Weglaufen, ein Hilfeschrei

2 Februar 2015

Nach der Sensibilisierungskampagne in den Walliser Schulen im Herbst über Entführung sensibilisiert die Sarah Oberson Stiftung nun auf ein anderes Thema: das Weglaufen von Kindern. Eine beunruhigende Realität, da schon allein der Kanton Wallis fast 300 Fälle pro Jahr verzeichnet. Das Risikoverhalten von Jugendlichen ist ausserdem Thema eines Symposiums am 3. Februar in Genf.

Die Feste zum Jahresende sind vorbei, die Dekoration weggeräumt, die Kerzen erloschen und der Weihnachtszauber … vorbei. Für alle gilt Rückkehr zum Alltag, wieder arbeiten für einige, zurück in die Schule oder in ein Heim für andere.

Es ist eine besonders heikle Zeit für Jugendliche in schwierigen Situationen, seien sie schulisch oder familiär bedingt. Eine schlechte Note, Streit mit den Eltern, Desinteresse oder sogar Misshandlung, Trennung von der Freundin … in diesen Situationen ist Weglaufen für einige eine Lösung, um aus ihrer Umgebung zu entfliehen. Sei es für einige Stunden, Tage oder manchmal Wochen. Gemäss Professor Olivier Halfon, Chef des Service universitaire de psychiatrie de l’enfant et de l’adolescent (SUPEA) (universitäre psychiatrische Dienste für Kinder und Jugendliche), CHUV in Lausanne, ist es unmöglich, Weglaufen mit Sicherheit vorherzusehen. Es müsse aber auf alle Verhaltensänderungen geachtet werden, zum Beispiel wenn sich das Kind abschottet und/oder sich die schulische Leistung verschlechtert.1

Die Statistiken über Weglaufen sind lückenhaft. Allerdings wurden allein im Kanton Waadt, gemäss einer Studie der Universität Lausanne aus dem Jahr 2013, drei Fälle pro Tag registriert! Fest steht ausserdem, dass das Phänomen in den Nachbarländern stark zunimmt – in der Schweiz zweifellos auch. Internationale Studien schätzen die Anzahl Minderjähriger, die von Zuhause weglaufen, auf zwischen 1,1 % und 8,7 %. Das würde, auf die Schweizer Bevölkerung im Jahr 2011 übertragen, zwischen 7’000 und 53’000 Fälle bedeuten.

Das Verschwinden unverzüglich der Polizei melden

Das Konzept, gemäss dem Weglaufen ein „Übergangsritus“ zum Erwachsenenalter darstellt, ist überholt. Der Minderjährige, der sein Zuhause freiwillig verlässt, schreit nach Hilfe. Weglaufen ist seine Art, der Familie oder der Gesellschaft zu sagen: „Ich brauche Hilfe. Ich halte meine Situation nicht mehr aus, deswegen handle ich und laufe weg.“

Die Jugend ist eine entscheidende Phase für die Gehirnentwicklung, in der sich einige charakteristische Verhaltensweisen zeigen: verstärkte soziale Interaktion, erhöhte Risikobereitschaft, zunehmende Suche nach Herausforderungen und Neuem, mehr Neugier und Entdeckergeist. Die Veränderungen im Gehirn während dieser Zeit führen dazu, dass Jugendliche handeln, bevor sie die Konsequenzen ihrer Handlungen vollständig eingeschätzt haben.1

„Weglaufen ist eine der gewagten Verhaltensweisen, die zu dieser Entwicklungsphase gehören“, erklärt Clara Balestra, wissenschaftliche und administrative Mitarbeiterin der Sarah Oberson Stiftung. „Als solche darf sie nicht auf die leichte Schulter genommen werden, sei es während das Kind verschwunden ist oder wenn es zurück ist.“ Je mehr Zeit das Kind auf der Strasse verbringt, desto mehr ist seine Integrität gefährdet. Es ist also wichtig, das Kind so schnell wie möglich wiederzufinden. Bei der Abwesenheit eines Kindes muss sofort – nachdem die Angehörigen und/oder die Schule kontaktiert wurden – die Polizei verständigt werden.

