Welches Zugehörigkeitsgefühl und was für eine Identität entwickeln Migranten im Tessin?

4 Juli 2017

Analyse der Kriterien, welche die Entwicklung eines Zugehörigkeitsgefühls und einer Identität bei minderjährigen Migranten die heute erwachsen sind, im Gastland möglich machen. (…) Der Konstruktivistische Ansatz und die vom Kind angenommene Sichtweise als sozialer Handelnder, ermöglichen es die aktive Rolle des Minderjährigen in der Konstruktion seiner Zugehörigkeiten aufzuwerten und dadurch auch in der Identitätsfindung vis-à-vis des aktuellen Sozialsystems.

Editorial, von Sara Camponovo, MIDE Studentin, 4. Juli 2017

Im Laufe der letzten Jahrzehnte sah sich die Schweiz einem ansteigenden Strom an Migranten aus verschiedenen Ländern gegenübergestellt. In der Hoffnung eine bessere Lebensqualität zu finden haben ganze Familien, Kinder inklusive, ihr Geburtsland verlassen und dabei alles zurückgelassen.

Die Migration verlangt von den Personen sich zwischen zwei  Welten zu positionieren: das Erlebte in ihrem Heimatland und das Neue in ihrem Gastland. Wie Zittoun (2007a) anmerkt, sieht sich das Individuum dadurch mit mehreren „Trennungen“ konfrontiert, welche eine Destabilisierung der Persönlichkeit zufolge haben. Dieses Ungleichgewicht führt zur persönlichen Infragestellung des „Ichs“ in dieser neuen Welt. Migration ist daher ein Phänomen, welches das Zugehörigkeitsgefühl in Frage stellt und die Identität verändert (Guilbert, 2005). Im neuen Land muss daher eine Reflexion zur Identifikation erfolgen, damit wieder ein Gleichgewicht hergestellt werden kann.

Diese Arbeit verfolgt ein doppeltes Ziel. Zuerst einmal versucht sie die von den damals jungen Migranten genannten Elemente zu beleuchten und dadurch ihr Zugehörigkeitsgefühl im Tessin zu definieren. Anschließend wird die Arbeit versuchen herauszufinden, welche Identifikationsstrategien aus jenen von Camilleri (1996/7), von den jungen Personen angewendet wurden um eine Identität im Gastland zu konstruieren oder eben nicht. Der Konstruktivistische Ansatz und die vom Kind angenommene Sichtweise als sozialer Handelnder, ermöglichen es die aktive Rolle des Minderjährigen in der Konstruktion seiner Zugehörigkeiten aufzuwerten und dadurch auch in der Identitätsfindung vis-à-vis des aktuellen Sozialsystems. In dieser Arbeit wird die minderjährige Person nicht als inaktives Subjekt aufgrund der Tortur durch die Migration betrachtet. Die Minderjährigen werden als aktive Personen wahrgenommen, die bewusst handeln und über Entscheidungskapazitäten verfügen, die nicht nur ihre Vergangenheiten beeinflussen, sondern auch in der Gegenwart gelten.

Die gesammelten Ergebnisse unterstreichen den einzigartigen Charakter der Erzählungen und die Besonderheiten der Erlebnisse, welche von den befragten Personen wiedergegeben wurden. Bezüglich des ersten Ziels dieser Recherche, welches sich auf das Zugehörigkeitsgefühl bezieht, bestätigen die Daten die These, dass sich dieses Gefühl individuell und durch eine beidseitige Interaktion des Individuums mit seiner Umgebung entwickelt. Das Zugehörigkeitsgefühl ist daher kein allgemeingültig definiertes  Konzept durch die Leute, sondern wird durch spezifische und persönliche Kriterien entwickelt. Die Befragten nannten die Familie, Schule und Freizeit (Freundesgruppen und soziale Aktivitäten) als die drei wichtigsten Kriterien, welche ihnen geholfen haben dieses Gefühl im Kanton Tessin zu bekommen. Die geographische Lage, Kultur und Religion haben allerdings keinen großen Einfluss auf die Konstruktion der Zugehörigkeit gehabt. Es ist interessant zu beobachten, dass die Teilnehmenden andere Kriterien genannt haben, die es ihnen ermöglicht haben ein Zugehörigkeitsgefühl in ihrem Gastland zu entwickeln.

