Weglaufen im Wallis: Röntgen des Phänomens

28 August 2017

Im Wallis gab es zwischen 2014 und 2016 insgesamt 1.074 Weglaufen, welche im nationalen Verzeichnis der elektronischen Fahndung der RiPol Polizei erfasst wurden. Dies bedeutet, dass permanent durchschnittlich 7 Weggelaufene als vermisst gemeldet werden.

Die Sarah Oberson Stiftung hat zusammen mit dem Studiengang Soziale Arbeit der HES-SO Valais-Wallis eine quantitative Studie zu dem Weglaufen im Wallis erstellt. Seit mehreren Jahren verlangt die Stiftung die Einführung nationaler Statistiken zu verschwundenen Kindern. Diese Studie ist ein erster Schritt in diese Richtung (1).

Ziel der Sarah Oberson Stiftung ist es das Ausmaß dieses Phänomens besser einzuschätzen, damit weitere wissenschaftliche Studien angeregt werden können, welche es möglich machen Präventionsstrategien und adäquate Antworten zu entwickeln.

Um die Wichtigkeit dieses Dokuments hervorzuheben und insbesondere die Diskussion zu diesem Thema in unserem Kanton anhand der Studienergebnisse anzuregen, organisiert die Sarah Oberson Stiftung am 18.10.2017 eine halb-halbtägige Tagung (14.00 – 17.00 Uhr) in der universitären Stiftung Kurt Bösch, Bramois (französich). Eintritt frei und nach Anmeldung (email, fax).

Die SOS nutzt diesen Artikel um den Studierenden für ihre sorgfältige Arbeit; der HES-SO Valais-Wallis für seine Kollaboration; der Walliser Kantonalpolizei sowie dem kantonalen Jugendamt für ihre Hilfe bei dem Zugang zu den notwendigen Daten sowie bei der Erklärung der entsprechenden Protokolle im Falle eines Weglaufens von Kindern, zu danken.

Weiter finden Sie das Resümee der Daten der Studie, durchgeführt von den Herren Yannick Frossard und Samuel  Morard im Rahmen ihrer Bachelorarbeit ((2), S. 75-76).

Zusammenfassung der Daten:

-    Im Wallis gab es zwischen 2014 und  2016 insgesamt 1.074 Weglaufen, welche im nationalen Verzeichnis der elektronischen Fahndung der RiPol Polizei erfasst wurden. Dies bedeutet, dass permanent durchschnittlich 7 Weggelaufene als vermisst gemeldet werden.

-    Diese Weglaufen ereignen sich hauptsächlich in Heimen (n=867, gleich 80,7%), von zu Hause aus (n=143, gleich 13.3%) und von pädopsychiatrischen Krankenhäusern aus (n=55, gleich 5.1%). Einige Fälle wurden von Schulen, Pflegefamilien und Aufnahmezentren von unbegleiteten Minderjährigen aus gemeldet.

-    Die Verschwinden von unbegleiteten Minderjährigen sind häufig. Gemäß dem Asylbüro gab es 5 in 2013-2014 und 16 in 2015-2016. Nur 4 Fälle wurden der WKP gemeldet, alle davon in 2016.

-    Die Weglaufen werden hauptsächlich von Jungen begangen (n=644, gleich 60%). Von zu Hause aus gibt es genauso viele Weglaufen von Mädchen (n=71) wie von Jungen (n=72), und aus Krankenhäusern viermal mehr Weglaufen von Mädchen (n=44) als von Jungen (n=11); es sind also die Weglaufen von zu Hause aus, welche einen Einfluss auf die maskuline Überrepräsentation haben (n=310; n=557).

-    Insgesamt sind die 1.074 Weglaufen ein Ergebnis von 373 Kindern: das Problem der Rückfälle ist also zentral. Das Weglaufen ist eine einmalige Periode für knapp die Hälfte der davongelaufenen Kinder (45.8%), aber die rückfällig werdenden Kinder machen den Hauptbestandteil der Fälle aus (84.1%). Im Schnitt werden Personen zweimal rückfällig.

-    Ein Anstieg kann im Laufe des studierten Zeitraums festgestellt werden (von 315 in 2014 auf 420 in 2016). Dieser Anstieg manifestiert sich nur in den Heimen (von 234 auf 356, sprich +52.1%).

-    Ein Weglaufen ereignet sich im Durchschnitt alle 30 Stunden von einem Heim aus (n=867).

-    Vom familiären Wohnsitz aus wird im Schnitt einmal pro Woche ein Weglaufen zur Anzeige gebracht (n=143). 91 Kinder sind von zu Hause weggelaufen, ein oder mehrere Male. Mindestens 28 von ihnen wurden danach in Heimen oder Krankenhäusern untergebracht, von wo aus sie wieder wegliefen.

-    Bezüglich des Alters der Weglaufenden befindet sich der Durchschnitt bei 15 Jahren. Es gibt wenige Weglaufen von Kindern unter 12 Jahren (n=8) und der größte Teil der Kinder unter 13 Jahren ist von Heimen aus weggelaufen (n42/45, sprich 93.3%).

-    Das Weglaufen dauert in der Regel 7.4 Tage (n=7919÷1.074): diese Daten sind signifikanten Abweichungen des Geschlechts unterworfen (8.2 Tage bei Jungen und 6.1 Tage bei den Mädchen). Das Alter des Weglaufenden spielt eine wichtige Rolle bei der Dauer eines Weglaufens und schwankt bei den 12-13 Jährigen bei rund 4 Tagen und bei den 17-jährigen bei mehr als 9 Tagen.

-    Die Meisten Weglaufen sind innerhalb einer Woche beendet (n=832, sprich 77.5%). 119 Fluchtmeldungen  wurden am gleichen Tag widerrufen. Ein Tag nach dem Weglaufen wurden ein Drittel der Meldungen widerrufen (n=357). Es gibt auch 16.4%, welche 7 bis 30 Tage dauern (n=176) und 6.1% mehr als 30 Tage (n=66). Der Anteil der langanhaltenden Weglaufen erhöht sich mit dem Alter: er steigt von 16.7% für die 12-14 Jährigen (n=45/269) auf 22.9% für die 15-16 Jährigen (n=137/597) bis zu 30% für die17-jährigen (n=60/200).

-    Die Anzahl der Meldungen hängt von den jeweiligen Monaten ab. So gibt es im Februar (n=62) und im Juli (n=62) zweimal weniger Weglaufen als im Monat Mai (n=119) und im September (n=117).

-    Die Nationalität scheint kein besonderer Risikofaktor zu sein: die Weglaufen sind Akte von Besitzern der schweizerischen Nationalität (61.5%), Bewohnern der Europäischen Union (22.4%), anderen europäischen Ländern (3.5%) und anderen Kontinenten (11.7%).

