Für oder gegen Prügel?

23 Januar 2017

Zusammenfassend denke ich, dass es nichts bringt zu prügeln und dass ihr dem Kind etwas verbieten könnt als Bestrafung.

Von Sakura*, einer Schülerin in der 7H (5P), Grundschule, Wallis, Dezember 2016

In den letzten Wochen verbreitet sich der Tratsch. Ein Psychologe sagt, dass Prügel Kindern nicht schadet.

Ich bin gegen Prügel, weil: Erstens bringt es nichts durch Gewalt etwas zu lernen. Erwachsene erzählen Kindern oft, dass Gewalt keine Probleme löst. Stellt euch an ihre Stelle, ihr wärt sicher nicht zufrieden.

Ihr könnt normale Bestrafungen geben, wie dreimal die Seite eines Buches abzuschreiben. Etwas das ihnen nicht weh tut körperlich oder geistig.

Schließlich kann ein Erwachsener, der viel stärker ist als ein Kind, diesem sehr wehtun. Ihr könnt ihm etwas verbieten als Bestrafung.

Zusammenfassend denke ich, dass es nichts bringt zu prügeln und dass ihr dem Kind etwas verbieten könnt als Bestrafung.

*Pseudonym

Lesen auch :

Eine Tracht Prügel um Aufmerksamkeit zu erregen, blog FSO, 22.11.2016

Eine Tracht Prügel um Aufmerksamkeit zu erregen

22 November 2016

Das Verbot von Prügel ist in der Schweiz eine immer wiederkehrende Debatte. Sich öffentlich gegen das Verbot von Prügel zu bekennen ist zu einer politisch nicht korrekten aber auch nicht unkorrekten Stellungnahme geworden.

Immer wieder als ineffizient und schadend für das Kind und seiner Erziehung begutachtet (Konsequenzen für das Kind, S. 44); von Experten der Kindheit beklagt; von den internationalen Übereinkommen, welche die Schweiz unterzeichnet hat, verboten (Internationale Forderungen, 2012); in immer mehr Ländern verboten; Prügel wird in unserem Land noch immer akzeptiert und fast gewollt von Verteidigern der autoritären Erziehung und von einer populistischen Mehrheit, die die Prügel dem Kind als König gegenüberstellt.

Beweis dafür ist die Zurückweisung mehrerer parlamentarischer Anträge zum Verbot von Prügel, darunter auch eine Berner Schülerpetition, welche 2016 vom Tisch gefegt wurde.

Diese Uneinigkeit ermöglicht es einigen Personen Aufmerksamkeit zu erregen. Sei es nun ein Walliser Psychologe oder ein Deutschschweizer Rocksänger, die Tatsache, dass man öffentlich sagen kann, dass Prügel nicht schadet und ganz im Gegenteil genau die Lösung all der Probleme sei… das ist zwar ausreichend politisch inkorrekt um dass die Medien darauf reagieren aber noch ausreichend politisch korrekt, sodass es keinen Imageschaden gibt.

Interessant sind hingegen die Reaktionen auf diese Aussagen. In der Westschweiz kam es zu Reaktionen, die über die Arbeit von NGOs zum Schutz der Kinderrechte hinausgehen und sich zu Bürger- und Familien- und Kindheitsexperteninitiativen ausweiteten, wie etwa der „offene Brief zur Warnung vor schadenden Theorien…“, welcher von einem Sonderpädagogen verfasst und von mehreren Organisationen und Experten unterzeichnet wurde.

Es wäre interessant mit der Deutschschweiz zusammenzuarbeiten, damit ein Konsens rund um das Verbot von körperlicher Misshandlung und von erniedrigender Erziehung von Kindern gefunden werden kann… und damit solche Aussagen nicht erneut solch große Aufmerksamkeit erhalten.

Clara Balestra, Sarah Oberson Stiftung, 22.11.16

‘Für ein Verbot der Ohrfeige’: es braucht ein Gesetz!