Im zweiten Teil dieser Studie, wurde versucht zu untersuchen welche Strategie unter den dreien von Camilleri(1996/7) identifizierten am meisten von den Befragten angewendet wurde. Der Autor betont, dass Migranten, sobald sie im neuen Land angekommen sind, Verhalten und besondere Strategien zur Anpassung an das Land oder eben zur kompletten Abgrenzung an dieses entwickeln. Die gesammelten Daten zeigen, dass die „intermediäre“ Strategie am häufigsten von den Befragten angewendet wurde. Für die meisten Teilnehmenden ist es schwer ihre Vergangenheit komplett zu ignorieren, da sie ihr Heimatland, die dort erlangten Werte und Codes nicht vergessen können, denn diese sind ein Teil von ihnen. Sie haben vielmehr versucht eine Gleichgewicht zwischen ihrer Vergangenheit und der Gegenwart zu finden, indem sie zwischen den Werten und den Verhalten der neuen und der alten Welt hin und herwechseln.

Diese Arbeit hat es ermöglicht den subjektiven Charakter der Migration zu beleuchten, welcher oft von den Forschenden vergessen wird. Außerdem stützt sie die These, dass das Zugehörigkeitsgefühl und die Identität zwei Konzepte sind, welche sich aus der Zusammensetzung signifikanter Elemente ergeben und dadurch dem Menschen eine globale Vision zukommen lassen.

Siehe das vollständige Dokument mit bibliographische Referenzen (auf Französich)

Photo: Beth Scupham, flickr/creative commons

UMA in Como : Stellungnahme der ADEM

23 August 2016

Die Mitglieder der ADEM[1] möchten ihr Besorgnis über die Situation der MigrantInnen in der Region Chiasso (Schweiz) und Como (Italien), allen voran über die Situation der speziell verletzlichen Gruppe der unbegleiteten Kindern zum Ausdruck bringen. Die kürzlich erfolgten Rückweisungen nach Italien durch die Schweizer Behörden ohne eine vorherige Abklärung der Bedürfnisse dieser Minderjährigen stellt eine Verletzung der Verpflichtungen im Rahmen der Kinderrechte dar, die die Schweiz durch die Ratifizierung der KRK[2] eingegangen sind. Die aktuelle Situation zeigt leider, dass diese Kinder oft zuerst als Migranten wahrgenommen und ihnen dadurch ihre legitimen Rechte verwehrt werden und sie nicht die speziellen Schutzmassnahmen für Minderjährige in Anspruch nehmen können. Diese Behandlung verstosst gegen fundamentale Prinzipien und gegen alle diesbezüglichen Konventionen.

Pressemitteilung der ADEM, 18. August 2016. Artikel von IDE, 23. Juni 2016 

Die ADEM bedauert allen voran die vorherrschende Verwirrung, das Risiko der Willkür bei den getroffenen Entscheidungen, das Fehlen von Strukturen und Mitteln, den Mangel an geschultem Personal, um die Interessen dieser Kinder zu schützen, wie auch die fehlende transnationale Koordination zwischen den AkteurInnen verantwortlich für die Betreuung dieser Kinder. Durch die geringe adäquate Unterstützung zu Gunsten dieser Kinder droht eine noch grössere Verletzlichkeit, ein grösseres Risiko der Ausbeutung und sie regt dazu an, dass diese Kinder gefährlichere Wege einschlagen, um an ihr Bestimmungsort zu gelangen.

Die ADEM möchte ein paar fundamentale Prinzipien[3] bezüglich der Betreuung von Kindern in Migrations- und Fluchtsituationen in Erinnerung rufen, die einher gehen mit der KRK, die von der Schweiz und Italien ratifiziert wurden und somit in beiden Ländern zur Anwendung kommen:

-          Kinder in Migrations- und Fluchtsituationen müssen zuallererst als Kinder betrachtet werden. Alle Handlungen, inklusive die getroffenen Massnahmen durch Behörden, müssen sich zuerst nach dem übergeordneten Kindesinteresse richten.

-          Die Systeme des Kindesschutzes müssen alle Kinder ohne Diskrimination schützen, inklusive die Kinder in Migrations- und Fluchtsituationen. Es ist die Pflicht der Staaten, den konstanten Schutz derjenigen Kindern zu wahren, die sich in den Grenzregionen bewegen.