(1) KONTAKT : Guillaume Grand, Stiftung Sarah Oberson, Vizepräsident des Stiftungsrates, 076 421 39 71, info@sarahoberson.org

(2) Yannick Frossard et Samuel Morard (2017), Fugues en sol valaisan : phénomène mineur ?, mandaté par la Fondation Sarah Oberson, Travail de Bachelor pour l’obtention du diplôme Bachelor of Arts HES·SO en travail social Haute École de Travail Social − HES·SO//Valais – Wallis

Stiftung Sarah Oberson : Kurzbericht der Aktivitäten 2016

24 April 2017

Aktivitäten 2016, Highlights :

  • Forschung „Statistiken zum Verschwinden von Kindern im Wallis“ (2016-2017) in Partnerschaft mit der HES-SO, Lehrgang Soziale Arbeit
  • Projekt Pädagogische Arbeitsblätter „die Kinderrechte im Unterricht“ in Partnerschaft mit dem IDE
  • Auswertung der Sensibilisierungskampagne der Sarah Oberson Stiftung (SSO) in Zusammenarbeit mit dem MIDE der Universität Genf
  • Parlamentarischer Eingriff: „Lagebild zum Weglaufen im Wallis
  • Behandlung aktueller Themen unter dem Gesichtspunkt der Kinderrechte auf dem Blog der SSO

Tätigkeitsbericht 2016 (französich)

 1.   Beitrag zur Verbesserung des Reaktionssystems im Fall verschwundener Kinder

Seit seiner Einführung im Januar 2010, wurde das Entführungswarnsystem niemals in der Schweiz ausgelöst: Fortan setzt sich die Sarah Oberson Stiftung (SSO) dafür ein, dass der Alarm ausgelöst werden kann, ohne dass ihn zu strenge Kriterien daran hindern. Das Kriterium der physischen und psychischen Gefahr für das Kind muss Priorität haben, darin inbegriffen sind wenn nötig, elterliche Entführungen und eigenständiges Weglaufen (siehe Jahresbericht 2016 zur aktuellen Lage in der Schweiz und Europa sowie zu den Prioritäten der Stiftung in diesem Bereich).

Wallis

Forschung „Statistiken zum Verschwinden von Kindern im Wallis“

Die SSO hat zusammen mit dem Studiengang Soziale Arbeit der HES-SO  das Projekt „Statistiken zum Verschwinden von Kindern im Wallis“ gestartet, welches in zwei Etappen erfolgte. 2016 haben sieben Studenten eine Literaturrecherche zu den verschiedenen Arten eines Kindesverschwindens unternommen. Verschiedene Ansatzpunkte werden derzeit von der SSO untersucht damit diese Forschungsarbeit bestmöglich genutzt werden kann.

2017 werden zwei Studenten eine quantitative Forschung über zwei Jahre zu dem Weglaufen von Kindern im Wallis im Rahmen ihrer Bachelorarbeit durchführen. Das langfristige Ziel der SSO ist es, das der Staat Präventionsmaßnahmen und –strategien als Antwort auf die verschiedenen Kategorien von Kindesverschwinden geben kann, welche sich auf hochwertige wissenschaftliche Statistiken und Forschungen stützen.

Weglaufen – Parlamentarischer Eingriff

Eine parlamentarische Interpellation „Lagebild zum Phänomen des Weglaufens im Wallis“ wurde am 10.03.2016 von Frau Nicole Carrupt, parlamentarisch PRL, mit der Zusatzsignierung von Frau Véronique Coppey, vorgelegt. Dieser Antrag verlangt eine stärkere Einsicht in das Phänomen des Weglaufens von Kindern.

Am 8. September 2016 antwortete der Regierungsrat Freysinger teilweise auf diese Interpellation. Die Abgeordneten und die SSO werden diesen Weg weitergehen, indem sie die Ergebnisse der laufenden Forschungen mit der HES-SO miteinfließen lassen.

Sensibilisierungskampagne: Ihr Kind ist nicht heimgekommen?

In 2014 wurde die Informationskampagne zur Problematik des Verschwindens von Kindern lanciert und Anfang 2016 mit einer letzten Pressemeldung zum Fortlaufen von Kindern auf Deutsch beendet (Für weitere Informationen zu den einzelnen Aktionen der Kampagne, kann der Jahresbericht 2015 1.1.3 der SSO eingesehen werden).

Dank der Beteiligung und der Kollaboration von Maximilien Dacheville, Doktorand am Interdisziplinären Zentrum zur Analyse von humanen und sozialen Prozessen der Universität Rennes (Frankreich), hat sich die SSO 2016 daran gemacht, die Auswirkung dieser Sensibilisierungskampagne zu analysieren. Diese Forschung wurde mithilfe des Interdisziplinären Masters in Kinderrecht (MIDE) der Universität Genf initiiert. 2016 haben fünf Studierende 300 Fragebögen von Eltern beantworten lassen, die in Sion wohnhaft sind. Eine erste quantitative Analyse konnte von den Studenten durchgeführt werden. Es bleibt die Frage, ob diese Ergebnisse von dem Doktoranden Dacheville qualitativ analysiert werden können.

2.   Stärkung des Dialoges zu den Verletzungen der Kinderrechte

Projekt der pädagogischen Arbeitsblätter

Der Rat der SSO hat beschlossen das Projekt „pädagogische Arbeitsmaterialien: die Kinderrechte in der Schule: Promotion der Kinderrechtekonvention der Vereinten Nationen (KRK) in der Schweiz für Schüler_innen und Lehrer_innen“ zu unterstützen. Dieses Projekt, geleitet von vom IDE, hat zum Ziel die KRK im schulischen Milieu auf nationaler Ebene zu fördern und umzusetzen.

Internetseite der Stiftung

Auf ihrer Internetseite möchte die Stiftung Platz für Texte, Artikel, Dokumentationen und Aktionen zum Thema der Kinderrechte einräumen. Stets aktualisiert, ist sie ein nationales Portal zu Fragen rund um die Kinderrechte und dem Verschwinden von Kindern.

Blog

2016 wurden 23 Artikel online gestellt. Aktuelle Themen aus Sicht der Kinderrechte sind der SSO besonders wichtig: Kinderrechte generell (Zugang zum Rechtssystem, internationale Konventionen und Protokolle); Verschwinden von Kindern (Entführungsalarmsystem, Entführungen, Weglaufen, unbegleitete Jugendliche, …); Misshandlung von Kindern (darunter Zwangsheiraten); … Im Interesse einer ganzheitlichen Informationsbeschaffung für unsere Leser, werden die von oder für die SSO geschriebenen Artikel durch Texte von anderen Seiten ergänzt, die sich auch mit den Kinderrechten auseinandersetzen (IDE, ISS, ADEM, Schweizerisches Netzwerk für die Kinderrechte, CSDH).

Soziale Netzwerke

Die Stiftung verfügt über eine Facebookseite, ein LinkedIn Konto mit einer SOS Seite und Zugang zu verschiedenen Gruppen; ein Twitter Konto und einem Google+ Konto.

FSO, April 2017

Die europäischen Entführungswarnsysteme unter der Lupe

23 Mai 2016

Am 25. Mai ist der internationale Tag der verschwundenen Kinder: Gedenken wir mit einer Blume allen vermissten Kindern und deren Familien.