18 April 2016

Auf internationalem Niveau, haben die verschiedenen Instanzen aus diesem Gesetz ein Aushängeschild gemacht, um wirksam gegen die Misshandlung und für die Menschenrechte einzutreten- Kinder sind die einzigen Bewohner in der Schweiz, die man auf den Po hauen oder ohrfeigen kann.

Nun müssen schweizerische Entscheidungsträger Position beziehen.

Die Gerichtskommission des Nationalrats hat am 08.04.16 beschlossen der Petition ‘Zum Verbot von Ohrfeigen’ durch die Schüler von Gäbelbach nicht stattzugeben. Die Gerichtskommission sieht die Erlassung einer solch expliziten Norm in diesem Bereich als nicht notwendig an…

Nach Ziegert ist die Ausübung von körperlichen Bestrafungen innerhalb von Familien insbesondere darauf zurückzuführen, dass dieses Phänomen in den sozialen Werten und somit auch von der Legislative akzeptiert wird. Durrant und Olsen sagen, wenn ein Gesetz die Werte und Ideologien einer Gesellschaft wiederspiegelt, so kann auch das Gegenteil der Fall sein. Die Erlassung eines Gesetzes, das jegliche Gewalt gegen Kinder verbietet, kann die Wahrnehmung des Kindes, der Familie und der Rolle des Staates bezügliches dieses Themas verändern und könnte somit ein Meilenstein hin zu einer reellen Einstellungsänderung sein.

Im traditionellen Bild, wenn wir davon ausgehen, dass das Kind den Eltern angehört, kann die Anwendung von Formen der Unterwerfung, darunter auch Gewalt, im Sinne des Kindeswohls gerechtfertigt werden. Ganz im Gegensatz, wenn wir das Kind als Rechtsträger betrachten, werden die Eltern zu Garanten dieser Rechte. Es ist somit nicht mehr möglich Gewalt in der Erziehung auszuüben. Die sozialen Veränderungen haben die traditionelle Bedeutung des Kindes durch ein „Kind Subjekt“ ersetzt. Anschauungsweisen verändern sich je nach sozialer Gruppe unterschiedlich schnell und in unterschiedlichen Stufen. Im derzeitigen politischen Bereich sind beide Visionen vereint, was eine Gesetzeinführung verhindert.

Damit dieses Gesetz eine Chance hat durchgesetzt zu werden, ist eine Änderung der Denkweise von Seiten des Staates in der Dichotomie öffentlich/privat notwendig. Die Missbrauchsfälle zeigen, dass die Familie nicht mehr als der sichere Hafen für Frieden, in dem sich das Kind geschützt entwickeln kann, gilt. Vor dieser Feststellung steht die Verantwortung des Staates jene Mitglieder der Gesellschaft zu schützen, die es besonders brauchen, in Konflikt mit seiner Aufgabe, die Privatsphäre zu respektieren. Diese Spannung konnte bereits in Debatten rund um die familiäre Gewalt gegen Frauen gelöst werden.

Das Kinderrechte-Komitee schneidet dieses Thema an, indem es seine Meinung dazu äußert. Eine Meinung, die rechtssprechend ist: „Die Konvention verpflichtet die Staaten dazu, die Familien zu respektieren und zu unterstützen. Es entsteht dabei kein Konflikt mit der Verpflichtung der Staaten dafür zu sorgen, dass die Menschenwürde und die physische Unversehrtheit der Kinder (…) innerhalb der Familie geschützt wird.“

Somit impliziert die politische Entscheidungsfindung in diesem Sinne eine Veränderung der Einstellungen von Seiten der Legislative bezüglich seiner Wahrnehmung vom Kind sowie zur Schutzrolle des Staates. Auf internationalem Niveau, haben die verschiedenen Instanzen aus diesem Gesetz ein Aushängeschild gemacht, um wirksam gegen die Misshandlung und für die Menschenrechte einzutreten- Kinder sind die einzigen Bewohner in der Schweiz, die man auf den Po hauen oder ohrfeigen kann.

