NGO-Bericht zur Umsetzung der UNO-Kinderrechtskonvention ortet viel Handlungsbedarf

28 April 2014

Im Juni 2014 wird die Schweiz zum zweiten Mal vom UNO-Kinderrechtsausschuss geprüft. Im Zentrum steht dabei die Frage, was die Behörden tun müssen, um die Situation von Kindern zu verbessern. Der Ende März 2014 veröffentlichte Schattenbericht des Netzwerks Kinderrechte Schweiz zeigt in aller Deutlichkeit auf, wo der Schuh drückt.

Von Humanrights.ch, 27.03.14

Fehlende Koordination führt zu grossen Unterschieden

«In der Schweiz haben Kinder und Jugendliche nicht die gleichen Chancen, sie werden trotz gleicher Rechte je nach Kanton und Status ungleich behandelt», moniert Christina Weber Khan, Präsidentin des Netzwerks Kinderrechte Schweiz. Die Schweiz habe die Konvention über die Rechte des Kindes (KRK) vor siebzehn Jahren in Kraft gesetzt, aber eine Koordination zwischen Bund und Kantonen für deren Umsetzung fehle noch immer. Michael Marugg, Autor des NGO-Berichts, ergänzt, die vom Bund oder Kantonen ergriffenen Massnahmen hätten keinen programmatischen Charakter und ihre Nachhaltigkeit sei deshalb fragwürdig. Ausserdem sei keine der vom UNO-Ausschuss im Jahr 2002 an die Schweiz gerichteten Empfehlungen fristgerecht umgesetzt worden.

Die Rechte von besonders Verletzlichen bleiben auf der Strecke

Die mangelhafte Beachtung und Umsetzung der UNO-Kinderrechtskonvention in der Schweiz bleibt nicht ohne direkte Folgen für die Lebensrealität der Kinder und Jugendlichen. Besonders verletzlichen Gruppen von Kindern und Jugendlichen wie Kindern mit Behinderungen, von Armut betroffenen Kindern, unbegleiteten und asylsuchenden Minderjährigen oder Minderjährigen im Freiheitsentzug werden häufig mehrere ihrer Rechte vorenthalten, so z.B. das Recht auf Bildung (Art. 28 KRK), auf das Zusammenleben mit den Eltern (Art. 9 KRK), auf besonderen Schutz und Beistand ausserhalb der Familie (Art. 20) oder auf Ruhe und Freizeit (Art. 31 KRK).

Zudem werden Kinder generell zu selten angehört, wenn es um Verfahren geht, die sie betreffen (Art. 12 KRK). Insgesamt werde das übergeordnete Wohl des Kindes von Politik, Gesetzgebung, Verwaltung und Justiz sehr häufig nicht berücksichtigt, schreibt das Netzwerk Kinderrechte in seiner Medienmitteilung. Zur Bekämpfung dieses Missstands fordert es unter anderem die Erarbeitung eines nationalen Aktionsplans zur Umsetzung der Kinderrechtskonvention und die Schaffung einer nationalen Menschenrechtsinstitution mit einem expliziten Auftrag im Bereich der Kinderrechte.

Das Netzwerk Kinderrechte Schweiz ist ein Zusammenschluss von 43 Schweizer Nichtregierungsorganisationen, darunter Pro Juventute, Kinderschutz Schweiz, terre des hommes Schweiz. Zu den unterstützenden Organisationen gehört auch humanrights.ch.

Dokumentation

Das Recht des Kindes auf Anhörung in der Schweiz. Vom reaktiven Modus zur Proaktivität

6 Januar 2014

Das Recht des Kindes auf Anhörung bei allen Entscheidungen, von denen es betroffen ist, stellt für alle Vertragsstaaten der UNO-Kinderrechtskonvention (KRK) eine Verpflichtung dar. Die Einschränkungen dieses Rechts (Alter und Beurteilung der Reife des Kindes) sind diesem Grundsatz unterstellt und nicht umgekehrt. Die zuständigen Behörden neigen aber dazu, sich hinter diesen Einschränkungen zu verstecken, um die Nichtanwendung des Grundsatzes zu rechtfertigen.

Von Schweizerisches Kompetenzzentrum für Menschenreschte, 11.12.13

Obschon regelmässig auf diesen Umstand hingewiesen wird, lässt die Umsetzung einer proaktiven Kinder- und Jugendpolitik in der Schweiz bisher noch auf sich warten, wie die Antworten des Bundesrats auf die Interpellation und die Anfrage Reynard bezeugen.

