Die europäischen Entführungswarnsysteme unter der Lupe

23 Mai 2016

Am 25. Mai ist der internationale Tag der verschwundenen Kinder: Gedenken wir mit einer Blume allen vermissten Kindern und deren Familien.

Es wird hart dafür gearbeitet dieser Problematik entgegenzuwirken, was sich in der Bewilligung der Schriftlichen Erklärung, vorgeschlagen von AMBER Alert Europe (siehe Editorial SOS 22.02.16) und von einer Mehrheit der Abgeordneten im europäischen Parlament befürwortet, zeigt. Auch die kürzlich erschienene Studie der Universität Portsmouth behandelt dieses Thema und wir präsentieren hier die wichtigsten Ergebnisse.

Zum ersten Mal in Europa, hat sich eine Studie, wenn auch bisher nur vorläufig, mit den Stärken und Schwächen der europäischen Entführungswarnsysteme beschäftigt. Eingeführt in 2006 auf diesem Kontinent, wurde der Entführungsalarm 23 Mal in 2015 ausgelöst: 16 Staaten der Europäischen Union sowie die Schweiz verfügen über dieses System, aber nur 8 benutzen es.

Die Studie arbeitet mit 4 Staaten (Holland, Tschechien, Großbritannien und Polen), die 82% der Alarme ausgelöst haben und untersucht die Meinungen und Erfahrungen jener 14 Polizisten, die  das System mindestens einmal benutzt haben. Diese begrenzte Anzahl ergibt sich vor allem aus den limitierten ausgelösten Alarmen. Trotz des geringen Studienmaterials, welches definitive Aussagen nicht möglichen macht, gleichen sich die Hauptergebnisse mit ähnlichen amerikanischen Studien. Tatsächlich sind die Fälle, in denen der Alarm ausgelöst wurde sowohl in Europa als auch in Amerika ähnlich, was einen Vergleich möglich macht.

Die Studie suggeriert, dass der Entführungsalarm die Möglichkeit bietet, das Kind schnell und sicher wiederzufinden, was seine Hauptaufgabe ist. Aber nicht nur:

-    Er ist eine wertvolle Ergänzung in der Investigationsarbeit: er ermöglicht es, qualitativ wichtige Informationen zu erhalten; erleichtert die Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Polizeieinheiten und Staaten;…

-    Er verbessert die Beziehung zwischen der Polizei und den betroffenen Familien: er gibt die Sicherheit, dass alles in der Macht mögliche getan wurde; er macht ausreichend Druck, um den verantwortlichen Elternteil zu einer Aussage zu bringen;…

-    Er verbessert die Interaktion von Polizei und Öffentlichkeit: letztere hat den Eindruck helfen zu können; die Motivation ist höher; die Arbeit der Polizei kann so besser verstanden werden;…

Diese Analyse unterstreicht aber auch negative Aspekte, was die positiven Details nicht schwächen soll, welche aber berücksichtigt werden müssen:

-    Das Risiko, die Sicherheit des Kindes zu gefährden, indem der Entführer zu unvorhergesehenen Handlungen veranlasst wird.

-    Der hohen Anzahl an Anrufen nachzugehen und alle freiwilligen Helfenden zu verwalten.

-    Das Risiko von Missverständnissen oder Meinungsverschiedenheiten, wenn die veröffentlichten Informationen nicht mit der Familie abgesprochen wurden.

-    Die hohen Erwartungen der Öffentlichkeit an die Effizienz des Systems.

Diese Studie unterstützt bereits die Diskussion rund um die Anwendung nationaler Entführungsalarme und um die Einführung eines europäischen Alarms. Sie verlangt jedoch weitere profundierte Recherchen, damit die Wirksamkeit dieses Instruments verbessert werden kann.

Photofdecomite, flickr/creative commons

Clara Balestra, Stiftung Sarah Oberson

Vermisste Kinder: die Schweiz gegen die europäische Tendenz

22 Februar 2016

In der Schweiz hat der Bundesrat entschieden, dass die Kriterien, die für die Auslösung einer Entführungsalarm gelten, nicht erbreitet werden müssen. Das geht gegen der europäischen Tendenz. Am 1. Februar 2016 haben tatsächlich 19 europäische Parlamentarier, Repräsentanten der 6 größten Politischen Gruppierungen, eine schriftliche Erklärung vorgelegt (DE 7/2016), welche „den 5 Punkte-Plan der AMBER Alert Europe unterstützt“.