-          Die Massnahmen der Migrationskontrolle dürfen sich nicht gegen die fundamentalen Rechte der Kinder richten. Die Staaten haben die Pflicht, eine umfassende Bedarfserhebung dieser Kinder vorzunehmen, die Auswirkungen ihrer Gesetze und ihrer Politik auf Kinder in Migrations- und Fluchtsituationen zu evaluieren um zu verhindern, dass diese keine  nachteiligen Auswirkungen auf diese Kinder haben.

Die beiden Staaten werden ersucht,

a)      jeder und jedem unbegleiteten Minderjährigen – sobald als solche oder solcher identifiziert – eine Beiständin oder einen Beistand zur Verfügung zu stellen, die der der dafür sorgt, dass das Kindesinteresse bei sämtlichen Entscheidungen im Hinblick auf den weiterfolgenden Weg gewahrt bleibt.

b)      die Dublin III-Verordnungen anzuwenden, um Familienzusammenführungen in Europa zu erleichtern –und dies so schnell wie möglich. Wenn es erforderlich ist, sind diese Kinder zu belgeiten, damit sie ihre Familien schnellstmöglich wiedertreffen. Für alle anderen Kinder müssen ihre Situationen  genauestens evaluiert werden, damit eine langfristige Lösung unter Berücksichtigung des übergeordneten Kindesinteresses in der Schweiz, in ihrem Herkunftsland oder einem Drittstaat gefunden werden kann.

c)       harmonisierte Minimalstandards für die Unterbringung und Betreuung dieser unbegleiteten Minderjährigen miteinander abzustimmen.

Die Mitglieder der ADEM stehen den Schweizer Behörden für einen Dialog im Hinblick auf eine Verbesserung der Unterstützung dieser Kinder zu Verfügung.

Kontakte für weiterführende Informationen:

Für den SSI: Frau Elodie Antony, Projektverantwortliche (022 731 67 00; ssi-ea@ssiss.ch)

Für  Tdh: Frau Fouzia Rossier, Verantwortliche Plaidoyer Kinderrechte (079 321 72 57; fouzia.rossier@tdh.ch)

Für IDE: Frau  Aline Sermet, wissenschaftliche Mitarbeiterin (027 205 73 03; aline.sermet@childsrights.org)

Für die SFH: Herr Constantin Hruschka, Leiter Protection (031 370 75 38; constantin.hruschka@fluechtlingshilfe.ch)


[1] Allianz für die Rechte der Migrantenkinder (ADEM) www.fluechtlingskinder.ch . Aktuelle Mitglieder : Schweizerische Stiftung des Internationalen Sozialdienstes (SSI), Terre des hommes – Kinderhilfe weltweit (TdH), Lausanne, Internationales Institut der Kinderrechte(IDE), Schweizerische Flüchtlingshilfe (SFH).

[2] UNO-Kinderrechtskonvention

[3]http://principlesforcom.jimdo.com/

Handbuch zur Betreuung unbegleiteter Minderjähriger in der Schweiz : Praxisorientierter Leitfaden für Fachleute

9 Mai 2016

In neun Etappen stellt der Leitfaden Ratschläge und praktische Werkzeuge für die in diesem Bereich tätige Akteure bereit. Der Fokus liegt dabei insbesondere auf der Identifizierung, der Betreuung, der Situationsabklärung und der Begleitung im Übergang zur Volljährigkeit dieser unbegleiteten Minderjährigen und Jugendlichen.

Dieses Handbuch entstand im Zuge einer engen Zusammenarbeit mit Fachpersonen aus der Westschweiz, die mit unbegleiteten Minderjährigen arbeiten (rechtliche Vertretungen, Sozialarbeiter und –Pädagogen, Zentrumsverantwortliche, Ärzte, Psychiater und Psychologen) sowie in Beteiligung verschiedener Fachorganisationen aus den Bereichen Kinderrechte und Migration. Die in diesem Handbuch vorgestellte Methode bietet einen Bezugsrahmen für die Unterbringung und Betreuung von unbegleiteten Minderjährigen.

Das Handbuch wurde von der Schweizerischen Stiftung des Internationalen Sozialdienstes publiziert (2016).

Von Schweizerischen Stiftung des Internationalen Sozialdienstes, Einleitung in „Handbuch zur Betreuung unbegleiteter Minderjähriger in der Schweiz“, 2016, S. 4-5.

