International Day for the Eradication of Poverty 17 October

17 Oktober 2016
“Poverty is not simply measured by inadequate income. It is manifested in restricted access to health, education and other essential services and, too often, by the denial or abuse of other fundamental human rights [...] Let us listen to and heed the voices of people living in poverty. Let us commit to respect and defend the human rights of all people and end the humiliation and social exclusion that people living in poverty face every day by promoting their involvement in global efforts to end extreme poverty once and for all.” — UN Secretary-General, Ban Ki-moon

2016 Theme: Moving from humiliation and exclusion to participation: Ending poverty in all its forms

The United Nations Sustainable Development Goal to “end poverty in all its forms everywhere” explicitly recognizes that poverty results not from the lack of just one thing but from many different interrelated factors that affect the lives of people living in poverty.

This means we must go beyond seeing poverty merely as the lack of income or what is necessary for material well-being — such as food, housing, land, and other assets – in order to fully understand poverty in its multiple dimensions.

The theme this year – selected in consultation with activists, civil society and non-governmental organizations – highlights how important it is to recognize and address the humiliation and exclusion endured by many people living in poverty.

Von website ONU, 17.10.16

Die politische Marginalisierung von Kindern in Armut

15 März 2016

Kritik rund um die prekären Lebensverhältnisse in denen Kinder leben müssen wird laut und viele sehen eine Verbindung zwischen dieser unvorteilhaften Situation und den fehlenden politischen Rechten. Dies würde ein Desinteresse der Repräsentanten in den entscheidungsgebenden Instanzen bewirken.  Die Weltgesundheitsorganisation (WGO, 2002) sieht sich beispielsweise in der Pflicht, den Staat darum zu bitten, die Schwächsten der Gesellschaft zu schützen, auch wenn diesen eine direkte Repräsentativität fehlt.

Kittay und Linsdsey bringen das fehlende Wahlrecht für Minderjährige in den USA mit ihrem Armutsstand in Verbindung. Erstere fragt, ob die ärmsten Personen auch jene Personen sind, die in der politischen Arena unterrepräsentiert sind und unterstreicht damit den Fakt, dass Kinder als unfertige Personen gesehen werden und noch nicht als vollwertige Bürger. Lindsay erweitert diese Aussage und behauptet, dass die Lösung gegen kindliche Armut durch Hand erbracht werden muss, da von politischer Seite niemals der Wille zur Lösung gegeben war. Das Problem kommt, seiner Ansicht nach, von der Ausgrenzung des Wahlrechts für Kinder.

Des Weiteren legt Qvortrup (S. 15-18) anhand eines strukturellen Ansatzes eine schrittweise Marginalisierung von Kindern als Gemeinschaft vor, welche sie einem größeren Risiko der Verarmung aussetzt. Dieses Phänomen ist eine kollaterale Konsequenz von strukturellen Veränderungen der westlichen Gesellschaften in den letzten Jahrzehnten. Demographische und ideologische Gründe haben zu diesem Phänomen beigetragen. Einerseits ist es zu einer graduellen Alterung der Bevölkerung und zudem zu einer abfallenden Geburtenrate gekommen, welche zur Folge haben, dass die Anzahl der Erwachsenen mit Kindern gesunken ist. Dies bedeutet, dass Eltern in der Unterzahl zu anderen Erwachsenen stehen. Andererseits handelt es sich bei Kindern in unseren liberalen Gesellschaften um eine private Angelegenheit, die nur der Elternkompetenz unterliegt. Die Einmischung des Staates wird als schlecht empfunden.

Dennoch spielt der Staat eine wichtige Rolle in der Bekämpfung des Problems. Eine staatliche Intervention im Sinne der Kinder ist nötig, um ihre strukturelle Marginalisierung zu verhindern. Das Fernbleiben von Minderjährigen in der politischen Szene führt nur dazu, dass sich ihre prekäre Situation zuspitzt. Doch selbst in den skandinavischen Ländern, in denen der Wohlfahrtsstaat auf die Sache der Kinder Acht gibt, ist der Anteil der von Verarmung bedrohten Kinder höher als jener der älteren Personen (Sgritta, S. 346).

