Stiftung Sarah Oberson wiedersetzt sich gegen Babyklappen

28 Januar 2013

Die Stiftung Sarah Oberson möchte zu diesem gesetzgebenden Vorschlag Stellungnehmen und die Aufmerksamkeit auf dieses Konzept lenken, dessen Verwirklichung den Rechte des Kindes und den Rechte der Eltern widerspricht und dessen Wirksamkeit im Kampf gegen Kindstötung bis zu diesem Tag nicht erwiesen werden konnte.

Infolge der Annahme der Motion 1.232 betreffend des Schutzes vor Kindstötung und Aussetzung durch den Grossen Rat am 5. November 2012,, muss der Staatsrat nun einen Vorschlag zur Einrichtung einer Babyklappe im Wallis ausarbeiten.

Die anonyme Abgabe von Neugeborenen widerspricht zahlreichen internationalen Abkommen, darunter das Übereinkommen über die Rechte des Kindes (KRK) und der Europäischen Menschenrechtskonvention (EMRK). Sie verletzt die Rechte des Kindes, insbesondere das Recht, seine Herkunft zu kennen und durch seine Eltern grossgezogen zu werden (Art. 7 Para. 1 der KRK), wie auch das Recht, mit beiden Elternteilen in einer persönlichen Beziehungen zu stehen (Art. 9 Para. 1 & 3 der KRK); Rechte, welche für die Identitätsentwicklung eines Kindes entscheidend sind. Der Ausschuss für die Rechte des Kindes hat in seinen Empfehlungen an die Staaten gegen die Einsetzung von Babyklappen Stellung genommen.

Eine europäische Studie aus dem Jahr 2012 (1) warnt vor den möglichen Nebeneffekten einer solchen Anlage. Wie kann zum Beispiel überprüft werden, dass die Aussetzung mit dem Einverständnis der Mutter oder in Übereinstimmung mit ihren Rechten stattfand? Babyklappen stellen ein enormes Mittel zur Druckausübung auf die Mutter dar, ohne dass jegliche Art der Überprüfung oder auch Unterstützung möglich ist.

Während die Motion 01.232 akute Überforderungs- und Notsituationen der Eltern als Ursachen für Kindstötung oder seine Aussetzung an einem gefährlichen Ort nennt, erwähnt sie jedoch nicht, auf welche Art Babyklappen diese verzweifelten Eltern unterstützen können; tatsächlich bleiben die Eltern, aufgrund der Anonymität der Anlage, in ihrer Not alleine gelassen. Aus diesen Gründen sind wir der Auffassung, dass Babyklappen in der Lage sind, für das Kind, als auch für die Mutter, gefährliche Seitenwege zu eröffnen.

Solche Anlagen sind seit dem Mittelalter bekannt und wurden bis ins letzte Jahrhundert benutzt; sie wurden jedoch in dem Moment abgesetzt, als die Dienste zum Schutze des Kindes in Kraft traten. Es ist deshalb verwunderlich, dass sie nun wieder eingeführt werden, obwohl ihre Wirksamkeit im Kampf gegen Kindstötung (oder Aussetzung eines Neugeborenen an einem Ort, welcher für das Kind nur minime Überlebenschancen bietet) nie bewiesen werden konnte. In den europäischen Ländern, welche solche Anlagen zur Verfügung stellen, ist die Zahl der Kindstötung nicht gesunken.

Im Laufe von 20 Jahren hat der Kanton Wallis 4 Entdeckungsfälle von verstorbenen Neugeborenen verzeichnet : im Jahr 1992, 1994, 1998 und 2007. Niemand kann sagen, ob diese Neugeborenen durch eine Babyklappe hätten gerettet werden können, da es keine Hinweise darauf gibt, dass die Menschen, welche die kriminelle Handlung einer Kindstötung begehen, dieselben sind wie die, welche sie in einer Babyklappe aussetzen.