Mit 22 Mitgliedern in 16 europäischen Ländern ist das AMBER Alert Europa „das europäische Warnsystemnetzwerk für vermisste Kinder und Polizeinetz im Bereich vermisster Kinder“.

European Parliament adopts action plan to save missing children in most successful Written Declaration since 2011, Amber Alert Europe, 10.05.2016

Der 5 Punkte-Plan fordert:

  1. Eine Erweiterung und Stärkung des nationalen Warnsystems bei Kindesentführung: Unterstützung weiterer europäischer Länder in der Entwicklung von nationalen Entführungswarnsystemen. Aktuell haben 16 Länder der europäischen Union und die Schweiz das System eingeführt.
  2. Höhere Flexibilität bei den Auslösekriterien der Warnsysteme: Lockerung der bestehenden Kriterien und Ermöglichung der Auslösung des Alarms, wenn spezielle Ermittler festgestellt haben, dass das Leben des Kindes in Gefahr ist, indem von den anderen bisherigen ordinären Kriterien Abstand genommen wird und es sich um eine bewiesene Entführung handelt (Bsp. Frankreich).
  3. Ein besserer Informationsaustausch zwischen den Staaten: Absicherung eines Informationsaustausch bezüglich eines Kindes in Gefahr bei angrenzenden Ländern: Erarbeitung von Protokollen, die einen sofortigen Informationsaustausch zwischen den Polizeikräften der Nachbarländer ermöglichen; Übermittlung der nationalen Warnhinweise an die Medien der benachbarten Länder, um so das breite Publikum jenseits der beiden Ländergrenzen zu informieren (Bsp.: Polen-Deutschland).
  4. Eine bessere Zusammenarbeit der grenzüberschreitenden Polizei: Schaffung eines offiziellen Expertennetzwerkes zu Kindesverschwinden und zu den Alarmsystemen auf nationalem Niveau. AMBER Alert Europe hat ein ähnliches Netzwerk (Police Network on Missing Children) aufgebaut, welches mittlerweile 34 Polizeifachkräfte aus 11 Ländern, inklusive der Schweiz, zählt.
  5. Eine bessere Identifizierung und Schutz von Kindern an den Grenzen: Kinder, die sich in Gefahr befinden, müssen sofort in die Datenbank des Schengen Information System (SIS II) aufgenommen werden, damit die Grenzkontrollen unmittelbar benachrichtigt werden können; Weiterbildung der Grenzkontrollen bezüglich dieses Sujets in Zusammenarbeit mit Frontex.

Die Sarah Oberson Stiftung begrüßt diesen Schritt, welcher dem Mandat und den Aktivitäten der Stiftung entspricht. Schließlich hat sich die Stiftung stark für die Einführung des Entführungswarnsystems in der Schweiz eingesetzt. Sie engagiert sich nun für:

-          Höhere Flexibilität bei den Auslösekriterien der Warnsysteme;

-          Integration der Schweiz in ein mögliches europäisches Entführungswarnsystem;

-          Eine besser Kenntnisnahme des Phänomens des Kindesverschwindens dank der Einführung von nationalen Statistiken zu verschwundenen Kindern und wissenschaftliche Studien, welche das Problem analysieren;

-          Einführung der Notrufnummer 116 000 in der Schweiz.

Für einen verbesserten Entführungsalarm

21 Mai 2015

Anlässlich des Internationalen Tags der vermissten Kinder am 25. Mai setzt sich die Sarah Oberson Stiftung dafür ein, dass die Kriterien zur Auslösung des Entführungsalarms in der Schweiz gelockert und diesbezügliche nationale Statistiken erstellt werden.

