Kinderarmut und die strukturellen Maßnahmen

11 August 2015

Strukturelle Massnahmen sind in Betracht zu ziehen, um gegen Kinderarmut zu kämpfen. Es handelt sich dabei nicht darum, das System zu revolutionieren. Es geht vielmehr darum, dieses an die neuen sozialen Realitäten anzupassen.

Nach Georg Simmel, „Fußte die Hilfe in dem Interesse für den individuellen Armen, so wäre dem Prinzip nach gar keine Grenze gegeben, an der die Güterverschiebung zu seinen Gunsten halt machen müsste, bevor sie die Ausgleichung erreichte“. Ein schockierender Satz der absolut wahr, aber trotzdem nur schwer realisierbar ist. Dennoch regt er an, über die Interessen nachzudenken, welche durch die erfolgten Maßnahmen zur Armutsbekämpfung verteidigt wurden. (2, photo)

Wenn die Programme zur Armutsbekämpfung darauf hinarbeiten, die negativen Folgen des politischen und wirtschaftlichen Systems für die sozial Schwächsten zu verharmlosen; und wenn diese Schwächsten  hauptsächlich Kinder sind, wie es in der Schweiz der Fall ist, handelt es sich dann nicht eher um Maßnahmen, die die Lebensdauer des Systems selbst fördern? So hat auch der Präsident der Eidgenössischen Kommission für Kinder- und Jugendfragen (EKKJ), Pierre Maudet angemerkt, dass es sich bei der Armut von Kindern und jungen Menschen um eine tickende Zeitbombe handelt.

Die erste Empfehlung des EKKJ 2007 unterstreicht den Willen das „Tabu zu brechen“: „ Die Armut von Kindern und jungen Menschen anzuerkennen bedeutet, dass diese Frage nicht nur konjunkturellen und wirtschaftlichen Ursprungs ist, sondern, dass es sich um ein soziales Problem handelt, dass den individuellen Rahmen überschreitet und welches möglichst rasch adäquate strukturelle Antworten braucht.

In den vorgeschlagenen Maßnahmen jedoch zeigt sich das EKKJ zurückhaltender und empfiehlt die Entwicklung einer globalen Strategie, um „die Lebensbedingungen und Perspektiven von Kindern und jungen Menschen“ zu verbessern. Das Nationale Programm zur Prävention und Bekämpfung von Armut 2014-2018 wird sich deshalb für die Unterkunft und die Sozialmaßnahmenpakete zur familiären Unterstützung widmen. Die strukturellen Gründe von Armut werden hier nur erwähnt.

So geht eine Scheidung in der Schweiz beispielsweise häufig mit Verarmung einher. Tatsächlich sind Kinder aus alleinerziehenden Haushalten eine wichtige Gruppe, die von Armut betroffen sein könnten. Mit der Geburt der Kinder, hört die Frau oft zu arbeiten auf und /oder reduziert ihre Arbeitszeit. Diese Entscheidung wird neben kulturellen Aspekten durch die Tatsache gestärkt, dass „das Ehe-Modell mit einem Gehalt Vorteile“ auf wirtschaftlicher Ebene bietet (Steuern, Arbeitsangebote, die das Arbeits- mit dem Familienleben besser vereinbaren,…). Somit „… verringert nicht der Mann sein Gehalt, sondern die Frau ihres um 1.005.- CHF pro Monat (schweizerischer Durchschnitt) indem sie nicht mehr Vollzeit arbeitet.“ Im Falle einer Scheidung, findet sich die Frau mit geringerem Gehalt wieder und hat Schwierigkeiten sich in den Arbeitsmarkt einzugliedern (1).

Die Institution Familie und die bestehenden sozio-ökonomischen sowie kulturellen Normen unterstützen das Bild der traditionellen Familie von langer Lebensdauer. Die Realität konstatiert jedoch eine hohe Zahl an Trennungen. Diese Dichotomie sagt nicht die Schwierigkeiten voraus, die Kinder von getrennten Familien durchmachen müssen. Darunter eben auch die Verarmung.

Müssten, um dieser Situation vorzubeugen, nicht Änderungen unternommen werden etwa auf dem Arbeitsmarkt, bei der Versteuerung, aber auch im Familienmodell, wie es in der Sozial- und Wirtschaftspolitik vertreten wird?

Diese Überlegung kann auch auf die kürzlichen Arbeitsmarktänderungen übertragen werden. In diesem ist insbesondere eine beständige Arbeit rar geworden, was die wirtschaftliche Sicherheit der Familie angreift.

Es handelt sich dabei nicht darum, das System zu revolutionieren. Es geht vielmehr darum, dieses an die neuen sozialen Realitäten anzupassen.

