Kinder, Trennung und Dramen: Ist die Gesellschaft mitverantwortlich?

23 September 2014

Wie kann vermieden werden, dass die Trennung der Eltern im Drama für die Kinder endet?

In der Schweiz werden ungefähr 43 % der Ehen geschieden: Es wird vermutet, dass dabei 12’700 Kinder betroffen sind, ohne die Trennungen ausserhalb einer Ehe zu zählen. Die meisten Situationen werden „zivilisiert“ geregelt. Streitige Scheidungen sollen nur 10 % ausmachen. Trotzdem gehen zahlreiche Fälle mit einer Verarmung (FR) einher. Bei den streitigen Scheidungen gibt es ausserdem Extremfälle. Im Jahr 2013 wurden in der Schweiz 106 neue Fälle internationaler Kindesentführungen durch einen Elternteil behandelt. Andererseits berichten die Medien regelmässig über die Tötung von Kindern durch einen Elternteil, der anschliessend Selbstmord versucht. Manchmal bezahlen die Kinder einen hohen Preis für die Trennung ihrer Eltern.

Sollte die Gesellschaft mit ihren Normen eingreifen, um konfliktgeladene Trennungen zu verhindern?

Vor allem die sozioökonomischen und kulturellen Bedingungen in der Schweiz führen dazu, dass die Mutter die elterliche Verantwortung grösstenteils übernimmt, während der Vater der Familienernährer bleibt. Einerseits ist festzustellen, dass eine Aufteilung der Erwerbstätigkeit zwischen den beiden Partnern gemäss Les politiques familiales nicht immer interessant, anders gesagt also das Modell des Alleinverdieners nach wie vor vorteilhafter ist. Angebote, um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu verbessern, gehören in diese Gleichung. Andererseits werde die kulturell vorherrschende Vorstellung, dass man, je mehr Bedeutung etwas zugemessen wird, desto weniger bereit ist, die Familienbetreuung zu teilen, in diesem Schema gefestigt. Das heisst, dass der Mann sein Einkommen nicht reduziere (auch nicht seine Arbeitszeit, um sich um die Kinder zu kümmern), und die Frau es im Gegenteil um CHF 1’005.-/Monat reduziere (Schweizerischer Durchschnitt) und die Vollzeitarbeitsstelle aufgibt.

Wenn die Ungleichheiten bei der elterlichen und der wirtschaftlichen Verantwortung in der einheitlichen Familie (FR) allgemein versteckt seien (zugunsten eines gemeinsamen Ziels), sei dies bei einer Trennung nicht mehr möglich. Gemäss Modak (FR) ist der Übergang von einer vereinten Familie zu einer getrennten und funktionalen Familie, in der sich das Kind positiv entwickeln kann, zweifellos nur möglich, wenn die elterlichen, beruflichen und familiären Bedingungen für beide Elternteile in der ungetrennten Familie und auf dem Arbeitsmarkt ausgeglichen sind.

Abschliessend kann gesagt werden, dass, auch wenn allgemein durch die hohe Anzahl an Trennungen eine Banalisierung stattfindet, die Institution Familie und die geltenden sozioökonomischen und kulturellen Normen (Arbeitswelt, Angebote zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie, Rollenverteilung innerhalb der Familie) weiterhin ein langfristig ausgerichtetes, traditionelles Familienbild stützen. Mit dieser Zweiteilung können die Schwierigkeiten für Kinder in getrennten Familien, wie die Verarmung, nicht verhindert werden. Diese Schwierigkeiten schüren die Konflikte zwischen den ehemaligen Partnern, was manchmal zu gewaltsamen Auseinandersetzungen führt.

Eine Trennung bleibt Privatsache. Die Gesellschaft verfügt jedoch über einen Handlungsspielraum, der genutzt werden könnte, um die Folgen für die betroffenen Kinder abzuschwächen.

Clara Balestra, Stiftung Sarah Oberson, 22.09.14

Referenzierung:

Laura Libertino, Pr. Bertrand Oberson, Les politiques familiales, SP 2010.

Modak, « Etre parent après une séparation », in Burton-Jeangros, Lalive D’Epinay et Widmer, Interactions familiales et construction de l’intimité : Hommage à Jean Kellerhals, L’Harmattan, 2007, p. 313-324.

Palazzo-Crettol et Modak, « Etre parent après une séparation : analyse des processus de « départage » de l’enfant », in Swiss Journal of Sociology, 31 (2), 2005, 363-381

Robert-Nicoud, « Regional Disparities in Divorce Rates Within one Country : The Case of Switzerland », in Swiss Journal of Sociology, 40 (1), 2014, 29-55. Cit. « The regression analyses show the major importance of the socio-economic dimension, which exceeds the relative impact of the others. »