Clara Balestra, 14.03.16

Photo: © D Sharon Pruitt, Flickr/Creative Commons

Voir Clara Balestra (2007),  Les droits de l’enfant dans l’arène politique fédérale Suisse : L’exemple de la loi sur l’interdiction des châtiments corporels au sein de la famille, Thesis submitted in the framework of the Master of advanced Studies in Children’s Rights, Institut Universitaire Kurt Bösch (IUKB) et Université de Fribourg, Suisse.

Als Kind arm sein in der Schweiz : Sarah Oberson Konferenz 2015

16 Juni 2015

An der Sarah Oberson Konferenz 2015 am Mittwoch, 11. November, im Casino von Saxon, von 19:00 bis 21:00, wird sich die Sarah Oberson Stiftung gemeinsam mit Expertinnen und Experten mit der täglichen Realität dieser Kinder, den Folgen der Unsicherheit auf die Zukunftsperspektiven und der Angemessenheit der gebrachten Antworten beschäftigen.

Im November 2014 hat der Menschenrechtskommissar des Europarats in einem Artikel die vier grossen Bedrohungen für die Kinderrechte in Europa dargelegt. Die Armut, die immer mehr Kinder trifft, gehört dazu. Er warnt die Staaten: Langfristig droht diese Situation verheerende Folgen für die europäischen Gesellschaften zu haben, da die chronische Armut während der Kindheit einer der Hauptgründe für Armut und soziale Ausgrenzung im Erwachsenenalter ist. (Schweizer Bulletin der Kinderrechte, Ausgabe 21, Nr. 1, März 2015, S. 7–8)

Denn: „Die Auswirkungen, die Armut und Zugehörigkeit zu einer sozial benachteiligten Schicht auf Kinder haben, sind bekannt: schlechte Gesundheit, Beeinträchtigung der körperlichen Entwicklung, geringe kognitive und sprachliche Fortschritte, unzulängliche schulische Leistungen, Verhaltensstörungen, ja sogar die Gefahr, später arbeitslos, delinquent und/oder drogenabhängig zu werden.“ (SKMR, 31.10.12)

In der Schweiz ist die Altersklasse zwischen 0 und 17 Jahren gemäss den Statistiken zur Sozialhilfe des Bundesamts für Statistik am meisten von Armut betroffen. Während die Sozialhilfequote für alle Alterskategorien 3.2 beträgt, liegt sie für die Kategorie 0-17 Jahre bei 5.2 (neuste Daten, 2013). Diese Situation ist nicht neu. Im Jahr 2006 hat die Eidgenössische Kommission für Kinder- und Jugendfragen Alarm geschlagen und die materielle Prekarisierung der Kinder angeprangert „(…) Fast 45 % der Sozialhilfeempfänger/innen in der Schweiz sind heute Kinder (…)“.

Die Schweiz reagiert. Der Bundesrat hat 2010 die Gesamtschweizerische Strategie zur Armutsbekämpfung veröffentlicht. Die ersten Kapitel behandeln die Kinderarmut. 2013 hat er das Nationale Programm zur Prävention und Bekämpfung von Armut 2014–2018 verabschiedet: Die Eidgenossenschaft unterstützt und koordiniert; die Hauptkompetenz in der Armutsbekämpfung bleibt bei den Kantonen, Städten und Gemeinden.

Dennoch: „Gemäss Caritas (…) zählt die Schweiz (…) rund 260’000 arme Kinder (Daten vom Januar 2012). Erschwerend kommt hinzu, dass die soziale Mobilität in der Schweiz generell sehr gering ist, so dass diese Armut «erblich» ist.“ (SKMR, 31.10.12)

Gemäss der vom Staat Wallis in Auftrag gegebenen Studie, die am 01.06.15 vorgestellt wurde, haben sich die Ausgaben für Sozialhilfe im Wallis zwischen 2011 und 2014 mehr als verdoppelt[M3] . Gemäss R. Favre, Chef der Koordinationsstelle für soziale Leistungen, sind Alleinerziehende mit 27 % der Fälle überdurchschnittlich betroffen. Einmal mehr stehen die Kinder im Zentrum einer Problematik, die sich eher verschlechtert.