Das Risikoverhalten von Jugendlichen wird am 3. Februar 2015 im Universitätsspital in Genf thematisiert. Es findet ein Anlass mit dem Titel „Le réseau santé-social à l’épreuve de la crise suicidaire chez l’adolescent – Par maux et par mots, que nous enseigne la parole des jeunes? “ (Das soziale und medizinische Netz bei suizidalen Krisen von Jugendlichen auf die Probe gestellt – was lernen wir von den Aussagen Jugendlicher?) statt. Die Aussagen von Jugendlichen stehen im Zentrum dieses Anlasses, der unter anderem von der Fondation Children Action organisiert wird. Es werden sowohl Vorträge gehalten wie auch Erlebnisberichte Platz haben.

Nach der Rückkehr des Kindes einen konstruktiven Dialog aufnehmen

Das Weglaufen muss nicht nur während der Abwesenheit des Kindes ernst genommen werden, sondern auch bei der Rückkehr. Es ist also wichtig, Raum für Dialog zu schaffen. Die junge Person muss ihre Empfindungen und die Gründe für ihr Verhalten erklären können und die erwachsene Person ihren Standpunkt darlegen – ohne dass dies gewertet wird. „Wir sind überzeugt, dass eine Reflexion darüber, was es bedeutet, wenn Jugendliche weglaufen, helfen kann, die Betreuung der Ausreisser zu verbessern“, betont Clara Balestra, „auch wenn ein vertieftes Wissen über das Phänomen in der Schweiz noch fehlt.“

Die Stiftung hat sich übrigens im Jahr 2012 im Rahmen ihrer jährlichen Konferenz mit dem Thema befasst. Die Konferenzen beschäftigen sich immer mit einem Thema im Zusammenhang mit der Kindheit. Im Jahr 2012 haben sich mehrere Spezialisten dazu geäussert und die Präsentationen und die anschliessende Diskussionsrunde wurden zusammengefasst. Die Zusammenfassung ist auf der Website der Stiftung verfügbar (FR).

Wenn im Wallis ein Kind wiedergefunden wird und die Polizei der Ansicht ist, eine soziale Betreuung sei nötig, vermittelt sie den Fall an das Amt für Kindesschutz (AKS). Dieses bestimmt Massnahmen wie Unterstützung der Familie, Platzierung oder Spitalaufenthalt. Wenn keine Notfallmassnahme notwendig ist, nimmt das AKS separat Kontakt mit der Familie und dem Kind auf, um ihnen Unterstützung anzubieten.

1 Sarah Oberson Konferenz 2012 – „Weglaufen: Ritus des Übergangs oder Ruf um Hilfe?“, Jean Zermatten et al., November 2012

                                                                                                                                                       

Beunruhigende Zahlen

Weglaufen ist ein Phänomen, dessen wahres Ausmass unbekannt ist, da es keine nationalen Statistiken darüber gibt und nicht alle Fälle gemeldet werden.

Eine Studie der Universität Lausanne aus dem Jahr 2013 über die Jahre 2010 bis 2012 im Kanton Waadt hat Folgendes aufgezeigt:

> Die Kantonspolizei Waadt hat 3’296 Fälle registriert, das sind fast 1’100 Fällen pro Jahr und entspricht ungefähr 3 pro Tag.

> Die Personen, die weglaufen, sind mehrheitlich zwischen 13 und 18 Jahre alt (89,9 %).

> Mehr als die Hälfte der Personen (52,9 %) sind ein einziges Mal weggelaufen.

Im Wallis wurden den Behörden in derselben Zeit 848 Fälle von weggelaufenen Minderjährigen gemeldet, das entspricht ungefähr 282 pro Jahr.