Es wird hart dafür gearbeitet dieser Problematik entgegenzuwirken, was sich in der Bewilligung der Schriftlichen Erklärung, vorgeschlagen von AMBER Alert Europe (siehe Editorial SOS 22.02.16) und von einer Mehrheit der Abgeordneten im europäischen Parlament befürwortet, zeigt. Auch die kürzlich erschienene Studie der Universität Portsmouth behandelt dieses Thema und wir präsentieren hier die wichtigsten Ergebnisse.

Zum ersten Mal in Europa, hat sich eine Studie, wenn auch bisher nur vorläufig, mit den Stärken und Schwächen der europäischen Entführungswarnsysteme beschäftigt. Eingeführt in 2006 auf diesem Kontinent, wurde der Entführungsalarm 23 Mal in 2015 ausgelöst: 16 Staaten der Europäischen Union sowie die Schweiz verfügen über dieses System, aber nur 8 benutzen es.

Die Studie arbeitet mit 4 Staaten (Holland, Tschechien, Großbritannien und Polen), die 82% der Alarme ausgelöst haben und untersucht die Meinungen und Erfahrungen jener 14 Polizisten, die  das System mindestens einmal benutzt haben. Diese begrenzte Anzahl ergibt sich vor allem aus den limitierten ausgelösten Alarmen. Trotz des geringen Studienmaterials, welches definitive Aussagen nicht möglichen macht, gleichen sich die Hauptergebnisse mit ähnlichen amerikanischen Studien. Tatsächlich sind die Fälle, in denen der Alarm ausgelöst wurde sowohl in Europa als auch in Amerika ähnlich, was einen Vergleich möglich macht.

Die Studie suggeriert, dass der Entführungsalarm die Möglichkeit bietet, das Kind schnell und sicher wiederzufinden, was seine Hauptaufgabe ist. Aber nicht nur:

-    Er ist eine wertvolle Ergänzung in der Investigationsarbeit: er ermöglicht es, qualitativ wichtige Informationen zu erhalten; erleichtert die Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Polizeieinheiten und Staaten;…

-    Er verbessert die Beziehung zwischen der Polizei und den betroffenen Familien: er gibt die Sicherheit, dass alles in der Macht mögliche getan wurde; er macht ausreichend Druck, um den verantwortlichen Elternteil zu einer Aussage zu bringen;…

-    Er verbessert die Interaktion von Polizei und Öffentlichkeit: letztere hat den Eindruck helfen zu können; die Motivation ist höher; die Arbeit der Polizei kann so besser verstanden werden;…

Diese Analyse unterstreicht aber auch negative Aspekte, was die positiven Details nicht schwächen soll, welche aber berücksichtigt werden müssen:

-    Das Risiko, die Sicherheit des Kindes zu gefährden, indem der Entführer zu unvorhergesehenen Handlungen veranlasst wird.

-    Der hohen Anzahl an Anrufen nachzugehen und alle freiwilligen Helfenden zu verwalten.

-    Das Risiko von Missverständnissen oder Meinungsverschiedenheiten, wenn die veröffentlichten Informationen nicht mit der Familie abgesprochen wurden.

-    Die hohen Erwartungen der Öffentlichkeit an die Effizienz des Systems.

Diese Studie unterstützt bereits die Diskussion rund um die Anwendung nationaler Entführungsalarme und um die Einführung eines europäischen Alarms. Sie verlangt jedoch weitere profundierte Recherchen, damit die Wirksamkeit dieses Instruments verbessert werden kann.

Photofdecomite, flickr/creative commons

Clara Balestra, Stiftung Sarah Oberson

Bericht über die Aktivitäten 2015

12 April 2016

Die Sarah Oberson Stiftung, ohne Erwerbszweck, ist eine Organisation, die mit dem Ziel gegründet wurde, das Schicksal von Kindern durch Anregung des Dialoges zu den Kinderrechten zu verbessern. Seinen Ursprüngen treu geblieben, engagiert sich die SOS auch in der Kollaboration und Intervention mit Schweizer Führungspositionen, damit landesweit ein leistungsstarkes System zur schnellen und wirksamen Bearbeitung von Kindesverschwinden sowie eine effektive Unterstützung für die Familien eingeführt werden können.

Der vollständige Tätigkeitsbericht 2015

1.    Beitrag zur Verbesserung des Antwortsystems im Fall von vermissten Kindern

Seit seiner Operationalisierung im Januar, wurde der Entführungsalarm in der Schweiz nicht ausgelöst: aus diesem Grund engagiert sich die Stiftung dafür, dass der Alarm ausgelöst werden kann, ohne dass ihn zu strenge Kriterien daran hindern. Das Kriterium der Gefährdung der physischen und psychischen Unversehrtheit des Kindes muss Priorität haben, einschließlich der Entführung durch einen Elternteil und des eigenständigen Entfliehens (siehe Tätigkeitsbericht 2015 zur Aktualität in der Schweiz und in Europa sowie den Hauptaufgaben der Stiftung in diesem Bereich).

Wallis

Die Sarah Oberson Stiftung hatte bereits im September 2012 die Chefs der kantonalen Ämter zu einem Arbeitstreffen zum Austausch über Verbesserungen des Antwortsystems auf kantonalem Niveau eingeladen. Die Ergebnisse dieses Treffens wirken noch nach:

  • 2013 haben die durchgeführten Vorgehen ein neues Bewusstsein in den verschiedenen Serviceämtern hervorgerufen, welches von großem Nutzen für das ganze Personal war.
  • In 2014 hat die öffentliche Informationskampagne zum Verschwinden von Kindern begonnen und
  • wird nicht vor 2016 enden.

Aufklärungskampagne: Ihr Kind ist nicht nach Hause gekommen?

Im November 2014 hat die Sarah Oberson Stiftung eine umfangreiche Informationskampagne in den frankophonen Walliser Schulen gestartet. Der Flyer,, welcher in enger Zusammenarbeit mit dem Kanton Wallis entstanden ist, wurde 45.000 Mal versandt. Ziel: Verhinderung einer Kindesentführung, eine schnelle Auslösung des Entführungsalarms wenn nötig, und vor allen Dingen die Beruhigung der Eltern.

Die Verteilung der Flyer konnte einen anderen Teil der Kampagne einleiten: Die Sensibilisierung für weitere Probleme im Zusammenhang mit dem Verschwinden eines Kindes. Demnach hatte die Sarah Oberson Konferenz 2014 folgendes Thema zum Inhalt: Trennung der Eltern, Verschwinden von Kindern. Ende Januar 2015 wurde eine Pressemitteilung zum Thema „wenn Kinder weglaufen“ veröffentlicht. Diese Mitteilung hat das Interesse der Politik (siehe unten) und der Presse – siehe Pressespiegel – auf sich gezogen. Zum internationalen Tag der vermissten Kinder am 25.05.2015 wurde eine weitere Pressemitteilung veröffentlicht, die sich mit dem Entführungsalarm-System befasst. Des Weiteren wurde auf die Notwendigkeit nationaler Statistiken und wissenschaftlicher Forschungen zum Verschwinden von Kindern hingewiesen – siehe Pressespiegel.