An der Sarah Oberson Konferenz 2015 am Mittwoch, 11. November, im Casino von Saxon, von 19:00 bis 21:00, wird sich die Sarah Oberson Stiftung gemeinsam mit Expertinnen und Experten mit der täglichen Realität dieser Kinder, den Folgen der Unsicherheit auf die Zukunftsperspektiven und der Angemessenheit der gebrachten Antworten beschäftigen.

Siehe auch:

Quelles mesures contre pauvreté des enfants ?, Blog FSO, 6.12.2011

La pauvreté en Suisse : une affaire d’enfants, Blog FSO, 21.06.2010


Die Einführung der gemeinsamen elterlichen Sorge ist nur der erste Schritt

15 Juli 2014

Seit dem 1. Juli 2014 ist die gemeinsame elterliche Sorge unabhängig vom Zivilstand der Eltern die Regel in der Schweiz. Da sich durchschnittlich jedes zweite Paar scheiden lässt und jedes fünfte Kind ausserhalb einer Ehe zur Welt kommt, betreffen diese Änderungen zahlreiche Eltern und über 15’000 Kinder pro Jahr.

Photo DELIGNE

Gemäss dem Bundesrat ist diese Reform im Interesse des Kindes, denn „für die harmonische Entwicklung eines Kindes ist es wichtig, dass es soweit wie möglich mit beiden Elternteilen eine enge Beziehung unterhalten kann“. Das Wohl des Kindes ist nach dem neuen Gesetz auch das einzige Kriterium, gemäss dem das Sorgerecht allenfalls einem Elternteil allein zugeteilt werden kann.

Es gibt aber auch Vorbehalte gegenüber dieser Änderung, auch diese begründet mit den Interessen des Kindes. Christophe Joris, Bezirksrichter und spezialisiert auf Ehe- und Strafrecht, meint dazu, dass er persönlich nicht von der Idee überzeugt ist, da er befürchtet, dass die Unstimmigkeiten zwischen den Eltern dadurch auf die Kinder übertragen werden. Für eine gemeinsame elterliche Sorge ist nämlich eine enge Zusammenarbeit zwischen den Eltern notwendig. Einem der Elternteile dieses Sorgerecht zuzuteilen, scheint ihm in der Praxis zufallsbedingt, wenn sich die Zusammenarbeit nicht naturgemäss im Interesse des Kindes ergibt. (2011)

Das Inkrafttreten dieser Regel ist der erste Teil einer vom Bundesrat gewünschten zweiteiligen Reform. Wie aus den eidgenössischen Statistiken hervorgeht, waren im Jahr 2012 5.1 % der Kinder zwischen 0 und 17 Jahren Sozialhilfeempfänger und stellten somit die am meisten von Armut betroffene Altersklasse dar.

Sozialhilfeempfänger/innen nach Alter, 2012

Anteil (%)    Sozialhilfequote (%)

Total           100      3.1

0–17 Jahre    29.9      5.1

18–25 Jahre    12.2      3.9

26–35 Jahre    16.2      3.8

36–45 Jahre    16.8      3.5

46–55 Jahre    15.4      3.2

56–64 Jahre    8.3      2.4

65–79 Jahre    0.7      0.2

80 Jahre und +    0.4      0.3

Die Unterstützungsquote der Alleinerziehenden und Paare im Jahr 2012 zeigt, dass eine grosse Mehrheit der Unterstützungsempfänger Alleinerziehende waren. Diese beunruhigende Situation wurde bereits im Jahr 2006 von der Eidgenössischen Kommission für Kinder- und Jugendfragen (EKKJ) angeprangert. Seither hat sich die Lage nur noch weiter verschärft.