Die vom nationalen Programm vorgeschlagenen Maßnahmen sind zu unterstützen. Es braucht aber auch eine Verbesserung der Kenntnisse zu den neuen Realitäten, die das Armutsrisiko beeinflussen. Außerdem braucht es eine konsequente Einbindung der Kinderarmutsproblematik in allen politischen, wirtschaftlichen und sozialen Entscheidungen.

Clara Balestra, 10.08.15

(1) Laura Libertino, Pr. Bertrand Oberson, Les politiques familiales, SP 2010. Consulté le 16.09.14 in http://www.beebac.com/file/download/56792/Les_politiques_familiales.pdf

(2) photo : https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Visiting_the_poor,_illustration_from_%27Le_Magasin_Pittoresque%27,_Paris,_1844_by_Karl_Girardet.jpg

Auch lesen :

Als Kind arm sein in der Schweiz : Sarah Oberson Konferenz 2015, blog FSO, 16.06.15

Kinder, Trennung und Dramen: Ist die Gesellschaft mitverantwortlich ?, blog FSO, 23.09.14

Die Einführung der gemeinsamen elterlichen Sorge ist nur der erste Schritt, blog FSO, 15.07.14

Die Armut in der Schweiz und ihre Relevanz für die Kinderrechte

7 Dezember 2012

Die Rechte der Kinder als Massstab für die Beurteilung der Armut in der Schweiz; neue Indikatoren für eine objektive Sichtweise

 Von Schweizerisches Kompetenzzentrum für Menschenreschte, 31.10.2012

Bedeutung für die Praxis

  • Aufzeigen von Lösungswegen gegen die Ausgrenzung von Kindern, die in der Schweiz von Armut betroffen sind.
  • Plädoyer für die Investition in die frühe Kindheit.
  • Mögliche Indikatoren zur objektiven Messung der Kinderarmut in der Schweiz.

Einleitung: das Recht auf Entwicklung – die Realität in der Schweiz

Artikel 6 der UNO-Kinderrechtskonvention (KRK) enthält ein Grundrecht, nämlich das Recht eines jeden Kindes, sich seinen Neigungen und Fähigkeiten entsprechend entwickeln zu dürfen. Daraus leitet sich die Verpflichtung der Vertragsstaaten ab, so weit wie möglich alle dafür erforderlichen Hilfsmittel bereitzustellen. Liest man Art. 6 KRK in Verbindung mit Art. 4 KRK, ist diese Forderung sehr klar formuliert: «Hinsichtlich der wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte treffen die Vertragsstaaten derartige Massnahmen unter Ausschöpfung ihrer verfügbaren Mittel [...].» Das individuelle Recht auf Entwicklung wird zudem als einer der vier Grundsätze der Konvention betrachtet.

Zuzulassen, dass ein Kind während seiner wichtigsten Entwicklungsphasen von vermeidbaren Beeinträchtigungen betroffen ist, stellt eine Verletzung dieses Grundprinzips und des genannten in der KRK formulierten Rechtes dar. Der Vergleich der Situation in verschiedenen Vertragsstaaten zeigt allerdings, dass dieses Recht in den einzelnen Ländern sehr unterschiedlich und auch innerhalb der Staaten oft sehr ungleich umgesetzt wird.

Ein internationaler Vergleich findet sich in der Studie, die das UNICEF Innocenti Forschungszentrum seit dem Jahr 2000 durchführt. Die 9. Ausgabe (2009) zeigt klar auf, dass die Entwicklung der am stärksten benachteiligten Kinder verzögert ist, ohne dass dies irgendwelche Massnahmen zur Folge hat. Die Studie untersucht die drei Faktoren Familieneinkommen, Ausbildung sowie Gesundheit von Jugendlichen und teilt die 24 OECD-Länder (sowie einige Nicht-OECD-Länder) danach ein, inwieweit sie der Forderung «Es wird kein Kind zurückgelassen!» nachkommen. Angeführt wird die Liste von Dänemark, Finnland, den Niederlanden und der Schweiz (die Daten zur Schweiz stammen aus dem Jahr 2007), während die Schere der Ungleichheit unter den Kindern in den USA sowie in Griechenland und Italien am weitesten geöffnet ist.

Auch wenn die Klassierung ehrenvoll erscheinen mag, bleibt die Zahl der Kinder in der Schweiz, die «zurückgelassen» werden, doch sehr beträchtlich. Mitte Dezember 2011 veröffentlichte das Bundesamt für Statistik (BFS) die neuesten Daten zu Einkommen und Lebensbedingungen (SILC-Daten). Ihnen ist zu entnehmen, dass der Anteil der von Armut betroffenen Bevölkerung etwas zurückgegangen ist und 2010 zwischen 7,6% und 14,2% betrug (2009: zwischen 8% und 14,6%). Am stärksten gefährdet sind Haushalte mit Kindern.

