Bericht über die Aktivitäten 2015

12 April 2016

Die Sarah Oberson Stiftung, ohne Erwerbszweck, ist eine Organisation, die mit dem Ziel gegründet wurde, das Schicksal von Kindern durch Anregung des Dialoges zu den Kinderrechten zu verbessern. Seinen Ursprüngen treu geblieben, engagiert sich die SOS auch in der Kollaboration und Intervention mit Schweizer Führungspositionen, damit landesweit ein leistungsstarkes System zur schnellen und wirksamen Bearbeitung von Kindesverschwinden sowie eine effektive Unterstützung für die Familien eingeführt werden können.

Der vollständige Tätigkeitsbericht 2015

1.    Beitrag zur Verbesserung des Antwortsystems im Fall von vermissten Kindern

Seit seiner Operationalisierung im Januar, wurde der Entführungsalarm in der Schweiz nicht ausgelöst: aus diesem Grund engagiert sich die Stiftung dafür, dass der Alarm ausgelöst werden kann, ohne dass ihn zu strenge Kriterien daran hindern. Das Kriterium der Gefährdung der physischen und psychischen Unversehrtheit des Kindes muss Priorität haben, einschließlich der Entführung durch einen Elternteil und des eigenständigen Entfliehens (siehe Tätigkeitsbericht 2015 zur Aktualität in der Schweiz und in Europa sowie den Hauptaufgaben der Stiftung in diesem Bereich).

Wallis

Die Sarah Oberson Stiftung hatte bereits im September 2012 die Chefs der kantonalen Ämter zu einem Arbeitstreffen zum Austausch über Verbesserungen des Antwortsystems auf kantonalem Niveau eingeladen. Die Ergebnisse dieses Treffens wirken noch nach:

  • 2013 haben die durchgeführten Vorgehen ein neues Bewusstsein in den verschiedenen Serviceämtern hervorgerufen, welches von großem Nutzen für das ganze Personal war.
  • In 2014 hat die öffentliche Informationskampagne zum Verschwinden von Kindern begonnen und
  • wird nicht vor 2016 enden.

Aufklärungskampagne: Ihr Kind ist nicht nach Hause gekommen?

Im November 2014 hat die Sarah Oberson Stiftung eine umfangreiche Informationskampagne in den frankophonen Walliser Schulen gestartet. Der Flyer,, welcher in enger Zusammenarbeit mit dem Kanton Wallis entstanden ist, wurde 45.000 Mal versandt. Ziel: Verhinderung einer Kindesentführung, eine schnelle Auslösung des Entführungsalarms wenn nötig, und vor allen Dingen die Beruhigung der Eltern.

Die Verteilung der Flyer konnte einen anderen Teil der Kampagne einleiten: Die Sensibilisierung für weitere Probleme im Zusammenhang mit dem Verschwinden eines Kindes. Demnach hatte die Sarah Oberson Konferenz 2014 folgendes Thema zum Inhalt: Trennung der Eltern, Verschwinden von Kindern. Ende Januar 2015 wurde eine Pressemitteilung zum Thema „wenn Kinder weglaufen“ veröffentlicht. Diese Mitteilung hat das Interesse der Politik (siehe unten) und der Presse – siehe Pressespiegel – auf sich gezogen. Zum internationalen Tag der vermissten Kinder am 25.05.2015 wurde eine weitere Pressemitteilung veröffentlicht, die sich mit dem Entführungsalarm-System befasst. Des Weiteren wurde auf die Notwendigkeit nationaler Statistiken und wissenschaftlicher Forschungen zum Verschwinden von Kindern hingewiesen – siehe Pressespiegel.

Diese letzte zweisprachige Mitteilung hat die Kampagne im Unterwallis beendet und im Oberwallis eröffnet. Im September 2015 wurden 15.000 Flyler in Oberwalliser Schulen verschickt. Am 21. März 2016 wurde eine letzte Pressemitteilung zum Thema weggelaufener Kinder auf Deutsch veröffentlicht. Mit dieser wurde die Aufklärungskampagne beendet.

Weglaufen – parlamentarische Intervention

Nach Erscheinen der Pressemitteilung zum Weglaufen der Kinder, hat Frau Véronique Coppey, Abgeordnete im walliser Grossrat, Kontakt mit der Stiftung aufgenommen, um zu wissen, wie die Politik bei diesem Problem helfen könnte. Seither gibt es parlamentarisches Vorgehen mit dem Ziel wirksame Maßnahmen anzubieten, die der Situation im Wallis entsprechen.

2.    Anregung zum Dialog zu Verletzungen der Kinderrechte

Sarah Oberson Abend 2015

Der  Sarah Oberson Abend 2015 vom 11. November war ein voller Erfolg: mehr als 140 Personen haben  an der Debatte teilgenommen, die da hieß:  „Als Kind arm sein in der Schweiz“. Geht man von den letzten Zahlen aus, sind Kinder die Altersklasse, die am meisten von Armut betroffen ist. Im Rahmen dieses Abends hat die Sarah Oberson Stiftung über die tägliche Realität dieser Kinder nachgedacht und welche Konsequenzen sich aus diesen unsicheren Lebensverhältnissen für die Zukunft der Kinder ergeben sowie welchen Einfluss diese auf die Angemessenheit der gebrachten Antworten haben. Die gesamte Konferenz wurde aufgezeichnet und die qualitative Aufzeichnung AUDIO kann über die Internetseite der Stiftung aufgerufen werden.

Außerdem wurde im Frühling 2015 der Arbeitsbericht zu den Sarah Oberson Abenden 2011 und 2014 unter dem Titel: „Trennung der Eltern, Verschwinden von Kindern“ veröffentlicht. Nachdem das Thema 2011 unter juristischem Deckmantel behandelt wurde, hat die Sarah Oberson Stiftung das Sujet 2014 erneut aufgegriffen und seine psychosozialen Referenten miteinbezogen.

Internetseite der Stiftung

Über ihre Internetseite, möchte die Sarah Oberson Stiftung einen besonderen Bereich für Texte, Artikel, Dokumentationen und Aktionen zum Thema der Kinderrechte und zu verschwundenen Kindern geben, mit dem Ziel die Öffentlichkeit zu diesen Themen zu sensibilisieren. Es soll ein nationales Schaufenster zu den Fragen rund um die Kinderrechte und zum Kindesverschwinden sein. Immer aktualisiert, profitiert die Seite von mehr als 20.000 Besuchern im Jahr.

Blog

Mit einem Angebot von mehreren Editorials im Monat zu unterschiedlichen Themen der Stiftung, bereichert der Blog den Inhalt der Sarah Oberson Stiftung Internetseite.