Nun müssen schweizerische Entscheidungsträger Position beziehen.

Clara Balestra, Sarah Oberson Stiftung, 18.4.16

Noch einmal die Schläge auf den Hintern: die Frage des gleichen Schutzes durch das Gesetz

24 März 2015

Indem die Körperstrafen und erniedrigende Behandlung von Kindern ausdrücklich verboten werden, verlangen die Stellen zum Schutz der Menschenrechte keinen besonderen Schutz für Kinder. Sie verlangen einfach und aufs Neue Gleichstellung von Erwachsenen und Kindern.

photo : http://www.coe.int/fr/web/portal/-/corporal-punishment-of-children

Erneut spricht die Presse vom Verbot der Schläge auf den Hintern, denn einmal mehr wird ein Staat von einer supranationalen Instanz zu dem Thema befragt. Am 04.03.15 wird Frankreich vom Europarat gerügt, weil es nicht alle Formen der Körperstrafen verboten hat (1). Damit verletzt Frankreich Artikel 17 der europäischen Sozialcharta, bei der Frankreich Mitglied ist.

Wenn man das liest, wird man wieder sagen, dass übertrieben wird. Man erinnert sich wieder an das letzte Mal oder an die grösste Körperstrafe, die man als Kind erhalten hat. Und man sagt sich, dass man darunter nicht sehr gelitten hat, dass man trotzdem oder gerade deswegen nicht so schlecht herausgekommen ist.

Erneut beziehen die Experten der Befürworter und der Gegner der Schläge auf den Hintern in der Erziehung Stellung und jeder sagt seine Wahrheit: Die einen sagen vor allem, dass sie nicht traumatisierend seien und manchmal effizient; die anderen entgegnen, dass sie der Entwicklung des Kindes schaden und nicht wirksam seien.

Erneut geht es um den Eingriff in die Privatsphäre und die Überkriminalisierung der Eltern.

In der Schweiz ist das Gesetz in Bezug auf Erwachsene eindeutig. Eine andere Person darf auch nicht leicht geschlagen werden (StGB Art. 126 Abs. 1): Wer gegen jemanden Tätlichkeiten verübt, die keine Schädigung des Körpers oder der Gesundheit zur Folge haben, wird, auf Antrag, mit Busse bestraft.

Für Kinder ist die Norm weniger kategorisch(2). Mehrmals haben internationale Gremien der Schweiz empfohlen, Körperstrafen und erniedrigende Behandlung von Kindern ausdrücklich zu verbieten (3) – zum letzten Mal am 4.2.15 durch das Komitee für Kinderrechte in den abschliessenden Bemerkungen über den kombinierten zweiten, dritten und vierten Bericht der Schweiz (CRC/C/CHE/CO/2-4). Im Übrigen haben es 27 von 47 Mitgliedsstaaten des Europarats und 17 andere ausserhalb von Europa bereits getan; ohne dass dies zu einer Überkriminalisierung der Eltern geführt hat.

Ihre Argumente sind einfach. Es geht vor allem darum, einerseits das Prinzip der Nichtdiskriminierung einzuhalten, in diesem Fall eine Diskriminierung aufgrund des Alters, genauer des Anspruchs auf gleichen Schutz durch das Gesetz; und andererseits das Recht auf Menschenwürde und auf physische und psychische Integrität jeder Person. Diese beiden Prinzipien liegen den Pflichten der Staaten zugrunde und sind von allen akzeptiert.

Indem die Körperstrafen und erniedrigende Behandlung von Kindern ausdrücklich verboten werden, verlangen die Stellen zum Schutz der Menschenrechte keinen besonderen Schutz für Kinder. Sie verlangen einfach und aufs Neue Gleichstellung von Erwachsenen und Kindern.

Clara Balestra, 10.03.15

Weitere Informationen:

Peter Newell, Interview with Peter Newell Coordinator Global Initiative to End All Corporal Punishment of Children, Youtube, 04.06.14. In

(1) La France sermonnée pour ne pas avoir encore banni la fessée, Le Nouvelliste, 04.03.15.

