Zwischen Hoffnung und Trauer

1 Februar 2010

“Ein Sufi-Märchen erzählt von einem jungen Novizen, der eines Tages fragt: “Meister, erzähle uns eine schöne Geschichte”. Wie es bei Weisen üblich ist, überlegt der Meister einen Moment und sagt dann mit sehr sanfter Stimme: “Der Urgrossvater stirbt, der Grossvater stirbt, der Vater stirbt”.”„Aber Meister, protestiert der Novize vehement, warum sprichst du vom Tod, wenn man dich um eine schöne Geschichte bittet? Der Tod ist traurig!” “Ah, sagt der Meister leise, siehst du nicht, dass es sich um den natürlichen Verlauf der Dinge handelt?” “Natürlich, Meister, antwortet der Junge, aber was ist daran so schön?” Der Meister lächelt ruhig und antwortet: “Es ist genau der natürliche Verlauf der Dinge, der schön ist, denn nichts ist trauriger als der Tod eines Kindes”.

Und sein Verschwinden? Ist es nicht noch schrecklicher als der Tod? Denn für die Familien der Verschwundenen “ist die Trauer unmöglich, sie können weder verstehen noch vergeben und sie verbleiben von halben Gewissheiten gequält, oft für den Rest ihres Lebens. Auch sie sind Opfer.”

Dennoch, vermitteln uns die Familien, welche dieses Drama erlebt haben auch diesen Hoffnungsschimmer, der niemals stirbt und der sie daran hindert, aufzugeben. Gemäss der Mutter eines verschwundenen Mädchens: “zwischen Trauer und Hoffnung bevorzuge ich die Hoffnung…”.

So hat die Familie der am 9. Januar 2003 verschwundenen Estelle Mouzin, letzte Woche mit der Veröffentlichung eines veralteten Fotos von Estelle, einer gebührenfreien Rufnummer und einer Internetadresse einen Zeugenaufruf lanciert. “Alles ist gut, wenn es etwas bringt” hat ihr Vater erklärt. Auch ein stiller Marsch wurde am 9. Januar 2010 organisiert.

So haben die Familie der am 3. Mai 2007 verschwundenen Madeleine McCann und die sie unterstützenden Organisationen, im November 2009 einen Kurzfilm mit neuen veralteten Bildern des Mädchens herausgebracht, der einen Zeugenaufruf lanciert, indem es die Bevölkerung bittet, diese Mitteilung im Netz zu verbreiten.

So hat die Familie von Sarah Oberson einen Zeugenaufruf lanciert, als das Verbrechen die Verjährung erreicht hat. “Trotz der bereits eingetretenen Verjährung und unter Garantie umfassender Diskretion, appelliert die Stiftung in der einzigen Besorgnis, einer Familie den Frieden wiederzugeben, an Ihr Erinnerungsvermögen. Was ereignete sich an jenem Nachmittag, gegen 17.30 Uhr, auf jenem leeren Schulhof?”

Diese Familien lassen uns sagen, dass es stimmt, dass die Trauer schwierig ist, ja sogar unmöglich, der Friede auch, wahrscheinlich, “aber wie kann man das Ende des Albtraums erhoffen, wenn man weiss, dass es womöglich das Ende der Hoffnung sein wird?” (Joëlle Fabre).

Ein Drama um die Dinge voranzutreiben

29 April 2009

Kein Unglück so gross, es hat ein Glück im Schoss! Infolge des Mordes der jungen Lucie durch einen jungen Aargauer, muss uns diese alte Volksweisheit leider als Trost in einem bestimmten Mediationskontext dienen. Sie dient uns al Trost, aber darf uns keinesfalls das von Lucie erlebte Drama vergessen lassen, sowie die Tragödie, die ihr Verschwinden für ihre Eltern, ihre Angehörigen und die Gesamtheit der Familie ihrer Freunde bedeutet.

Der Trost ist allerdings etwas bitter: ich spreche hier von der Tatsache, dass sie es ermöglicht hat, die Akte des Entführungsalarms, die sich auf dem Tisch (wenn möglich nicht in den Schubladen) von Frau Bundesrätin, verantwortlich für Justiz und Polizei, voranzutreiben. Wir verweisen auf einige Tatsachen:

Bereits 2007 von etwa hundert Schweizer Persönlichkeiten, wurde eine Erklärung unterzeichnet, welche um Einführung des Systems des Entführungsalarms bittet und bei unserem grossen französischen Nachbarn bereits gültig ist, jedoch von einer beispielhaften von den USA und Kanada geführten Aktion herrührt. Seit fast 10 Jahren, mit einem unwiderrufenen Erfolg. Wiederholen wir, dass dieser Aufruf schon auf ein Drama folgte, das im Sommer 2007 geschah: das der kleinen Ylenia, einem kleinen Mädchen, welches man 47 Tage nach seinem Verschwinden tot auffand.

2008 im Oktober und November, hat sich die Fondation Sarah Oberson für diese Idee eingesetzt und hat erneut auf die Bundesbehörden Druck gemacht. Man hat uns dann erklärt, dass die kantonalen Kompetenzen (Polizeiangelegenheiten in kantonaler Hand) juristische, praktische und finanzielle Probleme darstellen würden und dass man warten müsse…

Am 18. Dezember 2008, hat Ständerat Didier Burkhalter eine neue Motion für die Einführung des Systems des Entführungsalarms in der Schweiz eingereicht. Diese Motion wurde mit 24 Unterschriften versehen. Sie bittet den Bundesrat, so bald wie möglich eine Partnerbestimmung zwischen allen vom System des Entführungsalarms betroffenen Partnern und insbesondere den Kantonen einzuführen.

Die offizielle Antwort darauf war, dass die Konferenz der Departementchefs und der kantonalen Polizeichefs diese Angelegenheit untersuchen würden und dass in Anbetracht der juristischen, praktischen und finanziellen Probleme frühestens ab 2010 mit einer Antwort zu rechnen sei. Ganz klar eine grosse Enttäuschung in den Reihen der Betroffenen.

Es bedurfte eines neuen Dramas, das von Lucie, um festzustellen, dass diese Probleme im Grunde nicht so unüberwindbar waren und dass der Föderalismus einige sofortige Anpassungen hätte aushalten können… Erstaunlich, wie doch der Mediationseffekt die Politiker beeinflussen kann!

Schliesslich begrüsse ich also die verschiedenen von der lateinischen Konferenz der Justiz- und Polizeidepartementchefs vertretenen Standpunkte zugunsten der Einführung eines solchen Systems in der Schweiz. Um ganz einleuchtend zu sein: die Walliser Behörden haben diese Initiative von Anfang an unterstützt.

Die ermutigenden Aussagen von Frau Bundesrätin Widmer-Schlumpf fallen unter denselben Gesichtspunkt. Sie lassen auf eine positive Entwicklung dieser Akte noch im 2009 hoffen.

Hoffen wir, dass es nicht nur Worte sind! Sarah, Ylenia, Lucie: drei symbolträchtige Namen; aber wie viele noch, neben ihnen? Man kann nicht mehr warten. Danke an unsere Behörden, dass sie es nicht zulassen, dass andere Vornamen sich dieser makabren Liste anschliessen!

Jean Zermatten, Vizepräsident, Leiter des Internationalen Instituts der Rechte des Kindes (IDE)


(Français) MERCI A LUCIE ET A SES PARENTS…

23 März 2009

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