Soziale Netzwerke

Die Stiftung verfügt nun über eine Seite auf Facebook; einem LinkedIn Konto mit einer Sarah Oberson Stiftung Seite und Zugang zu verschiedenen Gruppen; einem Twitter Account; und einem Google + Konto, welches am 16.06.2015 eröffnet wurde.

Über diese Kanäle kann sich die Öffentlichkeit über den Inhalt der Internetseite informieren ohne diese zwingend zu besuchen. Wir konstatieren zudem einen Anstieg der Besucherzahlen von 121% ausgehend von diesen sozialen Netzwerken.

FSO, April 2015

Die politische Marginalisierung von Kindern in Armut

15 März 2016

Kritik rund um die prekären Lebensverhältnisse in denen Kinder leben müssen wird laut und viele sehen eine Verbindung zwischen dieser unvorteilhaften Situation und den fehlenden politischen Rechten. Dies würde ein Desinteresse der Repräsentanten in den entscheidungsgebenden Instanzen bewirken.  Die Weltgesundheitsorganisation (WGO, 2002) sieht sich beispielsweise in der Pflicht, den Staat darum zu bitten, die Schwächsten der Gesellschaft zu schützen, auch wenn diesen eine direkte Repräsentativität fehlt.

Kittay und Linsdsey bringen das fehlende Wahlrecht für Minderjährige in den USA mit ihrem Armutsstand in Verbindung. Erstere fragt, ob die ärmsten Personen auch jene Personen sind, die in der politischen Arena unterrepräsentiert sind und unterstreicht damit den Fakt, dass Kinder als unfertige Personen gesehen werden und noch nicht als vollwertige Bürger. Lindsay erweitert diese Aussage und behauptet, dass die Lösung gegen kindliche Armut durch Hand erbracht werden muss, da von politischer Seite niemals der Wille zur Lösung gegeben war. Das Problem kommt, seiner Ansicht nach, von der Ausgrenzung des Wahlrechts für Kinder.

Des Weiteren legt Qvortrup (S. 15-18) anhand eines strukturellen Ansatzes eine schrittweise Marginalisierung von Kindern als Gemeinschaft vor, welche sie einem größeren Risiko der Verarmung aussetzt. Dieses Phänomen ist eine kollaterale Konsequenz von strukturellen Veränderungen der westlichen Gesellschaften in den letzten Jahrzehnten. Demographische und ideologische Gründe haben zu diesem Phänomen beigetragen. Einerseits ist es zu einer graduellen Alterung der Bevölkerung und zudem zu einer abfallenden Geburtenrate gekommen, welche zur Folge haben, dass die Anzahl der Erwachsenen mit Kindern gesunken ist. Dies bedeutet, dass Eltern in der Unterzahl zu anderen Erwachsenen stehen. Andererseits handelt es sich bei Kindern in unseren liberalen Gesellschaften um eine private Angelegenheit, die nur der Elternkompetenz unterliegt. Die Einmischung des Staates wird als schlecht empfunden.

Dennoch spielt der Staat eine wichtige Rolle in der Bekämpfung des Problems. Eine staatliche Intervention im Sinne der Kinder ist nötig, um ihre strukturelle Marginalisierung zu verhindern. Das Fernbleiben von Minderjährigen in der politischen Szene führt nur dazu, dass sich ihre prekäre Situation zuspitzt. Doch selbst in den skandinavischen Ländern, in denen der Wohlfahrtsstaat auf die Sache der Kinder Acht gibt, ist der Anteil der von Verarmung bedrohten Kinder höher als jener der älteren Personen (Sgritta, S. 346).

Clara Balestra, 14.03.16

Photo: © D Sharon Pruitt, Flickr/Creative Commons

Voir Clara Balestra (2007),  Les droits de l’enfant dans l’arène politique fédérale Suisse : L’exemple de la loi sur l’interdiction des châtiments corporels au sein de la famille, Thesis submitted in the framework of the Master of advanced Studies in Children’s Rights, Institut Universitaire Kurt Bösch (IUKB) et Université de Fribourg, Suisse.

Armes Kind sein in einem reichen Land

26 Januar 2016

Die Herausforderung, welche sich bei dem Thema der Armut von Kindern in reichen Ländern stellt, beinhaltet die Suche nach einem Mittel um diesen Teufelskreis zu durchbrechen bzw. noch weiter zu durchbrechen.

Einblick in den Beitrag in Sarah Oberson Konferenz 2015 von Jean-Michel Bonvin, Professor im sozio-ökonomischen Institut der Fakultät für Sozialwissenschaften an der Universität Genf.  AUDIO

Der Begriff Armut kann drei verschiedene Bedeutungen haben: materielle Armut; Mangel an Möglichkeiten; Demokratiearmut.

Die materielle Armut

In den Industrieländern wird nicht von absoluter Armut gesprochen, (1) sondern von relativer Armut. Es wird angenommen, dass jede(s) Person/ Kind/ Familie, welche(s) weniger als 50% des Durchschnittsjahreseinkommen einer Gesellschaft erhält, unter relativer Armut leidet. Diese Armut hat Auswirkungen auf mehrere Lebensbereiche: Zugang zu ärztlicher Versorgung, zu Unterkunft, zu Freizeitbeschäftigungen, zu Bildung und Betreuungsstrukturen.

Um die Wirkung der relativen Armut in Bezug zu den Sozialleistungen zu verstehen, darf sie nicht als einzelner Bestandteil, sondern im Zusammenhang mit dem institutionellen Rahmen und der Sozialpolitik in der sie sich befindet, gesehen werden. Sollte ein Staat beschließen den Zugang zu Gesundheitsdiensten zu erleichtern, würde die Wirkung der Armut auf diesen Bereich gemildert werden. Es besteht in der Tat ein wichtiger Zusammenhang zwischen der Rate der relativen Armut von Kindern und dem Umfang der Sozialpolitiken zur Umverteilung (3).

Ebenso gäbe es ein höheres Risiko der Vererbung von Armut, wenn die Sozialpolitik weniger umverteilen würde (4).

Nach Angaben von Unicef (2) leben in den 41 untersuchten Industrieländern 76,5 Millionen Kinder in Armut. In allen diesen Ländern, sind die alleinerziehenden oder kinderreichen Familien am stärksten von Armut betroffen.

In diesen Ländern zeigt sich eine Tendenz weg von der Minimierung der Sozialleistungen  aber hin zur Erhöhung der Voraussetzungen des Zugangs zu den Hilfeleistungen. So wird eine Voraussetzung für die Sozialhilfe die ständige Anwesenheit der Kinder in der Schule sein. Bei Fehlbleiben des Kindes wird somit eine der Voraussetzungen nicht erfüllt. Für Familien in Armut, kann diese Art der Maßnahme eine erhebliche Verringerung der Sozialhilfe zur Folge haben.