(2) Clara Balestra (2006), Les droits de l’enfant dans l’arène politique fédérale suisse: l’exemple de la loi sur l’interdiction des châtiments corporels au sein de la famille, Mémoire, Université de Fribourg, S. 34.

“Wenn die Tat wiederholt wird, wird der Täter von Amtes wegen verfolgt (…): an einer Person, die unter seiner Obhut steht oder für die er zu sorgen hat, namentlich an einem Kind (Abs. 2a). Bei Wiederholung ist das Kind von Amtes wegen geschützt. Es gibt aber eine Lücke im gesetzlichen Schutz, wenn das Gericht beurteilt, dass es keine Wiederholung der Taten gab und also nicht von Amtes wegen vorgegangen wird. Die Kinder können keinen Strafantrag stellen (ehemaliger Artikel 28 StGB).

Interessant ist, dass im revidierten Strafgesetzbuch, das am 1.1.2007 in Kraft getreten ist, das Kind einen Strafantrag stellen kann, wenn es als urteilsfähig beurteilt wird (Art. 30 StGB). Es gibt keine Altersgrenze für diese Möglichkeit, die dem Begriff evolving capacity in Artikel 5 der KRK entspricht.

Im Übrigen haben gemäss Zivilgesetzbuch (ZGB) die Eltern (…) das Kind ihren Verhältnissen entsprechend zu erziehen und seine körperliche, geistige und sittliche Entfaltung zu fördern und zu schützen (Art. 302 Abs. 1). Seit 1978, mit der Aufhebung von Art. 278 des ZGB, ist das Züchtigungsrecht der Eltern nicht mehr ausdrücklich im Gesetz verankert. Es ist aber indirekt noch in Artikel 14 des StGB enthalten: Wer handelt, wie es das Gesetz gebietet oder erlaubt, verhält sich rechtmässig, auch wenn die Tat nach diesem oder einem andern Gesetz mit Strafe bedroht ist (4)”.

(3) Clara Balestra (2006), Les droits de l’enfant dans l’arène politique fédérale suisse: l’exemple de la loi sur l’interdiction des châtiments corporels au sein de la famille, Mémoire, Université de Fribourg, S. 34.

(4) Lücker-Babel Marie-Françoise (2003), ‘Mise hors la loi des mauvais traitements envers les enfants : le Tribunal fédéral avance’, in Bulletin suisse des droits de l’enfant, Vol. 9, n°4, décembre 2003, p. 20 21.

Verbot der Gewaltanwendung in der Erziehung

2 Juli 2012

Die rechtliche Situation in der Schweiz in Zusammenhang mit Körperstrafen und anderen Formen grausamer und erniedrigender Bestrafung von Kindern

Von Schweizerisches Kompetenzzentrum für Menschenreschte, 27.06.2012

Ein ausdrückliches elterliches Züchtigungsrecht existiert in der Schweiz nicht mehr. Es ist 1978 aus dem schweizerischen Zivilgesetzbuch gestrichen worden. Dennoch sind Erziehungsmassnahmen, die auf körperlicher Gewalt beruhen, nicht verschwunden. Trotz internationaler Verpflichtungen und Empfehlungen sowie bestehender Modelle in anderen europäischen Ländern (z.B. Deutschland oder Schweden) gibt es in der Schweiz keine gesetzliche Vorschrift, welche die Anwendung von Gewalt an Kindern zu Erziehungszwecken verbietet. Zur Bestimmung des Begriffs «Gewalt in der Erziehung» greifen wir im vorliegenden Artikel auf die Definition des UNO-Kinderrechts-Ausschusses in der Allgemeinen Bemerkung Nr. 8 zurück, die sowohl die körperliche Bestrafung durch physische Gewalt sowie gewisse Arten psychologischer Bestrafung wie zum Beispiel Erniedrigung, Herabwürdigung oder Vernachlässigung enthält.