Einleitung

Der Ausdruck «unbegleitete Minderjährige» bezeichnet Kinder und Jugendliche, die sich aus unterschiedlichen Gründen von ihrem ursprünglichen familiären Umfeld entfernt haben. Die Lage dieser jungen Migranten ist oftmals komplex und erfordert eine individuelle Abklärung. Es liegt im Verantwortungsbereich der Gastländer, unbegleiteten Minderjährigen eine angemessene Betreuung zu bieten und dabei auf die Einhaltung der Grundsätze der Kinderrechtskonvention,  welche von der Schweiz 1997 ratifiziert wurde, zu achten. Dieses Übereinkommen unterstreicht insbesondere die Notwendigkeit, das übergeordnete Interesse des Kindes zu berücksichtigen (Artikel 3)und ihm das Mitspracherecht bei allen es betreffenden Angelegenheiten zu erteilen (Artikel 12).Die Staaten sind folglich verpflichtet, Verfahrensweisen einzurichten, in denen das Kind nicht nur als «minderjährige Person mit spezifischen Bedürfnissen» betrachtet wird, sondern auch als «Akteur»seines eigenen Lebens respektiert wird. Jeder Minderjährige hat folglich den Anspruch auf die Abklärung und Berücksichtigung seiner persönlichen Situation bei sämtlichen, sein Leben betreffenden Veränderungen. Die Organisation der Betreuung unbegleiteter Minderjähriger fällt in der Schweiz in den Zuständigkeitsbereich der Kantone, des halb können die einzelnen Betreuungsverfahren je nach Kanton erhebliche Abweichungen aufweisen.

Dieses Handbuch hat zum Ziel, die Grundlagen eines einheitlichen Verfahrens in neun Etappen zu erläutern, wobei die Einhaltung der Kinderrechte und die Suche nach einer dauerhaften individuellen Lösung in den Mittelpunkt gestellt werden. In der Regel gibt es drei Arten dauerhafter Lösungen, die auf einer individuellen Abklärung des übergeordneten Interesses des Kindes beruhen:

- Die Reintegration im Herkunftsland

- Die Integration im Gastland

- Die Umsiedlung in einen Drittstaat

Eine dauerhafte Lösung ist eine «langfristige Lösung, die dem unbegleiteten Minderjährigen die Möglichkeit bietet, sich bis zum Erwachsenenalter in einer Umgebung zu entwickeln, die seinen Bedürfnissen entspricht und seine Rechte gewährleistet, wie sie in der KRK definiert sind, und die das Kind nicht dem Risiko einer Verfolgung oder einer schweren Notlage aussetzt».

Dieses Handbuch entstand im Zuge einer engen Zusammenarbeit mit Fachleuten aus der französischen Schweiz, die für die Betreuung unbegleiteter Minderjähriger zuständig sind (gesetzliche Vertreter, Sozialarbeiter, Sozialpädagogen, Heimleiter, Ärzte, Psychiater und Psychologen) und unter Beteiligung diverser Organisationen aus den Bereichen Kinderrechte und Migration.

Die Suche nach dauerhaften Lösungen zusammen mit unbegleiteten Minderjährigen stellt ein neues Paradigma dar, und es ist die Aufgabe des Gastlandes, der Fachleute und auch der Zivilgesellschaft, Rahmenbedingungen zu schaffen, die es Kindern und Jugendlichen in Not ermöglichen, in Sicherheit aufzuwachsen, sich in einem stabilen Umfeld zu entwickeln und  Perspektiven für die Zukunft aufzubauen.

Kindgerechte Anhörung: Bundesverwaltungsgericht kassiert Entscheid des Bundesamts für Migration

2 September 2014

Die Ablehnung eines Asylantrags wurde vom Bundesverwaltungsgericht für ungültig erklärt, weil die Anhörung nicht kindgerecht durchgeführt wurde.

Von Netzwerk Kinderrechte Schweiz, 06.08.14

Ein unbegleiteter 12-jähriger Junge aus Afghanistan hatte einen Antrag auf Asyl in der Schweiz gestellt. Er hatte in seinem Heimatland mit seiner Aussage zur Verhaftung dreier Personen beigetragen. Anschliessend wurden sein Leben und das seiner Familie mehrfach bedroht und der Vater verschleppt. Das Bundesamt für Migration lehnte den Antrag des Jungen auf Asyl ab, weil es seine Aussagen als ungenügend begründet, widersprüchlich und nicht logisch betrachtete.