Das Recht des Kindes auf Anhörung (Art. 12 KRK) und dessen Anwendungsbereiche

Gemäss der Allgemeinen Bemerkung Nr. 12 des UNO-Kinderrechts-Ausschusses muss das Recht auf Anhörung im Sinne von Art. 12 KRK in folgenden Anwendungsbereichen ausgeübt werden können:

1.    in der Familie

2.    in der ausserfamiliären Betreuung

3.    im Gesundheitswesen

4.    in Bildung und Schule

5.    in Spiel, Erholung, Sport und kulturellen Aktivitäten

6.    am Arbeitsplatz

7.    in Gewaltsituationen

8.    bei der Ausarbeitung von Präventionsstrategien

9.    in Einwanderungs- und Asylverfahren

10.    in Notsituationen

11.    auf der nationalen und der internationalen Ebene

Heute behindern noch zahlreiche kulturelle, politische oder wirtschaftliche Schranken die Meinungsäusserung der Kinder (als Individuen oder als Gruppe) und den ernsthaften Einbezug ihrer Meinung. Einige Gruppen ausgegrenzter oder diskriminierter Kinder sind besonders benachteiligt, wenn es darum geht, ihre Ansicht einzubeziehen. Der Ausschuss für die Rechte des Kindes betont, dass den konkreten Fördermassnahmen grosse Bedeutung zukommt: Aufklärung über das Recht des Kindes auf Anhörung, Ausbildung qualifizierter Fachleute in der Fähigkeit, Kinder zu verstehen, kindergerechte Methoden und Tools und im weiteren Sinne die Etablierung einer «Kultur der Rechte des Kindes». Die Staaten müssen gemeinsam mit den Akteuren der Zivilgesellschaft und der Bevölkerung die erforderlichen Mittel bereitstellen, damit sich die Prozesse etablieren können, welche die Anhörung und den echten Einbezug der Kinder bei den Entscheidungen, von denen sie betroffen sind, fördern.

Ein weiteres wichtiges internationales Instrument ist die Empfehlung des Europarates über die Partizipation von Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren, die den Schwerpunkt auf den Einbezug der Kinder bei den Entscheidungen, von denen sie betroffen sind, legt. Dies muss in allen Kontexten möglich sein, auch in den Schulen, den lokalen Gemeinschaften und in der Familie. Da die Schweiz Mitgliedsland ist, ist diese Empfehlung auch an sie gerichtet (vgl. Empfehlung des Europarats über die Partizipation von Kindern und Jugendlichen, SKMR-Newsletter vom 2.5.2012).

Einige Etappenziele in der Schweiz

Die Bieler Tagung 2010 «Kindern zuhören. Das Recht auf Meinungsäusserung und Anhörung» war ein wichtiger Schritt. Die Schlussfolgerungen der Tagung gelten grösstenteils immer noch. Auch die Empfehlungen, die im Bericht der Eidgenössischen Kommission für Kinder- und Jugendfragen zu finden sind, sind heute noch aktuell, insbesondere diejenigen, welche die Information über Art. 12 KRK und die Ausbildung von Fachpersonen betreffen. Die meisten Akteure sind sich darin einig, dass es zwei strategische Stossrichtungen zu entwickeln gilt. Bezüglich der bereits erbrachten Anstrengungen gehen die Ansichten aber offenbar weiter auseinander: Vergleicht man den offiziellen Bericht der Schweiz (Zweiter, dritter und vierter Bericht der Schweizerischen Regierung zur Umsetzung des Übereinkommens über die Rechte des Kindes) und den vom Netzwerk Kinderrechte Schweiz publizierten Zweiten NGO-Bericht an den Ausschuss für die Rechte des Kindes, stellt man fest, dass der offizielle und der alternative Bericht die Schwerpunkte unterschiedlich auf die 11 Anwendungsbereiche verteilt, die der Ausschuss für die Rechte des Kindes aufgezählt hat.

Zu den am stärksten diskutierten Anwendungsbereichen gehören: die Schule, die Immigration und das Asylwesen sowie der staatliche Bereich (Teilhabe an politischen und gesellschaftlichen Prozessen). Andere Anwendungsbereiche werden hingegen nicht oder kaum diskutiert. Beispielsweise die Partizipation in der Familie, in der ausserfamiliären Betreuung, im Gesundheitsbereich, in Gewaltsituationen usw.

