Junge Menschen in Schwierigkeiten : Wie kann der kulturelle Hintergrund einbezogen werden?

23 August 2011

Soziokulturelle Initiativen mit dem Ziel einer globaleren Integration könnten den Eltern von Jugendlichen wie Alban sicherlich helfen, eine Grundlage für eine bessere Zukunft ihrer Kinder “der zweiten Generation“ zu schaffen.

Leiterartikel von Richter Michel Lachat, Präsident des Jugendgerichtes, Freiburg, Schweiz, Vorstandsmitglied der Stiftung IRK.

Alban*, ein junger Migrant albanischer Sprache, der in Serbien auf die Welt und mit vier Jahren in die Schweiz gekommen ist, hat seit der Primarschule einen grossen Widerstand gegenüber Behörden und Autoritätspersonen, sowie übermäßige und unbeherrschte Reaktionen gezeigt. In der Sekundarschule begeht Alban seine ersten Verstöße, welche, begleitete durch schulische Probleme, zu einer Vormundschaft führen.

Mit sechzehn Jahren überschreitet er zum ersten Mal die Türschwelle des Jugendgerichtes, obwohl Klagen, welche ihn betreffen (und welche allesamt außergerichtlich geregelt wurden) bereits seit seinem zwölften Lebensjahr registriert wurden. Im Dezember 2008 wird er für leichte körperliche Verletzungen und Übertretung des Betäubungsmittelgesetzes zu einer Gefängnisstrafe von sieben Tagen verurteilt.

Das Strafrecht für Minderjährige garantiert den Schutz des Kindes, welcher diese als verletzbar erachtet und auf spezielle Ziele hinarbeitet. In der Schweiz beinhaltet die letzte Reform dieses Rechtes aus dem Jahr 2007 eine erzieherische Komponente, welche insbesondere die Absicht des Bewusstwerdens seitens des Jugendlichen verfolgt.

In Angesicht dieser spezifischen Absichten kann der Richter, welcher sich über die persönliche Situation eines jeden Delinquenten kundig macht, sich die manchmal delikate Reflexion über die Frage nach dem Einfluss der Migration nicht ersparen.

Doch zurück zu Alban: die Familie des jungen Mannes hat aus wirtschaftlichen Gründen eine zweifache Migration erlebt. Von 1988 bis 1996 lebte der Vater in der Schweiz, wo sich ihm dann die Familie anschloss. Nun, es ist wichtig zu wissen, dass in der Tradition des ländlichen Albaniens während sehr langer Zeit eine Mädchen-Jungen Diskrimination praktiziert wurde, in welcher letztere seit ihrer Kindheit eine Rolle der Repräsentation der männliche Autorität innehaben. Die beinhaltet seitens der männlichen Mitglieder der Familie eine Schutzfunktion über die Frauen der Familie, in Austausch mit der Subordination dieser.

Die Widervereinigung der Familie und der Aufenthalt in der Schweiz schufen für Alban, welcher nie mit seinem Vater zusammengelebt hat, eine völlig neue Situation. Er wurde jedoch weder in seine wirkliche Rolle als Kind zurück versetzt, noch wirklich ersetzt, da der Vater sehr wenig in die Erziehung seines Nachwuchses investierte. Als Arbeiter ohne Qualifikation musst er ohne Unterlass arbeiten, um die Familie über Wasser zu halten. Im Gegensatz zur Mutter, deren Bewegungsraum sich auf die Wohnung beschränkte, zeichnete sich der Vater durch seine Abwesenheit aus.

Eine Abwesenheit, die, mit dem Desinteresse beider Elternteile betreffend des sozialen Lebens ihres Sohns kombiniert, diesem die Möglichkeit gegeben hat, auf unkontrollierte Art und Weise zu agieren und ohne ihr Wissen auf mehreren „Hochzeiten gleichzeitig zu tanzen“. Durch die Justiz einberufen, fielen dieselben Eltern durch die Beschwörung des strafbaren Verhaltens ihres Sohnes aus allen Wolken.

Wie kann also diesem jungen Mann geholfen werden, der die albanische Tradition zu Hause achtet, und welcher außerhalb ohne einen Anhaltspunkt versucht, sich wie ein junger Schweizer zu benehmen? Wie kann ihm geholfen werden, diese beiden Kulturen zu verbinden?

Das erzieherische Defizit ist kein Los der einwandernden Familien. Es wird jedoch in unseren Gerichten festgestellt, dass die Unterschiede der Kulturen auf nicht unwesentliche Art und Weise Erzieherische-, Schulische- und Familienschwierigkeiten betonen. Und so sind in der Arbeit des Richters die Kommunikation, die Untersuchungen, sowie die Schutz- und Hilfsmaßnahmen ebenfalls davon betroffen.

Die Schweiz, welche seit 2001 Maßnahmen zur Integrierung von Migrationsbetroffenen anwendet, fokussiert sich auf die wirtschaftliche Integration und der Erwerb der lokalen Sprache. Soziokulturelle Initiativen mit dem Ziel einer globaleren Integration könnten den Eltern von Jugendlichen wie Alban sicherlich helfen, eine Grundlage für eine bessere Zukunft ihrer Kinder “der zweiten Generation“ zu schaffen.

*Vorname geändert

Verweis: LACHAT, M. La prise en compte de la culture en droit pénal suisse des mineurs, In : Droit pénal et cultures, réflexions, (Dir. José Hurtado Pozo & Thierry Godel), Université de Fribourg & Shulthess Editions romandes, 2010

Dieser Artikel ist am 16.08.2011 in der Rubrik Edito-Actualité auf der Website Internationales Institut der Rechte des Kindes ( IDE) erschienen.