Der Zugang zur Justiz gestaltet sich für Kinder

5 Dezember 2016

16.3626 Motion. RK-N. Konkreter Aktionsplan für den Schutz vor Diskriminierung

Inhalt Der Bundesrat wird ersucht, auf der Grundlage des Berichts und der Empfehlungen der Studie «Zugang zur Justiz in Diskriminierungsfällen» des Schweizerischen Kompetenzzentrums für Menschenrechte (SKMR) einen konkreten Aktionsplan zur Behebung der in dieser Studie aufgezeigten Mängel auszuarbeiten.

Auszüge aus dem Wintersession 2016 : Empfehlungen von Kinderschutz Schweiz, S. 6

Empfehlung Kinderschutz Schweiz empfiehlt Annahme der Motion.

Begrundung Der Zugang zur Justiz gestaltet sich für Minderheiten, die von Diskriminierung betroffen sind, ungemein schwierig. Handelt es sich dabei um Kinder, ist die Chance, dass sie wirksame Rechtsbehelfe nutzen können und eine angemessene Rechtsvertretung im Verfahren haben, noch kleiner. Für Kinderschutz Schweiz ist es von grosser Bedeutung, dass das Recht auf Schutz vor Diskriminierung (Art. 2 UNO-KRK) in der Schweizer Gesetzgebung verankert ist. Nun geht es darum, den Betroffenen den Zugang zur Justiz zu erleichtern, insbesondere für die Kinder. Durch einen konkreten Aktionsplan zum Schutz vor Diskriminierung kann den hindernden Elementen entgegengewirkt werden, die dazu führen, dass Art. 261bis StGB nur selten zur Anwendung kommt. Besonders zu erwähnen ist das Beschwerderecht von Minderheitenorganisationen (15.460), das unbedingt in den Aktionsplan miteinfliessen soll

(Français) Nouvel article 50 de la loi fédérale sur les étrangers – Quelles implications pour les enfants migrants exposés à la violence conjugale ?

16 August 2013

Nationales Programm zur Armutsbekämpfung

8 Juli 2013

Der Bundesrat hat das Nationale Programm zur Prävention und Bekämpfung von Armut verabschiedet.

Von Netzwerk Kinderrechte Schweiz, 01.06.13

Mit diesem Programm sollen von 2014 bis 2018 in erster Linie die Bildungschancen von sozial benachteiligten Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen erhöht werden. Zudem sollen die soziale und berufliche Eingliederung gefördert und die Lebensbedingungen von Armutsbetroffenen oder -gefährdeten (Wohnen, Familienarmut etc.) verbessert werden. Begleitend werden die bestehenden Angebote koordiniert und vernetzt.

Die Hauptzuständigkeit für die Armutsbekämpfung liegt bei Kantonen, Städten und Gemeinden sowie privaten Organisationen. Der Bund nimmt deshalb mit dem Nationalen Programm eine unterstützende und koordinierende Rolle ein und setzt seinen Schwerpunkt darauf, die Bildungschancen zu erhöhen, um so Armut durch Prävention zu vermeiden. Mit der Umsetzung des Nationalen Programms betraut ist das Eidgenössische Departement des Innern (Bundesamt für Sozialversicherungen BSV).

Das Programm umfasst folgende vier Handlungsfelder und eine Programmlinie:

  • Handlungsfeld “Bildungschancen für Kinder, Jugendliche und Erwachsene”
  • Handlungsfeld “Soziale und berufliche Eingliederung”
  • Handlungsfeld “Lebensbedingungen”
  • Handlungsfeld “Wirkungsmessung und Monitoring”
  • Programmlinie “Information und Vernetzung der Akteure”

Mehr Informationen:

Zugang zur Berufslehre für Sans Papiers

22 Januar 2013

Sans-Papiers im Jugendalter sollen ab 1. Februar 2013 unter gewissen Bedingungen eine Lehre absolvieren können. Der Bundesrat hat im Rahmen der Umsetzung der Motion Luc Barthassat «Jugendlichen ohne gesetzlichen Status eine Berufslehre ermöglichen» eine entsprechende Änderung der Verordnung über Zulassung, Aufenthalt und Erwerbstätigkeit (VZAE) beschlossen.