Am 11. September 2013 fand im Bundeshaus eine Sitzung der Parlamentarischen Gruppe Kinder und Jugend statt. Sie befasste sich mit den „Herausforderungen und Möglichkeiten für das Anhörungsrecht von Kindern in der Schweiz“. Es ging insbesondere darum, die Implikationen aufzuzeigen, die sich aus der Ratifizierung der Kinderrechtskonvention durch die Schweiz für den Rechtsrahmen und die Praxis hinsichtlich der Anhörung von Kindern in allen Fragen, die sie betreffen, ergeben. Diskutiert wurde über das Alter, ab welchem die Kinder angehört werden, über die Ausbildung sowie über die Zeit, die Richter/innen zur Verfügung steht, um diese Pflicht zu erfüllen, über den Föderalismus sowie über die Statistiken zur Zahl der angehörten Kinder.

Schliesslich reichte Nationalrat Mathias Reynard am 26. September 2013 eine Interpellation ein und wies auf den Mangel an statistischen Daten sowie die Tatsache hin, dass insbesondere bei Scheidungen die Anhörung von Kindern allzu selten ist. Er bat den Bundesrat, diese unbefriedigende Situation zu erklären und sich dazu zu äussern, ob Massnahmen zur Verbesserung der Ausbildung und der Aufklärung über das Recht des Kindes auf Anhörung vorgesehen sind. Die Antwort des Bundesrates erfolgte nach zwei Monaten und umfasste weniger als eine Seite.

Darin verweist der Bundesrat vorerst auf die gesetzlichen Grundlagen und anerkennt sodann, dass die Praxis nicht einheitlich sei, dass es bei den zuständigen Behörden ein Informationsdefizit gebe und dass Statistiken zur Umsetzung des Rechtes des Kindes auf Anhörung fehlten. Um diesen Umstand zu erklären, weist er auf die Vielzahl der Verwaltungsverfahren und auf den Ermessensspielraum hin, den die Kantone insbesondere bei der Rechtsprechung geniessen. Angesichts des bereits bestehenden öffentlichen und privaten Angebots sieht der Bundesrat «derzeit keinen Bedarf für zusätzliche besondere Informations- oder Aufklärungstätigkeiten».

In dieser Antwort ist die übliche defensive Haltung zu finden («Anhörungen des Kindes um der Anhörung willen [sind] zu vermeiden»), die darin besteht auszuweichen, indem die Beschränkungen des Rechts (Nichtanhörung der Kinder aus berechtigten Gründen) vorgebracht werden. Die Antwort auf die erste Frage der Interpellation fällt in der Tat recht kurz aus und ein differenzierter Bezug auf die 11 oben genannten Anwendungsbereiche fehlt.

Nationalrat Reynard reichte zudem eine Anfrage zur Altersgrenze, ab welcher in der Schweiz ein Kind angehört werden kann, ein. In dieser Anfrage äusserte er sich erstaunt über die diesbezügliche Beschränkung durch das Ausländergesetz (AuG), welches festlegt, dass die vom Familiennachzug betroffenen Kinder erst angehört werden, wenn sie 14 Jahre oder älter sind.

Der Bundesrat kommt in seiner Antwort zu folgendem Schluss: «In der Praxis können die Behörden jedoch auch Kinder unter 14 Jahren anhören, sofern dies notwendig erscheint.» Dies scheint Art. 47 Abs.4 AuG zu widersprechen, der vielmehr besagt: «Kinder über 14 Jahren werden zum Familiennachzug angehört, sofern dies erforderlich ist.»

Mehr Proaktivität

Die Interpellation und die Anfrage Reynard sollten den Bund ermutigen, die gesetzlichen Grundlagen dahingehend zu verbessern, dass die Partizipation und die Vertretung der Kinder in den genannten Verfahren garantiert werden. Leider entschloss sich der Bundesrat gegen diesen entscheidenden Schritt, den die Kinder berechtigterweise von ihm erwarten dürfen. Er beantwortete die Anfrage zurückhaltend, teilweise defensiv, und schob dem Föderalismus die Schuld zu.

