Was ist Familie?

28 Juni 2016

Die Familie ist daher nicht eine Frage der Biologie oder der Tradition. Die Familie ist jene Institution, die es dem Kind ermöglicht in Harmonie aufzuwachsen. Damit dies möglich ist, sind nach Prieur die 5 genannten Phasen ausschlaggebend.

Auszüge aus der Präsentation von Nicole Prieur, Psychologin und Philosophin, im Kolloquium „Die neuen Formen von Elternschaft: gemeinsame Verantwortung… und das Kind?“, 19.05.16.

In den letzten Jahrzehnten hat die Familie eine wahrhaftige anthropologische Revolution erlebt: So ist zum Teil keine geschlechtliche Interaktion mehr nötig, um Kinder zu bekommen; und zum anderen Teil hat das Geschlecht keine Auswirkung mehr auf die Geschlechterrolle – die Väter übernehmen mütterliche Funktionen und vice-versa.

Dadurch ergeben sich fundamentale Fragen: Was bildet die Quintessenz der Familie? Nach Prieur sind folgende 5 Elemente ausschlaggebend für die kindliche Entfaltung:

1. Die ethische Bindung setzt sich zusammen aus aus dem Geben, dem Schulden und der Loyalität. Diese drei Eckpunkte strukturieren die Beziehungen zwischen den Generationen. Die Dankesschuld, die Kinder gegenüber ihren Eltern haben wurde nie abgeschlossen und es ist unmöglich sie zu begleichen. Indem man diese Tatsache akzeptiert, kann das Geben an die nachfolgenden Generationen angefangen werden.

2. Die moralische Beziehung: Eltern sein bedeutet auch die Forderungen mit den eigenen Eltern zu begleichen. Dies bedeutet, von den Eltern nicht mehr auf das zu warten was man nie bekommen hat und was man glaubt bekommen zu müssen. Das ermöglicht, von den Kindern nicht das zu erwarten, was wir von den Eltern nie bekommen haben.

3. Die Abstammung ist ein Prozess der Zugehörigkeit. Das Kind soll das Recht haben über seine Herkunft  zu sprechen. Es kommt aus einer langen Familiengeschichte, in der die biologische Komponente nur einen Teil ausmacht. Die Herkunft liegt in der Zukunft, eine Verbindung zum Ursprung, die nicht aufhört sich zu wandeln.

4. Die Bindung, welche das Zugehörigkeitsgefühl bildet: ein Gefühl der Zugehörigkeit aufzubauen bedeutet, die gemeinsame Sicht der Welt (Kultur) zu teilen. Es ist wichtig mit dem Kind zu philosophieren: was ist gerecht/ ungerecht, was ist gut/ schlecht. Wenn wir unsere Glaubens- und Denksysteme verstehen, können wir uns dem System des Anderen besser öffnen.

5. Die anthropologische Bindung: eine Struktur rund um die Anerkennung des Anderen. Nicht anerkannt zu werden ist schmerzhaft. Diese Anerkennung entsteht durch 5 Phasen, die sich übereinander aufbauen und die nicht linear sind:

a. anerkannt sein: der andere bestätigt, dass ich bin, weil ich das Ergebnis seiner Träume bin (Kind-Elternteil);

b. den anderen anerkennen: Bsp.: ein Jugendlicher sagt oft, was er vom anderen bezieht;

c. sich gegenseitig anerkennen (Gemeinschaft);

d. sich selbst anerkennen (im Erwachsenenalter). Sich selbst als Autor des eigenen Handelns und Sprechens anerkennen.

e. Mithilfe der anderen Phasen, beginne ich das anzuerkennen, was ich bekommen habe; anerkennend zu sein. Dies ermöglicht es, das was man glaubt den vorangegangenen Generationen noch zu Schulden leichter zu nehmen. So können wir unser Kind in seine zukünftige Entwicklung begleiten.

Die Familie ist daher nicht eine Frage der Biologie oder der Tradition. Die Familie ist jene Institution, die es dem Kind ermöglicht in Harmonie aufzuwachsen. Damit dies möglich ist, sind nach Prieur die 5 genannten Phasen ausschlaggebend.

