Unbegleiteten Minderjährigen: ADEM begrüsst SODK Empfehlungen

27 Juni 2016 par fso

Betreuung von unbegleiteten Minderjährigen: Allianz für die Rechte der Migrantenkinder (ADEM) begrüsst die Empfehlungen der SODK.

  • Die Allianz für die Rechte der Migrantenkinder (ADEM) begrüsst die Einführung von Mindeststandards in der Betreuung von unbegleiteten Minderjährigen der SODK
  • Sie arbeitet ausserdem darauf hin, dass die Kantone den Zugang zu einer Berufsausbildung für die jugendlichen Migranten vereinfachen und vermehrt untereinander kooperieren
  • Die ADEM wird ihre Bemühungen fortsetzen, um die Umsetzung der Empfehlungen in den Kantonen voranzutreiben.

Pressemitteilung der ADEM, 22. Juin 2016. Artikel von IDE, 22.06.16

Die Allianz für die Rechte der Migrantenkinder (ADEM) zeigt sich erfreut, über die Empfehlungen, welche von der Konferenz der kantonalen Sozialdirektorinnen und Sozialdirektoren (SODK) diesen Mittwoch herausgegeben wurden. Diese streben eine Verbesserung der Behandlung von unbegleiteten Migrantenkindern an, indem sie eine gewisse Harmonisierung der kantonalen Reglementierungen, v.a. bezüglich der Unterkunft, Betreuung und rechtlichen Repräsentation, verlangen. Somit können Ungleichbehandlungen in Zukunft vermieden werden.

Die SODK reagiert damit auf die Forderung des UN-Kinderrechtsausschusses, welches bei seiner Untersuchung letzten Jahres an die Schweiz appelliert hat, die Standards anzugleichen (Schlussbemerkungen zur Präsentation des 2.-4. Berichts über die Schweiz, Februar 2015). Der Ausschuss erwähnte dabei explizit das übergeordnete Interesse des Kindes, sowie dessen Recht auf eine altersgerechte Betreuung. Die ADEM begrüsst insbesondere, dass die SODK explizit auf das Handbuch der Schweizerischen Stiftung des Internationalen Sozialdienstes (SSI) hinweist. Darin werden in neun Etappen Ratschläge und praktische Anwendungen für Fachleute (gesetzliche Vertreter, Sozialarbeiter, Lehrer, Verantwortliche von Unterkünften, Ärzte, Psychiater und Psychologen) für die Begleitung und Orientierung von unbegleiteten Kindern und jungen Erwachsenen bereitgestellt.

Da die Empfehlungen der SODK für die Kantone nicht obligatorisch sind, wird die ADEM ihre Bemühungen fortsetzen, deren Umsetzung in den Kantonen voranzutreiben und sicherstellen, dass den spezifischen Bedürfnissen dieser Kinder Rechnung getragen wird. Es ist unabdingbar, dass die persönliche Geschichte eines jeden Kindes berücksichtigt wird, dass sie als Kinder behaline.sermet@childsrights.organdelt werden, und nicht als administrative Notwendigkeit und dass ihre eigenen Fähigkeiten identifiziert und gestärkt werden.

Als Folge der Empfehlungen arbeitet die ADEM ausserdem darauf hin, den Zugang zu einer Berufsausbildung für die Jugendlichen zu vereinfachen. Dies wird auch deren Integration in die Schweizer Gesellschaft fördern, da die meisten von ihnen aus Krisenregionen kommen und dauerhaft in der Schweiz bleiben werden. Um dies zu erreichen, wird insbesondere eine verstärkte Kooperation zwischen den Kantonen angestrebt. Auch muss der besonderen Situation der Mädchen Rechnung getragen werden, welche oft Opfer von Gewalt und Diskriminierung werden.

Die ADEM möchte ausserdem daran erinnern, dass sich, wie in den Empfehlungen der SODK betont, hunderte von unbegleiteten Minderjährigen ohne legalen Status in der Schweiz befinden. Gemäss der UN-Kinderrechtskonvention müssen sich die Empfehlungen an alle migrierenden Kinder richten, unabhängig von deren derzeitigen Aufenthaltsstatus.

Über Allianz für die Rechte der Migrantenkinder:

Die Allianz für die Rechte der Migrantenkinder (ADEM) ist ein Netzwerk von Organisationen und Fachleuten, die sich für die Rechte und Interessen von Migrantenkindern in der Schweiz einsetzen. Sie setzt sich aus der Stiftung Terre des hommes, der Schweizerischen Stiftung des Internationalen Sozialdienstes und dem Internationalen Institut der Rechte des Kindes zusammen. Die Schweizerische Flüchtlingshilfe ist Mitglied. Ziel der Allianz ist eine bessere Anwendung der Kinderrechtskonvention zugunsten der Migrantenkinder in der Schweiz, damit diese jungen Menschen in ihrem Herkunftsland, in der Schweiz oder einem Drittland konkrete Zukunftsperspektiven aufbauen können.

Die ADEM freut sich, die SODK an ihrer jährlichen nationalen Konferenz zur Betreuung von Migrantenkindern am 10. November in Bern begrüssen zu dürfen, wo die SODK ihre Empfehlungen nochmals vorstellen wird.