Zwar ist es richtig, dass die Kantone für die Politik gegenüber Kindern verantwortlich sind, allerdings kommt dem Bund im Sinne von Art. 2 KRK über die Nichtdiskriminierung die Rolle zu, Ungleichbehandlungen aufgrund des Wohnkantons der Kinder möglichst zu minimieren. Die Kinder sind Träger aller in der KRK enthaltenen Rechte. Die Rechte auf Schutz und Bereitstellung von Infrastrukur sind in der Schweiz wohl relativ gut gewährleistet – wie aber sieht das mit den Partizipationsrechten aus, von denen das Recht auf Anhörung (Art. 12 KRK) das Wichtigste ist? In diesem Punkt sind die kantonalen Ungleichheiten bestimmt am Grössten. Die Erwartung ist also berechtigt, dass ein weiterer, diesmal entscheidender Schritt unternommen wird, um die immer wieder aufgeworfenen Probleme effektiver anzugehen.  Denn in der Praxis ist klar erkennbar, wo heute die Grenzen liegen. Es geht darum, eine deutliche Verbesserung der operativen Synergien zwischen den verschiedenen Diensten, deren Tätigkeit Kinder und Jugendliche betrifft, zu erreichen. Eine durchgängige Kinder- und Jugendpolitik beruht insbesondere auf der Entwicklung eines Systems für die Erfassung zuverlässiger Daten und aussagekräftiger Indikatoren sowie darauf, dass Staatspolitiken ermittelt und verfolgt werden, welche die Sicht der Kinder stärker einbeziehen.

Babyklappen : nützlich oder gefährlich

10 Juli 2012

Die Anzahl von Kindstötungen und Abgaben in für das Überleben des Kindes gefährlichen Situationen bleibt, trotz Einführung der Babyklappen, beunruhigend. Die Grenzen und die möglichen Folgen dieser Praxis verlangen zumindest eine sorgfältige Handhabung. Forscher, Fachleute und Politiker kommen überein zu sagen, dass man gegenüber dem immer beunruhigerendem Phänomen der Abgabe von Kindern in Europa handeln muss. Als erstes müssen zuverlässige Daten gesammelt werden, um dieses Phänomen besser kennen lernen und angemessene Massnahmen verwirklichen zu können.

http://large.canalblog.com/archives/2012/03/21/23819026.html
Foto von Vigousse

Der Ausschuss für die Rechte des Kindes, ein Organ der UNO, welches die Umsetzung der Rechte des Kindes auf der ganzen Welt garantiert, erhebt sich gegen die immer grösser werdende  Anzahl von Babyklappen in Europa. Diese Praxis widerspricht den Rechten des Kindes. Unter anderem gegen die Rechte, seinen Ursprung zu kennen und persönliche Beziehungen zu seinen Eltern aufrecht zu erhalten – fundamentale Rechte für das Wohl des Kindes.

Der Ausschuss ersucht die zugehörigen Staaten inständig, alle Maßnahmen zu ergreifen, welche sich eignen, um dem Programm „Babyklappen“ in kürzester Frist ein Ende zu setzen und ohne Verzögerung alternative Programme zu fördern und verstärken, unter voller Berücksichtig der Verpflichtung, sich streng an alle Verfügungen des Übereinkommens zu halten. ” (CRC / C / CZE / 3-4 / punkt 50) (Übersetzung)

Die Studie von Browne von 2012 analysiert und vergleicht die in den unterschiedlichen europäischen Ländern angenommenen Normen und Verfahren bezüglich der Abgabe von Kindern, die Babyklappen wurden dabei ebenfalls überprüft. Nebst der Debatte zwischen dem Recht auf Leben und dem Recht, seine Ursprünge zu kennen – wie bereits in L’abandon anonyme des nouveau-nés  erwähnt wurde, zeigt diese Studie beunruhigende Punkte bezüglich gängiger Praktiken auf, ohne sich jedoch über seine Grundlagen zu äussern.

Über die Einführung dieser Babyklappen hinaus gibt es ein erschütterndes Defizit betreffend der Daten bezüglich der Abgabe von Kindern in Europa: die Anzahl von ausgesetzten Kindern und von Kindstötungen, die Gründe dieser Abgaben, die Probleme und die Bedürfnisse der abgegebenen Kindern, die Charakteristiken der Frauen, die ihre Kinder aussetzen oder töten, …. dieser Mangel verhindert ein umfassender und wirksamer Zugang, welcher ein erfolgreiches Voranschreiten im  Kampf gegen die Abgaben ermöglichen würde. Er trägt auch dazu bei zu glauben, dass gefundene Lösungen, um diesem Phänomen zu trotzen, wie unter anderem die Babyklappen, nicht Früchte von empirischen Erkenntnissen sondern von unbestätigten Theorien sind, welche im Dunkeln der Nacht entstanden.