Clara Balestra, 28.06.16

Photo : vasse nicolas,antoine, flickr/creative commons

Gemeinsam mit der Familie nach dem Verschwinden von Emilie Fortuzi

22 Januar 2014

Bereits vor 3 Monaten verschwand Emilie Fortuzi aus unbekannten Gründen aus der Stiftung für behinderte Kinder des Buissonnets in Freiburg, wo sie lebte. (12. November 2013)

Wir sind alle von dieser Tragödie tief betroffen. Wir teilen den Schmerz und das Leid ihrer Familie.

Unsere tief empfundenen Gedanken sind bei ihren Eltern und den Familien, welche von einem solch schrecklichen Schicksal betroffen sind. Von ganzen Herzen wünschen wir uns, das Emilie wieder gefunden wird.

Die Stiftung Sarah Oberson fühlt tief mit der Familie von Emilie und bedankt sich bei der Polizei sowie allen, die sich an den gemeinsamen Bemühungen, Emilie Fortuzi wiederzufinden, beteiligten.

 « Ist es nicht in dunkelster Nacht, da man an das Licht glauben muss? ».

Jean Zermatten

Präsident der Stiftung Sarah Oberson

Sitten, den 21. Januar 2014.

Von der Entrüstung zu einer obligatorischen Sexualerziehung

3 April 2012

Es ist wahr, dass eine qualitätsvolle und altersgerechte Sexualerziehung nur eine von vielen Antworten bezüglich der von der Optimus Studie beschriebenen Viktimsierung von Jugendlichen darstellt. Jedoch wird sie vom internationalen Recht gefordert. Die Jugendlichen fordern sie ein. Die Spezialisten erkennen ihre Bedeutung an. Trotzdem, damit sie eine Auswirkung auf die Wirklichkeit hat, muss sie alle Jugendlichen erreichen, insbesondere die, welche auf der Ebene der Familie am wenigstens unterstützt werden. Die obligatorische Schule scheint somit das beste Instrument, um alle Jugendlichen unserer Gesellschaft zu erreichen.

Im Oktober 2011 wurde durch die Parteien der Rechte eine Petition gegen die Sexualisierung der obligatorischen Schule lanciert und der Schweizerischen Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) zugestellt. Sie nimmt die Entrüstung, die unter anderem durch die Einführung der Penisse aus Holz und Plüsch und der formbaren Vagina aus den didaktischen Koffern der Sexualerzieher der Primarschulen des Kantons Basel, durch Sonntagsblick im Mai 2011 enthüllt, auf. Sie enthält 5 Forderungen, darunter die Tatsache, die Kurse für Sexualerziehung als fakultativ einzustufen. Nach Ansicht der Initianten muss die Sexualerziehung ausschließlich in der Verantwortung der Familienmitglieder bleiben. ((1) Antwort der EDK)

Diese Petition hat die Debatte wiedereröffnet, die die Einmischung des Staates dem Schutz des Privatlebens entgegensetzt.

Aus einem legalen Gesichtspunkt schliessen „die Kinderrechte zur Sexualität mehrere Rechte ein, die durch die UN-Konvention über die Rechte des Kindes (KRK) garantiert werden. Zunächst in Hinblick auf das Recht auf Gesundheit (Artikel 24 KRK). Die Kinder haben das Recht auf eine bestmögliche Gesundheit und um dieses Recht garantieren zu können, müssen sich die Staaten ganz besonders bemühen, die präventiven Gesundheitspflege, die Eltern- und Erziehungsberatung und die Dienste hinsichtlich Familienplanung sicherzustellen und zu entwickeln. Die Kinder profitieren ebenfalls vom Recht auf freie Meinungsäußerung und dem Recht auf Zugang zu angemessener Informationen (Artikel 13 und 17 der KRK) welche die Rechte garantieren, Informationen und Ideen jeder Art zu erhalten. Schließlich garantiert die KRK das Recht auf eine Bildung (Artikel 28 der KRK), die die Entfaltung ihrer Persönlichkeit (Artikel 29 KRK) begünstigen wird.“ (Schweizer Rechtsnetz des Kindes)

Auch gemäss dem Bericht über die Sexualität welcher von Durex im November 2010 veröffentlicht wurde, verlangen die Mehrheit der 1′ 200 interviewten Schweizer Jugendliche eine konsequentere Sexualerziehung und eine Sexualerziehung von höherer Qualität. Wie es Artikel 12 der KRK fordert, können Kinder ihre Meinung über Fragen etc. einbringen, die sie betreffen, und diese Meinung muss in der Entscheidungsfindung berücksichtigt werden.