Diese letzte zweisprachige Mitteilung hat die Kampagne im Unterwallis beendet und im Oberwallis eröffnet. Im September 2015 wurden 15.000 Flyler in Oberwalliser Schulen verschickt. Am 21. März 2016 wurde eine letzte Pressemitteilung zum Thema weggelaufener Kinder auf Deutsch veröffentlicht. Mit dieser wurde die Aufklärungskampagne beendet.

Weglaufen – parlamentarische Intervention

Nach Erscheinen der Pressemitteilung zum Weglaufen der Kinder, hat Frau Véronique Coppey, Abgeordnete im walliser Grossrat, Kontakt mit der Stiftung aufgenommen, um zu wissen, wie die Politik bei diesem Problem helfen könnte. Seither gibt es parlamentarisches Vorgehen mit dem Ziel wirksame Maßnahmen anzubieten, die der Situation im Wallis entsprechen.

2.    Anregung zum Dialog zu Verletzungen der Kinderrechte

Sarah Oberson Abend 2015

Der  Sarah Oberson Abend 2015 vom 11. November war ein voller Erfolg: mehr als 140 Personen haben  an der Debatte teilgenommen, die da hieß:  „Als Kind arm sein in der Schweiz“. Geht man von den letzten Zahlen aus, sind Kinder die Altersklasse, die am meisten von Armut betroffen ist. Im Rahmen dieses Abends hat die Sarah Oberson Stiftung über die tägliche Realität dieser Kinder nachgedacht und welche Konsequenzen sich aus diesen unsicheren Lebensverhältnissen für die Zukunft der Kinder ergeben sowie welchen Einfluss diese auf die Angemessenheit der gebrachten Antworten haben. Die gesamte Konferenz wurde aufgezeichnet und die qualitative Aufzeichnung AUDIO kann über die Internetseite der Stiftung aufgerufen werden.

Außerdem wurde im Frühling 2015 der Arbeitsbericht zu den Sarah Oberson Abenden 2011 und 2014 unter dem Titel: „Trennung der Eltern, Verschwinden von Kindern“ veröffentlicht. Nachdem das Thema 2011 unter juristischem Deckmantel behandelt wurde, hat die Sarah Oberson Stiftung das Sujet 2014 erneut aufgegriffen und seine psychosozialen Referenten miteinbezogen.

Internetseite der Stiftung

Über ihre Internetseite, möchte die Sarah Oberson Stiftung einen besonderen Bereich für Texte, Artikel, Dokumentationen und Aktionen zum Thema der Kinderrechte und zu verschwundenen Kindern geben, mit dem Ziel die Öffentlichkeit zu diesen Themen zu sensibilisieren. Es soll ein nationales Schaufenster zu den Fragen rund um die Kinderrechte und zum Kindesverschwinden sein. Immer aktualisiert, profitiert die Seite von mehr als 20.000 Besuchern im Jahr.

Blog

Mit einem Angebot von mehreren Editorials im Monat zu unterschiedlichen Themen der Stiftung, bereichert der Blog den Inhalt der Sarah Oberson Stiftung Internetseite.

Soziale Netzwerke

Die Stiftung verfügt nun über eine Seite auf Facebook; einem LinkedIn Konto mit einer Sarah Oberson Stiftung Seite und Zugang zu verschiedenen Gruppen; einem Twitter Account; und einem Google + Konto, welches am 16.06.2015 eröffnet wurde.

Über diese Kanäle kann sich die Öffentlichkeit über den Inhalt der Internetseite informieren ohne diese zwingend zu besuchen. Wir konstatieren zudem einen Anstieg der Besucherzahlen von 121% ausgehend von diesen sozialen Netzwerken.

FSO, April 2015

Für einen verbesserten Entführungsalarm

21 Mai 2015

Anlässlich des Internationalen Tags der vermissten Kinder am 25. Mai setzt sich die Sarah Oberson Stiftung dafür ein, dass die Kriterien zur Auslösung des Entführungsalarms in der Schweiz gelockert und diesbezügliche nationale Statistiken erstellt werden.

MEDIENMITTEILUNG

Die ersten Stunden nach einer Entführung sind für den Fahndungserfolg entscheidend – von ihnen hängt die Wahrscheinlichkeit, das Opfer gesund und wohlbehalten zu finden, ab. Die jüngsten Ereignisse in Frankreich haben dies erneut am Fall der kleinen Berenyss gezeigt. Seit der Einführung des Entführungsalarmsystems in unserem Nachbarland im Jahr 2006 wurde es bereits zum 14. Mal in Folge erfolgreich eingesetzt. In der Schweiz gibt es dieses System seit 2010, doch wurde es noch nie aktiviert. Die Sarah Oberson Stiftung, die sich seit über 15 Jahren für die Verteidigung der Kinderrechte einsetzt, findet die aktuellen Kriterien zur Auslösung des Alarms zu restriktiv. Daher plädiert sie für eine Lockerung dieser Kriterien.

Kriterium der Gefährlichkeit muss im Vordergrund stehen

Nicht alle Entführungsfälle lösen einen Alarm aus. Das System wird nur aktiviert, wenn es sich um Notfallsituationen handelt, in denen die physische und psychische Integrität des Kindes gefährdet ist. «Dieses Kriterium muss die Priorität bilden», erklärt Clara Balestra, wissenschaftliche und administrative Koordinatorin der Stiftung. «Es geht nicht darum, auf Teufel komm raus Alarme auszulösen, sondern die Sache objektiv, unter Berücksichtigung der Gefahr und der Indizien, die der Polizei zur Verfügung stehen, anzugehen.»

Eine Lockerung der Kriterien würde zudem ermöglichen, das Alarmsystem auch bei gefährdeten Ausreissern oder bei elterlicher Kindesentführung zu aktivieren. «In der Schweiz ist dieser Faktor momentan nicht ausschlaggebend – ganz anders in Übersee. In den USA[1] beispielsweise wurden 2011 mehr als die Hälfte der Entführungsalarme infolge einer elterlichen Kindesentführung ausgelöst. Dieser Punkt darf in unserem Land nicht länger vernachlässigt werden, wenn man bedenkt, dass zwischen 2010 und 2012 für das Verschwinden von 85% der im Kanton Waadt registrierten vermissten Kinder ein Elternteil verantwortlich war[2]

Da fast die Hälfte der Ehen geschieden werden und eine von zehn Trennungen mit Streitigkeiten vor Gericht endet, sind diese Verschwindungsfälle oftmals auf den Zerfall des familiären Rahmens zurückzuführen. Für die Kinder, die aus ihrem gesellschaftlichen Umfeld gerissen werden und die eines der beiden Elternteile nicht mehr sehen können, kann das verheerende und traumatisierende Folgen haben.