Die gesetzliche Situation in der Schweiz

Die Schweizerische Bundesverfassung (BV) schützt in Art. 10 die körperliche und geistige Unversehrtheit und enthält in Art. 11 BV eine Bestimmung zum Schutz der Unversehrtheit von Kindern und Jugendlichen. Gemäss Art. 302 Abs. 1 ZGB haben die Eltern bei der Erziehung ihrer Kinder deren Entfaltung zu fördern und zu schützen. Im Strafgesetzbuch werden bestimmte Körperverletzungen (Art. 122, 123 Abs. 2 und 125 Abs. 2 StGB) sowie wiederholte Tätlichkeiten (Art. 126 Abs. 2 StGB) an Kindern geahndet und von Amtes wegen verfolgt. Einfache fahrlässige Körperverletzungen (Art. 125 Abs. 1 StGB) sowie nicht wiederholte Tätlichkeiten (Art. 126 Abs. 1 StGB) an Kindern werden hingegen nur auf Antrag geahndet. Es besteht somit eine Lücke auf Gesetzesebene, da Kinder, die nicht über die notwenidge Urteilsfähigkeit (Art. 30 Abs. 3 StGB) zur Erstattung einer Strafanzeige gegen die Täterschaft (in diesem Falle die Eltern, also seine gesetzlichen Vertreter), nicht geschützt sind. Aktuell enthalten einzig die Reglemente von Schulen oder Institutionen spezifische Bestimmungen, die die Körperstrafe und andere Formen grausamer und erniedrigender Bestrafung in der Erziehung verbieten.

Das Bundesgericht ist zwar der Ansicht, dass Art. 126 Abs. 2 StGB mit der Absicht eingeführt wurde, ein Verbot jeglicher Form von Gewalt in der Erziehung einzuführen (BGE 126 IV 216). Gleichzeitig ist körperliche Bestrafung im häuslichen Umfeld gemäss der Rechtsprechung des Bundesgerichts nicht als physische Gewalt zu bewerten, wenn sie ein gewisses von der Gesellschaft akzeptiertes Mass nicht überschreitet und die Bestrafung nicht allzu häufig wiederholt wird (ibid. und BGE 117 IV 14). Ein «von der Gesellschaft akzeptiertes» Mass kann jedoch nicht problemlos festgelegt werden, da zwischen den verschiedenen Generationen, Gemeinschaften und sozioökonomischen Gruppen keine Einigkeit bezüglich eines einheitlichen Masses an akzeptierter körperlicher Bestrafung besteht.

Engagement und Impulse der Politik und von NGOs

Der parlamentarische Vorstoss Vermot-Mangold (06.419) vom März 2006 forderte ein Gesetz, das Kinder vor Körperstrafen und anderen Misshandlungen schützt, welche die physische oder psychische Integrität der Kinder verletzen. Im Dezember 2008 wurde die Initiative jedoch unter dem Vorwand, dass das Zivil- und Strafrecht zum Schutze der Kinder ausreichend sei, abgelehnt. 2009 hat das Netzwerk Kinderrechte Schweiz in seinem Schattenbericht zum zweiten Berichterstattungszyklus der Schweiz zuhanden des UNO-Kinderrechtsausschusses aufgezeigt, dass die Schweiz durch die Ablehnung der parlamentarischen Initiative Vermot-Mangold im Vergleich zur gesetzlichen Lage in anderen westeuropäischen Ländern und auch bezüglich der 2008 vom Europarat lancierten Kampagne gegen Körperstrafen eindeutig im Hintertreffen liegt.

Nach der Ablehnung der Initiative hat die Stiftung Kinderschutz Schweiz 2010 – in Zusammenarbeit mit zahlreichen Experten/-innen – eine Kampagne gegen die Körperstrafe und für eine gewaltfreie Erziehung lanciert. Im April 2012 sprachen sich die Autoren/-innen des NGO-Berichts der Schweiz zum zweiten Periodischen Länderüberprüfungsverfahren des UNO-Menschenrechtsrats für einen neuen Anlauf zur Einführung eines Verbots der Köperstrafe an Kindern aus.