Die Veröffentlichung der Optimus-Studie am 7. März 2012 trägt einen gewichtigen Beitrag zu dieser Debatte bei. Sie veröffentlicht eine beunruhigende Tabelle über sexuellen Missbrauch von Jugendlichen: während der sexuelle Missbrauch von kleinen Kindern im Bereich von Erwachsenen mit Autoritätsfunktion beruhen, sind Jugendliche vor allem Opfer von Gleichaltrigen. „Eine von fünf Jugendliche war bereits wenigstens einmal im Leben Opfer eines sexuellen Missbrauches mit physischem Kontakt, während diese Größenordnung ungefähr 8% der Heranwachsenden umfasst. “ Die neuen Technologien scheinen eine immer wichtigere Rolle zu spielen. Fast ein von drei Mädchen und ein Junge auf zehn machten Erfahrungen im Bereich der Cyberviktimisierung (Optimus, p. 97).

Nach der Studie sind die entscheidendsten Risikofaktoren das Elternhaus (harter Tonfall oder Misshandlungen); Freundeskreise, welche der Gewalt zugeneigt sind, regelmäßiger Alkohol- und Drogenkonsum und häufiger Zugang zum Internet. Somit sind die Kinder, welche einem grossen Risiko ausgesetzt sind jene, welche am wenigsten durch ihre Familie geschützt werden. Familien, welchen die Verfasser der Petition die Exklusivität bezüglich der Verantwortung für die Sexualerziehung ihrer Kinder überlassen möchten.

Es ist wahr, dass eine qualitätsvolle und altersgerechte Sexualerziehung nur eine von vielen Antworten bezüglich der von der Optimus Studie beschriebenen Viktimsierung von Jugendlichen darstellt. Jedoch wird sie vom internationalen Recht gefordert. Die Jugendlichen fordern sie ein. Die Spezialisten erkennen ihre Bedeutung an – Frau Caranzano-Maitre erinnert in der Studie daran, dass es betreffend der Sexualerziehung einen Nachholbedarf aufzuholen gilt (Optimus, p. 32).

Trotzdem, damit sie eine Auswirkung auf die Wirklichkeit hat, muss sie alle Jugendlichen erreichen, insbesondere die, welche auf der Ebene der Familie am wenigstens unterstützt werden. Die obligatorische Schule scheint somit das beste Instrument, um alle Jugendlichen unserer Gesellschaft zu erreichen. Die Sexualerziehung in der obligatorischen Schulzeit scheint so ein wesentlicher Bestandteil des Schutzes der Jugend zu sein, unumstrittenes Mandat eines Rechtstaates.

(1)    Das Antwortschreiben der EDK bezüglich der oben erwähnten Petition widerlegt die Mehrheit der in der Aussage der Forderung enthaltenen Informationen und bestätigt erneut, dass „ die primäre Verantwortung für die Sexualerziehung auch in Zukunft bei den Eltern liegen wird. Die Schule soll die Eltern bei dieser Aufgabe im Rahmen des Sexualkundeunterrichts alters- und stufengerecht unterstützen.“

Lire aussi : Permis de prudence, L’1dex, 21.06.12

Die Familie – die elementare Zelle der Gesellschaft

26 März 2012

Professor Teuscher erläutert in seiner Darstellung, dass im Laufe der Geschichte die Familie oft ihr Äusseres – insbesondere aus Gründen der vorhandenen Ressourcen, geändert hat. (…) “Früher waren die Beziehungen zwischen den Generationen überhaupt nicht intakter”. (…) Für Professor Szydlik ist es offenkundig, dass die Solidarität zwischen den Generationen bis heute funktioniert. Das Szenario, welches Werteverlust und Intoleranz suggeriert, widerspiegelt folglich nicht die Wirklichkeit, selbst wenn dieses von zahlreichen Autoren sowie von den Medien so gezeichnet wird.

