Von der Ausnahmeregel zur Normalität

21 Juli 2015

“Seit 1996 von der internationalen Haager Konferenz gepredigt, ist sie (die Familienschlichtung) in Zeiten wo der Begriff „Elternschaft” den der “Gemeinschaft” verdrängt hat”, die Zukunftslösung. “Mittels der Schlichtung versucht man eine notwendige Verbindung zwischen den Eltern aufzubauen, erläutert Christine Guy-Ecabert. Sie ist eine Lehre des Kommunizierens und Verhandelns, unerlässlich für den Schutz der Interessen des Kindes”.

Thematische Auszüge aus: Jean De Minck (2015), „Das Kind im Pyjama unterwegs mit Global Airlines“ (1) Aus diesem inhaltsreichen Text haben wir beschlossen eine spezielle Thematik auszuwählen.

Im Kontext der internationalen Kindesentführung durch einen Elternteil kam es zu wichtigen Änderungen in der Definition der internationalen juristischen Normen. „… Diese Entwicklung entspricht (unter anderem) einer Glaubensveränderung. Sie begleitet die Redefinition der zerbrechlichen Familie im Westen im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts“. (S. 241)

„Müsste man in einem Wort die Revolution beschreiben, die sich im Westen auftut, würde man ohne Zweifel den Begriff der „Elternschaft“ wählen.“ Dieser Begriff entwickelte sich in den Achtzigern aufgrund wichtiger Diskussionen rund um das Führsorgegerechte und die Rechte des Kindes. Er beeinflusst, ohne es abzuschaffen, das erste normative Bezugssystem, welches das neue Scheidungsrecht der siebziger Jahre begleitet hat. Dieses hat hinsichtlich des Sorge- und Besuchsrechts die Aufmerksamkeit auf das Wohl des Kindes als Grundprinzip in den Mittelpunkt gerückt“. (214-2)

Das Scheidungsgesetz „hat eine rasante Entwicklung herbeigerufen, die es in weniger als zwanzig Jahren geschafft hat, das heilige Konstrukt der Familie und seinen gesetzlichen Rang zu dekonstruieren“. So sagt Irène Thierry, dass die „Banalisierung der natürlichen Familie, die Scheidung, eine progressive Erneuerung dieser Struktur nicht nur auf dem Niveau der Bindung, sondern der Geburt und nicht nur der Gemeinschaft, sondern des Kindes, braucht“. (242)

Dieser Veränderung folgend, „promulgiert das Familienrecht nicht nur die Elternschaft: Gleichzeitig definiert es das Dreieck Vater/Mutter/Kind als gleichschenklig und setzt somit alle drei Parteien gleich. Auf der einen Seite sollen Eltern als gleichberechtig gelten in ihren Rechten und Aufgaben (…). Die Konsequenz ist daher, dass man sich über die Elternschaft einig zu sein hat, auch wenn es keine elterliche Gemeinschaft mehr gibt. Auf der anderen Seite, wird das Kind ebenso als Rechtsträger betrachtet, welches spezielle Rechte hat. Darunter eben auch das fundamentale Recht auf eine Elternschaft.“ (242-3)

„Das Prinzip des Kindeswohls, welches situationsabhängig interpretiert werden kann, wird progressiv durch ein Idealmodell ersetzt“ (244) (…) „In diesem Sinne, kann man es als Regel eines höheren Niveaus verstehen. Eine Metaregel, welche nicht binär arbeitet, sondern die Eignung von vorhandenen Regelsystemen in bestimmten Situationen überprüft.“ (244)

„Mit anderen Worten, das westliche Recht verändert sich, weil es seine Meinung zum gesetzlichen Pluralismus (hier familiär) in der eigenen Bevölkerung verändert. Die Übertragung des allgemeinen Prinziprechts verliert somit viel von seiner angeblichen Gewalt. Die von der Haager Konferenz promulgierten Schlichtungs- und Ausgleichverhandlungen sind keine konkreten Lösungsbringer, sondern grenzen eher einen Sonderbereich des Rechts aus. Die Vorhersehbarkeit des Rechts nimmt ab, aber seine Legitimität nimmt zu.“ (244-5)

„All dies nimmt nicht die Schwierigkeit der wir uns heute stellen müssen: die Rechtfertigung einer Pauschalisierung des Rechts, welche sich nicht herrschaftlich ausübt, sondern eine nicht gewaltvolle Allgemeingültigkeit anvisiert. Die Entführungen von Kindern geben Anlass für starke normative Spannungen, die aggressiv juristische Monismen ausspielen und das Recht wirkungslos machen. Das Überwinden dieser Hürden bleibt eine immense Aufgabe“. (245-6)

Das Kind im Schlafanzug fragt sich „ Was will Papa? Was will Mama? (…) Wer bin ich (…), wer will mir was? (…) Kann das Recht helfen, diese Rätsel, zu groß für einen einzigen Menschen, zu lösen? (…) Es braucht noch viel Anstrengungen, und die entschiedene Hilfe von Einigen, um ein Rechtsträger zu werden in dieser globalen Welt, welche ganz sicher nicht für Kinder gemacht ist.“ (246)

(1)  Aus diesem inhaltsreichen Text haben wir beschlossen eine spezielle Thematik auszuwählen.

Jean De Minck (2015), « L’enfant en pijama sur Global Airlines », Vorwort in Enlèvement parental international d’enfants – Saisir le juge ou s’engager dans la médiation ?, Herausgegeben von Christine Guy-Ecabert und Elisabeth Volckrick, Ed. Helbing Lichtenhahn, 2015, S. 229-248.

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