Zwei Stunden, um den Ort zu verlassen

9 Januar 2012

Man kann sich in der Illusion verlieren, dass die soziale Aufgabe einer Institution genügt, um sie vor Willkür und mangelndem Respekt vor dem Recht auf Verteidigung zu bewahren.

Leiterartikel von Benoît Van Keirsbilck

In meiner Phantasie, und ohne Zweifel in meiner Naivität, habe ich mit dem Begriff „Mütterhaus“, eine Anlaufstelle für Frauen in Not, ein Hafen des Friedens verbunden: ich habe mir den Ort unterstützend, verständnisvoll gegenüber der oft jungen Frauen, welche mit den Widrigkeiten des Lebens konfrontiert sind und welche unter schwierigen Bedingungen  Verantwortung für eine Schwangerschaft oder für die Ausbildung eines oder mehrere Kinder, oft auf sich alleine gestellt, übernehmen, vorgestellt. Ich stellte mir eine professionelle Zuständigkeit, Hingabe von Menschen, welche sich mit einer geduldigen Arbeit professionell einbringen, um den Müttern und ihren Kindern die Rekonstruktion einer Zukunft zu ermöglichen, vor.

Man kann sich in der Illusion verlieren, dass die soziale Aufgabe einer Institution genügt, um sie vor Willkür und mangelndem Respekt vor dem Recht auf Verteidigung zu bewahren. Man darf ihnen nicht ein blindes Vertrauen entgegenbringen im dem Glauben, dass es ihnen niemals in den Sinn käme. ein junges Mädchen von 19 Jahren mit einem 3 Monate alten Säugling vor die Tür zu setzten…

Diese Phantasie ist in sich zusammengebrochen an dem Tag, als ein Haus für Mütter zwei seiner Pensionärinnen aufgefordert hat, ihre Koffer in einer Frist von 2 Stunden zu packen, ohne sich darum zu kümmern, was auch ihnen werden wird. Sich auf Tatsachen möglicher Herablassungen berufend, ohne vorherige Einberufung oder Anhörung, sowie ohne Beweise, haben sie eine junge Frau von 19 Jahren mit einem Säugling von drei Monaten und eine Mutter von drei Kindern vor die Türe gesetzt. Die Institution hat dabei Selbstjustiz ausgeübt und zeigte dabei, dass sie selber auch ein Ort des Ausschlusses, der Willkür und der Gewalt sein kann.

Ein Vorkommnis, welches zeigt, dass es unumgänglich ist, die Anwendung verbindlicher Regeln zur Anwendung vorzusehen und diesen konsequente Disziplinarmassnahmen vorzusetzen.

Auf dieselbe Art und Weise wie auch für die Schulen oder jede andere Institution, die trotz ihrer sozialen Berufung ihren eigenen Ausschluss schaffen. Man kann sich in der Illusion verlieren, dass die soziale Aufgabe einer Institution genügt, um sie vor Willkür und mangelndem Respekt vor dem Recht auf Verteidigung zu bewahren. Man darf ihnen nicht ein blindes Vertrauen entgegenbringen im dem Glauben, dass es ihnen niemals in den Sinn käme, ein junges Mädchen von 19 Jahren mit einem 3 Monate alten Säugling vor die Tür zu setzen welches für die angeblichen Vergehen, die seiner Mutter unterstellt werden, bestraft wird. All dies erscheint als eine unmenschliche und unwürdige Behandlung, welche seinesgleichen sucht.

Ein Haus für Mütter ist nicht über die Gesetze erhaben. Es bedarf zwingender und kontrollierter Regeln, die diese Mütter vor der Willkür der Institutionen schützen, welche eigentlich den Auftragen hätten, sie zu schützen: Respekt gegenüber der Rechte zur Verteidigung, Beweise, Angemessenheit…. Und last but not least bestraft man nicht eine Person, in diesem Fall ein Kind, welches sich nichts zu Schulde kommen liess.
Eigentlich selbstverständlich aber offensichtlich nicht für alle.

In diesem Fall hätte es der Intervention eines Richters bedurft, und zwar mit dem Vermerk einer ausserordentlichen Dringlichkeit (mit Beschluss am selben Tag wie die Stellung des Antrags) um die Wiedereingliederung dieser jungen Mutter bei Zwangstrafe aufzudrängen. Aber für eine Mutter, welche sich aufraffte um Hilfe zu suchen, welche ihr schlussendlich abgesprochen wurde, wie viele diese Mütter resignieren in einer solchen Situation in der Meinung, dass keine Chance auf einen Rekurs hätten?

Benoît Van Keirsbilck, Journal du Droits des Jeunes, n° 309, novembre 2011, p. 1.

Eröffnung eines „Maison du Soleil“ in Sierre

28 Februar 2011

Eröffnung eines “Maison du Soleil” in Sierre. Die Einrichtung ist dienstags von 14.00 Uhr bis 17.30 Uhr und freitags von 9.00 Uhr bis 12.00 Uhr geöffnet.

Das „Maison du Soleil“ ist ein Zuhause für Kinder von 0 bis 5 Jahren in Begleitung eines Erwachsenen. Inspiriert von den durch die französische Psychoanalytikerin und Kinderärztin Françoise Dolto geschaffenen „Maisons Ouvertes“, öffnet ein „Maison du Soleil“ am 18. Februar in Sierre seine Türen in Partnerschaft mit dem Medizinisch-Sozialen Zentrum CMS (Centre médico-social) und richtet sich ebenfalls an die Kinder unserer Gemeinden.

communiqué de presse (2).pdf - Adobe Acrobat Pro
Seit einigen Jahren arbeitet ein Team von spezialisierten Experten im Bereich Kleinkinder und Familie an der Eröffnung dieser Einrichtung. Dieses Projekt wird durch verschiedene Organisationen wie der Gemeinde von Sierre, dem ProjetSanté patrimoine hospitalier Sierre-Loèche, Pro Juventute und der Loterie Romande unterstützt. Dieser Betrieb findet in Partnerschaft mit dem CMS statt.