Die Wirksamkeit
Die Babyklappen sind eine der Antworten, welche aus dem Mittelalter stammen, um, gemäss ihren Befürwortern, Kindstötungen, das Aussetzen von Neugeborenen in Kontexten, welche ihr Leben gefährden könnten, und eventuell, die Anzahl von Abtreibungen und von Misshandlungen von Kindern, zu verringern.

Frau Herczog, Mitglied des Ausschusses für die Rechte des Kindes, äussert sich wie folgt: “Just like medieval times in many countries we see people claiming that baby boxes prevent infanticide … there is no evidence for this.” Tatsächlich beweisen Studien, dass sich die Anzahl von Kindstötungen in Deutschland und in Österreich seit der Einführung von Babyklappen nicht verringert hat, ganz wie in der Stadt Budapest.

Diese Wirkungslosigkeit ist, nach Browne, ebenso durch die Tatsache bedingt, dass die Information des Vorhandenseins dieser Alternative zur Kindstötung nicht bis zu den betroffenen Frauen dringt wie man ignoriert, wer seine Kinder in die oben erwähnten Babyklappen legt. Des Weiteren zweifeln österreichische Studien die erstgenannte Hypothese, die besagt, dass die Frauen, die ihr Baby töten, dieselben seien, wie die, welche ihr Kind in einer Babyklappe abgeben würden, an.

Die Wirksamkeit der Babyklappen konnte nicht überprüft werden. Ohne empirische Daten ist es hinfällig, in der Analyse weiter voranzuschreiten.

Die Grenzen
Mit anderen Kindsabgabemethoden verglichen, wie z.B. die Entbindung unter X und das amerikanische Gesetz ‘safe haven laws‘, weist die Bereitstellung einer Babyklappe gewichtige Lücken auf. Sie berücksichtigt nicht die Gefahren einer einsamen Entbindung, sie erlaubt keine Überprüfung der Einwilligung der Mutter bezüglich der Abgabe des Neugeborenen – und noch schlimmer, sie entzieht der Mutter die Möglichkeit, eine professionelle Unterstützung zu erhalten.

Diese Unterstützung scheint wirksam zu sein um gewisse Abgaben zu vermeiden, indem sie den  Frauen die Hilfe anbieten, die sie brauchen – wie eine rumänische Studie bei Frauen, welche offen ihre Kinder verlassen, vorschlägt. Die für die Bedürfnisse ihrer Kinder sensibilisierten Müttern sind manchmal einverstanden, einige persönliche, medizinische und/oder familiäre Daten zurückzulassen, die dem Kind erlauben, die Abgabe mit einem weniger gewichtigen Ausmass von Ängsten zu erleben.
Und schlussendlich geben die zwei anderen, gesetzlichen Kindsabgabemethoden dem Vater oder der erweiterten Familie die Möglichkeit, sich dem Kind zu widmen; Alternativen, die im Falle der Babyklappe nicht vorhanden sind. (Browne, p. 24)

Die Folgen
In einem ungarischen Krankenhaus haben die Portiers, trotz der Tatsache, dass dies eigentlich nicht möglich sein sollte, sehen können, dass von 16 abgegebenen Kindern in der Babyklappe 15 von Männer hineingelegt wurden. Anekdotische Situationen, die aber eine eigene Sprache sprechen. Wie kann überprüft werden, ob die Abgabe mit der Einwilligung der Mutter und im Einklang ihrer Rechte zustande kam? Die Babyklappen sind möglicherweise ein Druckmittel, ohne dass irgendeine Art der Überprüfung oder auch Unterstützung anvisiert werden. (Browne, p. 29)

Die Adaption, vor allem die internationale, ist zur Zeit ein einträgliches Geschäft. Die Praxis der Babyklappe kann Türen in verderbliche Dunkelzonen öffnen. ” Gegenwärtig (so Frau Herczog) bedient das System zuerst und vor allem die Interessen der zukünftigen Adoptiveltern.” Browne hat festgestellt, dass die Daten betreffend der Aussetzung von Kindern in diesen Strukturen nicht auf systematische Weise erfasst werden, was eine seriöse Betreuung in der Weiterbegleitung und des Werdegangs der Kinder verhindert.

Eine europäische Studie hat einen positiven Zusammenhang festgestellt zwischen der Anzahl von Kindern (unter 3 Jahren) in Institution und der Anzahl von erfolgten internationalen Adoptionen. Andere Studien haben aufgezeigt, dass Frauen ermuntert wurden, ihre Kinder wegzugeben, um der Nachfrage der internationalen Adoption zu entsprechen.