Statistiken fehlen

Ein anderes Thema, das der Sarah Oberson Stiftung seit mehreren Jahren am Herzen liegt, ist die Schaffung nationaler Statistiken zum Verschwinden von Kindern. In einem jüngeren Bericht über die Situation in der Schweiz hat der Ausschuss für die Rechte des Kindes der Vereinten Nationen darauf hingewiesen, dass es in der Schweiz keinerlei zentralisiertes System zur Sammlung von Daten gibt, insbesondere nicht was die Gruppe von Kindern am Rande der Gesellschaft oder in schwierigen Situationen anbelangt. Guillaume Grand hofft, dass die Schlussfolgerungen des Ausschusses Früchte tragen werden: «Hierbei handelt es sich um eine verkannte Realität. Durch die Schaffung eines zentralisierten Systems, wie vom Ausschuss vorgeschlagen, könnten wir die Verschwindensfälle besser in Zahlen fassen, sie wissenschaftlich beurteilen sowie Präventionsmassnahmen und geeignete Reaktionsstrategien planen.» Wie der Präsident der Sarah Oberson Stiftung, Jean Zermatten, sagt: «Wir dürfen nicht meinen, die Kinderrechte würden in der Schweiz gänzlich respektiert werden. Auch bei uns gibt es noch Einiges zu tun.»


[2] Zahlen aus dem «Projet de recherche sur la faisabilité d’une étude sur les disparitions de mineurs dans le canton de Vaud»: http://www.sarahoberson.org/images/upload/pdfs/apport__131022.pdf

photo : http://angolodellamicizia.forumfree.it/?t=65584523

Weglaufen, ein Hilfeschrei

2 Februar 2015

Nach der Sensibilisierungskampagne in den Walliser Schulen im Herbst über Entführung sensibilisiert die Sarah Oberson Stiftung nun auf ein anderes Thema: das Weglaufen von Kindern. Eine beunruhigende Realität, da schon allein der Kanton Wallis fast 300 Fälle pro Jahr verzeichnet. Das Risikoverhalten von Jugendlichen ist ausserdem Thema eines Symposiums am 3. Februar in Genf.

Die Feste zum Jahresende sind vorbei, die Dekoration weggeräumt, die Kerzen erloschen und der Weihnachtszauber … vorbei. Für alle gilt Rückkehr zum Alltag, wieder arbeiten für einige, zurück in die Schule oder in ein Heim für andere.

Es ist eine besonders heikle Zeit für Jugendliche in schwierigen Situationen, seien sie schulisch oder familiär bedingt. Eine schlechte Note, Streit mit den Eltern, Desinteresse oder sogar Misshandlung, Trennung von der Freundin … in diesen Situationen ist Weglaufen für einige eine Lösung, um aus ihrer Umgebung zu entfliehen. Sei es für einige Stunden, Tage oder manchmal Wochen. Gemäss Professor Olivier Halfon, Chef des Service universitaire de psychiatrie de l’enfant et de l’adolescent (SUPEA) (universitäre psychiatrische Dienste für Kinder und Jugendliche), CHUV in Lausanne, ist es unmöglich, Weglaufen mit Sicherheit vorherzusehen. Es müsse aber auf alle Verhaltensänderungen geachtet werden, zum Beispiel wenn sich das Kind abschottet und/oder sich die schulische Leistung verschlechtert.1

Die Statistiken über Weglaufen sind lückenhaft. Allerdings wurden allein im Kanton Waadt, gemäss einer Studie der Universität Lausanne aus dem Jahr 2013, drei Fälle pro Tag registriert! Fest steht ausserdem, dass das Phänomen in den Nachbarländern stark zunimmt – in der Schweiz zweifellos auch. Internationale Studien schätzen die Anzahl Minderjähriger, die von Zuhause weglaufen, auf zwischen 1,1 % und 8,7 %. Das würde, auf die Schweizer Bevölkerung im Jahr 2011 übertragen, zwischen 7’000 und 53’000 Fälle bedeuten.

Das Verschwinden unverzüglich der Polizei melden

Das Konzept, gemäss dem Weglaufen ein „Übergangsritus“ zum Erwachsenenalter darstellt, ist überholt. Der Minderjährige, der sein Zuhause freiwillig verlässt, schreit nach Hilfe. Weglaufen ist seine Art, der Familie oder der Gesellschaft zu sagen: „Ich brauche Hilfe. Ich halte meine Situation nicht mehr aus, deswegen handle ich und laufe weg.“

Die Jugend ist eine entscheidende Phase für die Gehirnentwicklung, in der sich einige charakteristische Verhaltensweisen zeigen: verstärkte soziale Interaktion, erhöhte Risikobereitschaft, zunehmende Suche nach Herausforderungen und Neuem, mehr Neugier und Entdeckergeist. Die Veränderungen im Gehirn während dieser Zeit führen dazu, dass Jugendliche handeln, bevor sie die Konsequenzen ihrer Handlungen vollständig eingeschätzt haben.1

„Weglaufen ist eine der gewagten Verhaltensweisen, die zu dieser Entwicklungsphase gehören“, erklärt Clara Balestra, wissenschaftliche und administrative Mitarbeiterin der Sarah Oberson Stiftung. „Als solche darf sie nicht auf die leichte Schulter genommen werden, sei es während das Kind verschwunden ist oder wenn es zurück ist.“ Je mehr Zeit das Kind auf der Strasse verbringt, desto mehr ist seine Integrität gefährdet. Es ist also wichtig, das Kind so schnell wie möglich wiederzufinden. Bei der Abwesenheit eines Kindes muss sofort – nachdem die Angehörigen und/oder die Schule kontaktiert wurden – die Polizei verständigt werden.

Das Risikoverhalten von Jugendlichen wird am 3. Februar 2015 im Universitätsspital in Genf thematisiert. Es findet ein Anlass mit dem Titel „Le réseau santé-social à l’épreuve de la crise suicidaire chez l’adolescent – Par maux et par mots, que nous enseigne la parole des jeunes? “ (Das soziale und medizinische Netz bei suizidalen Krisen von Jugendlichen auf die Probe gestellt – was lernen wir von den Aussagen Jugendlicher?) statt. Die Aussagen von Jugendlichen stehen im Zentrum dieses Anlasses, der unter anderem von der Fondation Children Action organisiert wird. Es werden sowohl Vorträge gehalten wie auch Erlebnisberichte Platz haben.

Nach der Rückkehr des Kindes einen konstruktiven Dialog aufnehmen

Das Weglaufen muss nicht nur während der Abwesenheit des Kindes ernst genommen werden, sondern auch bei der Rückkehr. Es ist also wichtig, Raum für Dialog zu schaffen. Die junge Person muss ihre Empfindungen und die Gründe für ihr Verhalten erklären können und die erwachsene Person ihren Standpunkt darlegen – ohne dass dies gewertet wird. „Wir sind überzeugt, dass eine Reflexion darüber, was es bedeutet, wenn Jugendliche weglaufen, helfen kann, die Betreuung der Ausreisser zu verbessern“, betont Clara Balestra, „auch wenn ein vertieftes Wissen über das Phänomen in der Schweiz noch fehlt.“

Die Stiftung hat sich übrigens im Jahr 2012 im Rahmen ihrer jährlichen Konferenz mit dem Thema befasst. Die Konferenzen beschäftigen sich immer mit einem Thema im Zusammenhang mit der Kindheit. Im Jahr 2012 haben sich mehrere Spezialisten dazu geäussert und die Präsentationen und die anschliessende Diskussionsrunde wurden zusammengefasst. Die Zusammenfassung ist auf der Website der Stiftung verfügbar (FR).