Von Informationsplattform humanrights.ch, 17.12.12

Gut integrierte Jugendliche ohne gesetzlichen Status

Gemäss dem neuen, vom Bundesrat gutgeheissenen Artikel 30a in der VZAE sollen jugendliche Ausländerinnen und Ausländer ohne gesetzlichen Status die Möglichkeit erhalten, eine Berufslehre in der Schweiz zu absolvieren. Um für die Dauer ihrer Ausbildung eine Aufenthaltsbewilligung zu erhalten, müssen die Jugendlichen während fünf Jahren ununterbrochen die obligatorische Schule besucht haben und gut integriert sein, d.h. die Rechtsordnung achten und eine Landessprache beherrschen. Wird an Brückenangeboten rein theoretischer Natur teilgenommen, kann dies ebenfalls an die Mindestdauer von fünf Jahren angerechnet werden.

Nach Abschluss der Ausbildung können die kantonalen Stellen mit Zustimmung des Bundesamts für Migration in Härtefällen die Bewilligung verlängern, sowie den Aufenthalt der Eltern und Geschwister regularisieren. Das bedeutet, dass die Verlängerung der Aufenthaltsbewilligung nach der Lehre sowie die Aufenthaltsbewilligung der Familienangehörigen weiterhin den strengeren Bestimmungen des Art. 31 VZAE unterliegen.

Zwei Änderungen des Vernehmlassungsentwurfs

Obwohl der Entwurf sehr umstritten war, wurden nur zwei Einzelheiten modifiziert. Erstens, um der Kritik in der Vernehmlassung entgegenzuwirken, wurde eine weitere Voraussetzung eingeführt, die auch bei anderen Härtefällen zur Anwendung kommt: Die Gesuchsteller müssen bei der Einreichung des Gesuchs ihre Identität offenlegen.

Zweitens wurde festgelegt, dass jugendliche Sans-Papiers innerhalb von zwölf Monaten nach Beendigung ihrer obligatorischen Schulzeit – und nicht unmittelbar nach Schulabschluss – ein Gesuch um Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung einreichen können. Durch diese Änderung des Vernehmlassungsentwurfs wurden insbesondere die Hindernisse berücksichtigt, mit denen viele ausländische Jugendliche bei der Lehrstellensuche konfrontiert sind.

Kommentar humanrights.ch

Im Grundsatz ist kritisierbar, dass die Identität offengelegt werden muss, denn dies dürfte in der Praxis oft dazu führen, dass den betroffenen Familien das Risiko zu hoch ist und die jungen Sans-Papiers in der Folge gezwungen sind, auf eine Ausbildung zu verzichten.

Zudem ist bedauerlich, dass der Bund im Zusammenhang mit der Gewährung von Aufenthaltsbewilligungen für die Betroffenen nicht mehr Mut zeigt. Die gewählte Kann-Formulierung  ist problematisch, da das Risiko einer Wegweisung sowohl für die Person, die eine Ausbildung absolvieren möchte, wie auch für deren Familienangehörige bestehen bleibt. Es wäre deshalb sinnvoll gewesen, sowohl einen Anspruch auf Aufenthaltsbewilligung für die Dauer der Lehre einzuführen, wie auch einen Anspruch auf deren Verlängerung nach Lehrabschluss.

Weiter ist es heikel, einem Minderjährigen eine Aufenthaltsbewilligung zu erteilen, nicht aber seinen Familienangehörigen. Zumindest solange die lernende Person minderjährig ist, ist eine automatische Erteilung der Aufenthaltsbewilligung für Familienangehörige angebracht.

Aus diesen Gründen ist nach Ansicht von humanrights.ch fraglich, ob die Schweiz mit diesen Änderungen der Forderung der UNO-Kinderrechtskonvention nachkommt, die in Art. 28 vorschreibt, dass die Vertragsstaaten allen Kindern Zugang zur Grundschule sowie zu «weiterführenden Schulen allgemein bildender und berufsbildender Art» ermöglichen.

Also : Ein Tsunami namens Brélaz, Jean Zermatten, Blog Stiftung Sarah Oberson, 08.04.10

Die Armut in der Schweiz und ihre Relevanz für die Kinderrechte

7 Dezember 2012

Die Rechte der Kinder als Massstab für die Beurteilung der Armut in der Schweiz; neue Indikatoren für eine objektive Sichtweise

 Von Schweizerisches Kompetenzzentrum für Menschenreschte, 31.10.2012

Bedeutung für die Praxis

  • Aufzeigen von Lösungswegen gegen die Ausgrenzung von Kindern, die in der Schweiz von Armut betroffen sind.
  • Plädoyer für die Investition in die frühe Kindheit.
  • Mögliche Indikatoren zur objektiven Messung der Kinderarmut in der Schweiz.