Von Anina Lauber und Maja Hornik, Forum für Universität und Gesellschaft der Universität von Bern

Die Familie – kein anderer Begriff der Umgangssprache wird dermaßen kontrastiert interpretiert und auch nicht dermaßen ambivalent gelebt. Je nach religiösem und kulturellem Hintergrund zeigt sich die Zusammensetzung einer Familie anders; ihre Werte und Rituale unterscheiden sich. Zahlreiche Stimmen erheben sich dieser Tage um das Auseinanderfallen der Werte in den modernen Familien anzuprangern. Andere erklären ihre Erleichterung darüber, dass die starren sozialen Konventionen heute nicht mehr den gleichen Stellenwert haben. Andere wiederum sehen in der Familie immer noch die elementare Zelle der Gesellschaft. In seinen vier früheren Manifeste, welche unter dem Titel „Brüchiger Generationenkitt? Generationenbeziehungen im Umbau“ (ist die Verbindung zwischen den Generationen dabei, sich zu erschöpfen?) im Forum für Universität und Gesellschaft ist er bereits zu der Schlussfolgerung gelangt, dass die Solidarität zwischen den Generationen immer in mehreren wesentlichen Bereichen der Gesellschaft funktionierte. Aber gilt dies auch für den Fall der Familie? Ist diese nicht zu hohen Erwartungen ausgesetzt? Hat sie sich wirklich im Laufe der Modernisierung verändert? Und welches ist ihre Zukunft?

Die Familie – eine historische Konstruktion?

Wenn man die Familienstrukturen unter einem historischen Winkel betrachtet – insbesondere was ihren Einfluss auf die Gesellschaft betrifft – stellt man sofort fest: das Bild der Familie, so wie wir sie uns vorstellen dass sie früher ausgesehen hat, ist irreführend. Professor Simon Teuscher des Geschichtsseminars der Universität von Zürich erinnert daran, dass unser Bild der historischen Familie idealisiert ist und auf einer falschen Wahrnehmung basiert. In der Vergangenheit haben die Familienbeziehungen mehrmals Phasen gekannt, in denen es schien, als dass ihren Einfluss auf die Gesellschaft am Erblassen sei. Im 14. Jahrhundert in Italien war das „europäische Ehemodell“ die Regel: sich spät zu verheiraten und einen Haushalt ausserhalb der Ursprungsfamilie zu gründen ist also sicherlich keine moderne Erfindung. Die durchschnittliche Dauer der Ehen war folglich ziemlich dieselbe wie heute: ca. 8 bis 12 Jahre. Erklärung: eine hohe Sterblichkeitsrate. Konsequenz: zahlreiche Einpersonenhaushalte, Mehrfachehen und Patchworkfamilien. Die Kernfamilie ist erst im XX. Jahrhundert und nur für eine kurze Periode erschienen; sie wurde durch die Entwicklung des sanitären Systems, die Zunahme der Lebenserwartung und der Starrheit der ehelichen Sitten begünstigt.

Professor Teuscher erläutert in seiner Darstellung, dass im Laufe der Geschichte die Familie oft ihr Äusseres – insbesondere aus Gründen der vorhandenen Ressourcen, geändert hat. In der Tat haben die Ehe und der Nachlass beim Wandel der Familienstrukturen eine wesentliche Rolle gespielt. Während zu Beginn des Mittelalters die Erbschaftssteuer hauptsächlich egalitär war, war sie zu Ende dieses Zeitalters und aus politischen Gründen auf der Linie der Väter. Der älteste Sohn war einziger Erbe. Im XIX. Jahrhundert wurde der paritätische Grundsatz die Regel und die Leute heirateten oft innerhalb der Familie, da es überaus wichtig war, das Kapital innerhalb der Familie zu bewahren.

Professor Teuscher macht schließlich das Publikum darauf aufmerksam, Vorsicht vor Analysen zu walten, welche auf einer schematischen Repräsentation der Familie beruhen. Denn, so Teuscher: „Früher waren die Beziehungen zwischen den Generationen überhaupt nicht intakter“.