Wenn im Wallis ein Kind wiedergefunden wird und die Polizei der Ansicht ist, eine soziale Betreuung sei nötig, vermittelt sie den Fall an das Amt für Kindesschutz (AKS). Dieses bestimmt Massnahmen wie Unterstützung der Familie, Platzierung oder Spitalaufenthalt. Wenn keine Notfallmassnahme notwendig ist, nimmt das AKS separat Kontakt mit der Familie und dem Kind auf, um ihnen Unterstützung anzubieten.

1 Sarah Oberson Konferenz 2012 – „Weglaufen: Ritus des Übergangs oder Ruf um Hilfe?“, Jean Zermatten et al., November 2012

                                                                                                                                                       

Beunruhigende Zahlen

Weglaufen ist ein Phänomen, dessen wahres Ausmass unbekannt ist, da es keine nationalen Statistiken darüber gibt und nicht alle Fälle gemeldet werden.

Eine Studie der Universität Lausanne aus dem Jahr 2013 über die Jahre 2010 bis 2012 im Kanton Waadt hat Folgendes aufgezeigt:

> Die Kantonspolizei Waadt hat 3’296 Fälle registriert, das sind fast 1’100 Fällen pro Jahr und entspricht ungefähr 3 pro Tag.

> Die Personen, die weglaufen, sind mehrheitlich zwischen 13 und 18 Jahre alt (89,9 %).

> Mehr als die Hälfte der Personen (52,9 %) sind ein einziges Mal weggelaufen.

Im Wallis wurden den Behörden in derselben Zeit 848 Fälle von weggelaufenen Minderjährigen gemeldet, das entspricht ungefähr 282 pro Jahr.

In Frankreich werden jährlich 30’000 Fälle von weggelaufenen Jugendlichen gemeldet; die tatsächliche Zahl wird auf 100’000 geschätzt.

In der Schweiz ist Selbstmord nach Verkehrsunfällen die zweithäufigste Todesursache bei Jugendlichen zwischen 15 und 19 Jahren.

                                                                                                                                                      

>> Mehr Informationen über das Weglaufen von Kindern (Zusammenfassung der Sarah Oberson Konferenz 2012: „Weglaufen: Ritus des Übergangs oder Ruf um Hilfe?“) http://www.sarahoberson.org/soiree-sarah-oberson-2012,de,78,pa.html

>> Besuchen Sie die Website der Sarah Oberson Stiftung für mehr Informationen zu Themen rund um die Kindheit und Jugend www.sarahoberson.org

>> Informationen zum Symposium „Le réseau santé-social à l’épreuve de la crise suicidiaire chez l’adolescent“ (FR) http://www.hug-ge.ch/evenement/reseau-sante-social-epreuve-crise-suicidaire-chez?popup=1

 

Der Amtsleiter für Kindesschutz Wallis äussert sich am Thema : “Kinder und Trennung: von den Gründen zu vorgeschlagenen Massnahmen!”

13 Januar 2015

Trennung und Verschwinden von Kindern : Nach dem Vorbild anderer Länder, die diesem Problem gegenüberstehen, werden von den entsprechenden Stellen neue Massnahmen entwickelt oder untersucht, um über ein vielseitigeres Hilfeangebot zu verfügen. Das Ziel ist, den Eltern bei einer Trennung präventive Unterstützung zu bieten, um eine für die Kinder angemessene Neuorganisation des Lebens und eine funktionelle gemeinsame Elternschaft zu erleichtern. Eltern, die sich trennen, müsste ein ständiges Dienstleistungsangebot zur Verfügung stehen gebündelt und einfach zugänglich. Dazu wird von der Kantonalen Dienststelle für die Jugend ein Projekt erarbeitet, um allen Eltern Sensibilisierungskurse anzubieten. Es soll im Jahr 2015 umgesetzt werden.

Von Herr Marc Rossier, Amtsleiter für Kindesschutz Wallis. Gastreferent am runden Tisch von Sarah Oberson Konferenz 2014 : “Kinder und Trennung: von den Gründen zu vorgeschlagenen Massnahmen!

Bei den meisten Trennungen laufen der Übergang und die neue Lebensorganisation für die Kinder ohne grössere Schwierigkeiten ab. Dennoch muss festgestellt werden, dass im Bereich Kindesschutz die Folgen bestimmter elterlicher Konflikte die Entwicklung der betroffenen Kinder stark gefährden und bei einigen dramatische Folgen haben kann (Entführung, Selbstmord, Tötung).

Seit einigen Jahren beobachten wir in der Schweiz, dass die Behörden dazu tendieren, weitgehend auf Kinderschutzstellen und Fachpersonen zurückzugreifen, um elterliche Konflikte rund um Kinder zu verhindern. Daher sind heute zahlreiche öffentliche und private Einrichtungen überlastet.

Eine Studie über Kinderschutz in der Schweiz  hat aufgezeigt, dass ausgehend von einer Stichprobe von 146 Fällen, die von Kinderschutzstellen in verschiedenen Kantonen betreut wurden, 71 % auf Konflikte zwischen Erwachsenen rund um das Kind zurückzuführen sind, die häufig den zahlreichen Trennungsverfahren zuzuschreiben sind. Es handelt sich um Situationen, in denen die Eltern es nicht mehr schaffen, gegenüber ihren Kindern eine beschützende und strukturierende Rolle einzunehmen, da sie von ihren negativen Gefühlen und den sozioökonomischen Problemen nach der Trennung beansprucht werden.

Wie es Thayer und Zimmerman  erklären, kann ein elterlicher Konflikt die Eltern manchmal so sehr vereinnahmen, dass sie weiter streiten, während die Kinder alleine mit ihrer eigenen Entwicklung ringen. Das ist, wie wenn ein Kind mitten in einem See ertrinkt, während die Eltern am Ufer stehen. Anstatt ins Wasser zu springen, streiten sie sich darüber, wer schuldig ist für das, was passiert, wer dem Kind den Rettungsring zuwerfen sollte oder nicht oder wer geeigneter dafür ist, es zu retten? Das Schlimme ist, dass ihr Kind ertrinkt, während sie sich streiten!

In extremen Fällen werden die Kinder zu Instrumenten von regelrechten Rechtsstreiten. In diesem Zusammenhang müssen die Behörden am Ende der endlosen Verfahren klare Entscheidungen treffen. Dazu sollten sie sich auf die Empfehlungen von Sachverständigen und Kinderschutzstellen stützen. Es gibt zweifellos Fälle, in denen es die einzige Möglichkeit ist, das Kind möglichst gut zu schützen, insbesondere bei erwiesener Misshandlung: Die Eltern delegieren es mehr und mehr an die Gerichte, an ihrer Stelle ihre künftige Verantwortung als Eltern festzulegen und zwar als Gewinner/Verlierer. Dies zieht viel Leid und das Gefühl, ungerecht behandelt worden zu sein, nach sich. In Wirklichkeit gewinnt dabei niemand, denn die Folgen der Auseinandersetzung können für alle verheerend sein, insbesondere für die Kinder, wenn man sich die Mühe gibt, ihre Position anzuhören.