Einleitung: das Recht auf Entwicklung – die Realität in der Schweiz

Artikel 6 der UNO-Kinderrechtskonvention (KRK) enthält ein Grundrecht, nämlich das Recht eines jeden Kindes, sich seinen Neigungen und Fähigkeiten entsprechend entwickeln zu dürfen. Daraus leitet sich die Verpflichtung der Vertragsstaaten ab, so weit wie möglich alle dafür erforderlichen Hilfsmittel bereitzustellen. Liest man Art. 6 KRK in Verbindung mit Art. 4 KRK, ist diese Forderung sehr klar formuliert: «Hinsichtlich der wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte treffen die Vertragsstaaten derartige Massnahmen unter Ausschöpfung ihrer verfügbaren Mittel [...].» Das individuelle Recht auf Entwicklung wird zudem als einer der vier Grundsätze der Konvention betrachtet.

Zuzulassen, dass ein Kind während seiner wichtigsten Entwicklungsphasen von vermeidbaren Beeinträchtigungen betroffen ist, stellt eine Verletzung dieses Grundprinzips und des genannten in der KRK formulierten Rechtes dar. Der Vergleich der Situation in verschiedenen Vertragsstaaten zeigt allerdings, dass dieses Recht in den einzelnen Ländern sehr unterschiedlich und auch innerhalb der Staaten oft sehr ungleich umgesetzt wird.

Ein internationaler Vergleich findet sich in der Studie, die das UNICEF Innocenti Forschungszentrum seit dem Jahr 2000 durchführt. Die 9. Ausgabe (2009) zeigt klar auf, dass die Entwicklung der am stärksten benachteiligten Kinder verzögert ist, ohne dass dies irgendwelche Massnahmen zur Folge hat. Die Studie untersucht die drei Faktoren Familieneinkommen, Ausbildung sowie Gesundheit von Jugendlichen und teilt die 24 OECD-Länder (sowie einige Nicht-OECD-Länder) danach ein, inwieweit sie der Forderung «Es wird kein Kind zurückgelassen!» nachkommen. Angeführt wird die Liste von Dänemark, Finnland, den Niederlanden und der Schweiz (die Daten zur Schweiz stammen aus dem Jahr 2007), während die Schere der Ungleichheit unter den Kindern in den USA sowie in Griechenland und Italien am weitesten geöffnet ist.

Auch wenn die Klassierung ehrenvoll erscheinen mag, bleibt die Zahl der Kinder in der Schweiz, die «zurückgelassen» werden, doch sehr beträchtlich. Mitte Dezember 2011 veröffentlichte das Bundesamt für Statistik (BFS) die neuesten Daten zu Einkommen und Lebensbedingungen (SILC-Daten). Ihnen ist zu entnehmen, dass der Anteil der von Armut betroffenen Bevölkerung etwas zurückgegangen ist und 2010 zwischen 7,6% und 14,2% betrug (2009: zwischen 8% und 14,6%). Am stärksten gefährdet sind Haushalte mit Kindern.

2010 galten in der Schweiz folgende Armutsgrenzen (Quelle BFS, 2012): ein monatliches verfügbares Einkommen von 2’243 Franken für eine Einzelperson, 3’800 Franken für Alleinerziehende mit zwei Kindern unter 16 Jahren und 4’000 Franken für Paare mit zwei Kindern. Demnach waren 7,8% der Schweizer Bevölkerung oder rund 586’000 Personen von Armut betroffen. Dem Armutsrisiko am stärksten ausgesetzt sind Alleinerziehende, Personen mit geringer Bildung und alleinlebende Personen unter 65 Jahren.

Gemäss Caritas, der Vorreiterin in Sachen Armutsbekämpfung, zählt die Schweiz trotz ihrem Lebensstandard, der zu den weltweit höchsten gehört, rund 260’000 arme Kinder (Daten vom Januar 2012). Erschwerend kommt hinzu, dass die soziale Mobilität in der Schweiz generell sehr gering ist, so dass diese Armut «erblich» ist.

Negativspirale

Die 260’000 armen Kinder leben in Haushalten, die auf Sozialhilfe angewiesen sind, oder in Working-Poor-Haushalten. Zum Geldmangel gesellen sich oft auch das Fehlen gesunder Mahlzeiten, prekäre Wohnverhältnisse und nicht der Jahreszeit entsprechende Kleidung. Das Recht der Kinder auf Ausbildung ist bedroht und manchmal ist auch die Gesundheitsversorgung ungenügend.