Unterstützungsquote der Alleinerziehenden und Paare nach Anzahl Kinder, 2012

Unterstützungsquote (%)

Alleinerziehende    18.4

Alleinerziehende mit 1 Kind    19.3

Alleinerziehende mit 2 Kindern    16.5

Alleinerziehende mit 3+ Kindern    19.9

Paare mit Kind(ern)    1.8

Paare mit 1 Kind    1.9

Paare mit 2 Kindern    1.4

Paare mit 3+ Kindern    2.3

Mit der zweiten Vorlage versucht der Bundesrat die Armut von getrennt lebenden Familien vorzubeugen. „[...] ein Kind [hat] nicht nur das Recht auf eine eigenständige Beziehung zu jedem Elternteil. Ein Kind hat auch das Recht auf stabile und verlässliche Betreuungsverhältnisse und das Recht auf finanzielle Sicherheit. Eine zweite Vorlage wird deshalb auch unterhaltsrechtliche Fragen behandeln.“

Es bleibt zu hoffen, dass die Vätervereinigungen und den übrigen politischen Akteuren, die sich stark für die Einführung der gemeinsamen elterlichen Sorge als Regel eingesetzt haben, den zweiten Teil der Reform mit demselben Elan unterstützen.

Clara Balestra, 14.07.14

Die Armut in der Schweiz und ihre Relevanz für die Kinderrechte

7 Dezember 2012

Die Rechte der Kinder als Massstab für die Beurteilung der Armut in der Schweiz; neue Indikatoren für eine objektive Sichtweise

 Von Schweizerisches Kompetenzzentrum für Menschenreschte, 31.10.2012

Bedeutung für die Praxis

  • Aufzeigen von Lösungswegen gegen die Ausgrenzung von Kindern, die in der Schweiz von Armut betroffen sind.
  • Plädoyer für die Investition in die frühe Kindheit.
  • Mögliche Indikatoren zur objektiven Messung der Kinderarmut in der Schweiz.

Einleitung: das Recht auf Entwicklung – die Realität in der Schweiz

Artikel 6 der UNO-Kinderrechtskonvention (KRK) enthält ein Grundrecht, nämlich das Recht eines jeden Kindes, sich seinen Neigungen und Fähigkeiten entsprechend entwickeln zu dürfen. Daraus leitet sich die Verpflichtung der Vertragsstaaten ab, so weit wie möglich alle dafür erforderlichen Hilfsmittel bereitzustellen. Liest man Art. 6 KRK in Verbindung mit Art. 4 KRK, ist diese Forderung sehr klar formuliert: «Hinsichtlich der wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte treffen die Vertragsstaaten derartige Massnahmen unter Ausschöpfung ihrer verfügbaren Mittel [...].» Das individuelle Recht auf Entwicklung wird zudem als einer der vier Grundsätze der Konvention betrachtet.

Zuzulassen, dass ein Kind während seiner wichtigsten Entwicklungsphasen von vermeidbaren Beeinträchtigungen betroffen ist, stellt eine Verletzung dieses Grundprinzips und des genannten in der KRK formulierten Rechtes dar. Der Vergleich der Situation in verschiedenen Vertragsstaaten zeigt allerdings, dass dieses Recht in den einzelnen Ländern sehr unterschiedlich und auch innerhalb der Staaten oft sehr ungleich umgesetzt wird.

Ein internationaler Vergleich findet sich in der Studie, die das UNICEF Innocenti Forschungszentrum seit dem Jahr 2000 durchführt. Die 9. Ausgabe (2009) zeigt klar auf, dass die Entwicklung der am stärksten benachteiligten Kinder verzögert ist, ohne dass dies irgendwelche Massnahmen zur Folge hat. Die Studie untersucht die drei Faktoren Familieneinkommen, Ausbildung sowie Gesundheit von Jugendlichen und teilt die 24 OECD-Länder (sowie einige Nicht-OECD-Länder) danach ein, inwieweit sie der Forderung «Es wird kein Kind zurückgelassen!» nachkommen. Angeführt wird die Liste von Dänemark, Finnland, den Niederlanden und der Schweiz (die Daten zur Schweiz stammen aus dem Jahr 2007), während die Schere der Ungleichheit unter den Kindern in den USA sowie in Griechenland und Italien am weitesten geöffnet ist.