Kontakte für weiterführende Informationen

SSI: Elodie Antony, Projektmanagerin (022 731 67 00; ssi-ea@ssiss.ch)

Tdh: Fouzia Rossier, Beauftragte für die Verteidigung der Kinderrechte in der Schweiz (079 321 72 57; fouzia.rossier@tdh.ch)

IDE: Aline Sermet, Wissenschaftliche Mitarbeiterin (027 205 73 03; aline.sermet@childsrights.org)

OSAR: Stefan Frey, Mediensprecher (079 509 47 89; stefan.frey@osar.ch)

pdfPressemitteilung

Pro Juventute veröffentlicht 5-Jahres-Statistik der “Beratung + Hilfe 147″

6 Juni 2016 par fso

2015 haben Kinder und Jugendliche die 147 160’000 Mal gewählt. Seit 2011 hat sich der Fokus von Fragen rund um Sexualität zu schwerwiegenden persönlichen Problemen, inklusive Suizid, verschoben.

Artikel von Netzwerk Kinderrechte Schweiz, 23.05.16

Im Vergleich über die letzten 5 Jahre haben Anfragen zu persönlichen Problemen am stärksten zugenommen (2015: 22,9% aller Anfragen, 2011: 15.5%), dabei insbesondere Themen wie psychische Erkrankungen und depressive Stimmung, Essstörungen, persönliche Krisen oder das Selbstwertgefühl. 2015 haben fast 1‘000 Jugendliche zum Thema Suizid angerufen, im Vergleich zu 617 im Jahr 2011. Für Pro Juventute ist dies ein Zeichen, dass die Jugendlichen wissen, wo sie Hilfe suchen können und diese tatsächlich auch in Anspruch nehmen.

Der Bund bezieht sich gegenüber internationalen Organen regelmässig auf die Existenz der 147, so beispielsweise in seiner Antwort auf die Frage des UN-Kinderrechtsausschusses, was die Schweiz gegen die relativ hohe Suizidrate bei Kindern und Jugendlichen unternimmt. Die 147 wird allerdings mehrheitlich durch Spenden aus der Bevölkerung und Unterstützung durch Wirtschaft und Politik finanziert. Bund und Kantone übernehmen je etwa ein Fünftel der Kosten.

Die europäischen Entführungswarnsysteme unter der Lupe

23 Mai 2016 par fso

Am 25. Mai ist der internationale Tag der verschwundenen Kinder: Gedenken wir mit einer Blume allen vermissten Kindern und deren Familien.

Es wird hart dafür gearbeitet dieser Problematik entgegenzuwirken, was sich in der Bewilligung der Schriftlichen Erklärung, vorgeschlagen von AMBER Alert Europe (siehe Editorial SOS 22.02.16) und von einer Mehrheit der Abgeordneten im europäischen Parlament befürwortet, zeigt. Auch die kürzlich erschienene Studie der Universität Portsmouth behandelt dieses Thema und wir präsentieren hier die wichtigsten Ergebnisse.

Zum ersten Mal in Europa, hat sich eine Studie, wenn auch bisher nur vorläufig, mit den Stärken und Schwächen der europäischen Entführungswarnsysteme beschäftigt. Eingeführt in 2006 auf diesem Kontinent, wurde der Entführungsalarm 23 Mal in 2015 ausgelöst: 16 Staaten der Europäischen Union sowie die Schweiz verfügen über dieses System, aber nur 8 benutzen es.

Die Studie arbeitet mit 4 Staaten (Holland, Tschechien, Großbritannien und Polen), die 82% der Alarme ausgelöst haben und untersucht die Meinungen und Erfahrungen jener 14 Polizisten, die  das System mindestens einmal benutzt haben. Diese begrenzte Anzahl ergibt sich vor allem aus den limitierten ausgelösten Alarmen. Trotz des geringen Studienmaterials, welches definitive Aussagen nicht möglichen macht, gleichen sich die Hauptergebnisse mit ähnlichen amerikanischen Studien. Tatsächlich sind die Fälle, in denen der Alarm ausgelöst wurde sowohl in Europa als auch in Amerika ähnlich, was einen Vergleich möglich macht.

Die Studie suggeriert, dass der Entführungsalarm die Möglichkeit bietet, das Kind schnell und sicher wiederzufinden, was seine Hauptaufgabe ist. Aber nicht nur:

-    Er ist eine wertvolle Ergänzung in der Investigationsarbeit: er ermöglicht es, qualitativ wichtige Informationen zu erhalten; erleichtert die Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Polizeieinheiten und Staaten;…

-    Er verbessert die Beziehung zwischen der Polizei und den betroffenen Familien: er gibt die Sicherheit, dass alles in der Macht mögliche getan wurde; er macht ausreichend Druck, um den verantwortlichen Elternteil zu einer Aussage zu bringen;…

-    Er verbessert die Interaktion von Polizei und Öffentlichkeit: letztere hat den Eindruck helfen zu können; die Motivation ist höher; die Arbeit der Polizei kann so besser verstanden werden;…

Diese Analyse unterstreicht aber auch negative Aspekte, was die positiven Details nicht schwächen soll, welche aber berücksichtigt werden müssen:

-    Das Risiko, die Sicherheit des Kindes zu gefährden, indem der Entführer zu unvorhergesehenen Handlungen veranlasst wird.

-    Der hohen Anzahl an Anrufen nachzugehen und alle freiwilligen Helfenden zu verwalten.

-    Das Risiko von Missverständnissen oder Meinungsverschiedenheiten, wenn die veröffentlichten Informationen nicht mit der Familie abgesprochen wurden.

-    Die hohen Erwartungen der Öffentlichkeit an die Effizienz des Systems.

Diese Studie unterstützt bereits die Diskussion rund um die Anwendung nationaler Entführungsalarme und um die Einführung eines europäischen Alarms. Sie verlangt jedoch weitere profundierte Recherchen, damit die Wirksamkeit dieses Instruments verbessert werden kann.

