«Mobbing unter Gleichaltrigen» – Ergebnisse einer Walliser Studie

24 Juli 2012

Knapp 10% der Walliser Kinder wurden  bereits Opfer von Mobbing mit möglichen negativen Auswirkungen auf die schulische Lernfähigkeit und auf das psychologische und soziale Wohlbefinden.

Von Schweizerisches Kompetenzzentrum für Menschenreschte, 27.06.2012

Bedeutung für die Praxis:

  • Gültige und zuverlässige Daten zu einer aus zwei Sprachregionen bestehenden Schulregion
  • Sensibilisierung der Schulbehörden und des politischen Umfelds für die Notwendigkeit einer stärkeren und proaktiveren Informations- und Präventionspolitik
  • Gedankenanstösse bezüglich notwendiger Massnahmen zur Eindämmung des Mobbings in Schulen
http://www.maif.fr/la-maif-s-engage/actions-mutualistes/education/harcelement-a-l-ecole/harcelement-a-l-ecole.html

Illustration tirée de MAIF

Das Universitäre Institut Kurt Bösch (IUKB) hat in Zusammenarbeit mit der Pädagogischen Hochschule Wallis und der Unterstützung der Dienststelle für Unterrichtswesen des Kantons Wallis eine umfangreiche wissenschaftliche Studie mit über 4’000 Schülerinnen und Schülern der 5. und 6. Primarklassen durchgeführt. Anlässlich des 4. Internationalen Kolloquiums von Sitten Anfang Mai 2012 wurden der Öffentlichkeit erste Ergebnisse präsentiert. Im Laufe der Studie wurden 127 ausgewählte französisch- und deutschsprachige Klassen aus dem ganzen Kanton von drei Forschungsteams besucht.

Erste Ergebnisse der Studie

Das Besondere an der Studie ist, dass Parallelen zu einer ähnlichen, 2010 von Debarbieux mit 12’000 gleichaltrigen Kindern in Frankreich durchgeführten Studie gezogen werden können. Daraus geht hervor, dass die Schweizer Schülerinnen und Schüler zwei Mal weniger gefährdet sind, Opfer von verbalem bzw. physischem Mobbing oder sexueller Belästigung zu werden. Zudem ist eine starke Korrelation zwischen den Mobbing-Arten festzustellen und das Mobbing steht in direktem Zusammenhang mit der Stimmung an den Schulen. Erwähnenswert ist, dass die Stimmung an den Walliser Schulen durchaus gut ist: So fühlen sich die 10 bis 13-jährigen Teilnehmerinnen und Teilnehmer in der Schule wohl (94.7%) und verstehen sich sehr gut oder ziemlich gut mit den Lehrpersonen (95.1%).

Dennoch wurden knapp 10% der Kinder bereits Opfer von Mobbing mit möglichen negativen Auswirkungen auf die schulische Lernfähigkeit und auf das psychologische und soziale Wohlbefinden.

Folgende Aspekte gehen ebenfalls aus der Studie hervor:

  • Der Schulweg ist besonders risikoreich, weil Schülerinnen und Schüler hier besonders oft Opfer von Mobbing werden.
  • Hervorzuheben sind zudem die Vorteile mehrstufiger Klassen, wie sie im Oberwallis häufig anzutreffen sind. Diese können vor Mobbing schützen.
  • Bei Knaben, die zwischen 10 und 13 Jahre alt sind, ist die Gefahr grösser, dass sie Opfer und/oder Täter von verbalem und physischem Mobbing werden als bei gleichaltrigen Mädchen. Diese neigen im Vergleich eher dazu, Klassenkollegen/-innen indirekt zu mobben, etwa unter Einbezug moderner Technologien.

Rechtlicher Rahmen

Das Strafgesetzbuch enthält keinen spezifischen Artikel zum Thema Mobbing. Es finden sich jedoch verschiedene Bestimmungen bezüglich der physischen, verbalen, sexuellen und psychischen Gewalt sowie der Gewalt mittels moderner Kommunikationstechnologien. In gravierenden Fällen werden die Täter dieser Straftaten von Amtes wegen verfolgt, in den übrigen Fällen muss jedoch Strafanzeige eingereicht werden. In den kantonalen Schulgesetzen und in den Schulreglementen sind die Rechte und Pflichten der Schüler sowie Disziplinar- und Strafmassnahmen aufgeführt.

Schlussfolgerungen

Das Thema Mobbing unter Gleichaltrigen stösst in der Schweiz auf zunehmendes Interesse, da die steigende Anzahl von Fällen darauf hindeutet, dass es sich dabei nicht um eine Randerscheinung handelt. Es sind zwar gesetzliche Bestimmungen vorhanden, es zeigt sich jedoch, dass sich die Opfer nicht trauen, die Geschehnisse ans Tageslicht zu bringen. Eine der Hauptaufgaben besteht deshalb in der Information und der Prävention gegen Mobbing, das in einigen wenigen Fällen eine juristische Untersuchung nach sich zieht. Die Walliser Studie zeigt verschiedene mögliche Präventionsmassnahmen auf, wie zum Beispiel ein besserer Schutz auf dem Schulweg oder ein Mentoring zwischen älteren und jüngeren Schülern. Denn Kinder sollen in dieser Lebensphase im schulischen Umfeld ja gerade das Zusammenleben lernen.

In einem weiteren Schritt wird anhand einer genaueren Analyse untersucht werden, ob das Phänomen des Cybermobbings im Laufe der Schulzeit häufiger auftritt und ab wann ein Missbrauch der modernen Technologien für Kinder problematisch und gefährlich werden kann. Diese Problematik wird im übrigen Ende Juni an einer internationalen Konferenz in Paris zum Thema Cyberbullying vertieft.