Auch wenn die Klassierung ehrenvoll erscheinen mag, bleibt die Zahl der Kinder in der Schweiz, die «zurückgelassen» werden, doch sehr beträchtlich. Mitte Dezember 2011 veröffentlichte das Bundesamt für Statistik (BFS) die neuesten Daten zu Einkommen und Lebensbedingungen (SILC-Daten). Ihnen ist zu entnehmen, dass der Anteil der von Armut betroffenen Bevölkerung etwas zurückgegangen ist und 2010 zwischen 7,6% und 14,2% betrug (2009: zwischen 8% und 14,6%). Am stärksten gefährdet sind Haushalte mit Kindern.

2010 galten in der Schweiz folgende Armutsgrenzen (Quelle BFS, 2012): ein monatliches verfügbares Einkommen von 2’243 Franken für eine Einzelperson, 3’800 Franken für Alleinerziehende mit zwei Kindern unter 16 Jahren und 4’000 Franken für Paare mit zwei Kindern. Demnach waren 7,8% der Schweizer Bevölkerung oder rund 586’000 Personen von Armut betroffen. Dem Armutsrisiko am stärksten ausgesetzt sind Alleinerziehende, Personen mit geringer Bildung und alleinlebende Personen unter 65 Jahren.

Gemäss Caritas, der Vorreiterin in Sachen Armutsbekämpfung, zählt die Schweiz trotz ihrem Lebensstandard, der zu den weltweit höchsten gehört, rund 260’000 arme Kinder (Daten vom Januar 2012). Erschwerend kommt hinzu, dass die soziale Mobilität in der Schweiz generell sehr gering ist, so dass diese Armut «erblich» ist.

Negativspirale

Die 260’000 armen Kinder leben in Haushalten, die auf Sozialhilfe angewiesen sind, oder in Working-Poor-Haushalten. Zum Geldmangel gesellen sich oft auch das Fehlen gesunder Mahlzeiten, prekäre Wohnverhältnisse und nicht der Jahreszeit entsprechende Kleidung. Das Recht der Kinder auf Ausbildung ist bedroht und manchmal ist auch die Gesundheitsversorgung ungenügend.

Die Auswirkungen, die Armut und Zugehörigkeit zu einer sozial benachteiligten Schicht auf Kinder haben, sind bekannt: schlechte Gesundheit, Beeinträchtigung der körperlichen Entwicklung, geringe kognitive und sprachliche Fortschritte, unzulängliche schulische Leistungen, Verhaltensstörungen, ja sogar die Gefahr, später arbeitslos, delinquent und/oder drogenabhängig zu werden. Gleichzeitig müssen diese Kinder einen Grossteil ihrer Energie dafür einsetzen, den familiären Zusammenhalt zu sichern und ihre Freundinnen und Freunde nicht zu verlieren.

Kurz gesagt, diese Kinder «erben» die Armut ihrer Eltern, sie befinden sich in einer Negativspirale, der sie nur schwer entkommen können, und laufen Gefahr, ihren eigenen Kindern ebenfalls keine besseren Lebensbedingungen bieten zu können.

Lösungswege gegen die Ausgrenzung von armen Kindern in der Schweiz

Die mit der Armut verbundenen sozioökonomischen Unterschiede zwischen Kindern können dazu führen, dass arme Kinder ausgegrenzt werden. Niemand zweifelt daran, dass dieses Gefälle möglichst rasch eliminiert werden muss. Caritas plädiert dafür, solche Ausgrenzungsmechanismen in der Schweiz zu bekämpfen, und richtet einen Appell an die kantonalen und kommunalen Behörden, Massnahmen zur Existenzsicherung zu ergreifen und die Chancengleichheit umzusetzen. Dabei muss auch bei den Eltern angesetzt werden, z. B. indem die Schaffung von günstigem Wohnraum gefördert wird.

Des weiteren sind die Auszahlung von Ergänzungsleistungen für Familien und die Bereitstellung von Kinderbetreuungs- und Ausbildungsangeboten erforderlich. Nur unter solchen Bedingungen werden sozial benachteiligte Kinder nicht ausgegrenzt und können ihren Kameradinnen und Kameraden auf Augenhöhe begegnen. Mehrere Kantone denken über Beihilfen für arme Familien nach, so z. B. das Wallis mit seinem Projekt zur Einführung von Ergänzungsleistungen für Familien mit geringem Einkommen, das auf dem Modell der eidgenössischen AHV/IV basiert.