Die Babyklappen beinhalten in erster Linie sowohl für die Mutter als auch für das Kind gefährliche Nachfolgen.

Schlussfolgerung
Die Anzahl von Kindstötungen und Abgaben in für das Überleben des Kindes gefährlichen Situationen bleibt, trotz Einführung der Babyklappen, beunruhigend. Die Grenzen und die möglichen Folgen dieser Praxis verlangen zumindest eine sorgfältige Handhabung.

Forscher, Fachleute und Politiker kommen überein zu sagen, dass man gegenüber dem immer beunruhigerendem Phänomen der Abgabe von Kindern in Europa handeln muss. Als erstes müssen zuverlässige Daten gesammelt werden, um dieses Phänomen besser kennen lernen und angemessene Massnahmen verwirklichen zu können.

Der Ausschuss für die Rechte des Kindes ersucht die zugehörigen Staaten inständig, alle notwendigen Massnahmen zu ergreifen, um zu gewährleisten, dass die Eltern in erster Linie imstande sind, ihrer Pflicht ihren Kindern gegenüber Folge zu leisten; den Eltern zu helfen, ihre Pflicht zu erfüllen, besonders indem Mängel, Störungen und Ungleichgewichte gemildert werden, welche im Verdacht stehen, das Kind negativ zu beeinflussen und einzugreifen, wenn das Wohl des Kindes gefährdet sein könnte. Die zugehörigen Staaten sollen im Allgemeinen darauf abzielen, die Anzahl von abgegebenen Kindern oder Waisen und diejenige von Kindern, welche eine Unterbringung in einer Institution oder in einer anderen Formen der langfristigen Übernahme erfordern, zu verringern; mit Ausnahme der Fälle, wo diese dem Wohl des Kindes dienlich sind. (Siehe auch VI). » Point 18 Obs. Gén. N° 7 (Übersetzung)

Ein Kind aus Nicaragua das Kinderarbeit verrichtet zu Besuch in Bramois : Ein Treffen mit Studierenden zu den Rechte des Kindes

4 Juni 2012

Danierick, eines Kindes von 13 Jahren welches Kinderarbeit verrichtet, äussert klar seine Position zu Gunsten der Arbeit von Kindern, doch sollte diese besser geregelt und anerkannt werden, und vertritt klar die Ansicht, dass diese Beschäftigung ihm keinerlei Rechte entzöge, sondern ihm im Gegenteil einige Vorteile erbringe.

Von Claire Piguet, Expertin in Kinderrecht, IUKB

Das IUKB empfing Anfang Mai eine Delegation aus Nicaragua, bestehend aus der Executive Koordinatorin einer örtlichen ONG (Tuktan Sirpi), eines Kindes von 13 Jahren welches Kinderarbeit verrichtet, Danierick Joel Duarte Sobalvarro. Danierick wurde von der Verantwortlichen des Vereines E-changer des Kantons Wallis, Frau Fournier und Frau Duc Barman, Kooperatorin, begleitet.

Trotz einer sehr gefüllten Agenda, zusammengesetzt aus öffentlichen Konferenzen, Besuchen auf Gymnasien und Medientreffen von Genf bis Basel, über Freiburg und Lausanne, präsentierte Danierick mit einer Reife, welche bei einem Jungen seines Alters selten zu finden ist, einen Dokumentarfilm realisiert durch seine Ernährer in Jinotega, eine Stadt welche zu 50% aus Kindern und Heranwachsenden besteht.

Er beschreibt seinen Alltag dort mit rührender Aufrichtigkeit, vom Ruf des Weckers um 4 Uhr, die Stunden, die er zusammen mit seiner Mutter der Vorbereitung der Tortillas widmet, zu jenen welcher er in der Schule verbringt oder als engagierter Kindersprecher. Diese letzte Funktion nimmt er jeden Nachmittag bei Turkan Sirpi ein, welche dank der Produktion einer wöchentlichen Radiosendung und Fernsehsendungen darauf abzielt, die Kinderleader aus den Quartieren und Schulen zu unterstützen und Kindern als Kommunikatoren, wie Danierick, zu sensibilisieren und auszubilden; und dies alles indem sie sich an die Welt der Erwachsenen und an Regierungsinstitutionen wendet.