2010 galten in der Schweiz folgende Armutsgrenzen (Quelle BFS, 2012): ein monatliches verfügbares Einkommen von 2’243 Franken für eine Einzelperson, 3’800 Franken für Alleinerziehende mit zwei Kindern unter 16 Jahren und 4’000 Franken für Paare mit zwei Kindern. Demnach waren 7,8% der Schweizer Bevölkerung oder rund 586’000 Personen von Armut betroffen. Dem Armutsrisiko am stärksten ausgesetzt sind Alleinerziehende, Personen mit geringer Bildung und alleinlebende Personen unter 65 Jahren.

Gemäss Caritas, der Vorreiterin in Sachen Armutsbekämpfung, zählt die Schweiz trotz ihrem Lebensstandard, der zu den weltweit höchsten gehört, rund 260’000 arme Kinder (Daten vom Januar 2012). Erschwerend kommt hinzu, dass die soziale Mobilität in der Schweiz generell sehr gering ist, so dass diese Armut «erblich» ist.

Negativspirale

Die 260’000 armen Kinder leben in Haushalten, die auf Sozialhilfe angewiesen sind, oder in Working-Poor-Haushalten. Zum Geldmangel gesellen sich oft auch das Fehlen gesunder Mahlzeiten, prekäre Wohnverhältnisse und nicht der Jahreszeit entsprechende Kleidung. Das Recht der Kinder auf Ausbildung ist bedroht und manchmal ist auch die Gesundheitsversorgung ungenügend.

Die Auswirkungen, die Armut und Zugehörigkeit zu einer sozial benachteiligten Schicht auf Kinder haben, sind bekannt: schlechte Gesundheit, Beeinträchtigung der körperlichen Entwicklung, geringe kognitive und sprachliche Fortschritte, unzulängliche schulische Leistungen, Verhaltensstörungen, ja sogar die Gefahr, später arbeitslos, delinquent und/oder drogenabhängig zu werden. Gleichzeitig müssen diese Kinder einen Grossteil ihrer Energie dafür einsetzen, den familiären Zusammenhalt zu sichern und ihre Freundinnen und Freunde nicht zu verlieren.

Kurz gesagt, diese Kinder «erben» die Armut ihrer Eltern, sie befinden sich in einer Negativspirale, der sie nur schwer entkommen können, und laufen Gefahr, ihren eigenen Kindern ebenfalls keine besseren Lebensbedingungen bieten zu können.

Lösungswege gegen die Ausgrenzung von armen Kindern in der Schweiz

Die mit der Armut verbundenen sozioökonomischen Unterschiede zwischen Kindern können dazu führen, dass arme Kinder ausgegrenzt werden. Niemand zweifelt daran, dass dieses Gefälle möglichst rasch eliminiert werden muss. Caritas plädiert dafür, solche Ausgrenzungsmechanismen in der Schweiz zu bekämpfen, und richtet einen Appell an die kantonalen und kommunalen Behörden, Massnahmen zur Existenzsicherung zu ergreifen und die Chancengleichheit umzusetzen. Dabei muss auch bei den Eltern angesetzt werden, z. B. indem die Schaffung von günstigem Wohnraum gefördert wird.

Des weiteren sind die Auszahlung von Ergänzungsleistungen für Familien und die Bereitstellung von Kinderbetreuungs- und Ausbildungsangeboten erforderlich. Nur unter solchen Bedingungen werden sozial benachteiligte Kinder nicht ausgegrenzt und können ihren Kameradinnen und Kameraden auf Augenhöhe begegnen. Mehrere Kantone denken über Beihilfen für arme Familien nach, so z. B. das Wallis mit seinem Projekt zur Einführung von Ergänzungsleistungen für Familien mit geringem Einkommen, das auf dem Modell der eidgenössischen AHV/IV basiert.

Hinsichtlich der Kosten stellt die Ungleichheit eine Zeitbombe dar, denn obschon der Löwenanteil vom Kind selbst getragen wird, wird die Rechnung auch von der Gesellschaft bezahlt, indem der Druck auf die Gesundheitsdienste sowie die Sozialschutz- und Wohlfahrtsprogramme steigt.

In die frühe Kindheit investieren

In Krisenzeiten sollte die Hilfe in erster Linie den ärmsten Kindern zugute kommen, sie dürfen nicht das letzte Glied der Kette sein. Die Chance, sich körperlich und geistig gut zu entwickeln, hat jedes Kind nur genau einmal. Es muss Aufgabe der Regierungen sein, diese Chance intakt zu halten – in Krisenzeiten genauso wie in Zeiten des Wohlstands. In der Praxis bedeutet dies, dass die Ressourcen eines Landes prioritär für die Grundleistungen und den Schutz der Kinder in ihren ersten Lebensjahren verwendet werden müssen. Um Benachteiligungen auszugleichen, muss in die frühe Kindheit investiert werden.

