Minderjährige in der Migration: Flucht aufgrund mangelnder Unterbringung

30 April 2018

Was die Minderjährigen betrifft, so kann man sagen, dass sich die Realität der Migration erheblich verändert hat seit 2015, als wir die Ausgabe Nr. 16 zu diesem Thema verfasst hatten.

Editorial von Genevieve Levine, erschienen im  Journal du Centre Suisses-Immigrés de l’hiver 2017, S. 4-5.

Im RTS veröffentlichte das Staatssekretariat für Migration (SEM) am 26. September 2017 diese Nachricht, welche sofort von der Presse übermittelt wurde: Die Statistik für 2016 zeigt, dass 500 Minderjährige verschwunden sind, nachdem sie in der Schweiz einen Asylantrag gestellt hatten. Das ist fast sechsmal mehr als im Jahr 2015.

Technisch gesehen wird das Verschwinden eines minderjährigen Asylsuchenden wie das Verschwinden eines Erwachsenen behandelt: Für das SEM ist es eine Verwaltungsakte, die geschlossen werden muss. Die NGOs schlagen Alarm: Die Projektleiterin von Terre des hommes – Kinderhilfe weltweit -, hat ihre tiefe Besorgnis über das gleiche Programm im oben genannten Radiobereich zum Ausdruck gebracht.

Beide stammen aus dem gleichen lateinischen Vokabular (das Verb fugere, was Flucht bedeutet), die Begriffe Flucht und Zuflucht haben aber sehr unterschiedliche Realitäten! Der Sprung ins Unbekannte und die Gefahr lässt uns erstere fürchten, während letztere eine Hoffnung für jeden Menschen ist, am Leben zu bleiben.

Generell kämpft unsere Gesellschaft darum, in diesen “englischsprachigen” Aufbrüchen klar zu sehen.

Im Falle unbegleiteter Minderjähriger können sie durch folgende Definitionen erklärt werden:

-    Der Wunsch, sich dem Familienkreis in einem Nachbarland anzuschließen;

-    Die Angst, das “Geschenk des 18. Lebensjahres”  zu erhalten, d. h. einen Entscheid über die Ablehnung von Asyl und der Rückkehr aus der Schweiz. Wie es zum Beispiel bei vielen Minderjährigen aus Westafrika der Fall ist;

-    Die Unmöglichkeit zu arbeiten;

-    Manchmal, Hindernisse für eine akademische Laufbahn;

-    Und schließlich die Gründe, an die wir anscheinend lieber nicht denken: Entführung durch Menschenhandelsnetzwerke oder Beteiligung an kriminellen Aktivitäten.

Die Flucht eines jungen Menschen, der unter uns aufgewachsen ist, ist Gegenstand von polizeilichen Durchsuchungen; dies gilt nicht für einen minderjährigen Antragsteller.

Am 26. September letzten Jahres hat der SEM-Sprecher bei dem RTS diese Zahl von 500 sogar minimiert und den Gesamtanteil der Bewerber, die sich auf schweizerischem Boden aufhalten, angeführt. Glücklicherweise herrscht diese Gleichgültigkeit nicht überall und ist sogar weit davon entfernt.

Yannick Frossard und Samuel Morard, zwei Bachelor-Studenten der HES-SO, die ihre Bachelorarbeit dem Thema der Ausreißer der Minderjährigen im Wallis widmeten, wurden im Mai letzten Jahres im CSI begrüßt. Françoise Jacquemettaz, Kuratorin und Vertrauensperson für alle unbegleiteten minderjährigen Antragstellerinnen und Antragsteller, hat sich ausführlich mit diesen beiden angehenden Forschern ausgetauscht, für die es angesichts des Verschwindens eines Minderjährigen keine Doppelmoral gibt.

Diese Bachelor-Arbeit, die unter der Schirmherrschaft der Sarah Oberson Stiftung im Oktober 2017 durchgeführt und unterstützt wurde, ist für ihre Gradlinigkeit und Gründlichkeit sowie für ihr bürgerschaftliches Engagement zu loben .

Sie zeigt das Engagement der von Herrn Frossard und Herrn Morard befragten Fachleute vor Ort (insbesondere der vom Asylamt eingerichteten Rados-Struktur). Die zahlreichen Verschwinden sind eine der Schwierigkeiten, mit denen sie konfrontiert werden im Alltag, das auch von der psychologischen Not ihrer Begünstigten geprägt ist.