Die Auswirkungen, die Armut und Zugehörigkeit zu einer sozial benachteiligten Schicht auf Kinder haben, sind bekannt: schlechte Gesundheit, Beeinträchtigung der körperlichen Entwicklung, geringe kognitive und sprachliche Fortschritte, unzulängliche schulische Leistungen, Verhaltensstörungen, ja sogar die Gefahr, später arbeitslos, delinquent und/oder drogenabhängig zu werden. Gleichzeitig müssen diese Kinder einen Grossteil ihrer Energie dafür einsetzen, den familiären Zusammenhalt zu sichern und ihre Freundinnen und Freunde nicht zu verlieren.

Kurz gesagt, diese Kinder «erben» die Armut ihrer Eltern, sie befinden sich in einer Negativspirale, der sie nur schwer entkommen können, und laufen Gefahr, ihren eigenen Kindern ebenfalls keine besseren Lebensbedingungen bieten zu können.

Lösungswege gegen die Ausgrenzung von armen Kindern in der Schweiz

Die mit der Armut verbundenen sozioökonomischen Unterschiede zwischen Kindern können dazu führen, dass arme Kinder ausgegrenzt werden. Niemand zweifelt daran, dass dieses Gefälle möglichst rasch eliminiert werden muss. Caritas plädiert dafür, solche Ausgrenzungsmechanismen in der Schweiz zu bekämpfen, und richtet einen Appell an die kantonalen und kommunalen Behörden, Massnahmen zur Existenzsicherung zu ergreifen und die Chancengleichheit umzusetzen. Dabei muss auch bei den Eltern angesetzt werden, z. B. indem die Schaffung von günstigem Wohnraum gefördert wird.

Des weiteren sind die Auszahlung von Ergänzungsleistungen für Familien und die Bereitstellung von Kinderbetreuungs- und Ausbildungsangeboten erforderlich. Nur unter solchen Bedingungen werden sozial benachteiligte Kinder nicht ausgegrenzt und können ihren Kameradinnen und Kameraden auf Augenhöhe begegnen. Mehrere Kantone denken über Beihilfen für arme Familien nach, so z. B. das Wallis mit seinem Projekt zur Einführung von Ergänzungsleistungen für Familien mit geringem Einkommen, das auf dem Modell der eidgenössischen AHV/IV basiert.

Hinsichtlich der Kosten stellt die Ungleichheit eine Zeitbombe dar, denn obschon der Löwenanteil vom Kind selbst getragen wird, wird die Rechnung auch von der Gesellschaft bezahlt, indem der Druck auf die Gesundheitsdienste sowie die Sozialschutz- und Wohlfahrtsprogramme steigt.

In die frühe Kindheit investieren

In Krisenzeiten sollte die Hilfe in erster Linie den ärmsten Kindern zugute kommen, sie dürfen nicht das letzte Glied der Kette sein. Die Chance, sich körperlich und geistig gut zu entwickeln, hat jedes Kind nur genau einmal. Es muss Aufgabe der Regierungen sein, diese Chance intakt zu halten – in Krisenzeiten genauso wie in Zeiten des Wohlstands. In der Praxis bedeutet dies, dass die Ressourcen eines Landes prioritär für die Grundleistungen und den Schutz der Kinder in ihren ersten Lebensjahren verwendet werden müssen. Um Benachteiligungen auszugleichen, muss in die frühe Kindheit investiert werden.

Denn die ersten Lebensjahre sind entscheidend. Verpasst das Kind einen Schritt in der persönlichen (kognitiven, neurobiologischen) oder sozialen Entwicklung, muss dieser später nachgeholt werden. Manchmal ist dies jedoch nicht möglich und die betroffenen Kinder müssen permanent mit diesem Nachteil leben. Dies ist schlussendlich schwieriger und teurer.

Darüber hinaus muss unbedingt auf die grosse Bedeutung hingewiesen werden, die das Soziale Lernen für die Kinder hat. Kinder armer oder alleinerziehender Eltern leiden häufig an Einsamkeit und fehlendem sozialen Kontakt. Einrichtungen für Kleinkinder bieten Begegnungsmöglichkeiten und vor allem auch die Möglichkeit der Vermittlung von Werten des Zusammenlebens wie die gegenseitige Achtung, das Teilen und die Freude am Spiel.