Das Ambiente des Nachmittags war für den Austausch vorgesehen, für Debatten und Reflexionen, fokussiert unter anderem auf den Zugang von Kindern zu partizipativen Räumen in der Schweiz und in Nicaragua, nach Ansicht des jungen Nicaraguaner ein fundamentales Recht um zukünftig Demokratie ausüben zu können; und Kinderarbeit hier oder anderswo. Zu diesem letzten Aspekt äussert Danierick klar seine Position zu Gunsten der Arbeit von Kindern, doch sollte diese besser geregelt und anerkannt werden, und vertritt klar die Ansicht, dass diese Beschäftigung ihm keinerlei Rechte entzöge, sondern ihm im Gegenteil einige Vorteile erbringe.

Die Ermutigungen durch die Studierenden, wie auch die Berichten von anderen Jugendlichen und Erwachsenen, welchen er während seines zweiwöchigen Aufenthaltes in der Schweiz begegnet ist, werden Danierick sicher ermutigen, sein Engagement für die Rechte der Kinder in seinem Land weiterzuführen und zu bekräftigen.

Voir le documentaire de Danierick Joel Duarte Sobalvarro : “Mi tiempo es oro” (MOV – 86.2 Mo)

Dieser Artikel ist am 10.05.2012 in der Rubrik Edito-Actualité auf der Website Internationales Institut der Rechte des Kindes (IDE) erschienen.

Die Kinderrechte und die Welt der Bildung in der Westschweiz

3 Mai 2011

Ein interdisziplinärer Studiengang im Bereich Kinderrechte für Lehrpersonen und Bildungsexpertinnen und -experten wird in Sitten (Schweiz) eingeführt.

Logo CDEE 72dpi

Die Welt der Bildung ist in stetiger Entwicklung. Sie passt sich dauernd an, um die neuen und immer komplexeren Realitäten, die das Leben der Kinder ausmachen zu berücksichtigen. Die Kinderrechtskonvention (KRK) anerkennt die Kinder als Rechtssubjekte und soziale Akteure. Nach der Ratifizierung der KRK 1997, hat die Schweiz unter anderem die Verpflichtung, allen eine Bildung, Schutz und insbesondere die Kindermitbestimmung zuzusichern.

Die französischsprachige öffentliche Schule und ihr neuer Lehrplan (PER, 2010 durch die EDK-Regionalkonferenz der Westschweiz und des Tessins angenommen) berücksichtigen diese Verpflichtung seitens der Schweiz. Indem die französischsprachige Schule nämlich die Kinderrechte an ihre allgemeinen Prinzipien und die Kenntnisse dieser Prinzipien an ihre vorrangigen Ziele integriert, zeigt sie ihren Willen, sich in die Umsetzung, die Förderung und den Respekt der Rechte ihrer Schüler einzubringen.

Ein CAS in Sachen Kinderrechte und Bildung
Um die Kompetenzen der Lehrkräfte und der anderen interessierten Bildungsexpertinnen und -experten zu festigen und es ihnen zu ermöglichen die Kinderrechte umzusetzen, darüber zu unterrichten und sie respektieren zu lassen während man für die Kollegen als Auskunftsperson dasteht, wird ein interdisziplinärer Hochschulstudiengang angeboten. Es ist eine dreifache Partnerschaft, welche die ergänzenden und fachlichen Kenntnisse des Universitätsinstituts Kurt Bösch (IUKB), des Internationalen Instituts der Rechte des Kindes (IRK) und der Fondation Education et Développement (Stiftung Bildung und Entwicklung) (FED) zusammenführt und ins Leben gerufen wurde, um ein CAS (Certificate of Advanced Studies) in Sachen Kinderrechte und Bildung zu schaffen. Das IRK-IUKB, mit seiner Lehr- und Forschungseinheit zu den Kinderrechten und seinem neuen Schweizerischen Kompetenzzentrum für Menschenrechte (SKMR) – ein „politischer Pol in Sachen Jugend und Kind“ – und die FED, mit ihrem pädagogischen Sachverstand und ihren Kenntnissen der Schulwelt, vereinigen sich zu einer Synergie im Dienste der Lehrkräfte und der Schüler.