Hinsichtlich der Kosten stellt die Ungleichheit eine Zeitbombe dar, denn obschon der Löwenanteil vom Kind selbst getragen wird, wird die Rechnung auch von der Gesellschaft bezahlt, indem der Druck auf die Gesundheitsdienste sowie die Sozialschutz- und Wohlfahrtsprogramme steigt.

In die frühe Kindheit investieren

In Krisenzeiten sollte die Hilfe in erster Linie den ärmsten Kindern zugute kommen, sie dürfen nicht das letzte Glied der Kette sein. Die Chance, sich körperlich und geistig gut zu entwickeln, hat jedes Kind nur genau einmal. Es muss Aufgabe der Regierungen sein, diese Chance intakt zu halten – in Krisenzeiten genauso wie in Zeiten des Wohlstands. In der Praxis bedeutet dies, dass die Ressourcen eines Landes prioritär für die Grundleistungen und den Schutz der Kinder in ihren ersten Lebensjahren verwendet werden müssen. Um Benachteiligungen auszugleichen, muss in die frühe Kindheit investiert werden.

Denn die ersten Lebensjahre sind entscheidend. Verpasst das Kind einen Schritt in der persönlichen (kognitiven, neurobiologischen) oder sozialen Entwicklung, muss dieser später nachgeholt werden. Manchmal ist dies jedoch nicht möglich und die betroffenen Kinder müssen permanent mit diesem Nachteil leben. Dies ist schlussendlich schwieriger und teurer.

Darüber hinaus muss unbedingt auf die grosse Bedeutung hingewiesen werden, die das Soziale Lernen für die Kinder hat. Kinder armer oder alleinerziehender Eltern leiden häufig an Einsamkeit und fehlendem sozialen Kontakt. Einrichtungen für Kleinkinder bieten Begegnungsmöglichkeiten und vor allem auch die Möglichkeit der Vermittlung von Werten des Zusammenlebens wie die gegenseitige Achtung, das Teilen und die Freude am Spiel.

Da aufgrund der neuen Arbeitsmarktlage und wirtschaftlich schwieriger Situationen auch in der Schweiz oft beide Eltern arbeiten müssen, um über die Runden zu kommen, verbringen die Kinder viel Zeit in Tageseinrichtungen für Kleinkinder. Deshalb müssen sich diese Einrichtungen durch ein qualitativ hochstehendes Angebot auszeichnen, und zwar nicht nur in Bezug auf den logistischen Rahmen, sondern vor allem auch hinsichtlich der Dienstleistungen, welche die dort arbeitenden Personen erbringen. Solche Betreuungsangebote müssen selbstverständlich allen Bevölkerungsschichten offen stehen, es ist aber auch klar, dass die Kinder der benachteiligten Klassen am meisten davon profitieren sollten.

Aber auch die Lösungen innerhalb der weiteren Familie dürfen nicht vergessen werden. Oft spielen die Grosseltern, Onkel und Tanten eine entscheidende Rolle, die nur wenig anerkannt wird. Eine Politik, welche die Armut in der Schweiz bekämpfen will, muss sich also nicht nur um den Zugang zu Betreuungsplätzen und die Bereitstellung einer ausreichenden Anzahl entsprechender Strukturen kümmern, sondern muss – mit Ausbildungsangeboten und wirtschaftlicher Unterstützung – auch weniger formelle Lösungen innerhalb der Familie des Kindes fördern.

Schlussfolgerung und Kommentar

Familien- und Kinderarmut in der Schweiz sind eine Realität. Man kann sie anhand des Familieneinkommens oder aber danach beurteilen, inwiefern die Rechte des Kindes gewahrt sind. Ein Ansatz, der sich auf Indikatoren stützt, welche die Rechte des Kindes berücksichtigen (UNICEF verwendet drei Indikatoren: Familieneinkommen, Ausbildung, Gesundheit der Jugendlichen), ergäbe wahrscheinlich ein objektiveres Bild der Situation der Kinder in der Schweiz und würde gezieltere und wirksamere Messungen erlauben. Wären gar mehr als 260’000 Kinder betroffen, wenn die Fälle gezählt würden, bei denen die Kinderrechte nicht gewahrt sind?