Photofdecomite, flickr/creative commons

Clara Balestra, Stiftung Sarah Oberson

Handbuch zur Betreuung unbegleiteter Minderjähriger in der Schweiz : Praxisorientierter Leitfaden für Fachleute

9 Mai 2016 par fso

In neun Etappen stellt der Leitfaden Ratschläge und praktische Werkzeuge für die in diesem Bereich tätige Akteure bereit. Der Fokus liegt dabei insbesondere auf der Identifizierung, der Betreuung, der Situationsabklärung und der Begleitung im Übergang zur Volljährigkeit dieser unbegleiteten Minderjährigen und Jugendlichen.

Dieses Handbuch entstand im Zuge einer engen Zusammenarbeit mit Fachpersonen aus der Westschweiz, die mit unbegleiteten Minderjährigen arbeiten (rechtliche Vertretungen, Sozialarbeiter und –Pädagogen, Zentrumsverantwortliche, Ärzte, Psychiater und Psychologen) sowie in Beteiligung verschiedener Fachorganisationen aus den Bereichen Kinderrechte und Migration. Die in diesem Handbuch vorgestellte Methode bietet einen Bezugsrahmen für die Unterbringung und Betreuung von unbegleiteten Minderjährigen.

Das Handbuch wurde von der Schweizerischen Stiftung des Internationalen Sozialdienstes publiziert (2016).

Von Schweizerischen Stiftung des Internationalen Sozialdienstes, Einleitung in „Handbuch zur Betreuung unbegleiteter Minderjähriger in der Schweiz“, 2016, S. 4-5.

Einleitung

Der Ausdruck «unbegleitete Minderjährige» bezeichnet Kinder und Jugendliche, die sich aus unterschiedlichen Gründen von ihrem ursprünglichen familiären Umfeld entfernt haben. Die Lage dieser jungen Migranten ist oftmals komplex und erfordert eine individuelle Abklärung. Es liegt im Verantwortungsbereich der Gastländer, unbegleiteten Minderjährigen eine angemessene Betreuung zu bieten und dabei auf die Einhaltung der Grundsätze der Kinderrechtskonvention,  welche von der Schweiz 1997 ratifiziert wurde, zu achten. Dieses Übereinkommen unterstreicht insbesondere die Notwendigkeit, das übergeordnete Interesse des Kindes zu berücksichtigen (Artikel 3)und ihm das Mitspracherecht bei allen es betreffenden Angelegenheiten zu erteilen (Artikel 12).Die Staaten sind folglich verpflichtet, Verfahrensweisen einzurichten, in denen das Kind nicht nur als «minderjährige Person mit spezifischen Bedürfnissen» betrachtet wird, sondern auch als «Akteur»seines eigenen Lebens respektiert wird. Jeder Minderjährige hat folglich den Anspruch auf die Abklärung und Berücksichtigung seiner persönlichen Situation bei sämtlichen, sein Leben betreffenden Veränderungen. Die Organisation der Betreuung unbegleiteter Minderjähriger fällt in der Schweiz in den Zuständigkeitsbereich der Kantone, des halb können die einzelnen Betreuungsverfahren je nach Kanton erhebliche Abweichungen aufweisen.

Dieses Handbuch hat zum Ziel, die Grundlagen eines einheitlichen Verfahrens in neun Etappen zu erläutern, wobei die Einhaltung der Kinderrechte und die Suche nach einer dauerhaften individuellen Lösung in den Mittelpunkt gestellt werden. In der Regel gibt es drei Arten dauerhafter Lösungen, die auf einer individuellen Abklärung des übergeordneten Interesses des Kindes beruhen:

- Die Reintegration im Herkunftsland

- Die Integration im Gastland

- Die Umsiedlung in einen Drittstaat

Eine dauerhafte Lösung ist eine «langfristige Lösung, die dem unbegleiteten Minderjährigen die Möglichkeit bietet, sich bis zum Erwachsenenalter in einer Umgebung zu entwickeln, die seinen Bedürfnissen entspricht und seine Rechte gewährleistet, wie sie in der KRK definiert sind, und die das Kind nicht dem Risiko einer Verfolgung oder einer schweren Notlage aussetzt».

Dieses Handbuch entstand im Zuge einer engen Zusammenarbeit mit Fachleuten aus der französischen Schweiz, die für die Betreuung unbegleiteter Minderjähriger zuständig sind (gesetzliche Vertreter, Sozialarbeiter, Sozialpädagogen, Heimleiter, Ärzte, Psychiater und Psychologen) und unter Beteiligung diverser Organisationen aus den Bereichen Kinderrechte und Migration.

Die Suche nach dauerhaften Lösungen zusammen mit unbegleiteten Minderjährigen stellt ein neues Paradigma dar, und es ist die Aufgabe des Gastlandes, der Fachleute und auch der Zivilgesellschaft, Rahmenbedingungen zu schaffen, die es Kindern und Jugendlichen in Not ermöglichen, in Sicherheit aufzuwachsen, sich in einem stabilen Umfeld zu entwickeln und  Perspektiven für die Zukunft aufzubauen.

‘Für ein Verbot der Ohrfeige’: es braucht ein Gesetz!

18 April 2016 par fso

Auf internationalem Niveau, haben die verschiedenen Instanzen aus diesem Gesetz ein Aushängeschild gemacht, um wirksam gegen die Misshandlung und für die Menschenrechte einzutreten- Kinder sind die einzigen Bewohner in der Schweiz, die man auf den Po hauen oder ohrfeigen kann.

Nun müssen schweizerische Entscheidungsträger Position beziehen.