Denn die ersten Lebensjahre sind entscheidend. Verpasst das Kind einen Schritt in der persönlichen (kognitiven, neurobiologischen) oder sozialen Entwicklung, muss dieser später nachgeholt werden. Manchmal ist dies jedoch nicht möglich und die betroffenen Kinder müssen permanent mit diesem Nachteil leben. Dies ist schlussendlich schwieriger und teurer.

Darüber hinaus muss unbedingt auf die grosse Bedeutung hingewiesen werden, die das Soziale Lernen für die Kinder hat. Kinder armer oder alleinerziehender Eltern leiden häufig an Einsamkeit und fehlendem sozialen Kontakt. Einrichtungen für Kleinkinder bieten Begegnungsmöglichkeiten und vor allem auch die Möglichkeit der Vermittlung von Werten des Zusammenlebens wie die gegenseitige Achtung, das Teilen und die Freude am Spiel.

Da aufgrund der neuen Arbeitsmarktlage und wirtschaftlich schwieriger Situationen auch in der Schweiz oft beide Eltern arbeiten müssen, um über die Runden zu kommen, verbringen die Kinder viel Zeit in Tageseinrichtungen für Kleinkinder. Deshalb müssen sich diese Einrichtungen durch ein qualitativ hochstehendes Angebot auszeichnen, und zwar nicht nur in Bezug auf den logistischen Rahmen, sondern vor allem auch hinsichtlich der Dienstleistungen, welche die dort arbeitenden Personen erbringen. Solche Betreuungsangebote müssen selbstverständlich allen Bevölkerungsschichten offen stehen, es ist aber auch klar, dass die Kinder der benachteiligten Klassen am meisten davon profitieren sollten.

Aber auch die Lösungen innerhalb der weiteren Familie dürfen nicht vergessen werden. Oft spielen die Grosseltern, Onkel und Tanten eine entscheidende Rolle, die nur wenig anerkannt wird. Eine Politik, welche die Armut in der Schweiz bekämpfen will, muss sich also nicht nur um den Zugang zu Betreuungsplätzen und die Bereitstellung einer ausreichenden Anzahl entsprechender Strukturen kümmern, sondern muss – mit Ausbildungsangeboten und wirtschaftlicher Unterstützung – auch weniger formelle Lösungen innerhalb der Familie des Kindes fördern.

Schlussfolgerung und Kommentar

Familien- und Kinderarmut in der Schweiz sind eine Realität. Man kann sie anhand des Familieneinkommens oder aber danach beurteilen, inwiefern die Rechte des Kindes gewahrt sind. Ein Ansatz, der sich auf Indikatoren stützt, welche die Rechte des Kindes berücksichtigen (UNICEF verwendet drei Indikatoren: Familieneinkommen, Ausbildung, Gesundheit der Jugendlichen), ergäbe wahrscheinlich ein objektiveres Bild der Situation der Kinder in der Schweiz und würde gezieltere und wirksamere Messungen erlauben. Wären gar mehr als 260’000 Kinder betroffen, wenn die Fälle gezählt würden, bei denen die Kinderrechte nicht gewahrt sind?

Es wird daher vorgeschlagen, die Situation hinsichtlich der folgenden Kriterien zu beurteilen:

•Zugang zu Wohnraum, Wohnbedingungen,

•Ernährung (Menge und Qualität),

•Möglichkeit, unter gesunden und sicheren Lebensbedingungen zu leben,

•Zugang zu Tageseinrichtungen für Kleinkinder (Krippen, Kinderhorte, Kindergärten, vorschulische Erziehung, Unterstützung innerfamiliärer Lösungen),

•Zugang zu Primar-, Sekundar- und Berufsausbildung,

•Zugang zu geistiger und körperlicher Gesundheitsversorgung,

•Zugang zu besonderer Betreuung für behinderte Kinder,

•Zugang zu Kinderschutzdiensten und zu Rehabilitationseinrichtungen für Opfer,

•Zugang zu vormundschaftlichen Massnahmen, wenn die Situation dies verlangt,

•Möglichkeit, sich an den Entscheidungen und allgemein am Leben des Gemeinwesens, insbesondere an Strategien/Programmen zur Reduktion der Armut zu beteiligen.

Die erfassten Daten müssen selbstverständlich nach Altersgruppe, Geschlecht, Nationalität und Risikogruppe aufgeschlüsselt werden.

Unserer Ansicht nach bedarf es noch einiger Fortschritte, um von der Erfassung rein wirtschaftlicher Daten zu einem umfassenden Verständnis der vielgestaltigen Armut in der Schweiz zu gelangen und deren Auswirkungen auf die Kinderrechte beurteilen zu können.