Andererseits werden die Kindesschutzmassnahmen gemäss Zivilgesetzbuch für solche Schwierigkeiten, wie die Beistandschaft zur Organisation des persönlichen Verkehrs , von den Betroffenen häufig als Massnahme gegen einen Elternteil empfunden(Schweizerisches Zivilgesetzbuch, Art. 308 Abs. 2). Sie verstärken das Gefühl, Verlierer und Gewinner zu schaffen. Wie alle richterlich geregelten Trennungsverfahren werden auf der einen Seite Gefühle von Ohnmacht und Entwürdigung, auf der andern etwa solche von Macht und Genugtuung ausgelöst (BSV, Familienfragen, 1/2005). Die Akteurinnen und Akteure im Kindesschutz, die für die Umsetzung dieser Massnahmen zuständig sind, werden beim elterlichen Konflikt häufig auf eine Zuschauerrolle reduziert. Die Konflikte zeigen sich in kleinkrämerischem Zählen der Besuchstage, dauerhaften Meinungsunterschieden über die Erziehung des Kindes bis hin zum Verdacht der erzieherischen Inkompetenz. Die Praxis zeigt auch, dass die Eltern in diesen Fällen fast „übernatürliche“ Erwartungen an die Beiständinnen und Beistände haben und gleichzeitig dazu neigen, ihre eigene Verantwortung auf sie abzuwälzen.

In der Schweiz wird jede zweite Ehe geschieden. Davon sind jährlich ungefähr 13’000 Kinder betroffen. Wichtige Anpassungen des Familienrechts in der Schweiz wurden vorgenommen. So können die gesellschaftlichen Veränderungen heute besser berücksichtigt werden, wie zum Beispiel, indem die Eltern aufgefordert werden, eine Familienmediation zu machen, um die Organisation der Trennung zu regeln, oder durch das Prinzip der gemeinsamen elterlichen Sorge. Die gemeinsame elterliche Sorge ist am 1. Juli 2014 in Kraft getreten und stärkt ganz bewusst zwei Prinzipien, die in erster Linie dem Interesse des Kindes dienen sollen: geteilte Verantwortung für alle Entscheidungen, die das Kind betreffen, unabhängig vom Status der Eltern sowie das Kindeswohl als ausschlaggebender Entscheidungsgrundsatz. Die gemeinsame elterliche Sorge setzt jedoch voraus, dass die Eltern weiterhin konstruktiv zusammenarbeiten, was nicht immer möglich ist.

Wie können Eltern in Konfliktsituationen also am besten unterstützt werden, so dass ihr Kind weiterhin eine lebendige, emotionale Beziehung zu ihnen führen und auf die für seine Entwicklung notwendige erzieherische Unterstützung zählen kann, aber es auch frei ist, die Eltern unabhängig von ihrer Beziehung zueinander zu lieben?

Nach dem Vorbild anderer Länder, die diesem Problem gegenüberstehen, werden von den entsprechenden Stellen neue Massnahmen entwickelt oder untersucht, um über ein vielseitigeres Hilfeangebot zu verfügen. Das Ziel ist, den Eltern bei einer Trennung präventive Unterstützung zu bieten, um eine für die Kinder angemessene Neuorganisation des Lebens und eine funktionelle gemeinsame Elternschaft zu erleichtern. Im Rahmen des Bereitschaftsdiensts des Amts für Kindesschutz erhalten wir täglich Anfragen von getrennten Eltern, die eine Beratung zur Organisation der Betreuung (geteilte Obhut, Besuche, schulische oder medizinische Entscheidungen), zu psychischen Folgen für ihr Kind wünschen oder wissen möchten, wo ein neutraler Raum gefunden werden kann, um ihre Konflikte zu lösen (Mediation). Wir versuchen soweit möglich, direkt eine Antwort zu geben oder sie an andere Fachpersonen weiterzuleiten. Meiner Meinung nach fehlt jedoch eine Einrichtung für familiäre Konflikte, die einfach zu finden ist und welche die Prävention koordiniert. Eltern, die sich trennen, müsste ein ständiges Dienstleistungsangebot zur Verfügung stehen (zum Beispiel Informations- und Sensibilisierungsbroschüren, Kurse für gemeinsame Elternschaft, juristische und psychosoziale Beratung, Mediation) – gebündelt und einfach zugänglich (Prinzip der einzigen Anlaufstelle). Dazu wird von der Kantonalen Dienststelle für die Jugend ein Projekt erarbeitet, um allen Eltern Sensibilisierungskurse anzubieten. Es soll im Jahr 2015 umgesetzt werden. Das Amt für Kindesschutz prüft bereits seit zwei Jahren einen Kurs für gemeinsame Elternschaft. Das entspricht zwar einem Bedürfnis der Eltern, kommt aber im Trennungsprozess häufig zu spät. Ausserdem müsste der Kurs allen, auch ausserhalb eines juristischen Zusammenhangs, zugänglich sein.

Es wird noch ein Beistand oder eine Beiständin als Vertretung  für das Kind bei Trennungsverfahren ernennt, wenn zwischen den Eltern heftiger Streit herrscht und wenn Kinder als Geiseln genommen werden. Wir haben bei mehreren kürzlich stattgefundenen Prozessen festgestellt, dass die Anwesenheit eines Anwalts für das Kind in einem eherechtlichen Verfahren das Interesse des Kindes wieder in den Mittelpunkt der juristischen «Schaubühne» rückt. So können funktionelle Lösungen gefunden werden und das Rechtsverfahren dauert kürzer.

In den schwierigsten Fällen versuchen wir im Rahmen der uns anvertrauten Beistandschaften, einen genauen und detaillierten Elternschaftsplans einzuführen. Damit wird die Betreuung der Kinder organisiert, wenn die Eltern nicht mehr zusammenarbeiten können. Diese Elternschaftspläne, die in anderen Ländern häufig eingesetzt werden, könnten von den Behörden systematischer angeordnet werden. Allerdings sollten sie von abschreckenden und zwingenden Rechtsinstrumenten begleitet werden, damit sichergestellt wird, dass sie von den Eltern eingehalten werden.

Schliesslich muss die Ausbildung und die Sensibilisierung der Fachpersonen, die elterliche Konfliktsituationen betreuen, fortgesetzt werden. Eine solche Präventionspolitik braucht zusätzliche Ressourcen, um sowohl die auf öffentlicher Ebene (Zugang zu Mediation oder zu Kursen für gemeinsame Elternschaft für alle) wie auch privat (zum Beispiel Stiftung As’trame) angebotenen Projekte und Angebote zu unterstützen. Ich bin nach wie vor überzeugt: Wenn die Entwicklung solcher Projekte gefördert und unterstützt wird, kann die Gefahr, dass elterliche Konflikte eskalieren, bedeutend verringert werden. Dies hätte eine präventive Wirkung auf die künftige Gesundheit und Entwicklung der Kinder.