Die Gerichtskommission des Nationalrats hat am 08.04.16 beschlossen der Petition ‘Zum Verbot von Ohrfeigen’ durch die Schüler von Gäbelbach nicht stattzugeben. Die Gerichtskommission sieht die Erlassung einer solch expliziten Norm in diesem Bereich als nicht notwendig an…

Nach Ziegert ist die Ausübung von körperlichen Bestrafungen innerhalb von Familien insbesondere darauf zurückzuführen, dass dieses Phänomen in den sozialen Werten und somit auch von der Legislative akzeptiert wird. Durrant und Olsen sagen, wenn ein Gesetz die Werte und Ideologien einer Gesellschaft wiederspiegelt, so kann auch das Gegenteil der Fall sein. Die Erlassung eines Gesetzes, das jegliche Gewalt gegen Kinder verbietet, kann die Wahrnehmung des Kindes, der Familie und der Rolle des Staates bezügliches dieses Themas verändern und könnte somit ein Meilenstein hin zu einer reellen Einstellungsänderung sein.

Im traditionellen Bild, wenn wir davon ausgehen, dass das Kind den Eltern angehört, kann die Anwendung von Formen der Unterwerfung, darunter auch Gewalt, im Sinne des Kindeswohls gerechtfertigt werden. Ganz im Gegensatz, wenn wir das Kind als Rechtsträger betrachten, werden die Eltern zu Garanten dieser Rechte. Es ist somit nicht mehr möglich Gewalt in der Erziehung auszuüben. Die sozialen Veränderungen haben die traditionelle Bedeutung des Kindes durch ein „Kind Subjekt“ ersetzt. Anschauungsweisen verändern sich je nach sozialer Gruppe unterschiedlich schnell und in unterschiedlichen Stufen. Im derzeitigen politischen Bereich sind beide Visionen vereint, was eine Gesetzeinführung verhindert.

Damit dieses Gesetz eine Chance hat durchgesetzt zu werden, ist eine Änderung der Denkweise von Seiten des Staates in der Dichotomie öffentlich/privat notwendig. Die Missbrauchsfälle zeigen, dass die Familie nicht mehr als der sichere Hafen für Frieden, in dem sich das Kind geschützt entwickeln kann, gilt. Vor dieser Feststellung steht die Verantwortung des Staates jene Mitglieder der Gesellschaft zu schützen, die es besonders brauchen, in Konflikt mit seiner Aufgabe, die Privatsphäre zu respektieren. Diese Spannung konnte bereits in Debatten rund um die familiäre Gewalt gegen Frauen gelöst werden.

Das Kinderrechte-Komitee schneidet dieses Thema an, indem es seine Meinung dazu äußert. Eine Meinung, die rechtssprechend ist: „Die Konvention verpflichtet die Staaten dazu, die Familien zu respektieren und zu unterstützen. Es entsteht dabei kein Konflikt mit der Verpflichtung der Staaten dafür zu sorgen, dass die Menschenwürde und die physische Unversehrtheit der Kinder (…) innerhalb der Familie geschützt wird.“

Somit impliziert die politische Entscheidungsfindung in diesem Sinne eine Veränderung der Einstellungen von Seiten der Legislative bezüglich seiner Wahrnehmung vom Kind sowie zur Schutzrolle des Staates. Auf internationalem Niveau, haben die verschiedenen Instanzen aus diesem Gesetz ein Aushängeschild gemacht, um wirksam gegen die Misshandlung und für die Menschenrechte einzutreten- Kinder sind die einzigen Bewohner in der Schweiz, die man auf den Po hauen oder ohrfeigen kann.

Nun müssen schweizerische Entscheidungsträger Position beziehen.

Clara Balestra, Sarah Oberson Stiftung, 18.4.16

Bericht über die Aktivitäten 2015

12 April 2016 par fso

Die Sarah Oberson Stiftung, ohne Erwerbszweck, ist eine Organisation, die mit dem Ziel gegründet wurde, das Schicksal von Kindern durch Anregung des Dialoges zu den Kinderrechten zu verbessern. Seinen Ursprüngen treu geblieben, engagiert sich die SOS auch in der Kollaboration und Intervention mit Schweizer Führungspositionen, damit landesweit ein leistungsstarkes System zur schnellen und wirksamen Bearbeitung von Kindesverschwinden sowie eine effektive Unterstützung für die Familien eingeführt werden können.

Der vollständige Tätigkeitsbericht 2015

1.    Beitrag zur Verbesserung des Antwortsystems im Fall von vermissten Kindern

Seit seiner Operationalisierung im Januar, wurde der Entführungsalarm in der Schweiz nicht ausgelöst: aus diesem Grund engagiert sich die Stiftung dafür, dass der Alarm ausgelöst werden kann, ohne dass ihn zu strenge Kriterien daran hindern. Das Kriterium der Gefährdung der physischen und psychischen Unversehrtheit des Kindes muss Priorität haben, einschließlich der Entführung durch einen Elternteil und des eigenständigen Entfliehens (siehe Tätigkeitsbericht 2015 zur Aktualität in der Schweiz und in Europa sowie den Hauptaufgaben der Stiftung in diesem Bereich).

Wallis

Die Sarah Oberson Stiftung hatte bereits im September 2012 die Chefs der kantonalen Ämter zu einem Arbeitstreffen zum Austausch über Verbesserungen des Antwortsystems auf kantonalem Niveau eingeladen. Die Ergebnisse dieses Treffens wirken noch nach:

  • 2013 haben die durchgeführten Vorgehen ein neues Bewusstsein in den verschiedenen Serviceämtern hervorgerufen, welches von großem Nutzen für das ganze Personal war.
  • In 2014 hat die öffentliche Informationskampagne zum Verschwinden von Kindern begonnen und
  • wird nicht vor 2016 enden.