Ausserdem möchten wir Sie daran erinnern, dass der Nationalrat im Mai 2009 entschieden hat, nicht auf zwei Initiativen, welche erlaubt hätten, der anonymen Entbindung (Wehrli, 08.454) als auch der Entbindung in einem diskreten Rahmen (Tschümperlin, 08.493) einen legalen Rahmen zu geben, eingetreten ist. Der Nationalrat ist den Argumenten der Kommission für Rechtsfragen RK gefolgt. Einerseits unterstreicht die Kommission, sich auf das Französische Beispiel abstützend, dass die Statistiken nicht aufzeigen, dass durch Entbindungen in der Anonymität die Fälle von Aussetzungen verringert werden. Die „Gesetzgebung erfülle deshalb nicht die von den zwei Initiativen beabsichtigte Zielsetzung, der Schutz des Lebens”. Andererseits widersprechen die zwei Initiativen der Konstitution der Schweiz und mehreren internationalen Übereinkommen welche dem Kind das Recht zusprechen, seine Herkunft zu kennen.

Die Stiftung finde deshalb, dass sehr vorsichtig vorgegangen werden muss und dass das Wallis nicht in diese Stossrichtung eintreten sollte; wenn man Kindern und ihren Müttern in Not helfen will, sollten andere Mittel eingesetzt werden. Die Babyklappe ist sicher eine sehr schlechte Antwort auf ernstzunehmende Probleme (Kindstötung und Aussetzung von Kindern). Bereits existierende (oder im Falle von ungenügender Leistung weiter-zuentwickelnde) Dienste zur Unterstützung der Eltern, Dienste zur Familienplanung und vorläufige Aufnahmeorte verfügen über Handlungsweisen, welche sowohl die Kinder, ihre Eltern als auch ihre Rechte respektieren; diese sollten diesem falschen guten Konzept übergeordnet werden.

(1) Browne Kevin, (2012), Child Abandonment and its Prevention in Europe, The University of Nottingham, The European Commission Daphné Program, UK.

Babyklappen : nützlich oder gefährlich

10 Juli 2012

Die Anzahl von Kindstötungen und Abgaben in für das Überleben des Kindes gefährlichen Situationen bleibt, trotz Einführung der Babyklappen, beunruhigend. Die Grenzen und die möglichen Folgen dieser Praxis verlangen zumindest eine sorgfältige Handhabung. Forscher, Fachleute und Politiker kommen überein zu sagen, dass man gegenüber dem immer beunruhigerendem Phänomen der Abgabe von Kindern in Europa handeln muss. Als erstes müssen zuverlässige Daten gesammelt werden, um dieses Phänomen besser kennen lernen und angemessene Massnahmen verwirklichen zu können.

http://large.canalblog.com/archives/2012/03/21/23819026.html
Foto von Vigousse

Der Ausschuss für die Rechte des Kindes, ein Organ der UNO, welches die Umsetzung der Rechte des Kindes auf der ganzen Welt garantiert, erhebt sich gegen die immer grösser werdende  Anzahl von Babyklappen in Europa. Diese Praxis widerspricht den Rechten des Kindes. Unter anderem gegen die Rechte, seinen Ursprung zu kennen und persönliche Beziehungen zu seinen Eltern aufrecht zu erhalten – fundamentale Rechte für das Wohl des Kindes.

Der Ausschuss ersucht die zugehörigen Staaten inständig, alle Maßnahmen zu ergreifen, welche sich eignen, um dem Programm „Babyklappen“ in kürzester Frist ein Ende zu setzen und ohne Verzögerung alternative Programme zu fördern und verstärken, unter voller Berücksichtig der Verpflichtung, sich streng an alle Verfügungen des Übereinkommens zu halten. ” (CRC / C / CZE / 3-4 / punkt 50) (Übersetzung)

Die Studie von Browne von 2012 analysiert und vergleicht die in den unterschiedlichen europäischen Ländern angenommenen Normen und Verfahren bezüglich der Abgabe von Kindern, die Babyklappen wurden dabei ebenfalls überprüft. Nebst der Debatte zwischen dem Recht auf Leben und dem Recht, seine Ursprünge zu kennen – wie bereits in L’abandon anonyme des nouveau-nés  erwähnt wurde, zeigt diese Studie beunruhigende Punkte bezüglich gängiger Praktiken auf, ohne sich jedoch über seine Grundlagen zu äussern.