Das „Maison du Soleil“ ist ein Ort der Zuflucht, des Wortes, des Zuhörens und des Spiels für Kinder von 0 bis 5 Jahren, in Begleitung eines Erwachsenen. Zwei Empfänger stehen dem Kind und dem Erwachsenen während der Aufenthaltszeit zur Verfügung.

Den Kleinen und den Grossen stehen neue Begegnungen, Momente der Entspannung, Momente des Spiels bevor und drei Räumlichkeiten mit bestimmten Regeln, Spiele und Kochateliers stehen ihnen zur Verfügung.

Es ist keine Anmeldung nötig; Ankunft und Abreise stehen dem Benutzer frei, die Anonymität wird gewahrt, eine unverbindliche Kostenbeteiligung von 2 Franken pro Aufnahme ist erbeten.

Das „Maison du Soleil“ befindet sich im 3. Stock des Ludothek-Gebäudes, in der Avenue des écoles 13, in Sierre. Die Einrichtung ist dienstags von 14.00 Uhr bis 17.30 Uhr und freitags von 9.00 Uhr bis 12.00 Uhr geöffnet.

Monthey, Aigle, Vouvry und Sitten besitzen schon welche.

Dieser Artikel ist am 16.02.2011 in der blog auf der Sixième Dimension.

Association La Maison – Soleil
Porte-paroles: Fanny Métrailler Devanthéry 078 803 29 92,
Sonia Z’Graggen 079 820 82 01
Adresse électronique : lamaisonsoleil@gmail.com

Auf Gewalt basierende Erziehung wird verurteilt

15 Dezember 2009

Im September 2009 befindet das Bezirksgericht Sitten einen Vater für schuldig, sein “Erziehungsrecht” missbraucht zu haben. Berufsagoge, dann Erzieher im Erziehungszentrum von Pramont, wurde dieser Mann zu einer Geldstrafe von CHF 400.- oder einer Freiheitsentzugsstrafe von 4 Tagen verurteilt. Dies, weil er seinen drei Kindern während seiner Ehe und der Tochter seiner Lebensgefährtin während einer weiteren Beziehung regelmässig Haue und Ohrfeigen austeilte. Während der Bestrafungseskalation ging er sogar soweit, die Kinder gegen die Wand zu drücken oder sie auf den Boden zu schleudern.

Das Gericht hat gegen den Vater entschieden, da es befunden hat, dass seine “(…) Handlungen einer vom Angeklagten bewusst gewählten Erziehungsart entsprachen” (1). Es ist somit der Interpretation des Bundesgerichts von 2003 gefolgt (2), welche die körperlichen Bestrafungen in einer Familie im Namen des “Erziehungsrechts” der Eltern nicht verbietet (implizit dem Schweizerischen Strafgesetzbuch (StGB), Art. 14), aber eine der Gewalt entnommene Erziehung nicht mehr zulässt.

Um die Entwicklung der sozialen und juristischen Interpretation des “Erziehungsrechts” seit 2003 zu bewerten, wäre es interessant gewesen, den Entscheid des Bezirksgerichts Sitten im Falle eines Elternteils zu kennen, der auf eine weniger gewalttätige Art gehandelt hätte als die, welche vom Bundesgericht als Limite bezeichnet wird (einem Kind zu den Ohrfeigen noch regelmässig an den Ohren ziehen).
Die Erkenntnis scheint immerhin erlangt, dass die systematische Erziehungsgewalt nicht mehr zugelassen ist. Bleibt nur, dass es einem Elternteil noch möglich ist, sein Kind zu schlagen.

Auch wurde die Klage gegen diesen gewalttätigen Vater von seiner Ex-Frau und seiner Ex-Lebensgefährtin für Ereignisse eingereicht, die sich zwischen 1997 und 2006 zugetragen haben. Eine lange Zeitspanne. Die Kinder – Opfer dieser Handlungen – hätten nur ab dem 1. Januar 2007 klagen können – Datum der Revision des Schweizerischen Strafgesetzbuches (StGB) – und nur, falls man sie für urteilsfähig befunden hätte (Art. 30 des StGB). Vor diesem Datum hätte nur ihr gesetzlicher Vertreter – die meiste Zeit über die Eltern – Klage einreichen können. Da das “Erziehungsrecht” eben genau den Eltern zugesprochen wird, zeigt diese Situation die Verletzlichkeit der Kinder in diesem Fall auf (3).

Trotz der positiven Entwicklung, die dieser Entscheid aufzeigt, ist eine restriktive Interpretation des “Erziehungsrechts” nach Ansicht der Internationalen Föderation für Menschenrechte ungenügend – siehe Leitartikel vom 14.09.2009.
Um die Würde der Kinder als vollwertige Menschen zu gewährleisten und zu ihrem Schutz, ist das Verbot körperlicher Bestrafung und erniedrigender Behandlung die einzig mögliche Antwort.

Clara Balestra, 15.12.09

Die Informationen stammen aus folgenden Artikeln: (1) “Un père reconnu coupable de voies de fait” (Le Nouvelliste 27.10.2009, S. 22) und “Le jugemement entre en force” (Le Nouvelliste, 01.12.2009, S. 19).

(2) ATF 126 IV 216ss
(3) Ergänzender Schutz : “Der Täter wird von Amtes wegen verfolgt, wenn er die Tat wiederholt begeht (…) an einer Person, die unter seiner Obhut steht oder für die er zu sorgen hat, namentlich an einem Kind (StGB art. 126, al. 2(a))