MEDIENMITTEILUNG

Die ersten Stunden nach einer Entführung sind für den Fahndungserfolg entscheidend – von ihnen hängt die Wahrscheinlichkeit, das Opfer gesund und wohlbehalten zu finden, ab. Die jüngsten Ereignisse in Frankreich haben dies erneut am Fall der kleinen Berenyss gezeigt. Seit der Einführung des Entführungsalarmsystems in unserem Nachbarland im Jahr 2006 wurde es bereits zum 14. Mal in Folge erfolgreich eingesetzt. In der Schweiz gibt es dieses System seit 2010, doch wurde es noch nie aktiviert. Die Sarah Oberson Stiftung, die sich seit über 15 Jahren für die Verteidigung der Kinderrechte einsetzt, findet die aktuellen Kriterien zur Auslösung des Alarms zu restriktiv. Daher plädiert sie für eine Lockerung dieser Kriterien.

Kriterium der Gefährlichkeit muss im Vordergrund stehen

Nicht alle Entführungsfälle lösen einen Alarm aus. Das System wird nur aktiviert, wenn es sich um Notfallsituationen handelt, in denen die physische und psychische Integrität des Kindes gefährdet ist. «Dieses Kriterium muss die Priorität bilden», erklärt Clara Balestra, wissenschaftliche und administrative Koordinatorin der Stiftung. «Es geht nicht darum, auf Teufel komm raus Alarme auszulösen, sondern die Sache objektiv, unter Berücksichtigung der Gefahr und der Indizien, die der Polizei zur Verfügung stehen, anzugehen.»

Eine Lockerung der Kriterien würde zudem ermöglichen, das Alarmsystem auch bei gefährdeten Ausreissern oder bei elterlicher Kindesentführung zu aktivieren. «In der Schweiz ist dieser Faktor momentan nicht ausschlaggebend – ganz anders in Übersee. In den USA[1] beispielsweise wurden 2011 mehr als die Hälfte der Entführungsalarme infolge einer elterlichen Kindesentführung ausgelöst. Dieser Punkt darf in unserem Land nicht länger vernachlässigt werden, wenn man bedenkt, dass zwischen 2010 und 2012 für das Verschwinden von 85% der im Kanton Waadt registrierten vermissten Kinder ein Elternteil verantwortlich war[2]

Da fast die Hälfte der Ehen geschieden werden und eine von zehn Trennungen mit Streitigkeiten vor Gericht endet, sind diese Verschwindungsfälle oftmals auf den Zerfall des familiären Rahmens zurückzuführen. Für die Kinder, die aus ihrem gesellschaftlichen Umfeld gerissen werden und die eines der beiden Elternteile nicht mehr sehen können, kann das verheerende und traumatisierende Folgen haben.

Statistiken fehlen

Ein anderes Thema, das der Sarah Oberson Stiftung seit mehreren Jahren am Herzen liegt, ist die Schaffung nationaler Statistiken zum Verschwinden von Kindern. In einem jüngeren Bericht über die Situation in der Schweiz hat der Ausschuss für die Rechte des Kindes der Vereinten Nationen darauf hingewiesen, dass es in der Schweiz keinerlei zentralisiertes System zur Sammlung von Daten gibt, insbesondere nicht was die Gruppe von Kindern am Rande der Gesellschaft oder in schwierigen Situationen anbelangt. Guillaume Grand hofft, dass die Schlussfolgerungen des Ausschusses Früchte tragen werden: «Hierbei handelt es sich um eine verkannte Realität. Durch die Schaffung eines zentralisierten Systems, wie vom Ausschuss vorgeschlagen, könnten wir die Verschwindensfälle besser in Zahlen fassen, sie wissenschaftlich beurteilen sowie Präventionsmassnahmen und geeignete Reaktionsstrategien planen.» Wie der Präsident der Sarah Oberson Stiftung, Jean Zermatten, sagt: «Wir dürfen nicht meinen, die Kinderrechte würden in der Schweiz gänzlich respektiert werden. Auch bei uns gibt es noch Einiges zu tun.»


[2] Zahlen aus dem «Projet de recherche sur la faisabilité d’une étude sur les disparitions de mineurs dans le canton de Vaud»: http://www.sarahoberson.org/images/upload/pdfs/apport__131022.pdf

photo : http://angolodellamicizia.forumfree.it/?t=65584523

Hotline 0848 116 000 für verschwundene Kinder: für eine baldige Einrichtung in der Schweiz

7 Oktober 2011

Die Stiftung Sarah Oberson und die Schweizerische Stiftung des Internationalen Sozialdienstes setzen sich über “Missing Children Switzerland” mit grossem Engagement für die Einrichtung der 0848 116 000 in der Schweiz ein.