Aufklärungskampagne: Ihr Kind ist nicht nach Hause gekommen?

Im November 2014 hat die Sarah Oberson Stiftung eine umfangreiche Informationskampagne in den frankophonen Walliser Schulen gestartet. Der Flyer,, welcher in enger Zusammenarbeit mit dem Kanton Wallis entstanden ist, wurde 45.000 Mal versandt. Ziel: Verhinderung einer Kindesentführung, eine schnelle Auslösung des Entführungsalarms wenn nötig, und vor allen Dingen die Beruhigung der Eltern.

Die Verteilung der Flyer konnte einen anderen Teil der Kampagne einleiten: Die Sensibilisierung für weitere Probleme im Zusammenhang mit dem Verschwinden eines Kindes. Demnach hatte die Sarah Oberson Konferenz 2014 folgendes Thema zum Inhalt: Trennung der Eltern, Verschwinden von Kindern. Ende Januar 2015 wurde eine Pressemitteilung zum Thema „wenn Kinder weglaufen“ veröffentlicht. Diese Mitteilung hat das Interesse der Politik (siehe unten) und der Presse – siehe Pressespiegel – auf sich gezogen. Zum internationalen Tag der vermissten Kinder am 25.05.2015 wurde eine weitere Pressemitteilung veröffentlicht, die sich mit dem Entführungsalarm-System befasst. Des Weiteren wurde auf die Notwendigkeit nationaler Statistiken und wissenschaftlicher Forschungen zum Verschwinden von Kindern hingewiesen – siehe Pressespiegel.

Diese letzte zweisprachige Mitteilung hat die Kampagne im Unterwallis beendet und im Oberwallis eröffnet. Im September 2015 wurden 15.000 Flyler in Oberwalliser Schulen verschickt. Am 21. März 2016 wurde eine letzte Pressemitteilung zum Thema weggelaufener Kinder auf Deutsch veröffentlicht. Mit dieser wurde die Aufklärungskampagne beendet.

Weglaufen – parlamentarische Intervention

Nach Erscheinen der Pressemitteilung zum Weglaufen der Kinder, hat Frau Véronique Coppey, Abgeordnete im walliser Grossrat, Kontakt mit der Stiftung aufgenommen, um zu wissen, wie die Politik bei diesem Problem helfen könnte. Seither gibt es parlamentarisches Vorgehen mit dem Ziel wirksame Maßnahmen anzubieten, die der Situation im Wallis entsprechen.

2.    Anregung zum Dialog zu Verletzungen der Kinderrechte

Sarah Oberson Abend 2015

Der  Sarah Oberson Abend 2015 vom 11. November war ein voller Erfolg: mehr als 140 Personen haben  an der Debatte teilgenommen, die da hieß:  „Als Kind arm sein in der Schweiz“. Geht man von den letzten Zahlen aus, sind Kinder die Altersklasse, die am meisten von Armut betroffen ist. Im Rahmen dieses Abends hat die Sarah Oberson Stiftung über die tägliche Realität dieser Kinder nachgedacht und welche Konsequenzen sich aus diesen unsicheren Lebensverhältnissen für die Zukunft der Kinder ergeben sowie welchen Einfluss diese auf die Angemessenheit der gebrachten Antworten haben. Die gesamte Konferenz wurde aufgezeichnet und die qualitative Aufzeichnung AUDIO kann über die Internetseite der Stiftung aufgerufen werden.

Außerdem wurde im Frühling 2015 der Arbeitsbericht zu den Sarah Oberson Abenden 2011 und 2014 unter dem Titel: „Trennung der Eltern, Verschwinden von Kindern“ veröffentlicht. Nachdem das Thema 2011 unter juristischem Deckmantel behandelt wurde, hat die Sarah Oberson Stiftung das Sujet 2014 erneut aufgegriffen und seine psychosozialen Referenten miteinbezogen.

Internetseite der Stiftung

Über ihre Internetseite, möchte die Sarah Oberson Stiftung einen besonderen Bereich für Texte, Artikel, Dokumentationen und Aktionen zum Thema der Kinderrechte und zu verschwundenen Kindern geben, mit dem Ziel die Öffentlichkeit zu diesen Themen zu sensibilisieren. Es soll ein nationales Schaufenster zu den Fragen rund um die Kinderrechte und zum Kindesverschwinden sein. Immer aktualisiert, profitiert die Seite von mehr als 20.000 Besuchern im Jahr.

Blog

Mit einem Angebot von mehreren Editorials im Monat zu unterschiedlichen Themen der Stiftung, bereichert der Blog den Inhalt der Sarah Oberson Stiftung Internetseite.

Soziale Netzwerke

Die Stiftung verfügt nun über eine Seite auf Facebook; einem LinkedIn Konto mit einer Sarah Oberson Stiftung Seite und Zugang zu verschiedenen Gruppen; einem Twitter Account; und einem Google + Konto, welches am 16.06.2015 eröffnet wurde.

Über diese Kanäle kann sich die Öffentlichkeit über den Inhalt der Internetseite informieren ohne diese zwingend zu besuchen. Wir konstatieren zudem einen Anstieg der Besucherzahlen von 121% ausgehend von diesen sozialen Netzwerken.