In seinem Urteil führt das Bundesverwaltungsgericht aus, dass die Anhörung des Jungen wie eine Befragung eines erwachsenen Asylsuchenden durchgeführt wurde. Zahlreiche Standards kindgerechter Befragungen, wie sie z.B. in den “Richtlinien über allgemeine Grundsätze und Verfahren zur Behandlung asylsuchender unbegleiteter Minderjähriger” des Hochkommissars der Vereinten Nationen für Flüchtlinge (UNHCR) festgehalten sind, seien bei der Anhörung missachtet worden. So wurde keine Atmosphäre des Vertrauens geschaffen und die Interviewerin zeigte keine Empathie, emotionale Zusammenbrüche des Jungen wurden weitgehend ignoriert und es gab keine  Bemühungen festzustellen, ob Kind und Interviewerin ihre Fragen und Antworten richtig verstanden haben. Insgesamt wurden 161 Fragen am Vormittag in 170 Minuten (mit 15 Minuten Pause) und am Nachmittag in 100 Minuten ohne Pause gestellt, die zudem in zeitlich und logisch unzusammenhängender Reihenfolge sowie unter Verwendung von Fachsprache und Suggestivfragen gestellt wurden.

Das Bundesverwaltungsgericht erklärte die Ablehnung des Entscheids wegen der Verletzung von Art. 12 KRK (Recht, gehört zu werden) und Art. 7 Abs. 5 AsylV 1 (besondere Aspekte der Minderjährigkeit) sowie der unrichtigen und unvollständigen Feststellung des Sachverhalts (Art. 106 Abs. 1 let. b AsylG) für nichtig.

Das Bundesamt für Migration muss die Anhörung unter Einhaltung anerkannter Standards für Kindesanhörungen wiederholen und einen neuen Entscheid fällen, der das Alter des Asylsuchenden mitberücksichtigt.

Migrantenkinder und –jugendliche, eine Perspektive auf Gesundheit und Rechte?

20 April 2010

Leitartikel von Zikreta Nicevic des Internationalen Instituts der Rechte des Kindes.

” I am a wasted product ”

Diese schrecklichen Worte wurden von einem jungen Sans papiers ausgesprochen, der ins UMSA-Zentrum gekommen war, nachdem er im Dezember 2009 die Entscheidung der Behörden erhalten hatte: abgewiesen.

Ich bin nicht Mal 20 und bin ein abgelaufenes Produkt “

Er ist nicht der einzige der so denkt. Viele Jugendliche sind in die Schweiz gekommen, nachdem sie ihre Heimat verlassen haben, weil dort eine schwierige Situation wütet; Haft und Folter, bewaffnete Konflikte, Völkermord, sexuelle Gewalt, erzwungene Ehe und Misshandlung, etc. Einige davon sind noch Jugendliche, die ohne ihre Eltern ankommen; man nennt sie die „nicht begleiteten Minderjährigen – NBM“.

Warum die Schweiz? Ein sicheres Land, sagen sie sich, ein Land, wo sie sich ein besseres Leben aufbauen können, weit weg vom erlebten Leid. Man vergisst manchmal, dass sie Entsetzliches durchgemacht haben. Doch wenn man genau darüber nachdenkt: Wer würde seine Heimat, seine Familie, seine Freunde verlassen, wenn er oder sie nicht dazu gezwungen wäre?

Am Donnerstag, dem 18. März 2010, wurde im IRK in Sitten eine Tagung zum Thema Migrantenkinder organisiert.  Bei dieser Gelegenheit waren mehrere Experten aus den Bereichen Gesundheit, Justiz und aus dem sozialen Sektor geladen, um über das Thema „Migrantenkinder und –jugendliche, eine Perspektive auf Gesundheit und Rechte?“ zu debattieren.