Da aufgrund der neuen Arbeitsmarktlage und wirtschaftlich schwieriger Situationen auch in der Schweiz oft beide Eltern arbeiten müssen, um über die Runden zu kommen, verbringen die Kinder viel Zeit in Tageseinrichtungen für Kleinkinder. Deshalb müssen sich diese Einrichtungen durch ein qualitativ hochstehendes Angebot auszeichnen, und zwar nicht nur in Bezug auf den logistischen Rahmen, sondern vor allem auch hinsichtlich der Dienstleistungen, welche die dort arbeitenden Personen erbringen. Solche Betreuungsangebote müssen selbstverständlich allen Bevölkerungsschichten offen stehen, es ist aber auch klar, dass die Kinder der benachteiligten Klassen am meisten davon profitieren sollten.

Aber auch die Lösungen innerhalb der weiteren Familie dürfen nicht vergessen werden. Oft spielen die Grosseltern, Onkel und Tanten eine entscheidende Rolle, die nur wenig anerkannt wird. Eine Politik, welche die Armut in der Schweiz bekämpfen will, muss sich also nicht nur um den Zugang zu Betreuungsplätzen und die Bereitstellung einer ausreichenden Anzahl entsprechender Strukturen kümmern, sondern muss – mit Ausbildungsangeboten und wirtschaftlicher Unterstützung – auch weniger formelle Lösungen innerhalb der Familie des Kindes fördern.

Schlussfolgerung und Kommentar

Familien- und Kinderarmut in der Schweiz sind eine Realität. Man kann sie anhand des Familieneinkommens oder aber danach beurteilen, inwiefern die Rechte des Kindes gewahrt sind. Ein Ansatz, der sich auf Indikatoren stützt, welche die Rechte des Kindes berücksichtigen (UNICEF verwendet drei Indikatoren: Familieneinkommen, Ausbildung, Gesundheit der Jugendlichen), ergäbe wahrscheinlich ein objektiveres Bild der Situation der Kinder in der Schweiz und würde gezieltere und wirksamere Messungen erlauben. Wären gar mehr als 260’000 Kinder betroffen, wenn die Fälle gezählt würden, bei denen die Kinderrechte nicht gewahrt sind?

Es wird daher vorgeschlagen, die Situation hinsichtlich der folgenden Kriterien zu beurteilen:

•Zugang zu Wohnraum, Wohnbedingungen,

•Ernährung (Menge und Qualität),

•Möglichkeit, unter gesunden und sicheren Lebensbedingungen zu leben,

•Zugang zu Tageseinrichtungen für Kleinkinder (Krippen, Kinderhorte, Kindergärten, vorschulische Erziehung, Unterstützung innerfamiliärer Lösungen),

•Zugang zu Primar-, Sekundar- und Berufsausbildung,

•Zugang zu geistiger und körperlicher Gesundheitsversorgung,

•Zugang zu besonderer Betreuung für behinderte Kinder,

•Zugang zu Kinderschutzdiensten und zu Rehabilitationseinrichtungen für Opfer,

•Zugang zu vormundschaftlichen Massnahmen, wenn die Situation dies verlangt,

•Möglichkeit, sich an den Entscheidungen und allgemein am Leben des Gemeinwesens, insbesondere an Strategien/Programmen zur Reduktion der Armut zu beteiligen.

Die erfassten Daten müssen selbstverständlich nach Altersgruppe, Geschlecht, Nationalität und Risikogruppe aufgeschlüsselt werden.

Unserer Ansicht nach bedarf es noch einiger Fortschritte, um von der Erfassung rein wirtschaftlicher Daten zu einem umfassenden Verständnis der vielgestaltigen Armut in der Schweiz zu gelangen und deren Auswirkungen auf die Kinderrechte beurteilen zu können.

Selbsttötung bei Kindern, selten aber beunruhigend

10 Mai 2011

Schweiz : in den letzten Jahren durchschnittlich drei Fälle von Selbstmord pro Jahr bei den 10-14 Jährigen. Gemäss Cyrulnik “zeigen generell Jugendliche, welche frühzeitig, d.h. während der ersten 10 Lebensmonaten, unter einer sensorischen Isolierung litten, diese Impulsivität”. Die Einbindung der frühen Kindheit, wie Elternschafturlaube, Maßnahmebeispiele sind,  um eine adäquate affektive Entwicklung anzuregen.