In Frankreich werden jährlich 30’000 Fälle von weggelaufenen Jugendlichen gemeldet; die tatsächliche Zahl wird auf 100’000 geschätzt.

In der Schweiz ist Selbstmord nach Verkehrsunfällen die zweithäufigste Todesursache bei Jugendlichen zwischen 15 und 19 Jahren.

                                                                                                                                                      

>> Mehr Informationen über das Weglaufen von Kindern (Zusammenfassung der Sarah Oberson Konferenz 2012: „Weglaufen: Ritus des Übergangs oder Ruf um Hilfe?“) http://www.sarahoberson.org/soiree-sarah-oberson-2012,de,78,pa.html

>> Besuchen Sie die Website der Sarah Oberson Stiftung für mehr Informationen zu Themen rund um die Kindheit und Jugend www.sarahoberson.org

>> Informationen zum Symposium „Le réseau santé-social à l’épreuve de la crise suicidiaire chez l’adolescent“ (FR) http://www.hug-ge.ch/evenement/reseau-sante-social-epreuve-crise-suicidaire-chez?popup=1

 

Weglaufen: vom Ritus des Übergangs zum Ruf um Hilfe

21 Mai 2012

Die große Mehrheit des Verschwindens von Kindern in der westlichen Welt fällt unter den Aspekt Weglaufen, also Minderjährige. Das Weglaufen birgt aufgrund seiner Konsequenzen ein gewisses Risiko. Die Jugendlichen müssen folglich möglichst rasch wiedergefunden werden. Und danach? Über das Weglaufen als Übergangsritual hinaus scheint es, dass Kinder vor einer schwierigen Situation davonlaufen. So kann das Weglaufen als ein Ruf um Hilfe betrachtet werden, welcher sich an die Familie, die Institution und die Gesellschaft wendet. Über die Bedeutungen des Weglaufens von Jugendlichen zu nachdenken, um die Betreuung Weggelaufener zu verstärken.

25. Mai, dem Internationalen Tag der vermissten Kinder

Die große Mehrheit des Verschwindens von Kindern in der westlichen Welt fällt unter den Aspekt Weglaufen, also Minderjährige, welche “freiwillig ihr Wohnsitz, ihre Institution oder ihre Aufnahmefamilie ohne Genehmigung ihrer Eltern oder Erziehungsberechtigten, welche diese ersetzen” verlassen. Die Weglaufer sind hauptsächlich Kinder zwischen 12 und 18 Jahren. Nach internationalen Studien “pendelt die jährliche Anzahl von Minderjährigen, welche den Wohnsitz (elterlich oder Institutionell) verlassen, zwischen 1,1 % und 8,7 % ” (Glowaks, 2004). Gemäss BFS lebten im Januar 2011 in der Schweiz  610 ‘ 166 Kinder im Alter von 12 bis 18 Jahren. Das Delta weggelaufener Kinder läge in der Schweiz folglich zwischen 6 ‘ 712 und 53 ‘ 084 Kinder pro Jahr. Eine abgeleitete und nicht bestätigte Zahl, da es keine nationale Statistik zu diesem Thema (BFS) gibt. Ein weitverbreitetes Phänomen also welches in den letzten Jahren in den angrenzenden Ländern stetig zunahm.

Für gewisse Forscher kann das Weglaufen “als integral zum Entwicklungsprozess gewisser Jugendlicher dazugehörend wahrgenommen werden” (Di Turro, 2009). Das Weglaufen als Übergangsritus; wie ein Ruf zum geheimnisvollen und anziehenden Unbekannten, ohne Autorität und Verantwortlichkeiten; das Weglaufen wie eine Art und Weise, sich der Autorität der Familie oder der Institution zu entziehen um schließlich auf eigenen Beinen zu stehen. Nach dieser Deutung soll das Weglaufen nur in Verbindung zu potentiellen Risiken auf  der Straße begleitet sein.