Der Studiengang, der 15 ECTS-Kreditpunkte umfasst, findet im IUKB in Sitten, in der Schweiz statt. Die Präsenzmodule (2-wöchig) werden von renommierten Fachleuten wie Jean Zermatten, Direktor des IRK und derzeitiger Vizepräsident des UN-Kinderrechtskomitees, Prof. Philip D. Jaffé, Direktor des IUKB und Professor an der Universität Genf und Begründer dieses Projekts sowie Dr. Nicole Awais, Didaktikerin und pädagogische Mitarbeiterin der FED organisiert. Indem die theoretischen Inputs und die neuesten wissenschaftlichen Entwicklungen mit den eigenen pädagogischen Erfahrungen verknüpft werden, werden die Teilnehmenden zum Erwerb eines Fachwissens in Sachen Kinderrechte hingeführt, das ihre Praxis weiterentwickeln wird und wovon ihre Kollegen, ihre Einrichtungen und vor allem ihre Schüler profitieren werden.

Link :
Certificat en Droits de l’Enfant et Education 2011 – 2012

Dieser Artikel ist am 14.03.2011 in der Rubrik Edito-Actualité auf der Website Internationales Institut der Rechte des Kindes (IDE) erschienen.

Statistik zur internationalen Kindesentführung, offene Fragen zum Gesetz

4 April 2011

Das Bundesamt für Justiz schreibt den Vollzug des Bundesgesetzes über internationale Kindesentführung schön.

Dieser Artikel ist am 03.02.2011  im Netzwerk Kinderrechte Schweiz.

Das Bundesamt für Justiz hat die Statistik über internationale Kindesentführungen im Jahr 2010 veröffentlicht. Gemäss der Medienmitteilung gewährleistet das neue Bundesgesetz über internationale Kindesentführung kindesgerechte Verfahren. Das beschönigt die Praxis zum Gesetz. Das Netzwerk Kinderrechte Schweiz hatte den Erlass im 2. NGO-Bericht als vielversprechenden Schritt begrüsst. Leider werden die kinderrechtlichen Innovationen nur zögerlich umgesetzt.

Im Interesse kindsgerechter Verfahren sieht das neue Gesetz namentlich vor, das Rückführungsverfahren mit einer Mediationsphase zu beginnen, ein interdisziplinäres Interventionsnetz von Fachpersonen aufzubauen und für betroffene Kinder unabhängige Vertreter einzusetzen. Bisherige Erfahrungen zeigen aber, dass es an der nötigen Sensibilität für den konsequenten Vollzug des Paradigmawechsels zum Kindeswohl nach wie vor mangelt.

Die behördlich-gerichtlichen Phasen des Verfahrens stehen weiterhin im Zentrum, mit wenig Verständnis für die unabhängige Mediation oder den Beizug unabhängiger Fachpersonen. Der nötige Wille und die nötigen Ressourcen für den Aufbau und die Pflege eines wirksamen Interventionsnetzes von Fachpersonen fehlen. Die systematische Einsetzung unabhängiger Kindesvertretungen ist nicht gewährleistet. Neuere Bundesgerichtsentscheide und die Praxis der Gerichte zum Anhörungsrecht der Kinder werden von Prof. Andreas Bucher, der die Expertenkommission zur Erarbeitung des Gesetzesentwurfs präsidierte, kritisiert.

In dieser Logik irritiert auch, wie das Bundesamt kommunikativ die Medienschlagzeile „Mütter entführen Kinder häufiger“ provoziert. Werden auch Verfahren mit Nichtvertragsstaaten berücksichtigt, dürfte die Geschlechterparität wieder nahe sein. Für betroffene Kinder ist ohnehin weniger wichtig, wer der entführende Elterteil ist. Entscheidend ist vielmehr, dass im Rückführungsverfahren die konkrete Familiensituation berücksichtigt wird.

Leider präsentiert das Bundesamt für Justiz die Zahlen ohne kritische Standortbestimmung zur Umsetzung des Bundesgesetzes. Inzwischen liegt die Antwort auf eine Interpellation 10.4017 von Nationalrätin Anita Thanei zum Vollzug des Bundesgesetzes über internationale Kindesentführung vor.

10.4017 (Interpellation Thanei): Konkrete Handhabung des Bundesgesetzes über internationale Kindesentführung. Diskussion verschoben.

Weitere informationen unter :
Endlich eine Verbesserung für entführte Kinder?, Blog Sarah Oberson Stiftung, 31.08.2010 0
Suisse : Enlèvements d’enfants : une nouvelle loi pour remettre l’enfant au centre de la procédure
, Blog Sarah Oberson Stiftung, 17 août 2009
Une nouvelle loi sur l’enlèvement international d’enfant centrée sur l’intérêt supérieur de l’enfant, Blog Sarah Oberson Stiftung, 1 juillet 2009