Ein seltenes Phänomen, welches aber weit entfernt davon ist, einzigartig zu sein, ist die Selbsttötung bei Kindern in Europa, wie auch in der Schweiz. “Das Bundesamt für Statistik bezeichnet in den letzten Jahren durchschnittlich drei Fälle von Selbstmord pro Jahr bei den 10-14 Jährigen, und in sehr seltenen Fällen bei den 5-9 Jährigen – während die Selbstmordversuche mit der Pubertät steil ansteigen. ”
In Frankreich spricht man von 30 bis 100 Fällen von Selbsttötung bei Kindern zwischen 6 und 12 Jahren. Das wahre Ausmaß dieses Phänomens wird wahrscheinlich unterschätzt, da es schwer vorstellbar ist, Selbstmord als Todesursache eines so jungen Kindes in Betracht zu ziehen und so wird die Selbsttötung deshalb oft als Unfall interpretiert.

Es stellt sich die Frage, welche Beweggründe ein Kind zu einem solch definitiven Verhalten führen. Gemäß Spezialisten ist für Kinder unter 12 Jahren der Tod eine Veränderung, ein Akt der Verneinung der Wirklichkeit welche das Kind umgibt, und welche zu schmerzhaft erscheint, um ertragbar zu sein. Das Kind versucht nicht, für immer zu entschwinden, sondern es versucht vielmehr, die Situation, unter welcher es leidet, verschwinden zu lassen.

Gemäss Cyrulnik „zeigen generell Jugendliche, welche frühzeitig, d.h. während der ersten 10 Lebensmonaten, unter einer sensorischen Isolierung litten, diese Impulsivität“. Es handelt sich dabei um eine ungenügende Stimulierung der Amygdala rhinencephalic. Sich mit Kindern „bereits in den ersten Lebensmonaten abzugeben und sie mit einzubeziehen ist folglich entscheidend.“

Aus Sicht der Wissenschaft handelt es sich um ein wenig bekanntes Phänomen. Die Französische Staatssekretärin und Jugendbeauftragte hat Boris Cyrulnik, ein internationaler Neuropsychiater damit beauftragt, dieses Phänomen zu erforschen. Sein Bericht diesbezüglich wird diesen Sommer erwartet.

Während eines Interviews mit einer Journalistin des Le Matin Dimanche weist   Cyrulnik darauf hin, dass die Einbindung der frühen Kindheit, wie Elternschafturlaube, Maßnahmebeispiele sind,  um eine adäquate affektive Entwicklung anzuregen. Die Förderung des Verbandswesens (Pfadfinderbewegung, Sport, …) ist eine andere Möglichkeit, um Einsamkeitsgefühle, dank der sozialen Netze, welche sich um das Kind und die Jugendlichen aufbauen, zu verringern.

Das ist eine verdichtete Version der Artikel «Les filles font dix fois plus de tentatives de suicide que les garçons» und «Suicide des enfants : en Suisse aussi», erschienen im Le Matin Dimanche, am 10. April, respektive am 22. Januar 2011.

Konferenz 2010 der Stiftung Sarah Oberson über die neuen Technologien

8 November 2010

In einem Jahr, verbringt ein Schweizer Jugendlicher 800 Stunden auf der Schulbank, … und 1’500 Stunden an elektronischen Medien (wovon Handy, Audioplayer, etc.).

Leitartikel von Frau Geneviève Levine des Internationalen Instituts der Rechte des Kindes.

Unter dem Titel „Neue Technologien: Chancen und Gefahren für die Kinder“, hat sich die Stiftung Sarah Oberson am 3. November im IRK, für ein vielfältiges Publikum mit dieser Frage auseinandergesetzt.

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In einem Jahr, verbringt ein Schweizer Jugendlicher 800 Stunden auf der Schulbank, … und 1’500 Stunden an elektronischen Medien (wovon Handy, Audioplayer, etc.).

Wie verlaufen die Bestrafungsachse und die Vorbeugungs-/Erziehungsachse, wenn man die Jugend vor dem Abdriften schützen will, das sich „online“ abspielt, und die nicht gut im Griff der Erwachsenen sind? Wie kann man ausserdem aus einem fantastischen Mittel wie dem Internet, einen optimalen Ort des Schaffens, des Teilens und des Austauschs für unsere Jugendlichen machen?

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Die Vorträge haben die psychologischen und die Bildungsaspekte, die mit diesem Konsum verbunden sind betont, indem sie diesen auf eine inhaltliche Reflexion über den Bild- und Dokumentstatus und einem Bericht über die Lage auf politischer Ebene (Parlament-Bundesrat) abstützten.

Die von Action Innocence und der welschen Vereinigung CIAO durch die Medien bekannt gemachten Aussagen am Nachmittag, haben den Reichtum, der durch die neuen Technologien ermöglichten Interaktionen, sowie das erhöhte Bewusstseinsniveau unter unseren Jugendlichen aufgezeigt, was die Grundmassnahmen in Sachen Sicherheit betrifft.

