Anstieg der „vermissten Kinder“ in der westlichen Agenda – Die Vereinigten Staaten

8 Mai 2017

Auch wenn die unterschiedlichen Phänomene rund um den Begriff “Verschwinden” heutzutage nicht neu sind, so haben sich die Sichtweise und die Verbindungen, die wir (oder auch nicht) zwischen ihnen sehen, im Laufe der westlichen Geschichte verändert. Die Vereinigten Staaten, welche die ersten Gesetze zum Kidnapping während des 20. Jahrhunderts verabschiedet haben, spielen eine wichtige Rolle in der Notwendigkeit und der Verbreitung einer neuen Handhabung des Kindesverschwindens. Die 80er Jahre sind diesbezüglich ein Wendepunkt.

Auszug aus dem Artikel von Michele Poretti (1), Lehrbeauftragter, Pädagogische Fachhochschule Waadt und wissenschaftlicher Mitarbeiter, Interfakultäres Zentrum der Kinderrechte, Universität Genf

Zwischen 1979 und 1981 wird den USA mit einer Serie von Entführungen und Morden an Kindern durch Unbekannte zugesetzt. Diese Verbrechen resultierten in viel emotionaler Aufregung seitens der Bevölkerung und Eltern organisierten sich, oft in Form von NGOs, um eine stärkere Handlung von Seiten der Regierung zu fordern. Ihre Bemühungen trafen sich mit denen anderer Organisationen, welche tätig werden in Fällen von elterlicher Kindeswegnahme, welche versuchen die Behörden, Presse und die Öffentlichkeit von der Gefahr dieser Handlung zu überzeugen. Zu diesem Zeitpunkt entsteht die Idee, verschiedene Situationen einer physischen Trennung zwischen Eltern und Kindern (Bsp. Elterliche Kindesentführung, Entführung durch Fremde, Kidnapping, Flucht) unter dem Begriff „Vermisste Kinder“ (missing Children) zu vereinen. Eine Kategorie, die bis dahin aus der politischen Debatte ausgelassen wurde (Best, 1987, S.105). Es handelt sich dabei einerseits darum die Kriterien zu interpretieren um ein Kindesverschwinden so umfassend wie möglich zu definieren, indem Zusammenhänge zwischen den Phänomenen hergestellt werden, die bis dahin noch getrennt wurden. Andererseits muss jenen bewiesen werden, die meinen, dass eine Flucht oder eine elterliche Kindeswegnahme noch harmlose Formen des Kindesverschwindens sind, dass die betroffenen Kinder tatsächlich gravierenden Risiken von Misshandlung und Ausbeutung ausgesetzt sind.

Anfang der 80er Jahre, ohne Studien zum Phänomen und Vergleichskriterien zum Reflektieren eben dieser, basierte das Plädoyer auf den Zeugenaussagen  der Eltern der vermissten und brutal ermordeten Kinder durch Unbekannte. Auch wenn diese Fälle eher selten vorkommen – findet sich an erster Stelle das Davonlaufen, gefolgt von elterlichen Kindesentführungen  -, hat die Dramatisierung der Probleme  die Macht Kritik zu entkräften. Diese Strategie endet schnell in der Unterzeichnung des Missing Children´s Act (1982) und des Missing Children Assitance Act (1984), welche insbesondere von dem Präsidenten Ronald Reagan unterstützt wurden. Diese legislative Handlung stellt in 1984 die Basis für die Einführung eines nationalen Zentrum für die Unterstützung der Behörden in der Suche von vermissten Kindern und im Kampf gegen die sexuelle Ausbeutung von Kindern: National Center for Missing and Exploited Children (NCMEC). Dank der stetigen Hilfe durch die Regierung  und der Unterstützung mächtiger privater Spender, darunter Google, Honeywell und die Microsoft Corporation, kann das NCMEC heute  ein weitreichendes Netzwerk an Organisationen, die in den USA aktiv sind im Bereich der vermissten Kinder, vorweisen. Es ist zudem ein internationales Modell in diesem Arbeitsfeld.

(1)   Michele Poretti (2016), Anstieg der „vermissten Kinder“ in die westliche Agenda. Studie zu einer neuen Grenze des Unzumutbaren, Frontières, 27(1-2), online: : http://www.erudit.org/fr/revues/fr/2015-v27-n1-2-fr02596/1037079ar/