Die Schrecken, die in Libyen gegen die Geflüchteten auf dem Weg nach Europa verübt werden, machen derzeit Schlagzeilen. Die Berichte der NGOs an den östlichen Grenzen des Schengener Übereinkommens warnen uns hinter vorgehaltener Hand vor diesen Hunderten gar Tausenden von Jugendlichen, die zwischen zwei Welten zu überleben versuchen.

Auch die äußerst prekäre Situation der Migranten in diesem berühmten Schengen-Raum wirft Fragen nach der Fähigkeit des 21. Jahrhunderts auf, die Konventionen des 20. Jahrhunderts zu respektieren und umzusetzen. So zählt die Stadt Lyon, ganz in unserer Nähe, mehr als 1.000 obdachlose Kinder, die meisten davon im Exil. Auch am Bahnhof von Como geht die Tragödie weiter. Wenn die Glücklichsten von ihnen – endlich – auf Schweizer Boden Zuflucht gefunden haben, für die sie ihr Leben riskiert haben, dann ist ihr Gepäck voller Traumata.

In Fällen, in denen die Erinnerungen der erlebten Geschehnisse mit der Angst verbunden sind, in die Heimat zurückgeführt oder sogar noch weiter gedrängt zu werden, ist es kaum verwunderlich, dass diese jungen Menschen mit Flucht reagieren.

Im November 2017 nahm Bundesrätin Simonetta Sommaruga an der Kontaktgruppe für den Mittelmeerraum teil, in der 13 Staatsoberhäupter in der Bundeshauptstadt zusammenkamen. Dort wurde eine Reihe von Maßnahmen ergriffen, die eher Lückenfüllend sind als echte Verbesserungsperspektiven darstellen.

So nimmt Frau Sommaruga zwar die extreme Gewalt gegen Migranten in Libyen zur Kenntnis, sieht aber das Mandat der libyschen Küstenwache als positiv und möchte diese Arbeit ausweiten,… in Wirklichkeit, damit diese Polizisten die Migranten in dieses Land zurückbringen können, wo sie gefoltert, vergewaltigt und in die Sklaverei verkauft werden.

Wenn permanent über Migrationsrückgang gesprochen wird, wie er vom populistischem Druck in den Demokratien gefordert wird, und gleichzeitig den Prinzipien der internationalen Rechtsinstrumente (Genfer Flüchtlingskonvention, Internationale Konvention über die Rechte des Kindes usw.) gefolgt werden muss, dann gestaltet sich die Arbeit für die Politiker als äußerst schwierig.

Aber es beraubt jenen, die Zuflucht suchen, ihrer Rechte und ihnen bleibt dann nur… die Flucht!

Migrantenkinder und –jugendliche, eine Perspektive auf Gesundheit und Rechte?

20 April 2010

Leitartikel von Zikreta Nicevic des Internationalen Instituts der Rechte des Kindes.

” I am a wasted product ”

Diese schrecklichen Worte wurden von einem jungen Sans papiers ausgesprochen, der ins UMSA-Zentrum gekommen war, nachdem er im Dezember 2009 die Entscheidung der Behörden erhalten hatte: abgewiesen.

Ich bin nicht Mal 20 und bin ein abgelaufenes Produkt “

Er ist nicht der einzige der so denkt. Viele Jugendliche sind in die Schweiz gekommen, nachdem sie ihre Heimat verlassen haben, weil dort eine schwierige Situation wütet; Haft und Folter, bewaffnete Konflikte, Völkermord, sexuelle Gewalt, erzwungene Ehe und Misshandlung, etc. Einige davon sind noch Jugendliche, die ohne ihre Eltern ankommen; man nennt sie die „nicht begleiteten Minderjährigen – NBM“.

Warum die Schweiz? Ein sicheres Land, sagen sie sich, ein Land, wo sie sich ein besseres Leben aufbauen können, weit weg vom erlebten Leid. Man vergisst manchmal, dass sie Entsetzliches durchgemacht haben. Doch wenn man genau darüber nachdenkt: Wer würde seine Heimat, seine Familie, seine Freunde verlassen, wenn er oder sie nicht dazu gezwungen wäre?

Am Donnerstag, dem 18. März 2010, wurde im IRK in Sitten eine Tagung zum Thema Migrantenkinder organisiert.  Bei dieser Gelegenheit waren mehrere Experten aus den Bereichen Gesundheit, Justiz und aus dem sozialen Sektor geladen, um über das Thema „Migrantenkinder und –jugendliche, eine Perspektive auf Gesundheit und Rechte?“ zu debattieren.

