Wenn die Pädophilen „Nein“ sagen

16 September 2014

2005 startet eine Gruppe von Berliner Klinikern ein gewagtes Projekt: Personen therapeutisch begleiten, die sich zu Kindern hingezogen fühlen, aber keinen Übergriff begehen möchten. Die Ergebnisse sind ermutigend. Im Mai 2014 schaltet der Westschweizer Präventionsverein DIS NO eine Internetplattform online. Die Plattform espacedisno.ch bietet allen Personen, die pädophile Neigungen haben, Hilfe, Unterstützung und Informationen. Sie geht auf die Anliegen ein und ist auf therapeutische Begleitung ausgerichtet.

Leitartikel von Marc Thorens und Aurélie Cavin, in IDE website, 13. August 2014

„Sprich nicht mit Unbekannten und nimm auf keinen Fall Bonbons von fremden Männern an!“ Wer hat diesen Satz nicht x-mal von einem Vater, einer Mutter oder einem besorgten Erwachsenen gehört? Seit ungefähr 20 Jahren ist die Pädophilie ein Schrecken für alle Eltern und die Gesellschaft allgemein. Einige Fälle sind durch die Presse gegangen – wie der Fall Dutroux – und haben die wachsende Angst geschürt.

Lange wurde die Prävention auf die Kinder konzentriert. Es wurde versucht, ihnen die Schlüssel zu vermitteln, damit sie sich selber vor möglichem Missbrauch schützen können. 1997 hat eine umfangreiche Studie in der Schweiz jedoch die Grenzen eines solchen Ansatzes aufgezeigt: Einerseits ist erweisen, dass die meisten Missbräuche innerhalb der Familie oder im unmittelbaren Umfeld geschehen; andererseits gibt es wenige Kinder, die es schaffen, gegenüber einem Täter „Nein“ zu sagen.

2005 wagt eine Gruppe Berliner Kliniker der Universitätsmedizin Charité einen neuen präventiven Ansatz, dieses Mal auf die Täter ausgerichtet. Die Therapeuten gehen davon aus, dass es unter den Personen, die sich zu Kindern hingezogen fühlen, solche gibt, die nicht zur Tat schreiten möchten und die Hilfe und Unterstützung brauchen. Sie entwerfen also ein gewagtes Projekt und bieten eine therapeutische Begleitung für jene Personen, die sich freiwillig und anonym melden. Rasch haben über 500 Personen auf das Angebot reagiert. Seither hat dieser Erfolg die Bildung weiterer Standorte in Deutschland ermutigt und in anderen Ländern Europas wurden ähnliche neue Strukturen gegründet.

2007 hat der Europarat bei der Erarbeitung des Übereinkommens zum Schutz von Kindern vor sexueller Ausbeutung und sexuellem Missbrauch in Lanzarote einen Artikel aufgenommen, der sich spezifisch auf die Prävention bei den Tätern richtet. Dieser Artikel sieht vor, dass jeder Staat, der diese Konvention ratifiziert, darauf achten muss, „wirksame[...] Interventionsprogramme[...] oder -massnahmen [...], die dazu dienen sollen, die Gefahr der Begehung einer solchen Tat zu beurteilen und sie zu verhindern“ einzurichten (Lanzarote-Konvention, 2007, Art. 7). Seit 2014 ist die Schweiz Vertragspartei der Konvention und untersteht folglich diesem Artikel.

Während die Deutschschweiz durch ihre Nähe zu Deutschland dem Beispiel von Berlin rasch gefolgt ist, hat der Westschweizer Präventionsverein (DIS NO) erst im Mai 2014 eine Internetplattform erstellt. Die Plattform espacedisno.ch bietet allen Personen, die pädophile Neigungen haben, Hilfe, Unterstützung und Informationen. Sie geht auf die Anliegen ein und ist auf therapeutische Begleitung ausgerichtet.

Es ist noch zu früh, um die Auswirkungen dieses neuen Ansatzes auf die potenziellen Täter zu messen. Werden die Missbräuche zurückgehen? Sollte gleichzeitig Sensibilisierungsarbeit bei der Bevölkerung geleistet werden? Soll dabei auf die Prävention bei den Kindern verzichtet werden? Wem muss man schliesslich lehren, Nein zu sagen?

(Français) Répression de la pédophilie sur Internet : un nouveau logiciel fait ses preuves en Suisse

22 Juni 2009

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