Die Daten stimmen überein: je länger ein Minderjähriger auf der Straße bleibt, umso mehr sind seine körperliche und psychische Integrität Risiken ausgesetzt. Das Weglaufen birgt also aufgrund seiner Konsequenzen ein gewisses Risiko. Die Jugendlichen müssen folglich möglichst rasch wiedergefunden werden.

Über das Weglaufen als Übergangsritual hinaus scheint es, dass Kinder vor einer schwierigen Situation davonlaufen. Die unterschiedlichen wissenschaftlichen Studien über das Thema zeigen gleichartige Risikofaktoren: eine schwierige Situation innerhalb der Familie, welchem vom Desinteresses der Eltern zu einem offen Konflikt reicht, oder schlimmer noch bis zu Misshandlungen. Man stellt “im Vergleich eine 6 bis 8 Mal höhere Erscheinung von Misshandlungen bei den Weggelaufenen als bei der Kontrollgruppe“ fest (Nervure, 2008). Außerdem “ist die Anzahl von den Weggelaufenen aus Institutionen  höher als diejenige aus  dem elterlichen Umfeld” (Glowaks, 2004). Schliesslich nehmen sie auch Risikofaktoren in Kauf wie Schwierigkeiten in der Schule, eine niedrige Selbstachtung, depressiven Verstimmungen und Selbstmordgedanken.

So kann das Weglaufen als ein Ruf um Hilfe betrachtet werden, welcher sich an die Familie, die Institution und die Gesellschaft wendet, um zu sagen: ” ich brauche Hilfe. Die Situation, in der ich lebe ist zu schwer, als dass ich sie länger ertragen kann und ich habe keine Kraft mehr, ihr zu trotzen, also handle ich, ich fliehe”.

Ansonsten ist das Jugendalter zweifellos eine Durchgangszeit zwischen der Kindheit und dem Erwachsenenalter. Die Jugendlichen beginnen den Prozess der Individualisierung und des Umsetzens von Autonomie. In dieser Periode sind nicht nur die Beziehungen mit der Familie und der Gesellschaft Veränderungen unterworfen, auch körperliche Umwälzungen finden statt, unter anderem in Form neurobiologischer Änderungen im Gehirn eines Jugendlichen. Diese Letzten eröffnen den Jugendlichen zwar große Aktionsmöglichkeiten, geben ihnen jedoch noch nicht die Kompetenz, die Folgen der Handlungen voll und ganz abzuschätzen.  So werden Risikoverhalten, Entscheidungsschwierigkeiten etc. gefördert. (1)

Alle diese Elemente müssen im Falle eines Weglaufens berücksichtigt werden. Jedes Weglaufen ist unterschiedlich und man kann sie nicht auf eine lineare Weise interpretieren.

Die Stiftung Sarah Oberson, welche gegründet wurde um Familien, welche mit dem Verschwinden eines Kindes konfrontiert sind, zu unterstützen, will zur Reflexion über die Bedeutung des Weglaufens von Kindern beitragen. Sie organisiert deshalb am 14. November 2012 eine Soirée de réflexion zum Thema „Weglaufen: Ritus des Übergangs oder Ruf um Hilfe ?
Sie will über die Bedeutungen des Weglaufens von Jugendlichen nachdenken. Dies mit dem Ziel, das Verständnis und die Kenntnis der Eltern und der Fachleute zu erweitern, um die Betreuung Weggelaufener zu verstärken, indem die Erwartungen angepasst werden.

Clara Balestra, 21.05.2012

(1) Boutrel Benjamin (2012), “Vulnérabilité individuelle et vulnérabilité collective à l’origine de la consommation excessive d’alcool à l’adolescence. Point de vue neurobiologique, in Jaffé Ph. et Lachat M., Adolescents et alcool, un cocktail détonnant, IUKB et IDE, p. 37.