Die Solidarität zwischen den Generationen – zwischen Tradition und Moderne

Professor Marc Szydlik, Verantwortlicher des Projekt Generationen in Europa der Universität von Zürich, gibt anschliessend ein aktueller Überblick über die Generationen. Marc Szydlik führt insbesondere die Beziehung zwischen den Familienmitgliedern und ihren erwachsenen Kindern an indem er den Einfluss, welche die Bedürfnisse der einen und der anderen ausübt und die Möglichkeiten, welche sich ihnen eröffnen, unterstreicht. Heute balancieren die Beziehungen zwischen den Generationen zwischen Konflikt und Konsens –immer aber auf einer solidarischen Basis. Die Konflikte sind innerhalb der Kernfamilie akzentuierter und häufiger, insbesondere auch weil die Kontakte dort enger sind. Für die Qualität der Beziehung kann sich die finanzielle Lage der Familie als einen nicht unerheblichen negativen Faktor erweisen. Es geht aus den Studien, welche von Professor Szydlik durchgeführt wurden, hervor, dass die Konflikte zwischen den Generationen in den modernen Sozialstaaten seltener sind. Allerdings stellt man dort ebenfalls beträchtliche Abweichungen fest. So hat die Solidarität zwischen den Generationen unter den Staatsangehörigen eines Landes wesentlich bessere Chancen als unter den Immigranten.

Für den Spezialisten ist es offenkundig, dass die Solidarität zwischen den Generationen bis heute funktioniert. Das Szenario, welches Werteverlust und Intoleranz suggeriert, widerspiegelt folglich nicht die Wirklichkeit, selbst wenn dieses von zahlreichen Autoren sowie von den Medien so gezeichnet wird. Professor Szydlik unterstreicht im Übrigen, dass Konflikt und Solidarität sich nicht gegenseitig ausschließen, sondern dass sie, ohne die Solidarität zwischen den Generationen zu gefährden, gleichzeitig vorhanden sein können.

Rituale und Traditionen sind essentielle Elemente in den Familien; sie spielen eine wesentliche Rolle in Bezug auf die intergenerationelle Solidarität. Nach den Studien, welche von Professor Christoph Morgenthaler, Theologe an der Universität von Bern, durchgeführt wurden, variieren sie nicht nur bezüglich Kultur und religiöser Zugehörigkeit, sondern auch in der Mikro-Perspektive. Folglich werden die rituellen Praktiken nicht von allen auf dieselbe Art und Weise gelebt: das Weihnachtsfest, die Geburtstage, die Familienzusammenkünfte und sogar die gemeinsamen Wochenenden oder die Abendessen werden vom Kind, Vater und Mutter individuell verschiedenen geschätzt, auch was die Häufigkeit, den Verlauf und den symbolischen Wert betrifft. Die Mütter fühlen im Allgemeinen ein ausgeprägteres rituelles Bedürfnis als die anderen Familienmitglieder.

Die Familienrituale können für die einen oder anderen eine unterschiedliche Bedeutung haben: sie können ein Bedürfnis, einen Zwang oder eine harmonische Erfahrung darstellen. Allerdings sind es immer unentbehrliche Instrumente, um Verbindungen zwischen den Familienmitgliedern zu erzeugen. Sie sind am Anfang einer strukturierten, regelmäßigen Wechselwirkung und vor allem zwischen den Generationen und in schwierigen Zeiten können sie eine stabilisierende Wirkung einbringen. Außerdem und insbesondere für die Kinder begünstigen sie die Selbstbildung und den Erwerb kultureller Kompetenzen. Andererseits können Rituale, aufgrund ihres verbindlichen Charakters, auch einen Zwang darstellen. Es ist nicht selten, dass die Nicht-Befolgung oder die Überschreitung dieser Regeln soziale Sanktionen bewirken. Schließlich tragen die Rituale zum Austausch zwischen den Generationen bei, indem sie helfen „den zerbrechlichen Stoff der menschlichen Beziehungen zwischen einer Generation und der Folgenden zu weben.“

Dieser Artikel ist von Felix Bühlmann am 24.01.2012 in blog Intergenerations erschienen.

Wie leben mit einem vermissten Kind ?