Die Stiftung Sarah Oberson, die Schweizerische Stiftung des Internationalen Sozialdienstes und die Stiftung Missing Children Switzerland vereinen ihre Kräfte, damit die europäische Notruf-Hotline 116 000 für vermisste Kinder auch in der Schweiz eingerichtet wird. Unter dieser Nummer erhalten betroffene Familien Auskunft, hier finden sie rund um die Uhr ein offenes Ohr und fachliche Unterstützung. Die Hotline ist eine notwendige Ergänzung zum Entführungsalarmsystem, das 2010 in der Schweiz eingeführt wurde.

Die 116 000 ist eine kostenlose Notrufnummer und nimmt 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche Anrufe in allen Sprachen entgegen. Sie bietet Beratung durch Fachpersonen und soll den Behörden erlauben, die Suche nach vermissten Kindern auf nationaler und europäischer Ebene besser zu koordinieren. Die Nummer ist in 17 europäischen Ländern – u.a. Frankreich, Italien und Deutschland – bereits in Betrieb.

Zudem werden in allen Kantonen Korrespondenten im Einsatz sein, die mit den Behörden – und insbesondere der Kantonspolizei – zusammenarbeiten werden. Und schliesslich soll ein Begleitausschuss eingerichtet werden, der sich aus Vertretern der diversen Partnerorganisationen zusammensetzen wird.

Medienmitteilung

Fondation Sarah Oberson
www.sarahoberson.org
Bernard COMBY
Président

Fondation Missing Children Switzerland International
www.missingchildren.ch
Irina LUCIDI
Présidente

Fondation suisse du Service Social
www.ssiss.ch
Rolf WIDMER
Directeur

Also :

Nach dem Entführungsalarmsystem – kann man noch etwas Besseres anbieten?

Letzte Aufforderung für die Umsetzung der 116 000

(Français) 116 000, un complément au dispositif d’Alerte enlèvement ?

 

Nach dem Entführungsalarmsystem – kann man noch etwas Besseres anbieten?

24 Mai 2011

25. Mai 2010, dem Internationalen Tag der vermissten Kinder : Dieser Tag will die Erinnerung an diese Kinder wachhalten und den Eltern ohne Nachricht eine Botschaft der Hoffnung und Solidarität überbringen.

Seit drei Jahren weist die Sarah Oberson Stiftung mittels eines Artikels auf ihrem Blog auf den internationalen Tag vermisster Kinder, den 25. Mai, hin. Dieser Tag will die Erinnerung an diese Kinder wachhalten und den Eltern ohne Nachricht eine Botschaft der Hoffnung und Solidarität überbringen.

Myosotis.scorpioides

Während den vergangenen drei Jahren wurde das Reaktionsangebot bei einer Vermisstmeldung eines Kindes in der Schweiz mit dem Entführungsalarmsystem versehen, ein System welches sich ohne Unterlass immer weiter perfektioniert. Seit dem 1. Februar dieses Jahres erstreckt sich die Ausdehnung des Verteilungsnetzes der Vermisstmeldungsnachrichten auf die Handys der auf der Verteilerliste eingeschriebenen Personen. (Tragen Sie sich ein!)

Die Europäische Union (EU) bemüht sich ebenfalls um die Operationalisierung eines immer leistungsfähigeren Reaktionssystems.
Dies bedeutet, dass unter anderem die Idee eines Entführungsalarmsystems auf europäischem Niveau, für welches die Familie McCann viel Mühe aufgewendet hat, sich auf dem Weg der Realisation befindet.
In Zukunft werden 6 europäische Länder über ein Entführungsalarmsystem verfügen. Des Weiteren hat sich Frankreich im Rahmen des europäischen LADS.eu-Projekts (Lutte Anti-Disparitions dans l’Union européenne) mit Großbritannien, Belgien und den Niederlanden zusammengeschlossen.
Dieses Programm, welches durch die Europäische Kommission mitfinanziert wird, hat die Verstärkung der Kompatibilität und der Koordination des Entführungsalarmsystems zwischen Belgien, Frankreich, den Niederlanden und Großbritannien zum Ziel.