Herr Jean Zermatten, Direktor des IRK, hat die Situation der Migrantenkinder in der Schweiz vorgestellt; einige interessante Initiativen wurden ergriffen, wobei Letzteres noch weitere Beachtung fordert. Eine für das Innocenti Reserach Center (UNICEF) durchgeführte Studie hat sehr grosse Ungleichheiten zwischen Schweizerfamilien und Ausländerfamilien aufgezeigt, wobei die Arbeitslosenquote der Jugendlichen zwischen 15 und 24 Jahren, bei jungen Ausländern doppelt so hoch ist; die Hindernisse sind vor allem mit schulischen Rückständen und Integrationsproblemen verbunden, aber auch mit den Diskriminationspraktiken der Lehrer und Arbeitgeber. Die jungen Ausländer stossen ebenfalls mit den in den Kulturschocks innewohnenden Konflikten zusammen. Die Migrationsgründe und die Aufnahmebedingungen in der Schweiz können zu den Schwierigkeiten dazukommen.

Die Präsentation der ADEM „Allianz für die Rechte der Migrantenkinder“ hat es Fräulein Cristina Mele – Mitarbeiterin beim Internationalen Sozialdienst (SSI) – erlaubt, ihre Ziele zu relativieren, nämlich: Die Rechte der Migrantenkinder verteidigen und ihre Übernahme und Betreuung in allen Schweizer Kantonen verbessern, im Hinblick darauf, ihnen Zukunftsperspektiven in der Schweiz, in ihrer Heimat oder einem anderen Land zu bieten.

Herr Christoph Braunschweig – Sozialmitarbeiter beim SSI – hat, was ihn betrifft, seinen Vortrag über das „Separated Children in Europe Programm – SCEP“ dargelegt, dessen Ziel es ist, eine bessere Anerkennung der Rechte von getrennten Kindern zu fördern, ihr Wohl und ihre Entwicklung sicherzustellen und minimale Normen in allen sie beeinflussenden Politiken, Praktiken und Dienstleistungen festzusetzen. Um getrennten oder nicht begleiteten Minderjährigen zu helfen, müssen die Staaten darauf achten, dass alle relevanten Informationen gesammelt werden, dass korrekte Auswertungen durchgeführt werden und sie müssen sicherstellen, dass die Rechte des Kindes angewendet und respektiert werden.

Die UMSA und das EVAM-Zentrum waren durch Dr. Anne-Emmanuelle Ambresin – Ärztin und Klinikchefin am Centre Hospitalier Universitaire Vaudois (CHUV) – vertreten. Diese beiden Einheiten arbeiten zusammen um eine bessere Betreuung der NBM im Kanton Waadt sicherzustellen. Die administrativen Entscheidungen haben Auswirkungen auf den geistigen und körperlichen Zustand der NBM und die Pfleger haben leider wenig Möglichkeiten um gegen diese Hauptschwierigkeit anzugehen. Welche Rolle hat der Pfleger in dieser paradoxen Situation? Welche Antwort kann man bezüglich dieser Gesundheitsbehinderung für Migranten geben?

Herr Oliver Guéniat – Sicherheitspolizeichef in Neuenburg – hat eine schweizerische polizeiliche Statistik über die Kriminalität vorgestellt, die uns zeigt, dass diese seit 1997 einen klaren Rückgang aufweist. Das Gefühl der Unsicherheit jedoch, wächst weiterhin. Weshalb? Ein Teil der Antwort befindet sich im Informationsinhalt, welcher der Bevölkerung über die Medien weitergeleitet wird und meistens denken lässt, dass „Kriminalität“ und „ausländische Straftäter“ miteinander verknüpft sind. Ein ab 2010 einsatzfähiges Reformprojekt der polizeilichen Statistik wird genügend geeignete Variablen liefern, um die Informationsqualität für Öffentlichkeit und Politik über die  Realitäten der Kriminalität zu verbessern.

Eine Diskussionsrunde – von Prof. Pierre-André Michaud, Oberarzt von UMSA, CHUV und UNIL geleitet – hat das Kolloquium abgeschlossen, welches ein zahlreiches Publikum zusammengeführt hat.

1 “Children in Immigrant families in Switzerland, between Discrimination and Integration”, by Rosita Fibbi (Swiss Forum for Migration and population Studies) and Philippe Wanner (University of Geneva, Laboratory of Demography and Family Studies)

Dieser Artikel ist am 30.03.2010 in der Rubrik Edito-Actualité auf der Website Internationales Institut der Rechte des Kindes ( IDE) erschienen.

Referenzunterlagen:
Lausanne engagera des apprentis sans-papiers, 24Heures, 17.02.2010