Mangel an Möglichkeiten

Es besteht eine enge Verbindung zwischen der sozialen Herkunft von Personen und den Möglichkeiten, die sich ihnen bieten. Die Schule, welche eine Chancengleichheit herstellen sollte, konnte hier nicht adäquat eingreifen. Dafür gibt es mehrere Gründe.

Nach Bourdieu erkläre sich dies aufgrund dessen, da die Schule erschaffen wurde, um der Mittel- oder Oberschicht den Zugang zu Wissen zu öffnen. Die anderen sozialen Klassen, welche nicht die gleiche Ausdrucks- und Handlungsweisen beherrschen, werden daher vernachlässigt.

Wohingegen die Theorien zum sozialen Engagement, welche von der Entwicklungspsychologie inspiriert sind, diesen Umstand durch die Tatsache erklären, dass die Schule zu spät eingreift. Bereits vor der Schule wird eine Anzahl von diskriminierenden Faktoren festgelegt, die von der Schule nicht mehr beseitigt werden können. Drei Elemente sind ausschlaggebend:

-    Einkommensungleichheit: weniger Einkommen bedeutet auch weniger Möglichkeiten

-    Investition der Eltern in die Bildung: die Statistiken zeigen klar, dass Eltern der Oberschicht mehr Zeit in die Bildung ihrer Kinder investieren können (5).

-    Kultureffekt: in den wohlhabenderen sozialen Gemeinschaften zeigt sich eine Kultur, welche sich mehr um die Förderung der Kindesentwicklung bemüht. Dieses positive Umfeld bietet einen Zuwachs an Möglichkeiten für die begünstigten Kinder.

Nach eben diesen Theorien, ermöglichen eine Arbeit (positive Wirkung auf die Einkommensungleichheit) und  qualitative Betreuungsstrukturen (positive Auswirkung auf das elterliche Engagement und den Kultureffekt) die drei oben genannten Diskriminierungsmerkmale zu neutralisieren und somit den Zugang zu Möglichkeiten für Kinder zu egalisieren.

Demokratischen Armut

Diese Armut bezieht sich auf die Beteiligungsrechte von in Armut lebenden Kindern. Drei Fragen ermöglichen es, hier weiter zu präzisieren:

-    Welchen Platz haben Versuche und Fehler von Kindern, die sich in prekären Lebensumständen befinden – z.B. wenn man in der Volksschule scheitert, wird man früher vor Entscheidungen zur Karriere gestellt, als Schüler, die die obere Sekundarstufe beenden.

-    Welches sind aktuell die Beteiligungsrechte von Kindern in Armut in den für die jungen Menschen vorgesehenen Mitspracheplattformen (Jugendparlament,…)? Diese Einrichtungen werden überwiegend von Kindern aus wohlhabenden Verhältnissen genutzt.

-    Demnach stellt sich die Frage, inwiefern eine öffentliche Politik geschaffen werden kann, welche die Themen der am stärksten benachteiligten Kinder berücksichtigt, wenn niemand da ist, um sie sich anzuhören und um sich über die Dinge informieren zu lassen, die sie uns zu sagen haben.

Konklusion

Wenn der institutionelle Kontext und die bestehende Politik nicht adäquat sind, besteht eine enorme Gefahr, dass die drei Armutstypen kumulieren: jene die materieller Armut leiden, werden weniger Möglichkeiten und weniger Mitsprachrecht haben. Dieses Problem macht es umso schwieriger sich aus der Armut heraus zu kämpfen und beinhaltet daher eine hohe Gefahr, dass die Armut an die nächste Generation weiter getragen wird.

Die Herausforderung, welche sich bei dem Thema der Armut von Kindern in reichen Ländern stellt, beinhaltet die Suche nach einem Mittel um diesen Teufelskreis zu durchbrechen bzw. noch weiter zu durchbrechen.

(1)    Familien, die sich in einem Zustand der Auflösung befinden, sodass sie nur schwer für die Bedürfnisse der Familie aufkommen können.

(2)    Kind in den Industrieländern, 2014

(3)    Eine eindeutige Differenz zeigt sich zwischen den skandinavischen Ländern – welche für eine starke Umverteilungspolitik bekannt sind (die Rate für in Armut lebende Kinder liegt zwischen 5 und 10 %) und den angelsächsischen Ländern (die Rate für in Armut lebende Kinder liegt hier zwischen 25 und 30%).

(4)    Die Armut, welche von Generation zu Generation weitergetragen wird.

(5)    Man beobachtet eine Differenz von 20%.

„Gemeinsames Sorgerecht – und die Rechte der Kinder ?“

15 Dezember 2015

“Die zunehmende Praxis des alternierenden Sorgerechts, die Ermunterung zur Mediation und transnationale Aspekte des gemeinsamen Sorgerechts bei Umzügen ins Ausland haben dabei eine wesentliche Rolle gespielt. Das Thema scheint umso wichtiger, da in der Schweiz Scheidungen die Norm ausmachen und jährlich 12 bis 15.000 Kinder von einer binationalen Scheidung betroffen sind.”

Von Marie-Thérèse Maruri, Institut international des Droits de l’Enfant, 15.12.15

Anlässlich des Jahrestages der Kinderrechtskonvention haben das IDE, das SSI und die CLPPJ (1) einen Reflexionstag dem Thema „ Gemeinsames Sorgerecht- und die Rechte der Kinder?“ gewidmet. Dieses Ereignis konnte durch einen multidisziplinären Ansatz, indem es unterschiedliche Fachkräfte zusammengebracht hat – Psychologen, Therapeuten, Juristen, Mediatoren, Politiker etc.- eine erste Bilanz zur Umsetzung des Gesetzes vom 1. Juli 2014 zum gemeinsamen Sorgerecht und zu seinen Auswirkungen auf das Kindeswohl ziehen.

Die zunehmende Praxis des alternierenden Sorgerechts, die Ermunterung zur Mediation und transnationale Aspekte des gemeinsamen Sorgerechts bei Umzügen ins Ausland haben dabei eine wesentliche Rolle gespielt. Das Thema scheint umso wichtiger, da in der Schweiz Scheidungen die Norm ausmachen und jährlich 12 bis 15.000 Kinder von einer binationalen Scheidung betroffen sind (2).

Aus psychosozialer Sicht ist man jedoch geteilter Meinung zum gemeinsamem und dem abwechselndem Sorgerecht. Eine Co-Elternschaft gilt dann als Erfolg, wenn die Aufgaben, die Betreuung und Erziehung des Kindes im täglichen Leben gleichgerecht aufgeteilt werden. Die Mediation und /oder eine Familientherapie sind sinnvoll, um Orte des Vertrauens zu schaffen, in welchen die Familie ihre Leiden und Ängste abarbeiten können.