Es wird daher vorgeschlagen, die Situation hinsichtlich der folgenden Kriterien zu beurteilen:

•Zugang zu Wohnraum, Wohnbedingungen,

•Ernährung (Menge und Qualität),

•Möglichkeit, unter gesunden und sicheren Lebensbedingungen zu leben,

•Zugang zu Tageseinrichtungen für Kleinkinder (Krippen, Kinderhorte, Kindergärten, vorschulische Erziehung, Unterstützung innerfamiliärer Lösungen),

•Zugang zu Primar-, Sekundar- und Berufsausbildung,

•Zugang zu geistiger und körperlicher Gesundheitsversorgung,

•Zugang zu besonderer Betreuung für behinderte Kinder,

•Zugang zu Kinderschutzdiensten und zu Rehabilitationseinrichtungen für Opfer,

•Zugang zu vormundschaftlichen Massnahmen, wenn die Situation dies verlangt,

•Möglichkeit, sich an den Entscheidungen und allgemein am Leben des Gemeinwesens, insbesondere an Strategien/Programmen zur Reduktion der Armut zu beteiligen.

Die erfassten Daten müssen selbstverständlich nach Altersgruppe, Geschlecht, Nationalität und Risikogruppe aufgeschlüsselt werden.

Unserer Ansicht nach bedarf es noch einiger Fortschritte, um von der Erfassung rein wirtschaftlicher Daten zu einem umfassenden Verständnis der vielgestaltigen Armut in der Schweiz zu gelangen und deren Auswirkungen auf die Kinderrechte beurteilen zu können.

Die Armut in der Schweiz : eine Kinderangelegenheit

21 Juni 2010

In der Schweiz, im Jahr 2006, schlägt die Eidgenössische Kommission für Kinder- und Jugendfragen (EKKJ) Alarm, als sie “die zunehmende materielle Unsicherheit [anprangert], von der ein wichtiger und unvermuteter Teil der Gesellschaft betroffen ist: (…) fast 45% der Sozialhilfeempfänger/innen in der Schweiz sind heute Kinder und Jugendliche. Um diese besorgniserregende und oft verkannte Realität zu erhellen, rückt die EKKJ Kinder und Jugendliche in den Mittelpunkt. Sie sollen nicht mehr nur als Teil einer armutsbetroffenen Familie, sondern für sich selbst wahrgenommen werden.”

2008 bleibt die Situation der Kinder (1) in der Schweiz besorgniserregend. Wie es die im April 2010 veröffentlichten Statistiken zeigen, sind 4,4% der Kinder zwischen 0 und 17 Jahren Sozialhilfeempfänger/innen und somit die von der Armut am stärksten betroffene Alterskategorie. Tatsächlich reduziert sich dieser Prozentsatz für die Gesamtheit der Bevölkerung auf 3,7% (BFS, April 2010, S.10).

In seiner am 30.03.2010 vorgestellten Gesamtschweizerischen Strategie zur Bekämpfung der Armut, zieht der Bundesrat diese Situation in Betracht. Die Priorität wird klar dem Kind gegeben. „Gerade der Aspekt der eingeschränkten Entwicklungsmöglichkeiten ist bei Kindern im Vergleich zu anderen armutsgefährdeten Bevölkerungsgruppen von besonderer Bedeutung, weil dadurch auch die Zukunftschancen der Kinder beeinträchtigt werden“.

Somit schlägt der Bundesrat in den ersten beiden Kapiteln (Kinder in armutsbetroffenen Familien, Übergang in die Berufsausbildung und ins Erwerbsleben) Massnahmen zur Verbesserung der Lage der selbigen Kinder vor. Im 3. Kapitel stellt er Empfehlungen zum Wohle der sich in Ungewissheitslage befindlichen Familien auf und berücksichtigt somit alle Aspekte im Leben der Kinder.