Herr Jean Zermatten, Direktor des IRK, hat die Situation der Migrantenkinder in der Schweiz vorgestellt; einige interessante Initiativen wurden ergriffen, wobei Letzteres noch weitere Beachtung fordert. Eine für das Innocenti Reserach Center (UNICEF) durchgeführte Studie hat sehr grosse Ungleichheiten zwischen Schweizerfamilien und Ausländerfamilien aufgezeigt, wobei die Arbeitslosenquote der Jugendlichen zwischen 15 und 24 Jahren, bei jungen Ausländern doppelt so hoch ist; die Hindernisse sind vor allem mit schulischen Rückständen und Integrationsproblemen verbunden, aber auch mit den Diskriminationspraktiken der Lehrer und Arbeitgeber. Die jungen Ausländer stossen ebenfalls mit den in den Kulturschocks innewohnenden Konflikten zusammen. Die Migrationsgründe und die Aufnahmebedingungen in der Schweiz können zu den Schwierigkeiten dazukommen.

Die Präsentation der ADEM „Allianz für die Rechte der Migrantenkinder“ hat es Fräulein Cristina Mele – Mitarbeiterin beim Internationalen Sozialdienst (SSI) – erlaubt, ihre Ziele zu relativieren, nämlich: Die Rechte der Migrantenkinder verteidigen und ihre Übernahme und Betreuung in allen Schweizer Kantonen verbessern, im Hinblick darauf, ihnen Zukunftsperspektiven in der Schweiz, in ihrer Heimat oder einem anderen Land zu bieten.

Herr Christoph Braunschweig – Sozialmitarbeiter beim SSI – hat, was ihn betrifft, seinen Vortrag über das „Separated Children in Europe Programm – SCEP“ dargelegt, dessen Ziel es ist, eine bessere Anerkennung der Rechte von getrennten Kindern zu fördern, ihr Wohl und ihre Entwicklung sicherzustellen und minimale Normen in allen sie beeinflussenden Politiken, Praktiken und Dienstleistungen festzusetzen. Um getrennten oder nicht begleiteten Minderjährigen zu helfen, müssen die Staaten darauf achten, dass alle relevanten Informationen gesammelt werden, dass korrekte Auswertungen durchgeführt werden und sie müssen sicherstellen, dass die Rechte des Kindes angewendet und respektiert werden.

Die UMSA und das EVAM-Zentrum waren durch Dr. Anne-Emmanuelle Ambresin – Ärztin und Klinikchefin am Centre Hospitalier Universitaire Vaudois (CHUV) – vertreten. Diese beiden Einheiten arbeiten zusammen um eine bessere Betreuung der NBM im Kanton Waadt sicherzustellen. Die administrativen Entscheidungen haben Auswirkungen auf den geistigen und körperlichen Zustand der NBM und die Pfleger haben leider wenig Möglichkeiten um gegen diese Hauptschwierigkeit anzugehen. Welche Rolle hat der Pfleger in dieser paradoxen Situation? Welche Antwort kann man bezüglich dieser Gesundheitsbehinderung für Migranten geben?

Herr Oliver Guéniat – Sicherheitspolizeichef in Neuenburg – hat eine schweizerische polizeiliche Statistik über die Kriminalität vorgestellt, die uns zeigt, dass diese seit 1997 einen klaren Rückgang aufweist. Das Gefühl der Unsicherheit jedoch, wächst weiterhin. Weshalb? Ein Teil der Antwort befindet sich im Informationsinhalt, welcher der Bevölkerung über die Medien weitergeleitet wird und meistens denken lässt, dass „Kriminalität“ und „ausländische Straftäter“ miteinander verknüpft sind. Ein ab 2010 einsatzfähiges Reformprojekt der polizeilichen Statistik wird genügend geeignete Variablen liefern, um die Informationsqualität für Öffentlichkeit und Politik über die  Realitäten der Kriminalität zu verbessern.

Eine Diskussionsrunde – von Prof. Pierre-André Michaud, Oberarzt von UMSA, CHUV und UNIL geleitet – hat das Kolloquium abgeschlossen, welches ein zahlreiches Publikum zusammengeführt hat.

1 “Children in Immigrant families in Switzerland, between Discrimination and Integration”, by Rosita Fibbi (Swiss Forum for Migration and population Studies) and Philippe Wanner (University of Geneva, Laboratory of Demography and Family Studies)

Dieser Artikel ist am 30.03.2010 in der Rubrik Edito-Actualité auf der Website Internationales Institut der Rechte des Kindes ( IDE) erschienen.

Referenzunterlagen:
Lausanne engagera des apprentis sans-papiers, 24Heures, 17.02.2010