Diese Momente ermöglichen es insbesondere ein Ambiente zu schaffen, welches den Dialog und die Kollaboration, beides Schlüsselelemente für dauerhafte Lösungen, fördert. Im Falle einer abwechselnden Führsorge, bei welcher die Ideologie der Teilhabe beider Elternteile so gut wie möglich verankert sein sollte, darf die Meinung des Kindes nicht aus den Augen verloren werden. Diese Form der Vereinbarung sollte nach dem kognitiven und affektiven Entwicklungsstadium sowie der Persönlichkeit des Kindes verhandelt werden und aber auch hinsichtlich des einzigartigen Charakters jeder einzelner Familie. Es ist empfohlen, das letztere mit Hilfe von Fachkräften eine klare und flexible Struktur findet, welche ihren Bedürfnissen entspricht und im Interesse aller ist.

Aus juristischer Sicht erleben wir einen Paradigmenwechsel, nicht ohne Konsequenzen, bei dem wir uns fragen, ob es für das Kindeswohl (ausschließlich) eine Vergabe des Sorgerechts an einen alleinigen Elternteil braucht. Obwohl das gemeinsame Sorgerecht ein gutes Zeichen gegenüber dem Kindeswohl und der Gleichberechtigung zwischen den Eltern sei, wurde angemerkt, dass diese Form des Sorgerechts Rechtsunsicherheiten, sowohl in der Interpretation als auch in der Anwendung, mit sich bringt (3). Mehrmals, insbesondere für verheiratete Eltern, kann angemerkt werden, dass die zuständige Behörde sich damit begnügt den Aussagen der Eltern, hinsichtlich ihrer Möglichkeit zur Ausführung der gemeinsamen Führsorge, zu vertrauen. Wie steht es mit dem Kindeswohl?

Eine schnellere Verweisung – oder Vermahnung- zu einer Mediation, außerhalb der potentiellen juristischen Prozesse für die Eltern, hat bisher, zu einem generellen Konsens der Teilnehmer geführt. Zudem wird von den Mediatoren eine stärkere Ausbildung zu diesen neuen Herausforderungen verlangt.

Bezüglich des Rechts zur Aufenthaltsbestimmung des Kindes, welches zurzeit an das Sorgerecht gebunden ist, sei anzumerken, dass im Rahmen eines Umzugs verschiedene legitime Interessen –der Eltern und des Kindes- aufeinandertreffen und der positive oder negative Beschluss eines Umzugs der führsorgeberechtigten Person stark vom Wohl des Kindes abhängt. Die Entscheidung der Behörden bezüglich einer Kindesverbringung sollte zwischen einem restriktiven und liberalen Ansatz liegen (vgl. Berner Gerichtsbeschluss (4)).

Auf jeden Fall muss der Anpassung der Sorgerechtregelung (5) – sprich den praktischen Aspekten – bei den Eltern vor Umzug besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden. Es ist wichtig, dass sich die Eltern, wenn möglich bereits frühzeitig, über diese wichtigen Elemente einig sind. Zusätzlich ist die Meinung des Kindes ein wichtiger Indikator für die beschlussgebende Behörde. Das ISS merkt an, dass es an einer Familienbetreuung fehlt. Es wäre daher sinnvoll, wenn das Gesetz regelmäßige Evaluationen nach dem Entscheid vorsehen würde, damit insbesondere einer nachträglichen Verbringung des Kindes durch einen verletzten Elternteil entgegengearbeitet werden kann.

Angesichts einer mageren Rechtsprechung, welche sich eher rückentwickelt und bei der die finanziellen Aspekte sowie die Koordination des Einzelnen nur schwach hervorgehoben werden, lässt die Gesetzesrevision zum gemeinsamen Sorgerecht Fragen offen. In der Zwischenzeit kann den Familien am besten geholfen werden, wenn in die Prävention und die Kollaboration von Fachkräften investiert wird.

Photo : © patrick jourdheuille, Flickr/Creative Commons

(1) Internationales Institut der Kinderrechte, Sarah Oberson Stiftung, die Schweizerische Stiftung des Internationalen Sozialdienstes und die lateinische Konferenz der Jugendschutzbehörden

(2) ZGB 298c und ZGB 298a I, ZGB 298a II, ZGB 301 al. 1bis

(3) 5A_ 985/2014 ; 5A_267/2015 /Nr. 14 Obergericht des Kantons Bern, Entscheid vom 26. Mai 2014 i.S. V. gegen M. – 2013-8365

(4) Données tirées de l’Office Fédérale de la Statistique.

(5) Article 301a al.5 Code Civil Suisse.

Armut – Realisierte Maßnahmen und ihre Wirkung: Die Erfahrung des ATD Vierte Welt

30 November 2015

Armut  “Der Knotenpunkt ist es eine Hilfe zu etablieren, die von oben nach unten agiert, vom kompetenten Fachpersonal zum Geschwächten ohne Stimme” (1)

Auszüge aus der Präsentation von Pascale Byrne-Sutton (Gesamttext, französich), Präsidentin des ATD Vierte Welt Schweiz Komitees im Rahmen des Diskussionssoirées „Armut und Kindheit in der Schweiz“, welcher am 11. November 2015 von der Sarah Oberson Stiftung in Saxon, Wallis, organisiert wurde.

„Die Bewegung der ATD Vierte Welt, eine von er UNO anerkannte NGO, ist ein Netzwerk aus Personen, welche sich in der Art und Weise vereinen lassen (…) wie sie Menschen in Armut betrachten und daran glauben, dass es möglich ist (…) miteinander zu arbeiten und vom anderen zu lernen. ATD ist in 34 Ländern auf allen Kontinenten vertreten. (…)

Ursprünglich in einem Armenviertel bei Noisy-le-Grand in Frankreich gegründet, entstehen aus der Bewegung heraus konkrete Projekte für Kinder und Familien: ein Kindergarten und eine Bibliothek, denn ʻes sind nicht immer notzwingend Essen und Kleidung welche die Menschen brauchen, sondern Würde, eben nicht mehr vom Wohlwollen der anderen abhängig zu seinʼ.(2)“

Frau Byrne-Sutton hebt verschiedene Problematiken hervor:

-          Die Arbeitsbedingungen in den Bereichen der Sozialhilfe: „ Das Konfliktproblem im Bereich der Sozialhilfe ist der stetige Anstieg der Kosten. (…) Um mit den Kosten zu haushalten, multipliziert man die Verfahren und die administrativen Formulare, man taktet die Interventionen der Sozialarbeiter minutiös und verlangt von ihnen nicht mehr zu den Familien zu fahren, denn dadurch könnte Zeit verloren gehen. (…) Wir müssen uns auch für den Personalwechsel in den sozialen Diensten und deren Arbeitsbedingungen interessieren, damit wir sie in Zusammenhang bringen können mit der Wirkung der Sozialarbeit in der Realität.“

