisiane Gauthier (1992), «De la psychothérapie de l’enfant incestué : les dangers d’un viol psychique», in Santé mentale au Québec, vol. 17, n° 1, 1992, p. 19-30.

Quentin Bullens (2010), «Les remparts de l’intime : hypothèse sur les non-dits dans le processus de (méta-)révélation chez l’enfant victime d’abus sexuel», in CAIRN, p. 431-452

Welche Menschenrechtsverträge hat die Schweiz Ende 2016 ratifiziert?

6 Februar 2017 par fso

Im Dezember 2016 hat die Schweiz zwei weitere Schritte hin zur vollständigen Anerkennung der Kern-Menschenrechtsübereinkommen der UNO gemacht.

Editorial von humanrights.ch, 03.01.17

Im Dezember 2016 hat die Schweiz zwei weitere Schritte hin zur vollständigen Anerkennung der Kern-Menschenrechtsübereinkommen der UNO gemacht. Mit Datum vom 2. Dezember 2016 hat sie das Internationale Übereinkommen zum Schutz aller Personen vor dem Verschwindenlassen von 2006 ratifiziert. Von den 9 Kern-Menschenrechtsübereinkommen der UNO hat sie damit ausser der Wanderarbeitnehmerkonvention von 1990 alle anerkannt.

In der Wintersession 2016 hat das eidgenössische Parlament sodann das 3. Fakultativprotokoll zur Kinderrechtskonvention von 2011 genehmigt. Dieses sieht ein Individualverfahren vor, welches es erlaubt, sich im Falle der Verletzung einzelner Rechte der Konvention sowie der beiden Zusatzprotokolle von 2000 mit einer Klage an den Ausschuss für die Rechte des Kindes (CRC) zu wenden.

Der Kernbestand der Menschenrechtsübereinkommen der UNO setzt sich aus 18 Rechtsakten zusammen (9 Kern-Menschenrechtsübereinkommen und 9 dazugehörende Fakultativprotokolle). Von diesen Übereinkommen wird die Schweiz, sobald sie die Ratifizierung des 3. Fakultativprotokolls zur Kinderrechtskonvention vorgenommen hat, 13 ratifiziert haben.

Überblick über den Stand der Ratifizierung der Menschenrechtsverträge durch die Schweiz

Einen aktualisierten Überblick über die wichtigsten Menschenrechtsverträge auf Uno- und Europaratsebene und den Stand deren Ratifizierung durch die Schweiz findet sich unter folgenden Links:

Für oder gegen Prügel?

23 Januar 2017 par fso

Zusammenfassend denke ich, dass es nichts bringt zu prügeln und dass ihr dem Kind etwas verbieten könnt als Bestrafung.

Von Sakura*, einer Schülerin in der 7H (5P), Grundschule, Wallis, Dezember 2016

In den letzten Wochen verbreitet sich der Tratsch. Ein Psychologe sagt, dass Prügel Kindern nicht schadet.

Ich bin gegen Prügel, weil: Erstens bringt es nichts durch Gewalt etwas zu lernen. Erwachsene erzählen Kindern oft, dass Gewalt keine Probleme löst. Stellt euch an ihre Stelle, ihr wärt sicher nicht zufrieden.

Ihr könnt normale Bestrafungen geben, wie dreimal die Seite eines Buches abzuschreiben. Etwas das ihnen nicht weh tut körperlich oder geistig.

Schließlich kann ein Erwachsener, der viel stärker ist als ein Kind, diesem sehr wehtun. Ihr könnt ihm etwas verbieten als Bestrafung.

Zusammenfassend denke ich, dass es nichts bringt zu prügeln und dass ihr dem Kind etwas verbieten könnt als Bestrafung.

*Pseudonym

Lesen auch :

Eine Tracht Prügel um Aufmerksamkeit zu erregen, blog FSO, 22.11.2016

Frohe Weihnachten und ein Gutes Neues Jahr 2017

19 Dezember 2016 par fso

Frohe Weihnachten und ein Gutes Neues Jahr 2017

von Stiftung Sarah Oberson

Photo: lesmoxonphotography/flickr/creative commons

Der Zugang zur Justiz gestaltet sich für Kinder

5 Dezember 2016 par fso

16.3626 Motion. RK-N. Konkreter Aktionsplan für den Schutz vor Diskriminierung

Inhalt Der Bundesrat wird ersucht, auf der Grundlage des Berichts und der Empfehlungen der Studie «Zugang zur Justiz in Diskriminierungsfällen» des Schweizerischen Kompetenzzentrums für Menschenrechte (SKMR) einen konkreten Aktionsplan zur Behebung der in dieser Studie aufgezeigten Mängel auszuarbeiten.

Auszüge aus dem Wintersession 2016 : Empfehlungen von Kinderschutz Schweiz, S. 6

Empfehlung Kinderschutz Schweiz empfiehlt Annahme der Motion.