18 Juli 2011

Wie leben mit einem vermissten Kind ? Um besser verstehen und helfen zu können, bessere wissenschaftliche Erkenntnisse betreffend der  spezifischen Besonderheiten dieser von Familien erlebten Situationen des Vermissens eines Kindes in ungeklärten Umständen und über eine lange Zeitdauer. Diese Fälle sind glücklicherweise selten, was andererseits aber auch die wissenschaftliche Forschung einschränkt. Die Fondation Sarah Oberson appelliert trotzdem an die Wissenschaft, sich dieser Frage anzunehmen.

Verschiedene Schritte wurden von der Fondation Sarah Oberson unternommen,  um wissenschaftliches Material bezüglich der „Trauer in der Schwebe“ zusammenzutragen. Eine Situation, welche von Familien, deren Kinder unter ungeklärten Umständen vermisst werden und welche seit langer Zeit auf Nachricht warten, erlebt wird.

Texte über die Trauer von Familien welche Angehörige vermissen existieren, aber sie greifen oft nur Gewaltsituationen auf – wie zum Beispiel Entführungen (Argentinien, Balkan). Trotzdem können solche Texte helfen, die Situation eines ungeklärten Verschwindens eines Menschen besser zu verstehen, da sie sich in einem Punkt ähnlich sind, nämlich im Mangel an Informationen über die Abwesenheit der geliebten Person.

“Im traditionellen Gedankengut haben die Trauerriten zum Ziel, die Seele des Verstorbenen zu beruhigen und sie in die Welt der Toten zu geleiten und dort zu belassen, damit sie nicht zurückkehrt, um die Überlebenden zu quälen und ihnen zum Nachteil zu gereichen ” (Probst Favret, S. 109).
Wenn jedoch ein geliebter Mitmensch vermisst wird “bleiben die Familien in der Schwebe, in der größtmöglichen Ungewissheit. Wenn ihre vermissten Angehörigen kein Lebenszeichen mehr geben, sind sie zweifellos gestorben. Aber nichts lässt den Tod als Tatsache, als Begebenheit festhalten: weder Sprache, noch Bilder, noch Ritual. (…) Die Familien verbleiben auf der Schwelle (in Latein limen) des Todes, der Witwenschaft, der Trauer. Und diese transitorische Etappe wird, von der Stille, ständig aufrechterhalten” (Verstraten, S. 75-76).
“Wie kann jedoch in dieser schwebenden Trauer eine mentale Auseinandersetzung mit der Trennung stattfinden?” (Probst Favret, S. 108) ” Kann man wirklich von Trauer sprechen, in dem Sinne als zu keinem Zeitpunkt der Tod erwiesen war, und insofern auch nicht als Ausgangspunkt für eine Trauerarbeit zur Verfügung stand?“ (Probst Favret, S. 102)

Betreffend Entführungen unterstreichen Verstraten und Probst Favret die Bedeutung der kollektiven Praktiken der Ritualisierung  welche den Familien helfen, den Verlust und die Ungewissheit zu überleben. Die Manifestationen von den Müttern de la Plaza de Mayo ermöglichten es während der Diktatur den Menschen, welche in der Stille des Regimes verschwanden, ein Gesicht und Wirklichkeit zu geben (Verstraten). Die gemeinsamen Gedenken in Srebrenica erlaubten es den Familien anhand einer Zeremonie, der Erinnerung an ihre geliebten Vermissten auch ohne Beerdigung Ausdruck zu verleihen (Probst Favret). Die zahlreichen Monumente der Erinnerung, welche überall auf dieser Welt errichtet wurden, sind ebenfalls Zeugen dieser Notwendigkeit, die Abwesenden zu repräsentieren.
Die gemeinsamen Praktiken der Ritualisierung unterliegen einem historischen Moment, einer von der Gemeinschaft, von der Nation erlebten Situation. Der Tod von Vermissten kann aus dem historischen Zusammenhang heraus, als wahrscheinlich, wenn auch nicht sicher, betrachtet werden.