-          Platzierungen von Pflegekindern: „… in der Arbeit von ATD Vierte Welt, sowohl in der Schweiz als auch weltweit, stellen wir fest, dass eine Konzeption des 19. Jahrhunderts, welche den Kreislauf der Armut durch Trennung der Kinder von ihren Eltern durchbrechen sollte,  trotz der Entwicklung der internationalen Rechtslage und professioneller Praktiken, für die Ärmsten weiterhin gilt.“

-          Der Schulabbruch: „… die Anzahl der Spezialisten jeglicher Art, zu welchen sich die Kinder während ihrer Schulzeiten für nur kurzweilige Treffen begeben müssen, sollte reduziert werden. (…) Ich kenne Fälle oder Treffen (…) bei denen bis zu 12 Fachkräfte und /oder Spezialisten aus verschiedenen Strukturen zusammen kamen, ohne das die betroffenen Personen auch nur miteinbezogen wurden und demnach auch nicht auf eine einstimmige Lösung hingearbeitet werden konnte.“

Als Lösung schlägt sie einen Paradigmenwechsel vor:

„Gegen die Armut anzukämpfen ist ganz sicher nicht einfach. Aber ich bin der Überzeugung, dass ein solcher Kampf auf koordinierte Art und Weise auf Bundesebene dekliniert werden sollte und in Bezug auf die Kantone und Kommunen gebracht werden muss. Die Koordination sollte sich auf verschiedene öffentliche und halböffentliche Partner erstrecken, die Beteiligung von Vereinen und  vor allen Dingen die effektive Beteiligung von Sozialhilfeempfängern beinhalten.“

„Um diesen Kreislauf zu durchbrechen bitten betroffenen Personen und Familien darum, als Teil der erarbeiteten Lösungen erkannt und wahrgenommen zu werden. Und daher nicht nur „betreut“ zu werden, sondern unterstützt bei ihren Projekten. Dies setzt voraus, dass in den Dialog und die Bildung eines adäquaten Wissens auf Grundlage adäquater Maßnahmen investiert werden muss.“

(1)   Jean-Claude Metraux, Kinderpsychologe in Lausanne, LE TEMPS, 29.11.2011.

(2)   Nach Joseph Wresinzski, Gründer der Bewegung

Migrationskrise: und die Kinder?

20 Oktober 2015

Alle von der Flüchtlingskrise betroffenen Länder haben das Übereinkommen über die Rechte des Kindes ratifiziert. Dieses Übereinkommen sieht vor, dass die Kinder von Flüchtlingen und nichtbegleitete Minderjährige eben wie Kinder behandelt werden und nicht wie Flüchtlinge oder Migranten, welche von den verschiedenen nationalen Gesetzgebungen anders behandelt werden. Dies darf nicht ausser Acht gelassen werden, sobald wir, eines Tages, die aktuellen Fragen der „Flüchtlingskrise“ systematisch beurteilen können.

Editorial, von Daniel Stoecklin, von Institut international des Droits de l’Enfant 15. Oktober 2015

Seit mehr als einem Monat wird bezüglich der Zahl, der Unterscheidung von Flüchtlingen und Migranten, der Migrationspolitik, der Geopolitik, sowie politischer und wirtschaftlicher Interessen von einer „Migrationskrise“ in Europa gesprochen. Doch über die Kinder, welche ins Exil flüchten, wird kaum ein Wort verloren: Wie viele sind es? Haben sie Zugang zu einer Schule? Zu medizinischer Versorgung? Welche Rechte werden ihnen tatsächlich garantiert? Die Antworten auf die Flüchtlingskrise befinden sich auch, und vielleicht auch vordergründig in den Antworten auf diese konkreten Fragen.

Zahlen

Gemäss dem Hohen Flüchtlingskommissariats der Vereinten Nationen (UNHCR) befinden sich 4 Millionen syrische Flüchtlinge in ihren Nachbarstaaten: fast 1.939.000 in der Türkei, 1.147.900 im Libanon, 628.900 in Jordanien, 248.500 im Irak und 132.400 in Ägypten. In der europäischen Union sind es insgesamt 332.400. Vor allem Deutschland hat die Flüchtlinge Anfangs mit offenen Armen aufgenommen, bevor dessen Flüchtlingspolitik strenger wurde. In den restlichen EU-Ländern zählt man insgesamt 96.400 Flüchtlinge. In der Schweiz schätzt Hans-Jürg Käser, Präsident der Konferenz der kantonalen Justiz- und Polizeidirektorinnen und direktoren, die Gesamtzahl im September auf 4000. Dies soll einen „Sprung“ von 500 verglichen mit dem vorgehenden Monat darstellen. Bis Jahresende sind 30.000 erwartet. Das Staatssekretariat für Migration plant unter anderem die Bereitstellung des Truppenlagers Glaubenberg (Obwald) als Bundesasylzentrum. Etienne Piget, Vizepräsident der Eidgenössischen Kommission für Migrationsfragen, hebt folgendes hervor: „Die Schweiz hat schon Erfahrung mit vergleichbaren Zuwanderungsströmen. Während dem Kosovokrieg, von 1998 bis 1999, hatten wir bis zu 40.000 Asylanträge pro Jahr, was die heutige Anzahl der Anträge bei weitem überstieg. Das Schicksal der Opfer bewegt uns und man vergisst schnell!“

Herausforderungen

Die Flüchtlinge werden jedoch fast überall als „die Geiseln innenpolitischer Herausforderungen“, wie es Hana Jaber im Falle von Jordanien und er Türkei unterstreicht, benutzt (Le Monde Diplomatique, Oktober 2015). Die Flüchtlingsströme könnten sogar zur politischen Herausforderung werden: am 6. Oktober hat der Fernsehsender Arte eine Reportage ausgestrahlt, in der die These vertreten wird, der türkische Präsident Erdogan hätte die Abwanderung von syrischen Flüchtlingen in europäisches Territorium erleichtert, um, dank dieses Druckmittels, Vorteile für sein Land eingeräumt zu bekommen. Man kann unter anderem an einen EU-Beitritt denken. Die makabren Geschäfte der Schleuser könnten unter Umständen durch kaltes geopolitisches Kalkül vereinfacht werden… Das UNHCR ruft dazu auf, die Flüchtlings- und Asylthematik nicht weiter zu politisieren und erinnert an die Risiken, welchen dem Krieg und der Verfolgung flüchtende Menschen ausgesetzt sind.