Begrundung Der Zugang zur Justiz gestaltet sich für Minderheiten, die von Diskriminierung betroffen sind, ungemein schwierig. Handelt es sich dabei um Kinder, ist die Chance, dass sie wirksame Rechtsbehelfe nutzen können und eine angemessene Rechtsvertretung im Verfahren haben, noch kleiner. Für Kinderschutz Schweiz ist es von grosser Bedeutung, dass das Recht auf Schutz vor Diskriminierung (Art. 2 UNO-KRK) in der Schweizer Gesetzgebung verankert ist. Nun geht es darum, den Betroffenen den Zugang zur Justiz zu erleichtern, insbesondere für die Kinder. Durch einen konkreten Aktionsplan zum Schutz vor Diskriminierung kann den hindernden Elementen entgegengewirkt werden, die dazu führen, dass Art. 261bis StGB nur selten zur Anwendung kommt. Besonders zu erwähnen ist das Beschwerderecht von Minderheitenorganisationen (15.460), das unbedingt in den Aktionsplan miteinfliessen soll

Genehmigung: Fakultativprotokoll von 2011 zum Ubereinkommen uber die Rechte des Kindes

29 November 2016 par fso

Auszüge aus dem Wintersession 2016 : Empfehlungen von Kinderschutz Schweiz, S. 5

15.085 Geschäft des Bundesrates : Fakultativprotokoll von 2011 zum Übereinkommen über die Rechte des Kindes. Genehmigung

Inhalt Botschaft vom 11. Dezember 2015 zur Genehmigung des Fakultativprotokolls vom 19. Dezember 2011 zum Übereinkommen über die Rechte des Kindes vom 20. November 1989 betreffend ein Mitteilungsverfahren.

Empfehlung Kinderschutz Schweiz empfiehlt Annahme des Entwurfes und die Ratifizierung des Fakultativprotokolls.

Begrundung Das dritte Fakultativprotokoll ermöglicht im Einzelfall die Überprüfung der Einhaltung der Kinderrechte durch den UNO-Kinderrechtsauschuss. Das Fakultativprotokoll betreffend ein Mitteilungsverfahren ergänzt die Möglichkeit zur Durchsetzung der Kinderrechtskonvention und deren Garantien. Kinderschutz Schweiz begrüsst einen Beitritt der Schweiz zum Fakultativprotokoll ausdrücklich. Voraussetzung für die Prüfung einer Mitteilung durch den Kinderrechtsausschuss ist die Ausschöpfung des innerstaatlichen Instanzenzugs. Es ist daher wichtig, gleichzeitig die Bemühungen in der Schweiz für eine kinderfreundliche Justiz auszubauen und Hürden für den Zugang zur Justiz zu beseitigen. Kinder haben das Recht auf Mitwirkung, auf Information über alle Aspekte eines sie betreffenden Verfahrens, auf anwaltschaftliche Vertretung und die Kenntnis aller Rechtsbehelfe. Verfahren sollen für Kinder zugänglich, altersgerecht, rasch und auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten sein. Die Leitlinien des Europarates für eine kinderfreundliche Justiz bieten dazu eine wichtige Grundlage.

Eine Tracht Prügel um Aufmerksamkeit zu erregen

22 November 2016 par fso

Das Verbot von Prügel ist in der Schweiz eine immer wiederkehrende Debatte. Sich öffentlich gegen das Verbot von Prügel zu bekennen ist zu einer politisch nicht korrekten aber auch nicht unkorrekten Stellungnahme geworden.

Immer wieder als ineffizient und schadend für das Kind und seiner Erziehung begutachtet (Konsequenzen für das Kind, S. 44); von Experten der Kindheit beklagt; von den internationalen Übereinkommen, welche die Schweiz unterzeichnet hat, verboten (Internationale Forderungen, 2012); in immer mehr Ländern verboten; Prügel wird in unserem Land noch immer akzeptiert und fast gewollt von Verteidigern der autoritären Erziehung und von einer populistischen Mehrheit, die die Prügel dem Kind als König gegenüberstellt.

Beweis dafür ist die Zurückweisung mehrerer parlamentarischer Anträge zum Verbot von Prügel, darunter auch eine Berner Schülerpetition, welche 2016 vom Tisch gefegt wurde.

Diese Uneinigkeit ermöglicht es einigen Personen Aufmerksamkeit zu erregen. Sei es nun ein Walliser Psychologe oder ein Deutschschweizer Rocksänger, die Tatsache, dass man öffentlich sagen kann, dass Prügel nicht schadet und ganz im Gegenteil genau die Lösung all der Probleme sei… das ist zwar ausreichend politisch inkorrekt um dass die Medien darauf reagieren aber noch ausreichend politisch korrekt, sodass es keinen Imageschaden gibt.

Interessant sind hingegen die Reaktionen auf diese Aussagen. In der Westschweiz kam es zu Reaktionen, die über die Arbeit von NGOs zum Schutz der Kinderrechte hinausgehen und sich zu Bürger- und Familien- und Kindheitsexperteninitiativen ausweiteten, wie etwa der „offene Brief zur Warnung vor schadenden Theorien…“, welcher von einem Sonderpädagogen verfasst und von mehreren Organisationen und Experten unterzeichnet wurde.

Es wäre interessant mit der Deutschschweiz zusammenzuarbeiten, damit ein Konsens rund um das Verbot von körperlicher Misshandlung und von erniedrigender Erziehung von Kindern gefunden werden kann… und damit solche Aussagen nicht erneut solch große Aufmerksamkeit erhalten.

Clara Balestra, Sarah Oberson Stiftung, 22.11.16