Andererseits, dank verfügten Normen und der Unterstützung der EU, verfügen fünfzehn europäische Länder, darunter Frankreich und Italien (in Großbritannien ist dieses Angebot nur teilweise verfügbar), über die einzigartige Rufnummer 116 000. Es handelt sich um eine Nummer, welche dazu dient, die Familien verschwundener, entlaufener oder weggenommener Kinder anzuhören und zu begleiten. Diese gemeinsame und kostenlose Nummer, während 7 Tagen und 24 Stunden zugänglich, will eine besser Koordination der Forschung seitens der zuständigen Behörden und Experten auf europäischem Niveau gewährleisten.
Die Nummer 116 000 erlaubt aber auch den Familien von vermissten Kindern Zugang zu Informationen, angehört zu werden und eine professionelle, zugängliche und verfügbare Unterstützung zu erhalten. Diese gemeinsame Nummer wird von Experten mehrsprachig geführt.

In Anbetracht der großen Mobilität seitens der Schweizer- und Europabürger könnte die Schweiz ihres System optimieren und sich in das europäische Netzwerk einschreiben, um damit das Entführungsalarmsystem zu ergänzen und die notwendigen Schritte der Familien und der zuständigen Behörden zu erleichtern.

Sarah Oberson Stiftung, 24.05.2011

- Entführungsalarm-System Internationale Situation, Sarah Oberson Stiftung
- Europa : Missing Children Europe calls for Enhancement of the Professional Standard of 116 000 Hotlines for Missing Children, 20.05.11
A practical guide for 116 000 hotlines, 05.2011
- Frankreich : 9ème Journée internationale des enfants disparus, 19.05.2011
- ‘Als ob der Weggang von Lucie nicht vergebens war‘, Fondation Sarah Oberson, 25.05.2010
- ‘Une fleur, message d’espoir et de solidarité‘, Fondation Sarah Oberson, 25.05.2009

Willkommen beim SMS-Entführungsalarm

7 Februar 2011

Zusätzlich werden die Alarmmeldungen durch die Mobilfunkanbieter Swisscom, Sunrise und Orange per SMS auf die Handys der dafür freiwillig registrierten Benutzer übermittelt.

Dieser Artikel ist am 01.02.2011 in der www.alerteenlevement.ch erschienen.

Seit dem 1. Januar 2010 verfügt die Schweizer Polizei über ein rasches und umfassendes Alarmsystem, das zum Einsatz gelangt, wenn der konkrete Verdacht oder die Gewissheit besteht, das eine minderjährige Person entführt wurde und an Leib und Leben gefährdet ist. Die Alarmmeldungen erfolgen mit dem Signet

Sie werden über Radio und Fernsehen, SMS-Alarm, Autobahn-Anzeigetafeln, Durchsagen in Bahnhöfen, Flughäfen und Einkaufszentren sowie über Presseagenturen und Online-Medien verbreitet.

Das Alarmsystem wurde von der Konferenz der Kantonalen Justiz- und Polizeidirektoren (KKJPD) in Zusammenarbeit mit dem Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartement (EJPD) realisiert. Es orientiert sich am französischen „Alerte Enlèvement“ und erlaubt eine sofortige flächendeckende und systematische Verbreitung von Informationen über eine Kindsentführung. Damit wird der Tatsache Rechnung getragen, dass bei einer Entführung die ersten Stunden nach der Tat für den Fahndungserfolg und die Rettung des Opfers entscheidend sind. Der Alarm wird ausgelöst, sobald genügend Informationen vorliegen und befürchtet werden muss, dass die entführte minderjährige Person gefährdet ist.