FSO, April 2015

Die politische Marginalisierung von Kindern in Armut

15 März 2016 par fso

Kritik rund um die prekären Lebensverhältnisse in denen Kinder leben müssen wird laut und viele sehen eine Verbindung zwischen dieser unvorteilhaften Situation und den fehlenden politischen Rechten. Dies würde ein Desinteresse der Repräsentanten in den entscheidungsgebenden Instanzen bewirken.  Die Weltgesundheitsorganisation (WGO, 2002) sieht sich beispielsweise in der Pflicht, den Staat darum zu bitten, die Schwächsten der Gesellschaft zu schützen, auch wenn diesen eine direkte Repräsentativität fehlt.

Kittay und Linsdsey bringen das fehlende Wahlrecht für Minderjährige in den USA mit ihrem Armutsstand in Verbindung. Erstere fragt, ob die ärmsten Personen auch jene Personen sind, die in der politischen Arena unterrepräsentiert sind und unterstreicht damit den Fakt, dass Kinder als unfertige Personen gesehen werden und noch nicht als vollwertige Bürger. Lindsay erweitert diese Aussage und behauptet, dass die Lösung gegen kindliche Armut durch Hand erbracht werden muss, da von politischer Seite niemals der Wille zur Lösung gegeben war. Das Problem kommt, seiner Ansicht nach, von der Ausgrenzung des Wahlrechts für Kinder.

Des Weiteren legt Qvortrup (S. 15-18) anhand eines strukturellen Ansatzes eine schrittweise Marginalisierung von Kindern als Gemeinschaft vor, welche sie einem größeren Risiko der Verarmung aussetzt. Dieses Phänomen ist eine kollaterale Konsequenz von strukturellen Veränderungen der westlichen Gesellschaften in den letzten Jahrzehnten. Demographische und ideologische Gründe haben zu diesem Phänomen beigetragen. Einerseits ist es zu einer graduellen Alterung der Bevölkerung und zudem zu einer abfallenden Geburtenrate gekommen, welche zur Folge haben, dass die Anzahl der Erwachsenen mit Kindern gesunken ist. Dies bedeutet, dass Eltern in der Unterzahl zu anderen Erwachsenen stehen. Andererseits handelt es sich bei Kindern in unseren liberalen Gesellschaften um eine private Angelegenheit, die nur der Elternkompetenz unterliegt. Die Einmischung des Staates wird als schlecht empfunden.

Dennoch spielt der Staat eine wichtige Rolle in der Bekämpfung des Problems. Eine staatliche Intervention im Sinne der Kinder ist nötig, um ihre strukturelle Marginalisierung zu verhindern. Das Fernbleiben von Minderjährigen in der politischen Szene führt nur dazu, dass sich ihre prekäre Situation zuspitzt. Doch selbst in den skandinavischen Ländern, in denen der Wohlfahrtsstaat auf die Sache der Kinder Acht gibt, ist der Anteil der von Verarmung bedrohten Kinder höher als jener der älteren Personen (Sgritta, S. 346).

Clara Balestra, 14.03.16

Photo: © D Sharon Pruitt, Flickr/Creative Commons

Voir Clara Balestra (2007),  Les droits de l’enfant dans l’arène politique fédérale Suisse : L’exemple de la loi sur l’interdiction des châtiments corporels au sein de la famille, Thesis submitted in the framework of the Master of advanced Studies in Children’s Rights, Institut Universitaire Kurt Bösch (IUKB) et Université de Fribourg, Suisse.

Vermisste Kinder: die Schweiz gegen die europäische Tendenz

22 Februar 2016 par fso

In der Schweiz hat der Bundesrat entschieden, dass die Kriterien, die für die Auslösung einer Entführungsalarm gelten, nicht erbreitet werden müssen. Das geht gegen der europäischen Tendenz. Am 1. Februar 2016 haben tatsächlich 19 europäische Parlamentarier, Repräsentanten der 6 größten Politischen Gruppierungen, eine schriftliche Erklärung vorgelegt (DE 7/2016), welche „den 5 Punkte-Plan der AMBER Alert Europe unterstützt“.

Mit 22 Mitgliedern in 16 europäischen Ländern ist das AMBER Alert Europa „das europäische Warnsystemnetzwerk für vermisste Kinder und Polizeinetz im Bereich vermisster Kinder“.

European Parliament adopts action plan to save missing children in most successful Written Declaration since 2011, Amber Alert Europe, 10.05.2016

Der 5 Punkte-Plan fordert:

  1. Eine Erweiterung und Stärkung des nationalen Warnsystems bei Kindesentführung: Unterstützung weiterer europäischer Länder in der Entwicklung von nationalen Entführungswarnsystemen. Aktuell haben 16 Länder der europäischen Union und die Schweiz das System eingeführt.
  2. Höhere Flexibilität bei den Auslösekriterien der Warnsysteme: Lockerung der bestehenden Kriterien und Ermöglichung der Auslösung des Alarms, wenn spezielle Ermittler festgestellt haben, dass das Leben des Kindes in Gefahr ist, indem von den anderen bisherigen ordinären Kriterien Abstand genommen wird und es sich um eine bewiesene Entführung handelt (Bsp. Frankreich).
  3. Ein besserer Informationsaustausch zwischen den Staaten: Absicherung eines Informationsaustausch bezüglich eines Kindes in Gefahr bei angrenzenden Ländern: Erarbeitung von Protokollen, die einen sofortigen Informationsaustausch zwischen den Polizeikräften der Nachbarländer ermöglichen; Übermittlung der nationalen Warnhinweise an die Medien der benachbarten Länder, um so das breite Publikum jenseits der beiden Ländergrenzen zu informieren (Bsp.: Polen-Deutschland).
  4. Eine bessere Zusammenarbeit der grenzüberschreitenden Polizei: Schaffung eines offiziellen Expertennetzwerkes zu Kindesverschwinden und zu den Alarmsystemen auf nationalem Niveau. AMBER Alert Europe hat ein ähnliches Netzwerk (Police Network on Missing Children) aufgebaut, welches mittlerweile 34 Polizeifachkräfte aus 11 Ländern, inklusive der Schweiz, zählt.
  5. Eine bessere Identifizierung und Schutz von Kindern an den Grenzen: Kinder, die sich in Gefahr befinden, müssen sofort in die Datenbank des Schengen Information System (SIS II) aufgenommen werden, damit die Grenzkontrollen unmittelbar benachrichtigt werden können; Weiterbildung der Grenzkontrollen bezüglich dieses Sujets in Zusammenarbeit mit Frontex.