So beschreibt Probst Favret in seinem Artikel den Prozess der Besänftigung einer Familie, deren Vater in Srebrenica verschwunden ist. Dieser Familie ist es gelungen ” durch einen Abschied- und Trauerprozess zu gehen, jedoch den einer besonderen Trauer, nämlich die “einer auf die Abwesenheit zentrierte Trauer” (…). Diese besondere Form der Trauer, die auf einer starken Vermutungen eines möglichen Todesfalles beruht, hat es in der Therapie erlaubt, ohne Zweideutigkeiten an den Vermissten zu erinnern und somit der Familie zu ermöglichen, psychisch wie auch sozial diese Abwesenheit, mit ihren Dimensionen von Verlust und von Vermutungen betreffend des Todes, zu verarbeiten.  Dieses Andenken erlaubte den Ausdruck von Gefühlen und Bindung, wie auch die Suche nach Erinnerungen, welche die Verinnerlichung des Bandes, trotz Abwesenheit in der Realität, ermöglichte” (S. 109).

Es muss erwähnt werden, dass die Anerkennung der Existenz dieser Vermissten, deren Gedenken und die innere Verbindung mit ihnen zwar erlaubt, in dem Abschiedsprozeß vorwärts zu schreiten, gleichzeitig aber keine endgültige Antwort bringen kann, da “die Abwesenheit (des Körpers) immer eine Hoffnung von Überleben erzeugt, wenn auch nicht immer im positiven Sinne” (Probst Favret, S. 108).

Für Kinder oder Erwachsenen, welche unter ungeklärten Umständen verschwanden, finden gemeinsame und historische Dimensionen nicht statt. Zudem kann der Tod weder als sicher noch als wahrscheinlich betrachtet werden.

Wie kann also das Warten ritualisiert werden, ohne symbolisch die verschwundene Person “zu töten”? Wenige Antworten konnten dazu zurzeit in der wissenschaftlichen Literatur gefunden werden.
Nach Bowers und Boss haben die Familien ohne Informationen bezüglich einer Klärung der Situation keine andere Wahl, als mit dem Paradox der Anwesenheit-Abwesenheit der geliebten Person zu leben. Der einzige Faktor, welcher die Eltern denken  lassen könnte, dass ihr Kind gestorben ist, ist ihr persönlicher Entscheid, dies zu tun. Wenn jedoch diese Wahl getroffen wird, besteht die Möglichkeit, dass die Eltern den Eindruck erhalten, dass sie selber ihr Kind „töten“. Und was wäre, bestände auch nur der kleinste Hoffnungsschimmer, ihr Kind lebend wiederzufinden? Nach Boss können diese Familien jedoch, durch Unterstützung und Widerstandskraft, die Fähigkeit zu betrauern, was verloren ging, und gleichzeitig anzuerkennen, was möglich ist, erlernen. (DeYoung,S. 359)

Gemäss Boss braucht es, um besser verstehen und helfen zu können, bessere wissenschaftliche Erkenntnisse betreffend der  spezifischen Besonderheiten dieser von Familien erlebten Situationen des Vermissens eines Kindes in ungeklärten Umständen und über eine lange Zeitdauer. Diese Fälle sind glücklicherweise selten, was andererseits aber auch die wissenschaftliche Forschung einschränkt. Die Fondation Sarah Oberson appelliert trotzdem an die Wissenschaft, sich dieser Frage anzunehmen.

Clara Balestra, 18.07.11


Boss, P. (1999). Ambiguous loss: Learning to live with unresolved grief. Cambridge, MA: Harvard University Press.

Bowers Duane T. (2007), A Child Is Missing : Providing Support for Families of Missing Children, National Center for Missing and Exploited Children, Alexandria, Virginia.

CICR (2003) «Les disparus: Action pour résoudre le problème des personnes portées disparues dans le cadre d’un conflit armé ou d’une situation de violence interne et pour venir en aide à leurs familles», Conférence internationale d’experts gouvernementaux et non-gouvernementaux Genève, 19 – 21 février 2003. http://www.icrc.org/fre/assets/files/other/irrc_849_disparus.pdf

Probst Favret Marie-Corinne (2009), «Enfants de père porté disparu: le deuil suspendu», in Betty Goguikian Ratcliff et Olivier Strasser (dir.), Clinique de l’exil. Chroniques d’une pratique engagée, Chêne-Bourg: Editions Georg, pp. 101-110.

Verstraeten Alice (2006), «La “ disparition forcée ” en Argentine. Occultation de la mort, empêchement du deuil, terreur, liminalité», Frontières, vol. 19, n° 1.