Die internationalen Anforderungen

Das Übereinkommen der Vereinten Nationen über die Rechte des Kindes (KRK) verlangt in Art. 19 von den Vertragsstaaten, dass sie «alle geeigneten Gesetzgebungs-, Verwaltungs-, Sozial- und Bildungsmassnahmen» treffen, «um das Kind vor jeder Form körperlicher oder geistiger Gewaltanwendung, Schadenszufügung oder Misshandlung, vor Verwahrlosung oder Vernachlässigung, vor schlechter Behandlung oder Ausbeutung [...] zu schützen».

Zu einem besseren Verständnis der Bestimmungen der KRK bezüglich des Schutzes von Kindern vor jeglicher Form von Gewalt hat der Kinderrechtsausschuss 2006 die Allgemeine Bemerkung Nr. 8 zum Schutz vor Körperstrafen und anderen Formen grausamer und erniedrigender Bestrafung veröffentlicht. Die darin verwendete Definition der Gewalt ist sehr weitläufig (siehe Einleitung). Der Ausschuss ist der Ansicht, dass jegliche Form von Körperstrafen erniedrigend ist. Zudem sind gewisse Arten nichtkörperlicher Bestrafung, wie zum Beispiel Demütigung oder Herabwürdigung, ebenfalls grausam und erniedrigend und somit unvereinbar mit der KRK. Der Ausschuss spricht sich hier für ein deutliches und bedingungsloses Verbot jeglicher Art der Züchtigung aus. In der Allgemeinen Bemerkung Nr. 13 von 2011 über das Recht auf Schutz vor jeglicher Form von Gewalt betont der Ausschuss die entscheidende Rolle der Eltern für eine respektvolle, wohlwollende und gewaltfreie Erziehung, was unter Fachleuten als «positive Elternschaft» bekannt ist.

Auf regionaler Ebene befasst sich der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte mit dem Thema der Bestrafung. Bezüglich der Körperstrafe in der Familie hält der Gerichtshof im Entscheid A. gegen Grossbritannien aus dem Jahr 1998 fest, dass die körperliche Bestrafung mit Stockhieben gegen Art. 3 EMRK verstösst.

Der Europarat hat verschiedene Empfehlungen zum Thema Gewalt an Kindern ausgearbeitet, wie beispielsweise die Empfehlung aus dem Jahr 2004 über ein europaweites Verbot der körperlichen Züchtigung von Kindern [Rec.1666(2004)].

Die Kontrollorgane der Vereinten Nationen haben sich gegenüber der Schweiz direkt zu diesem Thema geäussert. Sowohl der Menschenrechtsrat – im Rahmen der Empfehlungen zum ersten Periodischen Länderüberprüfungsverfahren 2008 – als auch der Ausschuss gegen Folter und der Kinderrechtsausschuss haben 2010 und 2002 die Schweiz dazu aufgefordert, alle Arten der körperlichen Bestrafung von Kindern ausdrücklich oder spezifisch in der Gesetzgebung zu verbieten.

Schlussfolgerungen

In der Schweiz ist zurzeit in Bezug auf die Forderung nach einem Verbot, ein Stillstand zu verzeichnen. Dies trotz internationaler Empfehlungen und obwohl unter Fachleuten Einigkeit herrscht, dass angesichts der gravierenden medizinischen und psychologischen Folgen die bestehenden Massnahmen bezüglich der Körperstrafe sowie anderer Formen grausamer und erniedrigender Bestrafung von Kindern ungenügend sind. Um ein explizites gesetzliches Verbot durchsetzen zu können, müsste eine Änderung der Mentalität herbeigeführt werden. Diese kann wohl mit langfristig angelegten, aktiven Sensibilisierungskampagnen, welche auf die Gesamtbevölkerung und insbesondere auf die Eltern abzielen, am ehesten erreicht werden.

(Français) Où il est à nouveau question du châtiment corporel

14 September 2009

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