Wer gemeinsames Sorgerecht sagt, meint alternierende elterliche Aufsicht?

4 Oktober 2011

Die Experten sind sich einig in der Affirmation, dass das gemeinsame Sorgerecht unter speziellen Rahmenbedingungen angewendet werden soll, welche vom Alter des Kindes und dem Willen beider Elternteile, dass Kind aus dem Konflikt als Paar herauszuhalten und eine elterliche Kooperation einzugehen, abhängig sind.

Am 28. Januar 2009 hat der Bundesrat eine Änderung des Zivilrechts  zur Beratung vorgelegt: das gemeinsame Sorgerecht soll für geschiedene Paare oder nicht verheiratete Paare zur Regel werden. Zurzeit bedingt die Ausübung des gemeinsamen Sorgerechts eine gemeinsame Anfrage beider Elternteile. Die Debatte um die Einführung dieser Regel dauert nun bereits mehr als zwei Jahren.

Mit dieser Gesetzesänderung startet die Schweiz einen Prozess, welcher in anderen westlichen Ländern bereits am Laufen ist. Die These, welche diesen Gesetzeswechsel stützt, basiert auf der Erkenntnis der Wichtigkeit der Beziehung des Kindes zu beiden Elternteilen, eine Voraussetzung, welche als außerordentlich wichtig für eine harmonische Entwicklung des Kindes erachtet wird.
Für die Kinder bedeutet der Kontakt die Kontinuität einer liebevollen Beziehung, ein Mittel um Kenntnisse und Informationen zu teilen, geeignete Verhaltensmodelle, Stabilität, eine durch das Familienleben bereicherte Erfahrung, Schutz und erhöhtes Selbstvertrauen sowie Gelegenheiten, problematische Beziehungen wieder aufzurichten und ihre Wahrnehmung in der Realität zu überprüfen (Hewitt, 1996; Sturge und Glaser, 2000).” (1)

Ist die folgende Etappe dieser Entwicklung eine sich alternierende Aufsicht? In der Schweiz ist diese Praktik noch keine Norm, weder in den Gerichten noch in der Gesellschaft (Art 133 al.3 ZVR). In Frankreich dagegen wird sie von den Gerichten befürwortet und in Kanada ist sie in der Gesellschaft bereits seit einigen Jahrzehnten weit verbreitet.

Die wissenschaftliche Forschung zu diesem Thema zeigt, dass diese Form der Aufsicht/Betreuung mittelfristig tatsächlich die Beziehungen der Kinder zu beiden Elternteilen unterstützt. Es existieren jedoch auch Schwachstellen (2).
Die Experten sind sich einig in der Affirmation, dass das gemeinsame Sorgerecht unter speziellen Rahmenbedingungen angewendet werden soll, welche vom Alter des Kindes und dem Willen beider Elternteile, dass Kind aus dem Konflikt als Paar herauszuhalten und eine elterliche Kooperation einzugehen, abhängig sind.

Einerseits ist das Alter des Kindes entscheidend, weil “der Säugling und anschließend das Kleinkind eine starke Verbindung zu einer „Bezugsperson“ braucht. Es handelt sich dabei um mindestens eine erwachsene Person, welche in einer Funktion einer intensiven „Mutterschaft“ „anerkannt“ wird” (3).
Berger zählt aus seiner Ausübung als Psychiater die unheilvollen Folgen für das Seelenleben und die Entwicklung betroffener Kinder auf, welche unter einem Mangel an einer beständigen Anwesenheit einer solchen Bezugsperson litten: Gefühle von Unsicherheit, depressive Gefühle, Schlafstörungen, Aggressivität, Vertrauensverlust in Erwachsenen, …

Mit dem Verlauf der Zeit, erwirbt das Kind großes Selbstvertrauen, ein Verständnis, dass es geliebt wird, ein breites Weltvertrauen und, paradoxerweise, lernt es, die Abwesenheit derer, die sich um es kümmern, zu ertragen, insbesondere auch die Abwesenheit der Bezugsperson.” (4) Ab dem Alter der Einschulung (ungefähr 6 Jahre) kann das Kind so besser diese Art von Abnabelung verarbeiten. Und zu diesem Zeitpunkt hat es auch das Recht, seine Meinung bezüglich eines gemeinsamen Sorgerechtes auszudrücken. Die Wichtigkeit seiner Teilnahme an diesem Entscheid ist fundamental, sei es für seine Entwicklung aber auch für das gute Funktionieren des täglichen Lebens.

Andererseits, wenn es eine große Rivalität unter den beiden Eltern gibt, wird die alternierende Betreuung oft zu einem vom Konflikt des Paares dominierten Schlachtfeld. Das Kind findet sich ungewollt im Spannungsfeld zwischen den beiden Elternteilen, versuchend, abwechslungsweise den einen oder anderen Elternteil zu verteidigen.

Auch hat diese Praktik, obschon seit längere Zeit bekannt, noch nicht die notwendige Langlebigkeit, um langfristig die Konsequenzen auf die Entwicklung des Kindes, auf den Erwachsenen, den es wird, messen zu können. Die Vorsicht sollte also die Regel sein (5).

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass die Lösung zur Unterkunft der Kindern von Eltern, welche sich getrennt haben, vielseitig sind und nicht ausschließlich auf der einen oder anderen Doktrine beruhen sollten. Jede Situation ist einzigartig. So soll sie auch einzeln analysiert und in regelmäßigen Abständen neu evaluiert werden um die Lösungsansätze aus einem ersten Moment gegebenenfalls an die tatsächlichen Begebenheiten des Alltagslebens anzupassen.
Soll das Recht sich auf einen Elternteil begrenzen? Nein, im Gegenteil: das Recht soll die Komplexität und soziale Diversität widerspiegeln. Es geht darum, flexible und offene Systeme von familiären Beziehungen zu verankern. Vor allem braucht das Kind sowohl eine genetische Sicherheit als auch ein Sicherheitsgefühl basierend auf der sozialen Ordnung.”(6)

Clara Balestra, 4.10.2011

Notes

(1) Rhonda Freeman et Gary Freeman (2004), ‘Gérer les difficultés de contact : une approche axée sur l’enfant’, in Journal du droit des jeunes, p. 237, sur http://www.observatoirecitoyen.be/article.php3?id_article=90
(2) Nadia Kesteman (2007), ‘La résidence alternée : bref état des lieux des connaissances socio juridiques’, in Recherches et Prévisions,  n° 89, septembre 2007, p. 83.
(3) Jean-Yves Hayez (2008), ‘Hébergement alterné : seul garant du bien de l’enfant ?’, in Revue de Santé mentale au Québec, XXXIII-6,209-215.
(4) Jean-Yves Hayez (2008), ‘Hébergement alterné : seul garant du bien de l’enfant ?’, in Revue de Santé mentale au Québec, XXXIII-6,209-215.
(5) Gravel Alain (2004), ‘Nomades malgré eux’,  in Enjeux, Radio-Canada, (consulté le 27.09.11) sur http://www.radio-canada.ca/actualite/v2/enjeux/niveau2_5658.shtml.
(6) Andrea Büchler (2008), L’amour est l’instant, le mariage est l’ordre, Fond national Suisse, Horizons, juin 2008, p. 28-30 (consulté le 27.09.11) sur http://www.nfp52.ch/f_dieprojekte.cfm?0=0&kati=0&Projects.Command=details&get=33