Was ist Familie?

28 Juni 2016

Die Familie ist daher nicht eine Frage der Biologie oder der Tradition. Die Familie ist jene Institution, die es dem Kind ermöglicht in Harmonie aufzuwachsen. Damit dies möglich ist, sind nach Prieur die 5 genannten Phasen ausschlaggebend.

Auszüge aus der Präsentation von Nicole Prieur, Psychologin und Philosophin, im Kolloquium „Die neuen Formen von Elternschaft: gemeinsame Verantwortung… und das Kind?“, 19.05.16.

In den letzten Jahrzehnten hat die Familie eine wahrhaftige anthropologische Revolution erlebt: So ist zum Teil keine geschlechtliche Interaktion mehr nötig, um Kinder zu bekommen; und zum anderen Teil hat das Geschlecht keine Auswirkung mehr auf die Geschlechterrolle – die Väter übernehmen mütterliche Funktionen und vice-versa.

Dadurch ergeben sich fundamentale Fragen: Was bildet die Quintessenz der Familie? Nach Prieur sind folgende 5 Elemente ausschlaggebend für die kindliche Entfaltung:

1. Die ethische Bindung setzt sich zusammen aus aus dem Geben, dem Schulden und der Loyalität. Diese drei Eckpunkte strukturieren die Beziehungen zwischen den Generationen. Die Dankesschuld, die Kinder gegenüber ihren Eltern haben wurde nie abgeschlossen und es ist unmöglich sie zu begleichen. Indem man diese Tatsache akzeptiert, kann das Geben an die nachfolgenden Generationen angefangen werden.

2. Die moralische Beziehung: Eltern sein bedeutet auch die Forderungen mit den eigenen Eltern zu begleichen. Dies bedeutet, von den Eltern nicht mehr auf das zu warten was man nie bekommen hat und was man glaubt bekommen zu müssen. Das ermöglicht, von den Kindern nicht das zu erwarten, was wir von den Eltern nie bekommen haben.

3. Die Abstammung ist ein Prozess der Zugehörigkeit. Das Kind soll das Recht haben über seine Herkunft  zu sprechen. Es kommt aus einer langen Familiengeschichte, in der die biologische Komponente nur einen Teil ausmacht. Die Herkunft liegt in der Zukunft, eine Verbindung zum Ursprung, die nicht aufhört sich zu wandeln.

4. Die Bindung, welche das Zugehörigkeitsgefühl bildet: ein Gefühl der Zugehörigkeit aufzubauen bedeutet, die gemeinsame Sicht der Welt (Kultur) zu teilen. Es ist wichtig mit dem Kind zu philosophieren: was ist gerecht/ ungerecht, was ist gut/ schlecht. Wenn wir unsere Glaubens- und Denksysteme verstehen, können wir uns dem System des Anderen besser öffnen.

5. Die anthropologische Bindung: eine Struktur rund um die Anerkennung des Anderen. Nicht anerkannt zu werden ist schmerzhaft. Diese Anerkennung entsteht durch 5 Phasen, die sich übereinander aufbauen und die nicht linear sind:

a. anerkannt sein: der andere bestätigt, dass ich bin, weil ich das Ergebnis seiner Träume bin (Kind-Elternteil);

b. den anderen anerkennen: Bsp.: ein Jugendlicher sagt oft, was er vom anderen bezieht;

c. sich gegenseitig anerkennen (Gemeinschaft);

d. sich selbst anerkennen (im Erwachsenenalter). Sich selbst als Autor des eigenen Handelns und Sprechens anerkennen.

e. Mithilfe der anderen Phasen, beginne ich das anzuerkennen, was ich bekommen habe; anerkennend zu sein. Dies ermöglicht es, das was man glaubt den vorangegangenen Generationen noch zu Schulden leichter zu nehmen. So können wir unser Kind in seine zukünftige Entwicklung begleiten.

Die Familie ist daher nicht eine Frage der Biologie oder der Tradition. Die Familie ist jene Institution, die es dem Kind ermöglicht in Harmonie aufzuwachsen. Damit dies möglich ist, sind nach Prieur die 5 genannten Phasen ausschlaggebend.

Clara Balestra, 28.06.16

Photo : vasse nicolas,antoine, flickr/creative commons