Die Alarmmeldungen werden gestützt auf entsprechende Vereinbarungen durch die SRG, das Bundesamt für Strassen (ASTRA), die SBB, die Betreibergesellschaften der Flughäfen Zürich, Genf, Basel-Mulhouse, Lugano und Bern sowie die Presseagentur sda verbreitet. Zusätzlich werden die Alarmmeldungen durch die Mobilfunkanbieter Swisscom, Sunrise und Orange per SMS auf die Handys der dafür freiwillig registrierten Benutzer übermittelt. Ab Frühjahr 2011 werden mit der Firma Neo-Advertising, welche Werbebildschirme in Einkaufszentren betreibt, und zehn Online-Medien (Newsnetz, NZZ, 20 Minuten, Neue Luzerner Zeitung, Blick, St. Galler Tagblatt, Südostschweiz Newsmedia AG, Corriere del Ticino, Le Nouvelliste, Le Temps) weitere Partner ins Alarmsystem eingebunden, um eine möglichst gute und rasche Verbreitung von Alarmmeldungen zu gewährleisten.

Für den Inhalt der Alarmmeldungen und das Auslösen des Alarms sind die kantonalen Strafverfolgungsbehörden zuständig. Die Meldungen aus der Bevölkerung werden von einem Call-Center entgegengenommen, das im Bundesamt für Polizei innert 30 Minuten aufgebaut werden kann.

DIE SCHWEIZ WIRD ENDLICH IHR ENTFÜHRUNGSALARM-SYSTEM HABEN!..

23 Oktober 2009

Es bedurfte vieler Dramen, Parlamentsinterventionen und stechender Bitten seitens aller betroffenen Milieus, davon die Stiftung Sarah Oberson, um endlich an den Beschluss zu gelangen, in dieser für die Kinder in Not so wichtigen Domäne vom Wort zur Tat zu schreiten. Aber besser spät als nie!..
Tatsächlich, hat die Konferenz der Kantonalen Justiz- und Polizeidirektorinnen und –direktoren kürzlich angekündigt, dass die Schweiz mit einem auf das französische Modell angelehnte Entführungsalarmsystem ausgestattet werden wird, welches an vielen Anlässen seine Effizienz bewiesen hat. Es wird die schnelle Übertragung einer Nachricht über die nationalen Medien, die SBB, die Strassendienste und grossen Landesflughäfen als Vermittlungsstellen ermöglichen. Das Dispositiv wird ab Erhalt eines Kindesentführungsavis von der Polizei in Zusammenarbeit mit der Justiz ausgelöst werden.
Ab Alarmauslösung und während 3 Stunden (mit einer möglichen Verlängerung von 2 Stunden) werden Informationsdurchsagen über das Radio, das Fernsehen und über Autobahnschilder als Vermittler ausgestrahlt. Diese Mitteilungen werden ebenfalls in Bahnhöfen, Flughäfen und Presseagenturen übertragen. Eine Anrufzentrale wird ebenfalls von der Bundespolizei (FedPol) eingerichtet werden, damit die Bevölkerung in der Lage ist, wichtige Hinweise an die Polizei mitteilen zu können.

Die Untersuchung des schweizerischen Entführungsalarmsystems, welches soeben beschlossen wurde und dessen Inkrafttreten Anfang 2010 vorgesehen ist, verlangt unsererseits die folgenden Anmerkungen:

1. Anmerkung: Das französische Beispiel
Die Schweiz hat sich weitgehend vom französischen System inspirieren lassen. Das Dispositiv, welches eingerichtet werden wird, wird nur vermisste Kinder betreffen.
Wir begrüssen diesen Entscheid, da sich die Problematik junger Erwachsener stark davon unterscheidet. In solchen Situationen, insbesondere beim Weglaufen junger Erwachsener, ist das Entführungsalarmsystem nicht angebracht. Dagegen fordert das Verschwinden von Kindern – Opfer tatsächlicher Entführungen – aussergewöhnliche Massnahmen, wie die Auslösung des Entführungsalarmdispositivs. In aussergewöhnlichen Situationen muss man auf aussergewöhnliche Mittel zurückgreifen! Ebendies hat die Schweizerische Konferenz der Kantonalen Justiz- und Polizeidirektorinnen und –direktoren in Zusammenarbeit mit dem Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartement sehr gut verstanden.

2. Anmerkung: Besser die Mediation als der Entführungsalarm in gewissen Situationen
Das Entführungsalarmsystem wird nicht zur Lösung von Kindesentführungsproblemen im Rahmen von Scheidungen oder Trennungen von Doppelbürgerehepaaren ausgelöst werden. Diese Einschränkung erweist sich als notwendig, da in solchen Situationen nur eine Mediation, deren Ziel die Suche nach dem höheren Interesse des betroffenen Kindes ist, wirklich positive Resultate bringen kann.