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Eine Diskussionsrunde hat danach Gedankenanstösse für die Zukunft in Betracht gezogen – darunter die Frage über die Verantwortung der Zugangsanbieter, die man zu einem ethischen Nachdenken über die Zurverfügungstellung von Technologien bringen sollte.

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Dieser Artikel ist am 5. November 2009 in der Rubrik Edito-Actualité auf der Website Internationales Institut der Rechte des Kindes (IDE) erschienen.

Media

- Le Nouvelliste, Encadrer nos jeunes « Googlelisés », 04.11.2010, p. 2.
- Le Nouvelliste, Devenir citoyen numérique, 04.11.2010, p. 3
- Le Nouvelliste, A la recherche d’aide sur le web, 04.11.2010, p. 3
- Canal 9, Les Nouvelles technologies et l’enfance, L’Emission en Direct, 03.11.2010.

Neue Technologien: Chancen und Gefahren für die Kinder

4 Oktober 2010

Nützlich und gefährlich, sind die neuen Technologien nunmehr ein wesentlicher Teil unseres Alltags, umso mehr desjenigen unserer Kinder (0-18 Jahre). Wie soll man deren Potential nutzen, indem man die Kinder vor den Gefahren schützt, die ihre Anstellung mit sich bringt? Was ist eine neue Technologie? Ein Werkzeug, das unter Berücksichtigung seiner Globalisierung schwer kontrollierbar ist. Ein lebendiges, mobiles und sich änderndes Werkzeug, das zu einer ständigen Anpassung der Schutznormen und der Präventionsmitteilungen zwingt.

Seit dem 01.01.2010, hat sich die Schweiz mit einem Entführungsalarmsystem ausgerüstet; für den 01.01.2011 beabsichtigt sie, die Verteilung der Fahndungsmitteilungen im SMS-System auszuweiten, indem sie so die neuen Technologien im Dienste der gefährdeten Kinder setzt. Gleichzeitig und tagtäglich verbreiten die Medien gegen Kinder begangene Verbrechen über den Weg der neuen Technologien: Hacker, Austauschnetzwerke von Bildern mit pädophilem Inhalt, unter Jugendlichen ausgetauschte pornographische Videos, durch Gewaltspiele animierte Gemetzel, Identitätsraub, Mobbing unter Gleichen, etc.

Das Sperren von illegalen Seiten und die Kindersicherungen versuchen diese Gefahren einzudämmen, indem sie gleichzeitig einen begrenzten Zugriff erlauben. In der Schweiz versuchen die Parlamentarier durch neue Normen darauf zu antworten. Diese Normen haben es unter anderem dem Bund erlaubt, für 2011 ein nationales Programm Jugendmedienschutz und Medienkompetenzen zu erarbeiten. Die Polizei- und Gerichtskräfte organisieren sich rund um diese Verbrechen und verfeinern ihre Strategien, indem sie die Verhaftungen vermehren. Die Bildungskampagnen für Kinder und Eltern nehmen verstärkt zu.

Die neuen Untersuchungen klären uns über die Tatsache auf, dass falls sie für die Kinder Gefahren mit sich bringen, sie nicht gefährlicher sind als das wirkliche Leben. Was beispielsweise sexuelle Handlungen gegen Kinder betrifft, so sind die Verwandten, leider und bei weitem, immer noch die häufigsten Täter. Das Profil des Internetsexualverbrechers entspricht nicht dem, was man sich vorstellte. Angesichts der neuen Technologien scheinen die Kinder vor allem unter Belästigung durch Ihresgleichen und unter Abhängigkeit zu leiden….

Wie kann man sich aufgrund der neuesten Erkenntnisse die neuen Technologien im Dienste der leidenden Kinder zunutze machen?  Wie soll man den Kinderschutz angesichts dieser Werkzeuge orientieren und anpassen? Dies sind die Fragen, worauf die Teilnehmer der 10. Sensibilisierungstagung der Stiftung Sarah Oberson versuchen werden eine Antwort zu geben.