Die Strategie des Bundesrates beinhaltet einen weiteren wichtigen Aspekt. Sie wurde mit der Mitwirkung von in Armut lebenden Personen ausgearbeitet. ATD Vierte Welt hat diese Hinzuziehung koordiniert. Dank dieser Vorgehensweise konnten mehrere ihrer Forderungen erfasst werden (Pressemitteilung vom 31.03.2010).

Dennoch hat der Bundesrat bei dieser Hinzuziehung nicht nach der Meinung der betroffenen Kinder gefragt, wie dies von der Kinderrechtskonvention (Art. 12) gefordert wird. Umso mehr, als dass es sich um die am stärksten von diesem Phänomen betroffenen Alterskategorie handelt. Nur eine Gruppe von Jugendlichen wurde befragt, und dies noch auf indirekte Weise.

Die Teilnahme der Kinder zur Erarbeitung von Armutsbekämpfungsmassnahmen ist unerlässlich. Dass man diesen Kindern erlaubt ihre Ansicht mitzuteilen, trägt zu einem besseren Verständnis des Problems bei. Zudem setzt das Kind in seinem alltäglichen Leben Mechanismen um, die ihm helfen diese Situation zu verkraften. Aus der Untersuchung dieser Mechanismen kann man Schutz- und Risikofaktoren herausholen. Soziale Massnahmen, welche die Schutzfaktoren stärken und den Einfluss der Risikofaktoren minimieren, können dann extrapoliert werden, indem sie die Bekämpfungsstrategie wirksamer machen.

Die EKKJ gibt 2006 in ihrem Bericht „Jung und arm: das Tabu brechen!“ den in Armut lebenden Kindern das Wort. Das was daraus resultiert ist eine Sichtweise des Kindes, die abweicht von der des passiven Opfers das man sich vorstellt: „Diese Aussage verweist darauf, dass viele der befragten Kinder und Jugendlichen sich selbst nicht als „arm“ fühlen. Vielmehr betonen die (…) befragten Jugendlichen häufig die Ressourcen und Potentiale, die es ihnen ermöglichen, sich auch unter widrigsten Umständen zu behaupten“.

Somit stellt die gesamtschweizerische Strategie zur Bekämpfung der Armut ein grosser Fortschritt in der Wahrnehmung der Armut allgemein und des übermittelten Kinderbildes dar: einer vollwertigen Person mit politischen, sozialen, wirtschaftlichen und juristischen Interessen, welche von denen ihrer Familie abweichen können. Der nächste Schritt wird es sein, ihre Partizipation in der Erarbeitung der sie betreffenden Politiken und Programme zu integrieren. Dies wird es ermöglichen, das Kind nicht nur als Erwachsenen im Werdegang zu betrachten, sonder auch als eine Person der Gegenwart und als einen aktiven Akteur der Gesellschaft.

Clara Balestra, 21.06.2010

Sozialhilfe 2010, 19.06.12

(1)   Das Wort “Kind” bezeichnet jeden Menschen, der das achtzehnte Lebensjahr noch nicht vollendet hat (Art. 1 KRK).

(2)   Die Jugendlichen aus der Welschen Schweiz von ATD Vierte Welt haben bei der Abfassung des Dossiers mitgewirkt, das Vertreter von in Armut lebenden Personen aus der ganzen Schweiz zum Anlass des „Welttags zur Überwindung der Armut“ zu Händen der Bundesratspräsidentin Micheline Calmy-Rey realisiert haben. Dieses Dokument wurde besonders in der schweizerischen Strategie zur Bekämpfung der Armut in Betracht gezogen.

(3)   Van der Hoek Tamara (2005), Trough Children’s Eyes : An Initial Study of Children’s Personal Experiences and Coping Strategies Growing Up Poor in a Affluent Netherlands, Innocenti Working Paper No 2005-05, Firenze, UNICEF Innocenti Research Centre, 2005.

(Français) La pauvreté des enfants en Suisse, et leurs droits ?

20 Juli 2009

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