Die Sarah Oberson Stiftung begrüßt diesen Schritt, welcher dem Mandat und den Aktivitäten der Stiftung entspricht. Schließlich hat sich die Stiftung stark für die Einführung des Entführungswarnsystems in der Schweiz eingesetzt. Sie engagiert sich nun für:

-          Höhere Flexibilität bei den Auslösekriterien der Warnsysteme;

-          Integration der Schweiz in ein mögliches europäisches Entführungswarnsystem;

-          Eine besser Kenntnisnahme des Phänomens des Kindesverschwindens dank der Einführung von nationalen Statistiken zu verschwundenen Kindern und wissenschaftliche Studien, welche das Problem analysieren;

-          Einführung der Notrufnummer 116 000 in der Schweiz.

Armes Kind sein in einem reichen Land

26 Januar 2016 par fso

Die Herausforderung, welche sich bei dem Thema der Armut von Kindern in reichen Ländern stellt, beinhaltet die Suche nach einem Mittel um diesen Teufelskreis zu durchbrechen bzw. noch weiter zu durchbrechen.

Einblick in den Beitrag in Sarah Oberson Konferenz 2015 von Jean-Michel Bonvin, Professor im sozio-ökonomischen Institut der Fakultät für Sozialwissenschaften an der Universität Genf.  AUDIO

Der Begriff Armut kann drei verschiedene Bedeutungen haben: materielle Armut; Mangel an Möglichkeiten; Demokratiearmut.

Die materielle Armut

In den Industrieländern wird nicht von absoluter Armut gesprochen, (1) sondern von relativer Armut. Es wird angenommen, dass jede(s) Person/ Kind/ Familie, welche(s) weniger als 50% des Durchschnittsjahreseinkommen einer Gesellschaft erhält, unter relativer Armut leidet. Diese Armut hat Auswirkungen auf mehrere Lebensbereiche: Zugang zu ärztlicher Versorgung, zu Unterkunft, zu Freizeitbeschäftigungen, zu Bildung und Betreuungsstrukturen.

Um die Wirkung der relativen Armut in Bezug zu den Sozialleistungen zu verstehen, darf sie nicht als einzelner Bestandteil, sondern im Zusammenhang mit dem institutionellen Rahmen und der Sozialpolitik in der sie sich befindet, gesehen werden. Sollte ein Staat beschließen den Zugang zu Gesundheitsdiensten zu erleichtern, würde die Wirkung der Armut auf diesen Bereich gemildert werden. Es besteht in der Tat ein wichtiger Zusammenhang zwischen der Rate der relativen Armut von Kindern und dem Umfang der Sozialpolitiken zur Umverteilung (3).

Ebenso gäbe es ein höheres Risiko der Vererbung von Armut, wenn die Sozialpolitik weniger umverteilen würde (4).

Nach Angaben von Unicef (2) leben in den 41 untersuchten Industrieländern 76,5 Millionen Kinder in Armut. In allen diesen Ländern, sind die alleinerziehenden oder kinderreichen Familien am stärksten von Armut betroffen.

In diesen Ländern zeigt sich eine Tendenz weg von der Minimierung der Sozialleistungen  aber hin zur Erhöhung der Voraussetzungen des Zugangs zu den Hilfeleistungen. So wird eine Voraussetzung für die Sozialhilfe die ständige Anwesenheit der Kinder in der Schule sein. Bei Fehlbleiben des Kindes wird somit eine der Voraussetzungen nicht erfüllt. Für Familien in Armut, kann diese Art der Maßnahme eine erhebliche Verringerung der Sozialhilfe zur Folge haben.

Mangel an Möglichkeiten

Es besteht eine enge Verbindung zwischen der sozialen Herkunft von Personen und den Möglichkeiten, die sich ihnen bieten. Die Schule, welche eine Chancengleichheit herstellen sollte, konnte hier nicht adäquat eingreifen. Dafür gibt es mehrere Gründe.

Nach Bourdieu erkläre sich dies aufgrund dessen, da die Schule erschaffen wurde, um der Mittel- oder Oberschicht den Zugang zu Wissen zu öffnen. Die anderen sozialen Klassen, welche nicht die gleiche Ausdrucks- und Handlungsweisen beherrschen, werden daher vernachlässigt.

Wohingegen die Theorien zum sozialen Engagement, welche von der Entwicklungspsychologie inspiriert sind, diesen Umstand durch die Tatsache erklären, dass die Schule zu spät eingreift. Bereits vor der Schule wird eine Anzahl von diskriminierenden Faktoren festgelegt, die von der Schule nicht mehr beseitigt werden können. Drei Elemente sind ausschlaggebend:

-    Einkommensungleichheit: weniger Einkommen bedeutet auch weniger Möglichkeiten

-    Investition der Eltern in die Bildung: die Statistiken zeigen klar, dass Eltern der Oberschicht mehr Zeit in die Bildung ihrer Kinder investieren können (5).