Sarah Oberson Konferenz 2010

DIE STIFTUNG SARAH OBERSON,
DAS INTERNATIONALE KINDERRECHTSINSTITUT

organisieren
eine Tagung zum Thema:

Neue Technologien: Chancen und Gefahren für die Kinder

Am Mittwoch, dem 3. November 2010
im Internationalen Kinderrechtsinstitut
c/o IUKB in Bramois

Programm

Alkoholprobleme in der Familie: das Leiden der Kinder bleibt ein Tabu

16 März 2010

Eingeladene Leitartiklerin: Frau Marie-Claude Amacker, Präventionsprojektsverantwortliche, Schweizerische Fachstelle für Alkohol- und andere Drogenprobleme (SFA)

Die SFA schätzt, dass es in der Schweiz ungefähr 100’000 Kinder und Jugendliche gibt, die mit einem alkoholabhängigen Elternteil aufwachsen. Hinter der Realität dieser Zahl verbirgt sich ein schmerzhafter Alltag, der aus Ängsten, Beschämung und Unsicherheiten besteht.

„Die Kinder haben nichts bemerkt“! Wieviele Eltern denken fälschlicherweise, dass die Verheimlichung des Problems ihrem Kind den Schmerz darüber erspart. Auch wenn es nicht versteht, was vor sich geht, verspürt ein auch noch so kleines Kind die Spannungen und ist von der im Haus herrschenden Atmosphäre ergriffen.

„Du musstest nicht jahrelang dein Bett mit deinem Bruder teilen, du musstest dich nicht stundenlang mit Hausarbeiten, schlechtem Frass und Wäschemachen herumquälen… dir den Ausgang verwehren, damit immer jemand für deinen Bruder da ist…“ (Aussage ciao)

Zur Unberechenbarkeit kommt die Angst hinzu: Angst vor einem Unglück, Angst vor Konflikten, Angst nicht geliebt zu werden oder sein krankes Elternteil zu verlieren. Das Kind strengt sich also an alles zu tun, um Spannungen zu vermeiden. Es fühlt sich für das Konsumverhalten seines Elternteils verantwortlich. Es denkt sich, dass wenn es besser arbeiten würde, wenn es folgsamer, ruhiger, liebevoller wäre… sein Elternteil mit dem Trinken aufhören würde. Und auch wenn das Kind verstanden hat, dass es sich um eine Krankheit handelt, fühlt es sich immer noch schuldig: schuldig es nicht zu schaffen, dass sein Elternteil zu trinken aufhört.

Und dann ist da noch die Beschämung. Die Scham, die macht dass man niemanden nach Hause einlädt, dass man nicht erzählt was los ist. Das Kind isoliert sich, aus Scham und aus Loyalität, um seine Eltern nicht zu verraten.

„Ich liebte ihn so sehr und schämte mich gleichzeitig so sehr, wenn er sich zur Schau stellte, er war lächerlich und alle schauten mich erbarmungsvoll an. Ich machte mir Vorwürfe wegen meiner Scham.“ (Aussage ciao)

Sicher ist jede Familie anders, jede Geschichte einzigartig und nicht alle Kinder erleben genau die gleiche Situation. Jeder lebt auf seine Art das Geheimnis, die Beschämung, das Schuldgefühl. Aber alle wurden bestimmt eines Teils ihrer Kindheit beraubt.

Die Kinder alkoholabhängiger Eltern stellen eine wichtige Risikogruppe dar, um Suchtprobleme und Verhaltensstörungen zu entwickeln. Nicht alle Kinder entwickeln jedoch solche Störungen. Man weiss, dass gewisse Faktoren dazu beitragen, das Kind vor den negativen Folgen der Krankheit seines Elternteils zu schützen. Die Eltern – auch Konsumenten – sowie das Umfeld, spielen eine wesentliche Rolle bei der Entwicklung und Bestärkung dieser Schutzfaktoren. Seit mehreren Jahren  setzt sich die SFA für die Kinder alkoholabhängiger Eltern ein, indem es den betroffenen Familien hilft und das Umfeld sowie die Experten berät. Indem man das Schweigen bricht, trägt man dazu bei, ein soziales Klima zu schaffen, worin sich die Eltern, die mit einem Alkoholproblem zu kämpfen haben, ihre eigene Scham und ihre Schuldgefühle überwinden und Hilfe ersuchen können, um in ihrer erzieherischen Rolle unterstützt zu werden.

Verschiedene an Kinder, Eltern, Experten oder der breiten Öffentlichkeit gerichtete Broschüren können bei der SFA bestellt werden (oder kostenlos auf unserer Internetseite heruntergeladen werden).

Dieser Artikel ist am 15.03.2010 in der Rubrik Edito-Actualité auf der Website Internationales Institut der Rechte des Kindes ( IDE) erschienen.