Über die Einführung dieser Babyklappen hinaus gibt es ein erschütterndes Defizit betreffend der Daten bezüglich der Abgabe von Kindern in Europa: die Anzahl von ausgesetzten Kindern und von Kindstötungen, die Gründe dieser Abgaben, die Probleme und die Bedürfnisse der abgegebenen Kindern, die Charakteristiken der Frauen, die ihre Kinder aussetzen oder töten, …. dieser Mangel verhindert ein umfassender und wirksamer Zugang, welcher ein erfolgreiches Voranschreiten im  Kampf gegen die Abgaben ermöglichen würde. Er trägt auch dazu bei zu glauben, dass gefundene Lösungen, um diesem Phänomen zu trotzen, wie unter anderem die Babyklappen, nicht Früchte von empirischen Erkenntnissen sondern von unbestätigten Theorien sind, welche im Dunkeln der Nacht entstanden.

Die Wirksamkeit
Die Babyklappen sind eine der Antworten, welche aus dem Mittelalter stammen, um, gemäss ihren Befürwortern, Kindstötungen, das Aussetzen von Neugeborenen in Kontexten, welche ihr Leben gefährden könnten, und eventuell, die Anzahl von Abtreibungen und von Misshandlungen von Kindern, zu verringern.

Frau Herczog, Mitglied des Ausschusses für die Rechte des Kindes, äussert sich wie folgt: “Just like medieval times in many countries we see people claiming that baby boxes prevent infanticide … there is no evidence for this.” Tatsächlich beweisen Studien, dass sich die Anzahl von Kindstötungen in Deutschland und in Österreich seit der Einführung von Babyklappen nicht verringert hat, ganz wie in der Stadt Budapest.

Diese Wirkungslosigkeit ist, nach Browne, ebenso durch die Tatsache bedingt, dass die Information des Vorhandenseins dieser Alternative zur Kindstötung nicht bis zu den betroffenen Frauen dringt wie man ignoriert, wer seine Kinder in die oben erwähnten Babyklappen legt. Des Weiteren zweifeln österreichische Studien die erstgenannte Hypothese, die besagt, dass die Frauen, die ihr Baby töten, dieselben seien, wie die, welche ihr Kind in einer Babyklappe abgeben würden, an.

Die Wirksamkeit der Babyklappen konnte nicht überprüft werden. Ohne empirische Daten ist es hinfällig, in der Analyse weiter voranzuschreiten.

Die Grenzen
Mit anderen Kindsabgabemethoden verglichen, wie z.B. die Entbindung unter X und das amerikanische Gesetz ‘safe haven laws‘, weist die Bereitstellung einer Babyklappe gewichtige Lücken auf. Sie berücksichtigt nicht die Gefahren einer einsamen Entbindung, sie erlaubt keine Überprüfung der Einwilligung der Mutter bezüglich der Abgabe des Neugeborenen – und noch schlimmer, sie entzieht der Mutter die Möglichkeit, eine professionelle Unterstützung zu erhalten.

