Alkoholprobleme in der Familie: das Leiden der Kinder bleibt ein Tabu

16 März 2010

Eingeladene Leitartiklerin: Frau Marie-Claude Amacker, Präventionsprojektsverantwortliche, Schweizerische Fachstelle für Alkohol- und andere Drogenprobleme (SFA)

Die SFA schätzt, dass es in der Schweiz ungefähr 100’000 Kinder und Jugendliche gibt, die mit einem alkoholabhängigen Elternteil aufwachsen. Hinter der Realität dieser Zahl verbirgt sich ein schmerzhafter Alltag, der aus Ängsten, Beschämung und Unsicherheiten besteht.

„Die Kinder haben nichts bemerkt“! Wieviele Eltern denken fälschlicherweise, dass die Verheimlichung des Problems ihrem Kind den Schmerz darüber erspart. Auch wenn es nicht versteht, was vor sich geht, verspürt ein auch noch so kleines Kind die Spannungen und ist von der im Haus herrschenden Atmosphäre ergriffen.

„Du musstest nicht jahrelang dein Bett mit deinem Bruder teilen, du musstest dich nicht stundenlang mit Hausarbeiten, schlechtem Frass und Wäschemachen herumquälen… dir den Ausgang verwehren, damit immer jemand für deinen Bruder da ist…“ (Aussage ciao)

Zur Unberechenbarkeit kommt die Angst hinzu: Angst vor einem Unglück, Angst vor Konflikten, Angst nicht geliebt zu werden oder sein krankes Elternteil zu verlieren. Das Kind strengt sich also an alles zu tun, um Spannungen zu vermeiden. Es fühlt sich für das Konsumverhalten seines Elternteils verantwortlich. Es denkt sich, dass wenn es besser arbeiten würde, wenn es folgsamer, ruhiger, liebevoller wäre… sein Elternteil mit dem Trinken aufhören würde. Und auch wenn das Kind verstanden hat, dass es sich um eine Krankheit handelt, fühlt es sich immer noch schuldig: schuldig es nicht zu schaffen, dass sein Elternteil zu trinken aufhört.

Und dann ist da noch die Beschämung. Die Scham, die macht dass man niemanden nach Hause einlädt, dass man nicht erzählt was los ist. Das Kind isoliert sich, aus Scham und aus Loyalität, um seine Eltern nicht zu verraten.

„Ich liebte ihn so sehr und schämte mich gleichzeitig so sehr, wenn er sich zur Schau stellte, er war lächerlich und alle schauten mich erbarmungsvoll an. Ich machte mir Vorwürfe wegen meiner Scham.“ (Aussage ciao)

Sicher ist jede Familie anders, jede Geschichte einzigartig und nicht alle Kinder erleben genau die gleiche Situation. Jeder lebt auf seine Art das Geheimnis, die Beschämung, das Schuldgefühl. Aber alle wurden bestimmt eines Teils ihrer Kindheit beraubt.

Die Kinder alkoholabhängiger Eltern stellen eine wichtige Risikogruppe dar, um Suchtprobleme und Verhaltensstörungen zu entwickeln. Nicht alle Kinder entwickeln jedoch solche Störungen. Man weiss, dass gewisse Faktoren dazu beitragen, das Kind vor den negativen Folgen der Krankheit seines Elternteils zu schützen. Die Eltern – auch Konsumenten – sowie das Umfeld, spielen eine wesentliche Rolle bei der Entwicklung und Bestärkung dieser Schutzfaktoren. Seit mehreren Jahren  setzt sich die SFA für die Kinder alkoholabhängiger Eltern ein, indem es den betroffenen Familien hilft und das Umfeld sowie die Experten berät. Indem man das Schweigen bricht, trägt man dazu bei, ein soziales Klima zu schaffen, worin sich die Eltern, die mit einem Alkoholproblem zu kämpfen haben, ihre eigene Scham und ihre Schuldgefühle überwinden und Hilfe ersuchen können, um in ihrer erzieherischen Rolle unterstützt zu werden.

Verschiedene an Kinder, Eltern, Experten oder der breiten Öffentlichkeit gerichtete Broschüren können bei der SFA bestellt werden (oder kostenlos auf unserer Internetseite heruntergeladen werden).

Dieser Artikel ist am 15.03.2010 in der Rubrik Edito-Actualité auf der Website Internationales Institut der Rechte des Kindes ( IDE) erschienen.