Ihr Kind ist nicht nach Hause gekommen?

4 November 2014

Die Sarah Oberson Stiftung setzt sich seit vielen Jahren für den Schutz der Kindheit ein und lanciert heute eine breite Informationskampagne in Unterwalliser Schulen. Die Kampagne wird in 2015 auf das Oberwallis ausgeweitet.

Ziel: die Entführung von Kindern vorbeugen, wenn nötig eine rasche Auslösung des Entführungsalarms ermöglichen, aber auch und vor allem die Eltern beruhigen.

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Vom Amber Alert zu einem Europäischen Entführungsalarmsystem ?

6 November 2012

Das System Amber Alert als Antwort auf das Verschwinden von Kindern in den Vereinigten Staaten von Amerika, hat in den USA auf ganz direkte Art und Weise mitgeholfen, 572 Kinder gesund und wohlbehalten wiederzufinden seit 1998. Diese Entwicklung könnte den Europäischen Staaten helfen, einen modus operandi für die Begründung eines Europäischen Entführungsalarmsystems zu finden, ohne dass sie die Errungenschaften der nationalen Alarmsysteme durch eine Überbeschäftigung von diesen gefährdet würden.

http://www.risp.state.ri.us/amberalert/

Das System Amber Alert (Amber Alarm), der Vorläufer des Schweizer Entführungsalarmsystems, als Antwort auf das Verschwinden von Kindern in den Vereinigten Staaten von Amerika, wurde nach der Entführung und dem Mord an Amber Hagerman im Jahr 1996, einem 9 Jahre alten Kind, eingeführt. Seitdem wurde das Programm auf über 50 Staaten ausgeweitet und ist lokal in über 80 Regionen und Stammgebiete der USA verbreitet. Bis im März 2012 hat dieses Alarmsystem in den USA auf ganz direkte Art und Weise mitgeholfen, 572 Kinder gesund und wohlbehalten wiederzufinden. Seit seinen Anfängen wurden, gestützt auf die enorm grosse Erfahrung, viele Verbesserungen getätigt. Ein Handbuch zu den guten Umsetzungsmöglichkeiten wurde kürzlich veröffentlicht.

Gemäss diesem Ratgeber ist es unerlässlich, das Phänomen vermisster Kinder zu kennen, bevor überhaupt erst damit begonnen wird, Antworten zu geben: wer die Kinder sind, welche vermisst werden, was mit ihnen passiert, wer die Akteure der Entführung sind, welche Handlungen empfohlen werden, um sie wiederzufinden usw.

Nach Einschätzungen gibt es in den USA jedes Jahr 1.3 Millionen Kinder die vermisst werden. Die Mehrheit dieser Kinder wird wiedergefunden, aber diese grosse Anzahl beweist die Bedeutung dieses Problems und gibt eine Vorstellung der Arbeit, welcher die Institutionen und insbesondere die Ordnungskräfte gegenüber stehen.

Als Beispiel: im Wallis wurde die Polizei im Jahr 2011 in 344 Fällen von Vermisstmeldungen von Minderjährigen aktiv, welche glücklicherweise alle wiedergefunden wurden. Die menschlichen, finanziellen und emotionalen Mittel sind erheblich. Jedoch existiert keine nationale Statistik bezüglich des Verschwindens von Kindern und keine Studie wurde ausgeführt, um diese Problematik zu analysieren und zu verstehen.

Zusätzlich zur Kenntnis der Problematik sollte der Amber Alert sich in eine globale Strategie des Kinderschutzes einschreiben (1), welche auf ein starkes und wirksames Netz gründet. Die Schaffung und das Weiterbestehen eines wirksamen Netzwerkes ist für den Erfolg des Alarms wesentlich, sei es durch Einbezug der Massenmedien, die die Alarmnachricht verteilen, als auch der Instanzen des Kinderschutzes, der Opferhilfe-Beratungsstellen usw. Eine für das Verschwinden von Kindern geeignete Antwort ist eine informierte Antwort. Die Sorgfalt gegenüber diesem Netzwerk soll dementsprechend umfassend sein.

Angesichts eines eventuellen europäischen Entführungsalarmsystems kann die amerikanische Erfahrung helfen. Die USA haben die Alarme bereits in mehreren Staaten erprobt. Im Juli 2011 haben sich 4 Staaten für die Suche nach Raymon Slocum, einem 4 Monaten alten Baby, welches von seinem Vater als Geisel genommen wurde, zusammengeschlossen und es gesund und wohlbehalten wiedergefunden. Die Vereinheitlichung der Kriterien, der Kompetenzen unter klar bestimmten Partnern, das Weiterbestehen eines guten Netzes innerhalb und außerhalb des Staates erleichtern im Notfall die Arbeit vor Ort. Die beständige Bildung der Fachleute betreffend der neusten Erkenntnisse bezüglich dieses komplexen Phänomens, der bestehenden Techniken, aber auch der Methoden, die erlauben, dem Druck der Familie, der Öffentlichkeit, der Massenmedien entgegenzutreten. Auch befürwortet das Handbuch das unverzügliche Einfügen der Daten eines vermissten Kindes auf die betreffende nationale Datenbank (National Crime Information Center, NCIC), um die die Suche auf ein noch grösseres Gebiet auszuweiten. Schlussendlich soll die Öffentlichkeit wissen, was von ihr erwartet wird und wie unter Umständen solche Dramen verhindert werden können.

Ambert Alert bringt so gute Ergebnisse, dass auf der anderen Seite des Ozeans drei andere Alarmtypen immer mehr Gewicht zu erhalten scheinen:

- The Blue Alert: für Polizist getötet oder in Gefahr .

- The Silver Alert: für vermisste Senioren.

- The Gold Alert: für gefährdete vermisste Erwachsene, eine Neuheit im Staat New York 2011.

Der potenziellen Gefahr bewusst, wurde ein Handbuch herausgegeben, um die getätigten Errungenschaften von Amber Alert nicht zu gefährden.

Diese Entwicklung könnte den Europäischen Staaten helfen, einen modus operandi für die Begründung eines Europäischen Entführungsalarmsystems zu finden, ohne dass sie die Errungenschaften der nationalen Alarmsysteme durch eine Überbeschäftigung von diesen gefährdet würden.

Clara Balestra, 6.11.12

(1) Im Jahr 2003 unterschrieb die höchste politische Instanz Amerikas, der Präsident, den PROTECT Act, der allen Staaten den Auftrag erteilt, globale nationale Strategien auszuarbeiten, um unter anderem gegen dieses Phänomen anzukämpfen und die für die Anwendung notwendigen Mittel zu gewähren, und bezeichnete einer der hohen gerichtlichen Instanzen eines jeden Staates als Koordinator dieses Alarmes. Diese Handlung beweist, daß es auf höchster politischer Ebene einen starken Willen gibt, sich dieser Problematik zu stellen.

USA : AMBER Alerts for missing children now in Google Search and Maps, 31.10.12

(Français) Mobilisons-nous contre la disparition d’enfants

8 November 2011

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