Auch :

Wie Mobbying an der Schule verhindert werden kann, Stiftung Sarah OBerson, 7.05.12

Coping with Cyberbullying : A Systematic Literature Review, Final Report of the COST IS 0801 Working Group 5, septembre 2012

Wie Mobbying an der Schule verhindert werden kann

7 Mai 2012

Gemäss Prof. Eric Debarbieux ist die Gewaltprävention im schulischen Umfeld für das Opfer als auch den Angreifer entscheidend. Ein Kolloquium sucht nach Möglichkeiten, um das Phänomen zu resorbieren.

Artikel von Paola Mori, veröffentlich im le Courrier am 3. Mai 2012

Beleidigungen, Spötteleien, Erniedrigungen, Erpressung, Diebstähle, absichtlicher Materialverschleiss: Belästigung in der Schule zeigt sich unter verschiedenen Gesichtern. Die Entwicklung der Neuen Technologien hat ebenfalls eine neue Art der Belästigung mittels tragbarer Telefon oder sozialer Netze entstehen lassen, welche dazu neigt, die Grenze zwischen schulischer und außerschulischer Belästigung zu untergraben, da das Kind bis in sein Zimmer hinein diesen Belästigungen ausgesetzt ist.

Eine aktuelle französische Untersuchung schätzt, dass ein Kind auf zehn auf sich wiederholende Art und Weise Opfer seiner Kameraden ist. Die Zahlen bezüglich des Wallis wurden anlässlich des internationalen Kolloquiums „Mobbying zwischen Gleichaltrigen: in den Gräben der Schule“ veröffentlicht, welches zwischen dem 3.  und 4. Mai 2012 im Universitären Institut Kurt Bösch in Sitten stattfand. Unter den zahlreich anwesenden Experten war auch Eric Debarbieux, Autor zahlreicher Werke, Präsident der Internationalen Beobachtungsstelle für Gewalt in der Schule und Professor für Erziehungswissenschaften an der Universität Paris Est-Créteil.

Welches sind die Konsequenzen der Belästigung?

Eric Debarbieux: seitens der Geplagten stellt man eine Abwendung von der Schule statt, der Absenz, eine Abwertung des Selbstbildes, ein erhöhtes Depressionsrisiko und eine erhöhte Neigung zu Selbsttötung, bis ins Erwachsenenalter hinein.  Zwischen 20% bis 25% der chronisch abwesenden Schülerinnen und Schüler gehen aus Angst vor Belästigungen nicht an die Schule. Der Täter ist selber ebenfalls einem Risiko ausgesetzt. Eine aktuelle Studie aus England, welche während vierzig Jahren eine Gruppe von vierhundertzwanzig Täter begleitet hat, zeigte auf, dass diese viel öfter arbeitslos waren als andere, oder schlechtbezahlte Berufe ausübten oder in der Beziehung Misshandlungen ausübten. Im Fall von Belästigung ergibt sich eine Verlierer-Verlierer Situation. Das Gesetzt des Stärkeren ist nur eine Farce.

Welches ist das Profil der Zielschüler?
Das ist schwierig zu sagen. Man beobachtet allerdings, dass das Opfer durch einen Unterschied stigmatisiert wird, dass es mit der Gruppe aus dem einen oder anderen Grund nicht in Einklang steht. In diesem Sinn ist die Belästigung eine Unterdrückung der Non-Konformisten. Gegen Belästigungen anzugehen bedeutet in diesem Sinne, den Gruppenkonformismus zu bekämpfen.

Wie können diese Situationen verhindert werden?
Das Phänomen zu kennen und widerzuerkennen ist bereits die Hälfte der Miete. Man verhindert das Risiko zu Belästigungen auch durch eine globale Politik der Verbesserung des Schulklimas. Es gibt eine starke Wechselbeziehung zwischen dem Klima der Einrichtung und Schulgewalt. Deshalb ist alles, was ein gutes Zusammenleben und Zusammensein in der Schule fördert, zu begünstigen. Die Organisation von Schulfesten oder von Aktivitäten, wie z.B.  eine Theateraufführung, sind zu befürworten. Es gibt in Spanien Programme zur „convivencia escolar“, welche die Gewalt durch eine Verminderung der Isolierung der Schüler merklich zurückgehen ließen.
Ein anderer Hebel ist die Stabilität des Lehrerkollegiums. Die Anzahl von Gewalttätigkeiten fällt in Einrichtungen, in welcher die Lehrpersonen über eine lange Zeit beschäftigt bleiben.

Welche Ratschläge können den Eltern gegeben werden?
Eine Überbehütung muss vermieden werde, da sie sonst nicht genügend Abwehrmöglichkeiten kennen, um sich gegenüber Aggression zu wehren. Im Fall von Belästigung ist es notwendig, dass die Eltern mit den Lehrpersonen oder der Schulleitung das Gespräch suchen da die Schule der erste Ort der Prävention darstellt. Das Gefühl von Isolation muss gebrochen werden und alle müssen sich gemeinsam als verantwortlich zeigen. Das Kind benötigt stabile Erwachsene um sich herum.

Auf welcher anderen Ebene kann Unterstützung geboten werden?
Seitens der Medienangebote könnte Facebook, welches momentan als eine der grössten Gefahrenplattformen für Belästigungen gilt, zum Engagement verpflichtet werden.  Zum Beispiel indem Mittel zur Kontrolle gefunden werden, ohne dass dabei wenig sinnvolle Verbote lanciert werden.

(1) Studie Wallis : En moyenne, deux élèves par classe sont harcelés, Le Nouvelliste, 05.05.2012