Diese Unterstützung scheint wirksam zu sein um gewisse Abgaben zu vermeiden, indem sie den  Frauen die Hilfe anbieten, die sie brauchen – wie eine rumänische Studie bei Frauen, welche offen ihre Kinder verlassen, vorschlägt. Die für die Bedürfnisse ihrer Kinder sensibilisierten Müttern sind manchmal einverstanden, einige persönliche, medizinische und/oder familiäre Daten zurückzulassen, die dem Kind erlauben, die Abgabe mit einem weniger gewichtigen Ausmass von Ängsten zu erleben.
Und schlussendlich geben die zwei anderen, gesetzlichen Kindsabgabemethoden dem Vater oder der erweiterten Familie die Möglichkeit, sich dem Kind zu widmen; Alternativen, die im Falle der Babyklappe nicht vorhanden sind. (Browne, p. 24)

Die Folgen
In einem ungarischen Krankenhaus haben die Portiers, trotz der Tatsache, dass dies eigentlich nicht möglich sein sollte, sehen können, dass von 16 abgegebenen Kindern in der Babyklappe 15 von Männer hineingelegt wurden. Anekdotische Situationen, die aber eine eigene Sprache sprechen. Wie kann überprüft werden, ob die Abgabe mit der Einwilligung der Mutter und im Einklang ihrer Rechte zustande kam? Die Babyklappen sind möglicherweise ein Druckmittel, ohne dass irgendeine Art der Überprüfung oder auch Unterstützung anvisiert werden. (Browne, p. 29)

Die Adaption, vor allem die internationale, ist zur Zeit ein einträgliches Geschäft. Die Praxis der Babyklappe kann Türen in verderbliche Dunkelzonen öffnen. ” Gegenwärtig (so Frau Herczog) bedient das System zuerst und vor allem die Interessen der zukünftigen Adoptiveltern.” Browne hat festgestellt, dass die Daten betreffend der Aussetzung von Kindern in diesen Strukturen nicht auf systematische Weise erfasst werden, was eine seriöse Betreuung in der Weiterbegleitung und des Werdegangs der Kinder verhindert.

Eine europäische Studie hat einen positiven Zusammenhang festgestellt zwischen der Anzahl von Kindern (unter 3 Jahren) in Institution und der Anzahl von erfolgten internationalen Adoptionen. Andere Studien haben aufgezeigt, dass Frauen ermuntert wurden, ihre Kinder wegzugeben, um der Nachfrage der internationalen Adoption zu entsprechen.

Die Babyklappen beinhalten in erster Linie sowohl für die Mutter als auch für das Kind gefährliche Nachfolgen.

Schlussfolgerung
Die Anzahl von Kindstötungen und Abgaben in für das Überleben des Kindes gefährlichen Situationen bleibt, trotz Einführung der Babyklappen, beunruhigend. Die Grenzen und die möglichen Folgen dieser Praxis verlangen zumindest eine sorgfältige Handhabung.

Forscher, Fachleute und Politiker kommen überein zu sagen, dass man gegenüber dem immer beunruhigerendem Phänomen der Abgabe von Kindern in Europa handeln muss. Als erstes müssen zuverlässige Daten gesammelt werden, um dieses Phänomen besser kennen lernen und angemessene Massnahmen verwirklichen zu können.

Der Ausschuss für die Rechte des Kindes ersucht die zugehörigen Staaten inständig, alle notwendigen Massnahmen zu ergreifen, um zu gewährleisten, dass die Eltern in erster Linie imstande sind, ihrer Pflicht ihren Kindern gegenüber Folge zu leisten; den Eltern zu helfen, ihre Pflicht zu erfüllen, besonders indem Mängel, Störungen und Ungleichgewichte gemildert werden, welche im Verdacht stehen, das Kind negativ zu beeinflussen und einzugreifen, wenn das Wohl des Kindes gefährdet sein könnte. Die zugehörigen Staaten sollen im Allgemeinen darauf abzielen, die Anzahl von abgegebenen Kindern oder Waisen und diejenige von Kindern, welche eine Unterbringung in einer Institution oder in einer anderen Formen der langfristigen Übernahme erfordern, zu verringern; mit Ausnahme der Fälle, wo diese dem Wohl des Kindes dienlich sind. (Siehe auch VI). » Point 18 Obs. Gén. N° 7 (Übersetzung)

(Français) L’accouchement sous X ne passe pas la barrière du Conseil national

6 Oktober 2009