Alle von der Flüchtlingskrise betroffenen Länder haben das Übereinkommen über die Rechte des Kindes ratifiziert. Dieses Übereinkommen sieht vor, dass die Kinder von Flüchtlingen und nichtbegleitete Minderjährige eben wie Kinder behandelt werden und nicht wie Flüchtlinge oder Migranten, welche von den verschiedenen nationalen Gesetzgebungen anders behandelt werden. Dies darf nicht ausser Acht gelassen werden, sobald wir, eines Tages, die aktuellen Fragen der „Flüchtlingskrise“ systematisch beurteilen können.

Bild: Bör Benedek photo, September 2015, Röszke, Flickr/Creative Commons

Die Karawane der Kinderrechte

13 Oktober 2015

Die „Karawane der Kinderrechte“: diese unglaubliche Erfahrung hat es mir ermöglicht, trotz meiner Bedenken, da ich Praktikantin beim IDE bin und keine Ausbildung der Rechtswissenschaften habe, europäische und UN-Organisationen zu entdecken. Ich habe schnell verstanden, dass der Wissensgrad nicht ausschlaggebend ist, solange einen die Kinderrechte interessieren.

Reisebericht von Victoria Buchs, 30. September 2015

Die Teilnehmer kamen aus unterschiedlichen Bereichen und Ländern: Anwälte, Juristen, Sonderpädagogen aus der Schweiz, Belgien, Frankreich, Burkina Faso, Benin und DRK. Die Gruppe war schnell in Reisestimmung, was uns unglaubliche 7 Tage miteinander gebracht hat: ein volles Programm mit Momenten der Entspannung, mit spannenden Interventionen und guten Rednern.

Den ersten Tag haben wir in der Europäischen Kommission in Brüssel verbracht. Dort haben wir Vorträge zu den Kinderrechten und der Europäischen Charta, zu Kindern und die Justiz, zu EuropeAid, zu Roma und zum Menschenhandel sowie–verkauf gehört. Nach diesem inhaltsreichen Tag fallen wir erschöpft in unsere Betten und sind bereits auf dem Weg nach Strasbourg.

Dort angekommen haben wir die Möglichkeit einer Präsentation von ENOC beizuwohnen, einem Film über den Europarat zu schauen und weiteren Vorträgen zu lauschen, sowie Experten kennen zu lernen und Rundgänge zu machen: die Lanzarote Konvention, eine Koordinatorin des Kinderrechtebereichs, das Büro des Menschenrechte-Kommissars, der Ausschuss zur Verhütung von Folter und unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung oder Strafe (CPT), die Europäische Sozialcharta und zwei Mitglieder des Sekretariats der Zivilgesellschaft des Europarates. Tags darauf haben wir das Glück den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte zu besuchen, wo uns zwei Juristen die Aufgabe und die Funktionsweise dieser Institution erklären. Danach haben wir den Richter Lemmens, von Belgien gewählt, kennen gelernt, der uns von behandelten Fällen des EGH berichtete. Nachmittags haben wir die Themis Stiftung besucht. Eine Vereinigung, die Kindern und Jugendlichen hilft, ihre Rechte besser zu verstehen und einzufordern.

Am Samstag sind wir von Strasbourg Richtung Sitten aufgebrochen. Dort hörten wir zunächst eine Vorstellung des IDE und später eine Präsentation eines Gruppenmitglieds zum 3. Fakultativprotokoll der Kinderrechtekonvention. Sonntag war der Tag der „Entspannung“. Der Spaziergang im Wallis und Besuch von Weinkellern hat allen gefallen.

Die letzten zwei Tage der Reise verbrachten wir in Genf. Zuerst lauschten wir einer Intervention über Child Right Connect und dann durften wir dann an der Eröffnungssitzung des Kinderrechtekomitees teilnehmen. Am Nachmittag konnten wir der 30. Sitzung des Menschenrechterats beiwohnen. Bevor wir am nächsten Tag die beiden Experten des Kinderrechtekomitees Jorge Cardona und Renate Winter trafen, waren wir beim interaktiven Dialog zwischen dem Kinderrechtekomitee und den Vereinigten Arabischen Emiraten dabei. Außerdem haben wir an einem runden Tisch der NGO´s (Terre des Hommes, DCI und OMCT) teilgenommen. Am Ende des Tages haben sich unsere Wege getrennt, da die Karawane wieder ihre Fahrt gen Belgien aufnahm.

Die Vorträge, die mich am meisten begeisterten, waren die des CPT, da er mich sehr bewegt hat, und jener des Richter Lemmens, da wir durch die Beispiele die Rolle des EGH besser verstehen konnten.

Ich bedanke mich beim IDE dafür, dass sie es mir ermöglicht haben Teil dieser menschlichen Erfahrung zu sein und empfehle jedem daran teilzunehmen.

Themen : Als Kind arm sein in der Schweiz

21 September 2015

Gemäß der UN-Kinderrechtskonvention (KRK) hat „jedes Kindes (das Recht) auf einen seiner kör¬per¬lichen, geisti¬gen, seel¬is¬chen, sit¬tlichen und sozialen Entwick¬lung angemesse¬nen Lebens¬stan¬dard [...].” (Art. 27.1.). Im Februar 2015, im Rahmen der Prüfung des Berichts der Schweiz an das Kinderrechtekomitee, „65. (empfiehlt) der Ausschuss [...] dem Mitgliedsstaat (Schweiz) sein Sozialhilfeleistungssystem für Familien zu verbessern mit dem Ziel, dass alle Kinder im ganzen Land(…) einen angemessenen Lebensstandard genießen.”

Sarah Oberson Konferenz 2015 : Als Kind arm sein in der Schweiz, 11 November 2015, 19:00-21:00, Casino Saxon, Saxon


© D Sharon Pruitt, Flickr/Creative Commons

„Die Auswirkungen von Armut und prekärer Lebenssituation auf ein Kind sind bekannt: schlechter Gesundheitszustand, verminderte physische Entwicklung, schwache linguistische und kognitive Entwicklung, mittelmäßige Schulleistung, Verhaltensauffälligkeiten, so wie das Risiko in der Zukunft arbeitslos und/ oder kriminell und/oder abhängig zu werden.” (CSDH, 31.10.12)

Wie aus der Sozialhilfestatistik des Bundesamts für Statistik (BAS) hervorgeht ist in der Schweiz die Altersklasse 0-17 am stärksten von Armut betroffen. So liegt die Sozialhilfequote aller Altersklassen bei 3.2. Für die Kategorie 0-17 Jahre liegt sie bei 5.2 (aktuellste Datensätze, 2013). Diese Situation ist nicht neu. 2006 hat die Eidgenössische Kommission für Kinder- und Jugendfragen Alarm geschlagen und die materielle Verarmung von Kindern angeprangert, „knapp 45% der Sozialhilfeempfänger sind Kinder…”.