3. Anmerkung: Informations- und Kommunikationstechnologien im Dienste des Entführungsalarms
Bei Auslösung des Entführungsalarmsystems müssen alle von den Informations- und Kommunikationstechnologien zur Verfügung stehenden wirksamen Instrumente eingesetzt werden. Beispielsweise die Nutzung von SMS, ja sogar MMS, passt sich in diese Optik ein. Infolgedessen ist es wichtig, dass man sobald wie möglich auch auf das Versenden von SMS zur Erleichterung der Suche vermisster Kinder zurückgreift!

4. Anmerkung: Eine internationale Zusammenarbeit erweist sich in dieser Domäne als unverzichtbar
Kriminelle kennen keinerlei Grenzen! Warum also nicht sofort eine effiziente Zusammenarbeit – insbesondere mit dem benachbarten Frankreich, welches schon seit mehreren Jahren mit dem Entführungsalarmsystem ausgestattet ist – vorsehen? Eine Zusammenarbeit mit Deutschland und Italien in dieser Hinsicht wäre ebenfalls sehr einträglich. Meines Erachtens ist es zwingend, sofort mit den Nachbarländern zusammenzuarbeiten; insbesondere mit den Grenzgebieten, damit man sich die grösstmöglichen Chancen sichert, vermisste Kinder wiederzufinden, indem man natürlich die Gegenseitigkeit nutzt.

5. Anmerkung: Das Entführungsalarmsystem muss einer globalen, kohärenten Bekämpfungsstrategie zum besseren Schutz der bedrohten Kinder gehorchen
Es ist nicht zu leugnen, dass dieses System die vorhandenen Instrumente sowie die bereits in dieser Domäne ergriffenen Massnahmen sinnvoll ergänzt. Ausserdem trägt es zu einer effizienteren Prävention in dieser Materie bei.

Mit Befriedigung möchte ich an dieser Stelle das baldige Einsetzen eines solchen Entführungsalarmsystems in unserem Land begrüssen; mit der Hoffnung, dass wir rasch die nötigen Verbesserungen zum vorgesehenen Dispositiv beitragen können.
Auf jeden Fall wird man die erzielten Erfahrungen in der Schweiz und anderswo in Betracht ziehen müssen, in dem man ständig nötige Korrekturen einbringt, um dem schweizerischen Entführungsalarmsystem im Interesse der vermissten Kinder seine volle Effizienz geben zu können.

Als Abschluss liegt mir daran, dem schweizerischen Parlament, alle Parteien miteingerechnet, welches der Einsetzung des Entführungsalarmsystems in unserem Land seine einstimmige Unterstützung angeboten hat, meinen Dank auszusprechen. Insbesondere danke ich Herrn Bundesrat Didier Burkhalter für seine aktive Rolle, welche er in diesem Kampf, in seiner Funktion als eidgenössischer Parlamentarier eingenommen hat.

Ich begrüsse alle gewährten Bemühungen seitens aller öffentlichen und privaten Partner zugunsten dieses schweizerischen Entführungsalarmsystems.
Schliesslich richte ich meinen wärmsten Dank der Schweizerischen Konferenz der Kantonalen Justiz- und Polizeidirektorinnen und –direktoren, für ihre in Zustimmung mit dem Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartement gefällte, für die Zukunft hoffnungstragende Entscheidung. Sicher, das Entführungsalarmsystem ist kein Allerheilmittel. Aber in gewissen dramatischen, aussergewöhnlichen Situationen, kann es effizient zur Lebensrettung eines oder mehrerer Kinder beitragen.
Alle Familien unseres Landes, insbesondere jene, welche mit der schrecklichen Tragödie des Verschwindens eines Kindes konfrontiert waren oder sein werden, werden ihnen für diesen  die menschlichen Lebensbedingungen ehrenden Fortschritt dankbar sein!

Dr. Bernard Comby
Präsident der Stiftung Sarah Oberson
alt Staatsrat und alt Nationalrat

(Français) Les suites de la tragédie de Lucie

24 August 2009

(Français) 116 000, un complément au dispositif d’Alerte enlèvement ?