-    Kultureffekt: in den wohlhabenderen sozialen Gemeinschaften zeigt sich eine Kultur, welche sich mehr um die Förderung der Kindesentwicklung bemüht. Dieses positive Umfeld bietet einen Zuwachs an Möglichkeiten für die begünstigten Kinder.

Nach eben diesen Theorien, ermöglichen eine Arbeit (positive Wirkung auf die Einkommensungleichheit) und  qualitative Betreuungsstrukturen (positive Auswirkung auf das elterliche Engagement und den Kultureffekt) die drei oben genannten Diskriminierungsmerkmale zu neutralisieren und somit den Zugang zu Möglichkeiten für Kinder zu egalisieren.

Demokratischen Armut

Diese Armut bezieht sich auf die Beteiligungsrechte von in Armut lebenden Kindern. Drei Fragen ermöglichen es, hier weiter zu präzisieren:

-    Welchen Platz haben Versuche und Fehler von Kindern, die sich in prekären Lebensumständen befinden – z.B. wenn man in der Volksschule scheitert, wird man früher vor Entscheidungen zur Karriere gestellt, als Schüler, die die obere Sekundarstufe beenden.

-    Welches sind aktuell die Beteiligungsrechte von Kindern in Armut in den für die jungen Menschen vorgesehenen Mitspracheplattformen (Jugendparlament,…)? Diese Einrichtungen werden überwiegend von Kindern aus wohlhabenden Verhältnissen genutzt.

-    Demnach stellt sich die Frage, inwiefern eine öffentliche Politik geschaffen werden kann, welche die Themen der am stärksten benachteiligten Kinder berücksichtigt, wenn niemand da ist, um sie sich anzuhören und um sich über die Dinge informieren zu lassen, die sie uns zu sagen haben.

Konklusion

Wenn der institutionelle Kontext und die bestehende Politik nicht adäquat sind, besteht eine enorme Gefahr, dass die drei Armutstypen kumulieren: jene die materieller Armut leiden, werden weniger Möglichkeiten und weniger Mitsprachrecht haben. Dieses Problem macht es umso schwieriger sich aus der Armut heraus zu kämpfen und beinhaltet daher eine hohe Gefahr, dass die Armut an die nächste Generation weiter getragen wird.

Die Herausforderung, welche sich bei dem Thema der Armut von Kindern in reichen Ländern stellt, beinhaltet die Suche nach einem Mittel um diesen Teufelskreis zu durchbrechen bzw. noch weiter zu durchbrechen.

(1)    Familien, die sich in einem Zustand der Auflösung befinden, sodass sie nur schwer für die Bedürfnisse der Familie aufkommen können.

(2)    Kind in den Industrieländern, 2014

(3)    Eine eindeutige Differenz zeigt sich zwischen den skandinavischen Ländern – welche für eine starke Umverteilungspolitik bekannt sind (die Rate für in Armut lebende Kinder liegt zwischen 5 und 10 %) und den angelsächsischen Ländern (die Rate für in Armut lebende Kinder liegt hier zwischen 25 und 30%).

(4)    Die Armut, welche von Generation zu Generation weitergetragen wird.

(5)    Man beobachtet eine Differenz von 20%.

Die Zeitung von unbegleitete Minderjährige « Ma voix pour toi »

12 Januar 2016 par fso

Im vergangenen November organisierte die Schweizerische Stiftung des Internationalen Sozialdienstes (SSI) einen Workshop für unbegleitete Minderjährige (MNA) mit dem Ziel, die zweite Nummer der Zeitung « Ma voix pour toi » herauszugeben, die voll und ganz diesen jungen Menschen gewidmet ist.

Artikel von SSI, Dezember 2015

Die aktuelle Migrationskrise hat zur Folge, dass immer mehr Kinder ohne elterlichen Schutz in der Schweiz ankommen. Diesen unbegleiteten Minderjährigen muss besondere Aufmerksamkeit zuteil werden, denn es fehlt ihnen oft an kulturellen und familiären Bezugspunkten, sie verfügen vielfach nur über unzulängliche Informationen, was ihren Aufenthalt in der Schweiz betrifft und leben ausserdem oft in grosser Isolation – Umstände, die ihr Wohlbefinden und ihre Entwicklung gefährden.

15 UMA aus den verschiedensten Ländern (Afghanistan, Tunesien, Gambia, Senegal, Eritrea, Guinea-Conakry, Syrien, Somalia und Irak) nahmen am Workshop teil und befassten sich in Gruppen intensiv mit dem Thema „Berufliche Ausbildung“.

Die Jugendlichen erzählen, wie sie heute leben und von welchem Beruf sie als Kind träumten. Sie vergleichen ihr Leben in der Schweiz mit dem Alltag in ihrem Herkunftsland und beschreiben die damit verbundenen Schwierigkeiten. Ihre Geschichten sind mal hoffnungsvoll, mal voller Enttäuschung, trotz allem aber immer von Optimismus geprägt.

Abel (Name geändert) aus Tunesien: „Ich war überrascht, dass die Schule in der Schweiz schon mit 15 Jahren abgeschlossen wird. Ich dachte, dies sei erst mit 18 Jahren der Fall wie in Tunesien. Es ist schwieriger, man muss eine Stelle suchen…aber man kann früher zu arbeiten beginnen und Geld verdienen. So wird man finanziell selbstständig und ist nicht auf die Sozialhilfe angewiesen.“

Die nächste Nummer zum Thema „Bezugspersonen für UMA“ wird im Sommer 2016 erscheinen.