Das Wallis ist da keine Ausnahme. Gemäß der von dem Kanton Wallis lancierten Studie vom 01.06.2015 „ haben sich die Kosten der Sozialhilfe im Wallis zwischen 2011 und 2014 mehr als verdoppelt”. Laut Herrn Favre, Leiter der Dienststelle für Sozialwesen, sind „ die Alleinerziehenden mit 27% überrepräsentiert” (Le Nouvelliste, 02.06.15, S.4).

Die Schweiz reagiert. 2010 präsentiert der Bundesrat die Gesamtschweizerische Strategie der Schweiz zur Armutsbekämpfung. Ein Schwerpunkt wurde hier klar auf die Kinder gelegt. „Gerade der Aspekt der eingeschränkten Entwicklungs-möglichkeiten ist bei Kindern im Vergleich zu anderen armutsgefährdeten Bevölkerungsgruppen von besonderer Bedeutung, weil dadurch auch die Zukunftschancen der Kinder beeinträchtigt werden”. Aus diesem Grund genehmigt der Bundesrat 2013 das nationale Programm zur Prävention und Bekämpfung von Armut 2014-2018.

Nichtsdestotrotz hat sich der Bundesrat dazu entschlossen, die Armutsbekämpfung bei Kindern nicht unter dem Blickwinkel der Kinderrechte zu betrachten und gemäß internationaler Verträge (Ratifizierung der KRK durch die Schweiz 1997) zu handeln. Allerdings sollte nach dieser Methode gehandelt werden, da es sich dabei nicht nur um ein von der Schweiz festgelegtes politisch internationales Ziel handelt, sondern auch das Problem in einem holistischen Ansatz behandelt würde und so einige Schwächen der gebotenen Antworten aufwiegen könnte. Gemäß dem Schweizerischen Kompetenzzentrum für die Menschenrechte (SKMR): „ein Ansatz basierend auf der Umsetzung von Maßnahmen in Zusammenhang mit den Kinderrechten (…), könnte einen objektiveren Blick auf die Situation von Kindern in der Schweiz geben und Maßnahmen erlauben, die zielgerichteter und effektiver sind”.

Einerseits tragen wir zu nationalen Fünfjahresprogrammen bei, die das Ziel haben Antworten auf diverse Problematiken in Zusammenhang mit der Kindheit (Programme Jugend und Medien; Programm Jugend und Gewalt…)zu geben. Diesen fehlt es jedoch an Struktur und Einheitlichkeit. Es ist wichtig sich daran zu erinnern, dass die KRK keine Auflistung von zu befolgenden Regeln ist, sondern eine Gesamtheit von Rechten, (welche sich gegenseitig ergänzen und in Zusammenhang zueinander stehen) die es umzusetzen gilt. So gilt auch 2015 weiterhin, „11. Das Komitee empfiehlt dem Mitgliedsstaat (Schweiz)eine Politik und eine nationale Strategie zur gesamtheitlichen Umsetzung der Prinzipien und Dispositionen der Konvention in Abstimmung mit den Kindern und der Zivilgesellschaft zu entwickeln und umzusetzen, um so einen Rahmen für die Strategien und Pläne der Kantone zu bilden.”

Andererseits verhindern wir die Suche nach einer Lösung. Es besteht eine direkte Abhängigkeit zwischen der Gesellschaft in der Kinder leben und der Umsetzung ihrer Rechte. „Ganz allgemein beschränkt sich die Kinder-und Jugendpolitik auf sektorale und zielgerichtete Interventionen, als ob (…)Eingriffe in Bereiche wie das Soziale, Stadtplanung, Unterkunft, Mobilität oder Arbeit die Kinder, die Jugendlichen und ihre Familien nicht betreffen würden bzw. dass sie keine signifikanten Einfluss auf ihr alltägliches Leben haben würden.”(Poretti, S.27)

Die Kinderrechte sollten in allen Entscheidungen, die Kinder in irgendeiner Form betreffen, berücksichtigt werden. Es handelt sich dabei um die Schaffung eines „Kinderrechte-Reflexes” oder einer „Kultur der Kinderrechte”. Die Kinderarmutsproblematik könnte dadurch in ihrer Gesamtheit (soziologisch, politisch, wirtschaftlich, steuerlich, kulturell…) verstanden werden und aus ihrer aussichtslosen Situation „geholt” werden.

Es ist jedenfalls hervorzuheben, dass in den Maßnahmen der Schweiz zur Armutsbekämpfung die Beteiligung der Kinder selbst fehlt. Kinder haben das Recht darauf sich an der Kenntnisnahme, der Verständigung und der Lösungssuche dieses Phänomens zu beteiligen (Art. 12, KRK), da sie es sind die täglich damit leben müssen. Außerdem kann ihre Beteiligung die Erfolgschancen nur erhöhen.

Ausgehend von einer theoretischen Vision der Kinderrechte, wird der Konferenz Sarah Oberson zusammen mit Experten aus Theorie und Praxis zu den schweizerischen und lokalen Realitäten rund um das Thema „Kind in Armut” diskutieren.

3. Karawane der Kinderrechte

13 Juli 2015

Das internationale Institut der Rechte des Kindes und seine belgischen, schweizerischen und französischen Partner führen die 3. Karawane der Kinderrechte durch – ein Besuch der Institutionen von Europa und der UNO. Sieben Tage Entdeckungsreise vom 9. bis 15. September 2015!

Text erschienen auf der Website des internationalen Instituts der Rechte des Kindes (IDE) am 02.06.15.

Nach den Erfahrungen in den Jahren 2010 und 2012 muss die «Die Karawane der Kinderrechte» erneut losziehen. Aufgrund dieser Erfolge startet das Abenteuer im September 2015 erneut mit folgenden Schwerpunkten:

  • die Komplementarität zwischen theoretischen Kenntnissen und der Praxis
  • Begegnungen und Ausführungen von bekannten Fachleuten
  • eine transnationale Reiseroute (Belgien, Frankreich, Schweiz), die Besuche von regionalen und internationalen Instituten der durchquerten Länder umfasst
  • eine konkrete und interaktive Auseinandersetzung mit den internationalen Institutionen und den Kontrollverfahren der Verträge
  • Teilnehmende mit unterschiedlichem Hintergrund
  • Vertiefung der Themen in Verbindung mit aktuellem Geschehen rund um die Kinderrechte

Das Ziel der Karawane der Kinderrechte ist, die Institutionen der Europäischen Union, des Europarats und der Vereinten Nationen zu entdecken, um besser zu verstehen, was diese für die Einhaltung der Kinderrechte tun.

Während sieben Tagen begegnet die Karawane Instanzen und Organen, welche die Aufgabe haben, die Wahrung der Kinderrechte durch die Staaten, die in erster Linie zuständig sind, sicherzustellen.