17 Juni 2009

Leider ist der Eintrag nur auf Français verfügbar.

Ein Drama um die Dinge voranzutreiben

29 April 2009

Kein Unglück so gross, es hat ein Glück im Schoss! Infolge des Mordes der jungen Lucie durch einen jungen Aargauer, muss uns diese alte Volksweisheit leider als Trost in einem bestimmten Mediationskontext dienen. Sie dient uns al Trost, aber darf uns keinesfalls das von Lucie erlebte Drama vergessen lassen, sowie die Tragödie, die ihr Verschwinden für ihre Eltern, ihre Angehörigen und die Gesamtheit der Familie ihrer Freunde bedeutet.

Der Trost ist allerdings etwas bitter: ich spreche hier von der Tatsache, dass sie es ermöglicht hat, die Akte des Entführungsalarms, die sich auf dem Tisch (wenn möglich nicht in den Schubladen) von Frau Bundesrätin, verantwortlich für Justiz und Polizei, voranzutreiben. Wir verweisen auf einige Tatsachen:

Bereits 2007 von etwa hundert Schweizer Persönlichkeiten, wurde eine Erklärung unterzeichnet, welche um Einführung des Systems des Entführungsalarms bittet und bei unserem grossen französischen Nachbarn bereits gültig ist, jedoch von einer beispielhaften von den USA und Kanada geführten Aktion herrührt. Seit fast 10 Jahren, mit einem unwiderrufenen Erfolg. Wiederholen wir, dass dieser Aufruf schon auf ein Drama folgte, das im Sommer 2007 geschah: das der kleinen Ylenia, einem kleinen Mädchen, welches man 47 Tage nach seinem Verschwinden tot auffand.

2008 im Oktober und November, hat sich die Fondation Sarah Oberson für diese Idee eingesetzt und hat erneut auf die Bundesbehörden Druck gemacht. Man hat uns dann erklärt, dass die kantonalen Kompetenzen (Polizeiangelegenheiten in kantonaler Hand) juristische, praktische und finanzielle Probleme darstellen würden und dass man warten müsse…

Am 18. Dezember 2008, hat Ständerat Didier Burkhalter eine neue Motion für die Einführung des Systems des Entführungsalarms in der Schweiz eingereicht. Diese Motion wurde mit 24 Unterschriften versehen. Sie bittet den Bundesrat, so bald wie möglich eine Partnerbestimmung zwischen allen vom System des Entführungsalarms betroffenen Partnern und insbesondere den Kantonen einzuführen.

Die offizielle Antwort darauf war, dass die Konferenz der Departementchefs und der kantonalen Polizeichefs diese Angelegenheit untersuchen würden und dass in Anbetracht der juristischen, praktischen und finanziellen Probleme frühestens ab 2010 mit einer Antwort zu rechnen sei. Ganz klar eine grosse Enttäuschung in den Reihen der Betroffenen.

Es bedurfte eines neuen Dramas, das von Lucie, um festzustellen, dass diese Probleme im Grunde nicht so unüberwindbar waren und dass der Föderalismus einige sofortige Anpassungen hätte aushalten können… Erstaunlich, wie doch der Mediationseffekt die Politiker beeinflussen kann!

Schliesslich begrüsse ich also die verschiedenen von der lateinischen Konferenz der Justiz- und Polizeidepartementchefs vertretenen Standpunkte zugunsten der Einführung eines solchen Systems in der Schweiz. Um ganz einleuchtend zu sein: die Walliser Behörden haben diese Initiative von Anfang an unterstützt.

Die ermutigenden Aussagen von Frau Bundesrätin Widmer-Schlumpf fallen unter denselben Gesichtspunkt. Sie lassen auf eine positive Entwicklung dieser Akte noch im 2009 hoffen.

Hoffen wir, dass es nicht nur Worte sind! Sarah, Ylenia, Lucie: drei symbolträchtige Namen; aber wie viele noch, neben ihnen? Man kann nicht mehr warten. Danke an unsere Behörden, dass sie es nicht zulassen, dass andere Vornamen sich dieser makabren Liste anschliessen!

Jean Zermatten, Vizepräsident, Leiter des Internationalen Instituts der Rechte des Kindes (IDE)