Young Robert, Buzzi Barbara (2003), Coping Strategies : the Differences among Parents of Murdered or abducted, Long-term Missing Children, Saint Thomas University, Miami, Florida, Omega, Vol. 47(4), p. 343-360.

Links
International Comittee of the Red Cross, Missing persons.

Genf : Kolloquium über die Familie, die Trennung und das Kind

7 Juni 2011

Innerhalb von zwei Jahrhunderten hat das Kind eine bedeutsame Stellung in der Familie und in der Gesellschaft erlangt. War das Kind in der Vergangenheit bloss ein Rechtsobjekt, das sich zu äussern nicht gefragt wurde, so ist es heute eine anerkannte Persönlichkeit und ein Rechtssubjekt geworden.

Leitartikel von Frau Geneviève Levine des Internationalen Instituts der Rechte des Kindes.

Innerhalb von zwei Jahrhunderten hat das Kind eine bedeutsame Stellung in der Familie und in der Gesellschaft erlangt. War das Kind in der Vergangenheit bloss ein Rechtsobjekt, das sich zu äussern nicht gefragt wurde, so ist es heute eine anerkannte Persönlichkeit und ein Rechtssubjekt geworden.

Ob gespalten, abgewertet, traditionell, getrennt, zusammengesetzt, mit einem Elternteil, mit homosexuellen Eltern oder interkulturell, die Familie von heute ist in ständiger Entwicklung. Nicht umso weniger behält sie eine vorrangige Einwirkung in Bezug auf die Vermittlung von Werten. Dies in dem Sinne dass sie das Kind als ein Subjekt betrachtet, als eine Person in der Familiengeschichte, die trotz allem fortdauert.
Die Association Internationale Francophone des Intervenants auprès des familles séparées (AIFI) wird in  ihrem 5. Kolloquium die Frage der Wandlung der Stellung und des Wortes des Kindes in der Familie  und in der Gesellschaft sowie jene der Auswirkungen der elterlichen Trennung auf das Kind behandeln.

Besteht in konfliktsträchtigen Verhältnissen nicht etwa die Gefahr, dass man die Aussagen des Kindes nicht in Betracht zieht oder dass man es der Manipulierung durch den einen oder anderen Elternteil aussetzt? Sind die Wünsche des Kindes immer mit seinem höheren Interesse vereinbar? Wie weit geht die Notwendigkeit, dass es sich äussert?

Das Institut für die Rechte des Kindes (IDE) und sein NGO Partner, der Internationale Sozialdient (SSI), haben mehrmals über die Fragen grenzübergreifender Sozialarbeit zusammengespannt.  Sie werden am Kolloquium der AIFI aktiv sein.

Die Schweizerische Stiftung des Internationalen Sozialdienstes und ihr Generalsekretariat  sind im Organisationskomitee dieses Kolloquiums vertreten. Anlässlich des Vorkolloquiums vom 26. Mai werden die Vertreter des SSI, vom Eröffnungsvortrag über die Gesamttätigkeit des SSI abgesehen, einen Beitrag  zur Bestandesaufnahme der internationalen Familienmediation einbringen.  Der SSI  wird im Rahmen eines themenbezogenen Work-Shops ebenfalls die Ehre haben, in Zusammenarbeit mit der Präsidentin des Ombuds-Komitees für die Rechte des Kindes von Luxemburg, Frau Marie-Anne Rodesch-Hengesh, seinen Standpunkt zur internationalen Kindsentführung darzulegen. Das wird es erlauben, die pluridisziplinäre Annäherung  des SSI zur Lösung von Familienkonflikten mit interkulturellen oder transnationalen Komponenten voranzutreiben. Diese Annäherung hat die Rechte des Kindes zur Grundlage : das Institut für die Rechte des Kindes (IDE) wird ebenfalls am Prekolloquium und bei der Tagung vom Freitag auftreten, wo Frau Paola Riva Gapany die internationale Vereinbarung über die Rechte des Kindes (1989) unter dem Gesichtspunkt der im Kolloquium behandelten Themen erläutern wird.

Dieser Artikel ist am 17.05.2011 in der Rubrik Edito-Actualité auf der Website Internationales Institut der Rechte des Kindes (IDE) erschienen.