Durch die Besuche und Begegnungen werden die bestehenden Mechanismen besser verstanden und zugänglicher für Fachpersonen, die so ihre Relevanz und Effizient beurteilen können, um sie besser einzusetzen.

Es ist eine Ausbildungstätigkeit mit theoretischem und praktischem Inhalt – ein partizipativer und interaktiver Zugang.

Eine Methode, die Begegnungen, Besuche, Diskussionen, Debatten, praktische und konkrete Lernprozesse und … Entspannung verbindet.

Die Partner:

  • Défense des Enfants International Belgique (DEI); eine NGO, welche die Kinderrechte bekannt macht und fördert, www.dei-belgique.be
  • Internationales Institut der Rechte des Kindes (IDE); eine NGO, die Fachpersonen ausbildet, die mit und für Kinder arbeiten, und die allgemeine Sensibilisierung auf Kinderrechte, www.childsrights.org
  • Dynamo International Belgique, welche die Strassensozialarbeit international vernetzt, um die Einhaltung und Verteidigung der Kinderrechte zu fördern, www.travail-de-rue.net
  • Centre interfacultaire en droits de l’enfant (CIDE) der Universität Genf (UNIGE), Schweiz, die öffentliche Schweizer Universität, die im Bereich Kinderrechte ausbildet, www.unige.ch/cide
  • Centre interdisciplinaire des droits de l’enfant Belgique (CIDE) hat die Forschung, Ausbildung und ein interdisziplinäres Denken über den Platz der Kinder und Jugendlichen in der heutigen Gesellschaft zum Ziel, www.lecide.be

Journal du droit des jeunes (belgische und französische Ausgabe) behandelt Jugendfragen aus dem juristischen Blickwinkel: Schulrecht, Sozialhilfe, Recht der unbegleiteten Minderjährigen, Jugendhilfe und -schutz usw., www.jdj.be und www.jdj.fr

Flyer der Karawane

Informationen und Anmeldung: www.caravane2015.eu

Kinder von getrennten Eltern: ein Befähigungsansatz

31 März 2015

“Eine Trennung und ihre Folgen gehen über die mikrosoziale Ebene der Familie hinaus: Ihre Wurzeln und Grundlagen liegen in strukturellen Faktoren (Ehe- und Erziehungsstile, Infrastruktur, Familienpolitik usw.), die mit den individuellen Befähigungen der einzelnen Personen in Verbindung stehen (Vater, Mutter, Kinder) und als Ganzes berücksichtigt werden müssen. Nur so können die Interessen und Rechte jeder beteiligten Person noch besser respektiert werden.”

Von Herr Daniel Stoecklin, assoziierter Professor für Soziologie, spezialisiert auf Kinder und Kinderrechte, am universitären Institut Kurt Bösch, Sitten. Gastreferent am runden Tisch von Sarah Oberson Konferenz 2014 : “Kinder und Trennung: von den Gründen zu vorgeschlagenen Massnahmen!

„Ich möchte den Schwerpunkt auf jene Elemente legen, die meiner Meinung nach kennzeichnend für die Rolle der Gesellschaft bei der Gewalt von einigen Trennungen sind. (…) Das Gefühl eines Elternteils oder beider Eltern, bezüglich Kontakt zum Kind ungerecht behandelt worden zu sein, hat tiefliegende soziologische Wurzeln im Zusammenhang mit dem Platz, der dem Mann beziehungsweise der Frau in der Erziehung der Kinder zugewiesen ist und den Rollen, die alle drei – Kind, Frau und Mann – in der Anerkennung ihrer Rechte erreichen konnten. (…)

Die Ehe- und Erziehungsstile sind wichtige soziale Faktoren, welche die Situation der Kinder bei einer Scheidung oder einer Trennung beeinflussen. (…) Ein theoretischer Ansatz, mit dem diese Einwirkungen deutlich gemacht werden können, ist der Befähigungsansatz . (…) Bei diesem Ansatz steht die Entwicklung der Entscheidungsfreiheit der Personen und nicht ihre konkreten Entscheidungen im Zentrum der Aufmerksamkeit. (…)

Unter dieser breiteren Perspektive wird deutlich, dass verspätete oder ungenügende Unterhaltszahlungen nur ein Teil der Problematik sind und andere strukturellere Faktoren von grundlegender Bedeutung sind. (…)

Im weiteren Sinn gehört diese Studie auch zur Analyse der Lebensverläufe, um die Diversität längerfristig zu untersuchen . Dabei muss die Umkehrung der Wohlstandsströme zwischen den Generationen berücksichtigt werden, die nun von den Eltern zu den Kindern führen. Denn Ende des 19. Jahrhunderts wird das Kind zu einem „öffentlichen Gut“ (Kindesschutz) und die Trennung zwischen Privatsphäre und Öffentlichkeitsbereich geht zurück. Die stark hierarchische Gliederung der Geschlechter und der Generationen verschwindet also zunehmend .

Vor allem die Opportunitätskosten können hervorgehoben werden: Was kostet die Mutterschaft die Frau in Bezug auf die persönliche und insbesondere die berufliche Verwirklichung?  In der Schweiz sind diese Kosten hoch. Es ist sehr schwierig, das Familien- und Berufsleben zu vereinbaren: Von der 1960/64-Generation haben 22 % der Frauen kein Kind – diese Zahl steigt bei jenen mit einer tertiären Ausbildung auf 39 %. Für diese ist es am schwierigsten, das Familien- und Berufsleben in Einklang zu bringen . Oris schliesst mit der Aussage ab, dass eine Mischung aus wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Aspekten für die Kluft unter den Frauen verantwortlich ist. In der Schweiz kommt heute eine ungeeignete Sozialpolitik hinzu, die weiterhin auf alte Familienwerte aufbaut . (…)

Die Kinder, deren Eltern sich trennen oder scheiden, haben Rechte, die respektiert werden müssen – genauso wie die Rechte aller Personen, die an diesen häufig komplexen und emotional aufgeladenen Situationen beteiligt sind. (…) Dazu empfehlen wir den Befähigungsansatz, mit dem die ganze soziologische Komplexität solcher Situationen beleuchtet werden kann. Eine Trennung und ihre Folgen gehen über die mikrosoziale Ebene der Familie hinaus: Ihre Wurzeln und Grundlagen liegen in strukturellen Faktoren (Ehe- und Erziehungsstile, Infrastruktur, Familienpolitik usw.), die mit den individuellen Befähigungen der einzelnen Personen in Verbindung stehen (Vater, Mutter, Kinder) und als Ganzes berücksichtigt werden müssen. Nur so können die Interessen und Rechte jeder beteiligten Person noch besser respektiert werden.“